Corona in Sachsen

Vorwort

Als ich “Sklaverei in Massachusetts” übersetzte, fiel mir auf, dass dieser Text unsere heutige Situation in Deutschland mehr betrifft, als jeder andere Text von Henry David Thoreau.

Was passiert, wenn man “Sklaverei” durch “Corona-Verodnungen” ersetzt, “Sklaven” durch “unter den Corona-Verordnungen leidende” und “Sklavenhalter” durch “Fans der Corona-Verordnungen”? Der Text wird erstaunlich aktuell.

Zusätzlich habe ich ihn nach Deutschland verlegt und die enthaltenen Orte, Zeitungen, etc. durch deutsche ersetzt. Aus “Gouverneur” wurde “Ministerpräsident” und aus den Soldaten wurden Polizisten, da zu Thoreaus Zeiten, die Soldaten die Verhaftungen vornahmen und nicht die Polizei. Zudem hat ein Ministerpräsident nur die Hoheit über die Polizei, nicht über das Militär.

Nach Sachsen verlegte ich ihn, weil ich einen Ort brauchte, an welchem Menschen für ihre Freiheit kämpften und eventuell noch heute stolz darauf sind. Deutschland hat da leider keine große Auswahl zu bieten. In Leipzig befindet sich nicht nur die Nikolaikirche, auch die Völkerschlacht zu Leipzig könnte man als “Befreiung” deuten. So dass sie eine Stadt, mit einer großen Historie ist.

Viel Spaß beim Lesen und beim Entdecken, wie aktuell Henry David Thoreau heute immer noch ist!

Deutschland im November – ein Wintermärchen

Die Vergangenheit holt uns doch immer wieder ein. Auch 1844. Man vergisst ja so leicht.

Heinrich Heine

Deutschland. Ein Wintermärchen

Caput I

Im traurigen Monat November war’s,
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist ich nach Deutschland hinüber.

Und als ich an die Grenze kam,
Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen
In meiner Brust, ich glaube sogar
Die Augen begunnen zu tropfen.

Und als ich die deutsche Sprache vernahm,
Da ward mir seltsam zumute;
Ich meinte nicht anders, als ob das Herz
Recht angenehm verblute.

Ein kleines Harfenmädchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.

Sie sang von Liebe und Liebesgram,
Aufopfrung und Wiederfinden
Dort oben, in jener besseren Welt,
Wo alle Leiden schwinden.

Sie sang vom irdischen Jammertal,
Von Freuden, die bald zerronnen,
Vom jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ew’gen Wonnen.

Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.

[…]

Caput II

Während die Kleine von Himmelslust
Getrillert und musizieret,
Ward von den preußischen Douaniers
Mein Koffer visitieret.

Beschnüffelten alles, kramten herum
In Hemden, Hosen, Schnupftüchern;
Sie suchten nach Spitzen, nach Bijouterien,
Auch nach verbotenen Büchern.

Ihr Toren, die ihr im Koffer sucht!
Hier werdet ihr nichts entdecken!
Die Konterbande, die mit mir reist,
Die hab ich im Kopfe stecken.

Hier hab ich Spitzen, die feiner sind
Als die von Brüssel und Mecheln,
Und pack ich einst meine Spitzen aus,
Sie werden euch sticheln und hecheln.

Im Kopfe trage ich Bijouterien,
Der Zukunft Krondiamanten,
Die Tempelkleinodien des neuen Gotts,
Des großen Unbekannten.

Und viele Bücher trag ich im Kopf!
Ich darf es euch versichern,
Mein Kopf ist ein zwitscherndes Vogelnest
Von konfiszierlichen Büchern.

Glaubt mir, in Satans Bibliothek
Kann es nicht schlimmere geben;
Sie sind gefährlicher noch als die
Von Hoffmann von Fallersleben! –

Ein Passagier, der neben mir stand,
Bemerkte, ich hätte
Jetzt vor mir den preußischen Zollverein,
Die große Douanenkette.

»Der Zollverein« – bemerkte er –
»Wird unser Volkstum begründen,
Er wird das zersplitterte Vaterland
Zu einem Ganzen verbinden.

Er gibt die äußere Einheit uns,
Die sogenannt materielle;
Die geistige Einheit gibt uns die Zensur,
Die wahrhaft ideelle –

Sie gibt die innere Einheit uns,
Die Einheit im Denken und Sinnen;
Ein einiges Deutschland tut uns not,
Einig nach außen und innen.«

[…]

Caput XXVII

Was sich in jener Wundernacht
Des weitern zugetragen,
Erzähl ich euch ein andermal,
In warmen Sommertagen.

Das alte Geschlecht der Heuchelei
Verschwindet, Gott sei Dank, heut,
Es sinkt allmählich ins Grab, es stirbt
An seiner Lügenkrankheit.

Es wächst heran ein neues Geschlecht,
Ganz ohne Schminke und Sünden,
Mit freien Gedanken, mit freier Lust –
Dem werde ich alles verkünden.

Schon knospet die Jugend, welche versteht
Des Dichters Stolz und Güte,
Und sich an seinem Herzen wärmt,
An seinem Sonnengemüte.

Mein Herz ist liebend wie das Licht,
Und rein und keusch wie das Feuer;
Die edelsten Grazien haben gestimmt
Die Saiten meiner Leier.

Es ist dieselbe Leier, die einst
Mein Vater ließ ertönen,
Der selige Herr Aristophanes,
Der Liebling der Kamönen.

Es ist die Leier, worauf er einst
Den Paisteteros besungen,
Der um die Basileia gefreit,
Mit ihr sich emporgeschwungen.

Im letzten Kapitel hab ich versucht,
Ein bißchen nachzuahmen
Den Schluß der »Vögel«, die sind gewiß
Das beste von Vaters Dramen.

Die »Frösche« sind auch vortrefflich. Man gibt
In deutscher Übersetzung
Sie jetzt auf der Bühne von Berlin,
Zu königlicher Ergetzung.

Der König liebt das Stück. Das zeugt
Von gutem antiken Geschmacke;
Den Alten amüsierte weit mehr
Modernes Froschgequake.

Der König liebt das Stück. Jedoch
Wär noch der Autor am Leben,
Ich riete ihm nicht, sich in Person
Nach Preußen zu begeben.

Dem wirklichen Aristophanes,
Dem ginge es schlecht, dem Armen;
Wir würden ihn bald begleitet sehn
Mit Chören von Gendarmen.

Der Pöbel bekäm die Erlaubnis bald,
Zu schimpfen statt zu wedeln;
Die Polizei erhielte Befehl,
Zu fahnden auf den Edeln.

O König! Ich meine es gut mit dir,
Und will einen Rat dir geben:
Die toten Dichter, verehre sie nur,
Doch schone, die da leben.

Beleid’ge lebendige Dichter nicht,
Sie haben Flammen und Waffen,
Die furchtbarer sind als Jovis Blitz,.
Den ja der Poet erschaffen.

Beleid’ge die Götter, die alten und neu’n,
Des ganzen Olymps Gelichter,
Und den höchsten Jehova obendrein
Beleid’ge nur nicht den Dichter!

Die Götter bestrafen freilich sehr hart
Des Menschen Missetaten,
Das Höllenfeuer ist ziemlich heiß,
Dort muß man schmoren und braten –

Doch Heilige gibt es, die aus der Glut
Losbeten den Sünder; durch Spenden
An Kirchen und Seelenmessen wird
Erworben ein hohes Verwenden.

Und am Ende der Tage kommt Christus herab
Und bricht die Pforten der Hölle;
Und hält er auch ein strenges Gericht,
Entschlüpfen wird mancher Geselle.

Doch gibt es Höllen, aus deren Haft
Unmöglich jede Befreiung;
Hier hilft kein Beten, ohnmächtig ist hier
Des Welterlösers Verzeihung.

Kennst du die Hölle des Dante nicht,
Die schrecklichen Terzetten?
Wen da der Dichter hineingesperrt,
Den kann kein Gott mehr retten –

Kein Gott, kein Heiland erlöst ihn je
Aus diesen singenden Flammen!
Nimm dich in acht, daß wir dich nicht
Zu solcher Hölle verdammen.

Unzeitgemäße Schlussbetrachtung

Friedrich Nietzsche:

Gewiß, wir brauchen Historie, aber wir brauchen sie anders, als sie der verwöhnte Müßiggänger im Garten des Wissens braucht, mag derselbe auch vornehm auf unsere derben und anmutlosen Bedürfnisse und Nöte herabsehen. Das heißt, wir brauchen sie zum Leben und zur Tat, nicht zur bequemen Abkehr vom Leben und von der Tat, oder gar zur Beschönigung des selbstsüchtigen Lebens und der feigen und schlechten Tat. Nur soweit die Historie dem Leben dient, wollen wir ihr dienen […]

Wodurch also nützt dem Gegenwärtigen die monumentalische Betrachtung der Vergangenheit, die Beschäftigung mit dem Klassischen und Seltenen früherer Zeiten? Er entnimmt daraus, daß das Große, das einmal da war, jedenfalls einmal möglich war und deshalb auch wohl wieder einmal möglich sein wird; er geht mutiger seinen Gang, denn jetzt ist der Zweifel, der ihn in schwächeren Stunden anfällt, ob er nicht vielleicht das Unmögliche wolle, aus dem Felde geschlagen. Nehme man an, daß jemand glaube, es gehörten nicht mehr als hundert produktive, in einem neuen Geiste erzogene und wirkende Menschen dazu, um der in Deutschland gerade jetzt modisch gewordenen Gebildetheit den Garaus zu machen, wie müßte es ihn bestärken wahrzunehmen, daß die Kultur der Renaissance sich auf den Schultern einer solchen Hundert-Männer-Schar heraushob. […]

Die Geschichte gehört also zweitens dem Bewahrenden und Verehrenden – dem, der mit Treue und Liebe dorthin zurückblickt, woher er kommt, worin er geworden ist; durch diese Pietät trägt er gleichsam den Dank für sein Dasein ab. Indem er das von alters her Bestehende mit behutsamer Hand pflegt, will er die Bedingungen, unter denen er entstanden ist, für solche bewahren, welche nach ihm entstehen sollen – und so dient er dem Leben. […]

Dies sind die Dienste, welche die Historie dem Leben zu leisten vermag; jeder Mensch und jedes Volk braucht je nach seinen Zielen, Kräften und Nöten eine gewisse Kenntnis der Vergangenheit, bald als monumentalische, bald als antiquarische, bald als kritische Historie: aber nicht wie eine Schar von reinen, dem Leben nur zusehenden Denkern, nicht wie wissensgierige, durch Wissen allein zu befriedigende einzelne, denen Vermehrung der Erkenntnis das Ziel selbst ist, sondern immer nur zum Zweck des Lebens und also auch unter der Herrschaft und obersten Führung dieses Zweckes.

Menschsein kommt nur durch Meinungsvielfalt zustande. Gleichmacherei zerstört Leben.

Gleichheit und Gleichmacherei

Vielfalt und Einfalt sind schon häufiger Themen auf meinem Blog gewesen. Auch Gleichschaltung, Gleichmacherei und Gleichheit kommen immer wieder vor.

Gleichmacherei ist, wenn alle Menschen “gleich” “gemacht” werden, indem man sie alle in die selbe Schublade presst, ob sie wollen oder nicht. Ein schönes Beispiel ist hier der “Gender-Star“, eine Gleichmacherei, die alle Minderheiten in einem Stern zusammenfasst und behauptet, jetzt wären alle genannt. Jede Minderheit ist nur noch “Stern”.

Wenn alle gleich sein müssen, weil es so besser ins Weltkonzept von Gutmenschen passt, so erinnert das doch eher an Faschismus, an Gleichschaltung, als an echte Gleichheit.

Gleichheit ist ein Konzept, ein Seinszustand (Ich bin gleich). Sie ist nichts Aufgezwungenes, sondern eine Möglichkeit, die ich nutzen kann, die Rechte nach sich zieht. Gleichheit ist keine Verpflichtung, niemand zwingt mich dazu. Ich bin es und kann es sein, oder es einfach nicht beachten.

Ursprünglich war es vor allem die Gleichheit vor dem Gesetz. Für jeden Menschen sollten die gleichen Gesetze geben. Aber es bedeutet auch: Jeder Mensch sollte die gleichen Möglichkeiten haben – und somit auch, was auch bedeutet, dass jeder Mensch die Möglichkeit haben muss, respektiert und nicht diskriminiert zu werden.

Gleichmacherei dagegen steckt Menschen in Schubladen, macht sie gleich, ob sie wollen oder nicht. Letzten Endes ist ihr Ziel die Unterscheidung, das Hervorheben von: Du gehörst nicht dazu, denn du bist gleich zu diesen, nicht zu uns! Deshalb sind die Minderheiten auch das “Sternchen” und die Männer und Frauen sind die anderen.

Auch ist es das Ziel von Gleichmacherei, Menschen zu entmündigen. Alle, die z.B. “trans*” genannt werden, haben dann auch die Verpflichtung, gefälligst die gleichen Probleme zu haben, ähnliche Erscheinungsformen, etc. Wir stecken Menschen in Schubladen um ihnen Eigenschaften zuzuschreiben, die sie nicht haben. Das hat schon früher funktioniert, mit der Schublade “Jude” und “Deutscher”, heute klappts auch super, da verwendet man eher “Türke”, “Islam”, “trans*” und vieles mehr. Das Motto scheint zu sein: Wer die Gruppe zuerst benennt, darf über ihre Eigenschaften bestimmen.

Doch wir sind alle verschieden. Wir sind alle unverwechselbare besondere Individuen. Unsere Gesellschaft ist Vielfalt, nicht Einfalt. Wir können das Recht oder die Möglichkeit auf Gleichheit nutzen, wenn wir sie brauchen, doch wenn nicht, können wir es lassen. Doch diese Gleichheit bedeutet: Wir haben alle das gleiche Recht verschieden zu sein. Wir haben alle das gleiche Recht, anders zu sein und anders zu leben.

Das Ich und die Anderen

Ich kann nur ich sein, wenn alle anderen nicht-ich, also anders sind. Dies gilt für jeden Menschen. Jeder kann nur er selbst, ein einzigartiges Individuum sein, wenn er wirklich einzigartig ist. Also müssen wir alle uns von einender unterscheiden, damit wir wir selbst, damit wir Individuen sein können.

Meinungsvielfalt ich wichtig, denn sonst höre ich auf als Individuum zu existieren. Da uns der Andere in der Sprache begegnet, kommt ihr eine besondere Bedeutung zu.

Hätten wir keine Meinungsvielfalt, keine deutlichen Unterschiede, müssten wir nicht mehr miteinander reden. Wenn wir alle das Gleiche denken, müssen wir uns nicht mehr austauschen, da wir ja wissen, was der Andere denkt. Doch das Soziale entsteht erst im Austausch.

Wenn also zu viele das Gleiche denken und meinen, hören sie auf, soziale Lebewesen zu sein.

Sie werden asozial (weg vom Sozialen) und einsam.

Hohe Übereinstimmung und geringe Unterscheidung bedeuten Einsamkeit, weil es keinen notwendigen Austausch mehr gibt, keinen, der mir zeigt, dass ich ich bin und nicht der Andere. Erst verschiedene Meinungen und Ansichten machen uns verschieden. Gleiche Ansichten machen uns gleich.

Die Gemeinschaft und das Ich

Gleichschaltung, die gleichen Ansichten zu vertreten, scheint vielleicht zunächst positiv. Durch etwas Gemeinsames entsteht Gemeinschaft. Doch je ähnlicher man sich wird, desto mehr stirbt das Soziale, weil der Austausch nicht mehr notwendig ist.

Theoretisch müsste man wieder Anstrengungen unternehmen, um sich von der Gemeinschaft zu unterscheiden, um wieder ganz man selbst zu sein, um einzigartig und individuell zu sein.

Doch möchte man die Gemeinschaft nicht verlassen, also steht man vor einem scheinbaren Paradoxon, das aber keines ist.

Schon im fernöstlichen Diwan gibt es diese schöne Zeile von Goethe:

Dich im Unendlichen zu finden,
muss unterscheiden, dann verbinden.

Wenn wir uns klar unterscheiden, lohnt sich eine Kommunikation und ein echtes soziales Gebilde entsteht. Dies bleibt aber nur dann existent, wenn wir uns weiterhin genügend unterscheiden, damit eine Kommunikation notwendig bleibt. Gemeinsamkeiten schaffen also nicht nur Gemeinschaften als soziale Gebilde, sie können sie auch zerstören.

Wenn Menschen dies nicht erkennen, dass gerade die Vielfalt das ist, was Lebendigkeit und soziale Gemeinschaften erzeugt und eher daran glauben, maximale Übereinstimmung untereinader erreichen zu müssen, haben sie das Problem des Verschwindens des Ich. Sie lösen sich quasi in der Gemeinschaft auf.

Deshalb haben totalitäre Staaten ja auch Parolen, wie “Du bist nichts, dein Volk ist alles!”

Bei zu viel Gemeinsamkeiten, zu viel Übereinstimmungen, verschwindet das Individuum und nur noch die Gemeinschaft bleibt übrig im Sinne einer bestimmten Anzahl von Menschen mit vielen Gemeinsamkeiten. Eine Gemeinschaft ist also kein soziales Gebilde in jedem Falle. Sie ist nur eines, wenn die Gemeinsamkeit auf ein Minimum beschränkt bleibt.

Die Gemeinschaft und die Anderen

Verstehe ich das nicht, möchte ich Individuum, also ich selbst, bleiben aber dennoch einer Gemeinschaft von umfangreich Gleichgesinnten angehören, so muss ich die Unterschiede außerhalb suchen. Wenn ich die Angst habe, dass die Unterscheidung von anderen Mitgliedern der Gemeinschaft zu meiner Ausstoßung führen könnte, ich aber diese Unterscheidung benötige um mich zu definieren, so wende ich mich gegen andere, die nicht zur Gruppe zu gehören. “Ich bin nicht wie die” wird dann zum letzten Rettungsankers der verbleibenden geringen Individualität. Es wird der Strohhalm, nach der das Ich greift, um zumindest ein wenig das Gefühl zu haben noch zu existieren.

Dies bedeutet, dass in einer gleichgeschalteten Gesellschaft, wenn nur noch eine Meinung und eine Ansicht gelten soll, es immer auch zunächst “die Anderen” gibt, diejenigen, die man hasst, bevor man auch diese vertrieben oder getötet hat und sich dann quasi selbst auflöst. Mit dem Verschwinden des Anderen, verschwindet letzten Endes auch das Ich.

Für einen Staat bedeutet dies letzten Endes die Auflösung.

Wenn alle gleich sind, wenn es keinen sozialen Austausch mehr gibt, verschwindet das Soziale. Der Staat aber ist ein soziales Gebilde, also verschwindet er.

Oder anders ausgedrückt: Wenn ein Führer es schafft, dass sich alle seiner Meinung anschließen, muss er sie niemandem mehr mitteilen, denn es kennt sie ja schon jeder. Er muss nicht mehr sprechen, denn jeder weiß ja, was er sagen möchte, weil alle das Gleiche denken und meinen. Er muss also auch nicht mehr regieren. Er ist überflüssig. Jeder weitere Austausch unter den Menschen wird überflüssig und sie können sich genauso gut auch gleich töten, da auch das Leben des Einzelnen keinen Sinn mehr ergibt. Wenn ein Mensch fehlen würde, würde es niemandem auffallen. Es fällt nur auf, wenn jemand etwas Besonderes ist. Wenn aber alle gleich sind in ihren Meinungen und Haltungen, so ändert sich daran auch nichts, wenn einige nicht mehr da sind.

Wenn wir nichts ändern, wozu existieren wir dann? Wenn meine Existenz nicht von Belang ist, so ist sie belanglos. Sie ergibt keinen Sinn mehr.

Schluss: Die Realität, die Politik

Dass dies stimmt, sehen wir alle an der aktuellen Politik. Viele Menschen finden Politik langweilig und fragen sich: Wen soll ich denn noch wählen?

Seit vielen Jahren erleben wir, dass die Übereinstimmungen zwischen den Parteien immer größer werden und die Unterschiede abnehmen.

Dies könnte man positiv sehen, denn wenn alle das Gleiche sagen, muss es doch richtig sein, oder?

Doch statt einer Erleichterung, dass es ja egal ist, wen wir wählen, weil alle ja das Gleiche (und somit das scheinbar Richtige) sagen, verspüren wir eine Unzufriedenheit.

Diese Gleichförmigkeit zerstört die Lebendigkeit in der Politik. Politik lebt von Auseinandersetzungen und Streitigkeiten. Wo sie fehlen, fehlt die Politik

Auch wir merken, dass wir diese für uns und unsere Meinungsbildung benötigen. Wenn alle das Gleiche meinen, müssen wir uns keine Meinung mehr bilden. Wir schließen uns einfach an – oder widersprechen allen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht mehr.

Also gehen wir weniger zur Wahl. Die Wahl ist ja eigentlich auch keine mehr. Gleichschaltung, Gleichförmigkeit und fehlende Unterschiede verlangen von uns nicht, eine Wahl zu treffen. Also treffen wir auch keine und bleiben zu Hause.

Bislang war die AfD eine Art Rettungsanker: Die einen gingen zur Wahl, weil sie sie gut fanden, die anderen, weil sie deren Regierungsbeteiligung verhindern wollten. So war die AfD verrückterweise die letzte demokratische Partei, die demokratisch gewählt wurde.

Nun ist auch sie gleichgeschaltet, also was passiert?

Man positioniert sich für oder gegen die Corona-Maßnahmen als einzige Möglichkeit, noch eine Wahl zu treffen. Oder man igelt sich ein, sagt “Die Mehrheit hat Recht! Ich wurde gezwungen mitzumachen!”. Eine beliebte deutsche Haltung. Die Zukunft ist gesichert! Wer sich positioniert kann falsch liegen, wer mitmacht sieht sich immer als Opfer.

Die letzte Lebendigkeit findet man im Widerstand, weil er uns letzten Endes frei macht, wie Sartre ja so schön darlegte. Doch auch für all diejenigen, die den Widerstand hassen können, gibt er einen Funken Freiheit, einen Funken eines Ichs, eine Möglichkeit sich im Mitmachen und Mitschwimmen, im Gleichdenken und Gleichhandeln sich noch als Individuum wahrzunehmen. “Das sind die Covidioten! Ich bin nicht wie die! Ich bin anders!”

Titelbild

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Die Philosophie von Karl Marx

“Sollte die Welt zu der Tradition des Humanismus zurückkehren und die Entartung der westlichen Kultur sowohl in ihrer sowjetischen wie in ihrer kapitalistischen Form überwinden, wird sie entdecken, dass Marx weder ein Fanatiker noch ein Opportunist war, sondern dass er die Blüte der westlichen Humanität darstellt.” (Fromm 1982, 79)

Vorwort

Ich habe viel geschrieben von der Angst der Linken vor dem Sozialismus; Ich habe einen Text geteilt, der beschreibt, dass nicht überall, wo links drauf steht, auch links drin ist und wie man dies besonders an den Verbrechen der AntiFa sehen kann. Inzwischen sind die Begriffe “links” und “rechts” bedeutungslos geworden. Sie dienen nur noch zur Abgrenzung, nach dem Motto: “Ich bin gut, ich bin links. Du bist ein Arsch, du bist rechts!” Entsprechend werden inzwischen auch alle, die mit der aktuellen Politik nicht einverstanden sind als “Rechtsextrem” bezeichnet, als Verschwörungstheoretike und als Corona-Leugner. Die Abwertung des Anderen, dessen, der die eigne Meinung nicht teilt, ist ein beliebter Propaganda-Trick.

Es ist schade. Früher hatten die Begriffe “links” und “rechts” noch eine Bedeutung. So musste ich selbst miterleben, wie im Kreisvorstand der Linken in Ludwigsburg, dem ich angehörte, ein Mitglied unverschämt behandelt wurde, weil er einen Marx-Workshop anbieten wollte. Sogar Vorstände der linken wollen nichts mehr mit Karl Marx und seiner Philosophie zu tun haben. Alle sind plötzlich in der Mitte, sogar die Linken.

Es findet eine Verdrehung der Begriffe statt, wie jemand auf Facebook so schön bemerkte, weil es nur noch um Abgrenzung geht, nicht mehr um Inhalte. Die Philosophie von Karl Marx wird absichtlich falsch wiedergegeben und beschmutzt.

Deshalb im Folgenden ein etwas älterer Text von mir: Eine Zusammenfassung der Philosophie von Karl Marx. Karl Marx war vielleicht der größte Philosoph, den Deutschland je hatte, zusammen mit Friedrich Nietzsche, und über beide redet man nur noch schlecht. Inzwischen sogar über den Dritten im Bunde, über Immanuel Kant. Alle wollen, dass wir uns bewusst werden, wer wir sind, dass wir die Entfremdung des Menschen von der Natur (Marx), von seiner eignen Geschichte (Nietzsche), oder dass wir gar unseren Verstand befreien (Kant). Doch was wollen wir?

Vielleicht tut ein bisschen philosophische Bildung ganz gut, um eine echte Entscheidung treffen zu können.

Zum Ursprung dieses Textes

Diesen Text schrieb ich etwa 1992. Damals noch per Hand und meine Mutter tippte ihn für mich auf der Schreibmaschine ab. Ich hatte einen Marx-Fan als Professor, was ich zum Anlass nahm, mich einmal mit Marx und Engels zu beschäftigen. Ich machte dann auch meine Soziologie-Prüfung über die Geschichts-, Familien- und Rechtssoziologie des Marxismus. Die einzige Prüfung, in der ich wirklich gut war. Das beste Buch über Marx ist meines Erachtens “Rius – Marx für Anfänger”, ein ultra genialer Comic, den es leider nur noch im Antiquariat gibt. Ansonsten kommt man um die Originalschriften nicht herum. Die wichtigsten sind meiner Ansicht nach die “ökonomisch philosophischen Manuskripte” auch “Pariser Manuskripte” genannt, darin vor allem “Die Entfremdung der Arbeit”. Außerdem sollte man das “Manifest der Kommunistischen Partei” lesen um zumindest grundsätzlich zu verstehen, um was es Marx und Engels ging. Und auch “Lohnarbeit und Kapital” zeigt sehr gut auf, was immer noch gilt. Marx war nicht einfach ein Philosoph, er hat versucht wissenschaftlich Soziologie zu betreiben und hat in diesem Rahmen Zusammenhänge zwischen dem Menschsein, der Bedeutung der Arbeit und der damit zusammenhängenden Entlohnung, bzw. Abhängigkeit, erforscht. Man mag mit seinen Schlussfolgerungen nicht immer einverstanden sein, aber seine Analysen sind wichtig und lesenswert – und keinesfalls überholt.

A: Der Mensch als Naturwesen

Der Mensch Karl Marx nennt den Menschen ein “Naturwesen”. Dies bedeutet, dass der Mensch ein Teil der Natur (5) und diese ein Teil des Menschen ist. Marx schreibt: “Die Natur ist der unorganische Leib des Menschen, nämlich die Natur, soweit sie nicht selbst menschlicher Körper ist [?]. Die Natur ist sein Leib, mit dem er in ständigem Prozeß bleiben muß, um nicht zu sterben. dass das physische und geistige Leben mit der Natur zusammenhängt, hat keinen anderen Sinn, als dass die Natur mit sich selbst zusammenhängt, denn der Mensch ist ein Teil der Natur”. (Marx, Engels, und Institut für Marxismus-Leninismus (Berlin 1968), 516). Und nicht nur das, sondern der Mensch “tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eigenes Leben brauchbaren Form anzueignen”. (MEW, 23, 192) Diesen Vorgang nennt Marx “produzieren.” Durch die Produktion u.a. unterscheidet sich der Mensch vom Tier: “[…] wodurch sie sich von den Tieren unterscheiden, ist nicht, dass sie denken, sondern dass sie ihre Lebensmittel selbst produzieren”, (MEW, 3, 20) um so Nahrung, Obdach Natürlich produziert auch das Tier (z.B. Höhlen, Nester etc.), jedoch “nur unter der Herrschaft des unmittelbar physischen Bedürfnisses, während der Mensch selbst frei vom physischen Bedürfnis produziert und erst wahrhaft produziert in der Freiheit von demselben,

[Das Tier] [?] produziert nur sich selbst, während der Mensch die ganze Natur reproduziert.” (MEW, EB 1, 517) “In dem er… auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigene Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eigenen Botmäßigkeit.” (MEW, 23, 192) Dadurch sind Mensch und Tier ihre eigenen Schöpfer (beide produzieren sich selbst), jedoch nur der Mensch macht die Selbst-Produktion (und Reproduktion der Natur) bewusst, wodurch sein eigenes Leben zum Gegenstand seines Wollens und Bewusstseins, zum “Lebensmittel”, wird. Das Tier hin gegen bleibt eins mit seiner Lebenstätigkeit (da es diese nicht bewusst tut), (vgl.: MEW, EB 1, 516). Die Selbsterschaffung von Mensch und Tier macht diese jedoch nicht frei, sondern stellt sie erst einmal “auf eigene Füße” (vgl. MEW, EB q, 544). Um wirklich frei zu sein, muss man sich der Abhängigkeit von der Natur (als Teil der Natur) bewusst sein, genauso wie der eigenen Macht den Status Quo zu ändern, zu produzieren. Marx schreibt hierzu: “Freiheit besteht also in der auf Erkenntnis der Naturnotwendigkeiten begründeten Herrschaft über uns selbst und über die äußere Natur … . Die ersten, sich vom Tierreich sondernden Menschen waren in allem wesentlichen so unfrei, wie die Tiere selbst; also jeder Fortschritt in der Kultur war ein Schritt zur Freiheit.” (MEW, 20, 106) Wie schon weiter oben angesprochen, produziert der Mensch nicht nur um “unmittelbar physische Bedürfnisse” zu befriedigen, sondern weil es in seinem Wesen liegt zu produzieren, sich auszudrücken, sich selbst zu verwirklichen, d.h. seine Fähigkeiten auszubilden, sich ihnen (und ihren Grenzen) bewusst zu werden, um frei zu werden. Durch seine Taten zeigt der Mensch somit, was er ist und die Grenzen seiner taten zeigen ihm, was er sein kann. “Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie. Was sie sind, fällt also zusammen mit ihrer Produktion, sowohl damit, was …. als auch damit, wie sie produzieren.” (MEW, 3, 21) “Erst in der Gemeinschaft existieren für jedes Individuum die Mittel, seine Anlagen nach allen Seiten hin auszubilden, erst in der Gemeinschaft wird also die persönliche Freiheit möglich.” (MEW, 3, 423) Zu diesen “Anlagen” gehören nicht nur physische, sondern auch seelische (Liebe, Achtung, etc.) und geistige Anlagen (logisches Denken, Fantasie, etc.). Die Gesellschaft verhilft nicht nur zur Freiheit, sondern auch zu einer neuen Abhängigkeit (das Bewusstsein dieser Abhängigkeit und das bewusste eingehen derselbigen ist ein freier Akt und macht wiederum frei, frei sich auch gegen diese zu entscheiden).

B: Der Arbeiter/Proletarier

Wenn Marx vom “Arbeiter” spricht, so meint er meist den Proletarier, also den Arbeiter, der Kein Eigentumsrecht an den Produktionsmitteln (mit Hilfe derer er selbst produziert) hat. Von Natur aus ist jeder Mensch ein Arbeiter (im wahrsten Sinne dieses Wortes), da er arbeiten muss, um seine Lebensmittel zu produzieren, ja um überhaupt (über-)leben zu können. In seiner Arbeit, bzw. Produktion, kann der Mensch sich selbst verwirklichen, zeigen und tun, was er ist. Jedoch in der heutigen (Marx’schen) Zeit ist dies nicht mehr so, zumindest für einen großen Teil der Bevölkerung, nämlich für den Proletarier, also für die Arbeiterklasse Da sie selbst keine Produktionsmittel als Eigentum haben, müssen sie (um überleben zu können) ihre Arbeitskraft verkaufen. Der Kapitalist (= der Eigentümer der Produktionsmittel) setzt diese Arbeitskraft zu seinem eigenen Nutzen und nach eigenen Vorstellungen ein. Für den Arbeiter ist somit das von ihm (mit seiner Arbeitskraft) Produzierte nicht mehr ein Ausdruck seiner selbst, da er sich nicht mehr mit dem Produkt seiner Arbeit identifizieren kann. Marx nennt dies “entfremdete Arbeit”. Durch diese entfremdet der Arbeiter sich selbst (von sich), denn der Mensch ist, was er tut. Der Verkauf der Arbeitskraft bringt mit sich, dass der Arbeiter sich dieser Arbeit, in welcher er sich selbst ausdrückt und damit selbst erkennt und somit verwirklichen kann “nur mit der größten Anstrengung und mit den unregelmäßigen Unterbrechungen [?] bemächtigen kann”. (MEW, EB 1, 512) Er hat also immer weniger Zeit für sich selbst, immer weniger Möglichkeiten sich in der Arbeit selbst zu verwirklichen. “Der Arbeiter wird umso ärmer, je mehr Reichtum er produziert, je mehr seine Produktion an Macht und Umfang zunimmt. Der Arbeiter wird eine um so wohlfeilere Ware, je mehr Waren er schafft. Mit der Verwertung der Sachwelt nimmt die Entwertung der Menschenwelt in direktem Verhältnis zu. Die Arbeit produziert nicht nur Waren; sie produziert sich selbst und den Arbeiter als eine Ware. [?] Das Produkt der Arbeit [?] ist die Vergegenständlichung der Arbeit. Die Verwirklichung der Arbeit ist ihre Vergegenständlichung. Die Verwirklichung [?] erscheint [?] als Entwirklichung der Arbeit, die Vergegenständlichung als Verlust der Knechtschaft des Gegenstandes, die Aneignung als Entfremdung, als Entäußerung. Die Verwirklichung der Arbeit erscheint so sehr als Entwirklichung, dass der Arbeiter bis zum Hungertod entwirklicht wird.” (MEW, EB 1, 511 f) Nicht nur von seiner Arbeit wird der Mensch entfremdet, von seiner eigenen Natur, sondern von der Natur selbst. “Der Arbeiter kann nichts schaffen ohne die Natur, ohne die sinnliche Außenwelt. Sie ist der Stoff, an welchem sich seine Arbeit verwirklicht, in welchem sie tätig ist, aus welchem und mit welchem sie produziert. Wie aber die Natur das Lebensmittel der Arbeit darbietet [?], so bietet sich andererseits auch die Lebensmittel in dem engeren Sinne dar, nämlich die Mittel der physischen Subsistenz des Arbeiters selbst. Je mehr also der Arbeiter sich die Außenwelt, die sinnliche Natur, durch seine Arbeit aneignet, um so mehr entzieht er sich Lebensmittel nach der doppelten Seite hin, erstens, dass immer mehr die sinnliche Außenwelt aufhört, [?] ein Lebensmittel seiner Arbeit zu sein; zweitens, dass sie immer mehr aufhört, Lebensmittel [?] für die physische Subsistenz des Arbeiters zu sein.” (MEW, EB 1, 513) Der. Entzug dieser Lebensmittel, entzieht dem Arbeiter die Grundlage des menschlichen Lebens; der Arbeiter wird “entmenschlicht”. Der Verkauf der eigenen Arbeitskraft als Ware bedeutet den Verkauf der eigenen Produktionsfähigkeit, somit den Verlust der Möglichkeit sich in der Arbeit auszudrücken und sich selbst zu verwirklichen. Der Arbeiter ist sich selbst fremd geworden, dem Tiere näher, als dem Menschen. “Es kommt daher zum Resultat, dass der Mensch (der Arbeiter) nur mehr in seinen tierischen Funktionen, Essen, Trinken und Zeugen, höchstens noch Wohnung, Schmuck etc., sich als freitätig fühlt, und in seinen menschlichen Funktionen nur mehr als Tier. Das Tierische wird das Menschliche und das Menschliche das Tierische”. (MEW, EB 1, 514 f) Damit diese aufgezeigte Entwicklung der Entfremdung, Entwirklichung und Entmenschlichung nicht “bis zum Hungertod” weitergeht, fordert Marx am Ende des Manifests der kommunistischen Partei auf: “Proletarier aller Länder, vereinigt euch!” (MEW, 4, 493) um dann durch eine Revolution die bestehende Gesellschaft zu ändern.

C: Das Gesellschaftsideal

Das Gesellschaftsideal ist nicht der Kommunismus, wie vielfach missverstanden. “Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben (wird). Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.” (MEW,3, 35) An anderer Stelle nennt Marx den Kommunismus nicht nur eine Bewegung, sondern auch einen Zustand, welcher der idealen Gesellschaft (bzw. Gemeinschaft) vorangeht und bereits die meisten Merkmale dieser besitzt. Er versteht den Kommunismus auch “als positive Aufhebung des Privateigentums als menschlicher Selbstentfremdung und damit, als wirkliche Aneignung des menschlichen Wesens durch und für den Menschen; darum als vollständige, bewusst und innerhalb des ganzen Reichtums der bisherigen Entwicklung gewordene Rückkehr des Menschen für sich als eines gesellschaftlichen, d.h. menschlichen Menschen. Dieser Kommunismus ist als vollendeter Naturalismus = Humanismus, als vollendeter Humanismus = Naturalismus, er ist die wahrhafte Auflösung des Streits zwischen Existenz und Wesen, zwischen Vergegenständlichung und Selbstbestätigung, zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen Individuum und Gattung.” (MEW, EB1, 536) Das Ziel ist eine staats- und klassenlose Gesellschaft, in welcher es kein Privateigentum an Produktionsmitteln gibt, also eine sozialistische Gesellschaft ohne Unterdrückung jedweder Art (auch keine geschlechts- oder altersbedingte). Der Gegensatz zwischen geistiger und körperlicher Arbeit und ihr unterschiedliches Ansehen existieren in der idealen Gesellschaft nicht mehr. Die Menschen haben eine neue Moral, welche nicht Geld, Macht und Prestige als erstrebenswert erachtet, sondern die Selbstverwirklichung in einer brüder- (und schwester)1ichen menschlichen Gemeinschaft. Es wird eine Gesellschaft sein, “wo jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirte oder Kritiker zu werden.” (MEW, 3, 33) An einer anderen Stelle bringt Marx dies auf die kurze “Formel”: “Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!” (MEW,19, 21) ” [da] die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.” (MEW, 4, 482)

Schluss

Marx sieht “den Menschen in seiner vollen Wirklichkeit als Mitglied einer gegebenen Klasse, als ein Wesen, das in seiner Entwicklung von der Gesellschaft gestützt wird und zugleich ihr Gefangener ist. Die volle Verwirklichung des Menschen und seine Befreiung von den gesellschaftlichen Kräften, die ihn gefangen halten, ist für Marx verbunden mit der Anerkennung dieser Kräfte und mit einem gesellschaftlichen Wandel, der auf eben dieser Anerkennung basiert. Marx Philosophie ist eine Protestphilosophie; ein Protest der getragen ist von dem Glauben an den Menschen, an seine Fähigkeit, sich selbst zu befreien und seine innewohnenden Möglichkeiten zu verwirklichen.” (Fromm, S. 7) Jedoch gibt sich Karl Marx keinen Illusionen hin. Er weiß, dass der jetzt lebende Mensch noch nicht reif und genügend gewachsen ist, um seine Ideale zu verwirklichen. “Das jetzige Geschlecht gleicht den Juden, die Moses durch die Wüste führte. Es hat nicht nur eine neue Welt zu erobern, es muß untergehen, um den Menschen Platz zu machen, die einer neuen Welt gewachsen sind.” (MEW,7,79)

Literaturverzeichnis

Fromm, Erich. 1982. Das Menschenbild bei Marx: mit den wichtigsten Teilen der Frühschriften von Karl Marx. Frankfurt am Main: Ullstein.

Marx, Karl, Friedrich Engels, und Ost Institut für Marxismus-Leninismus (Berlin Universität, Berlin, Ost). 1968. Werke [40,1] [40,1. Berlin: Dietz.

Sprachmelodien, Untertitel, Immersion: Verstehen durch Eintauchen

Da ich viele Serien aus Korea im Original mit Untertitel schaue, eigentlich alle Serien aus Korea, fiel mir auf, als ich Parasite im Kino sah, synchronisiert, dass da irgend etwas falsch war. Ich konnte es nicht richtig fassen, aber ich spürte, dass der Film auf koreanisch irgendwie anders wäre. Diesen Eindruck hatte ich früher auch schon einmal und es lies mich nicht los.

Raum und Sprechgewohnheiten

Ich vermute, dass ich koreanische Serien unter anderem deshalb so sehr mag, weil koreanisch eine ungeheuer schöne Sprachmelodie hat. Zudem werden Aussagen sehr stark betont. Man versteht grob die Bedeutung, einfach durch die Melodie, die ähnlich der deutschen ist, nur mit stärkerer Betonung. Bei einer Synchronisation hört man davon nichts mehr und die vielen Emotionen, die in den Aussagen mitschwingen, sind weg, weil wir es nicht so stark ausdrücken, wie die Koreaner.

Es ist für mich zu einer interessanten Erkenntnis geworden, dass ich Menschen aus anderen Ländern und Kulturen grob verstehen kann, einfach auf Grund der Sprachmelodie. Da mich dies verblüffte, forschte ich nach und fand u.a. folgende Erklärung:

„Viele neuere Studien haben gezeigt, dass Menschen überall Emotionen durch Metaphern und / oder Metonyme ausdrücken, die mit körperlichen Gefühlen zusammenhängen (Kövecses, 1995, 1998)1, die wiederum durch Aktivitäten des autonomen Nervensystems erzeugt werden. Diese Aktivitäten scheinen eine panhumane, fest verdrahtete Basis zu haben (für einen Überblick siehe Levenson et al., 1992)2. Diese Ergebnisse stellen die kulturkonstruktivistische Hypothese in Frage, die postuliert, dass verschiedene Kulturen Emotionen auf völlig unterschiedliche Weise konstruieren.“ (Casimir & Schnegg)3

Die Erklärung für dieses Verständnis ist also: Weil unsere Emotionen bestimmte körperliche Reaktionen auslösen – und dies bei allen Menschen gleich – entwickelte sich ein ähnliches Verhalten, bzw. ähnliche Mimik und Gestik für Emotionen. Dadurch können wir diese weltweit verstehen.

Das macht Sinn. Auch unsere Reaktionen bei Erstauen oder Erschrecken sind ähnlich. Es bietet sich also an, dies auch in sprachlichen Lauten oder Lautmalereien ähnlich auszudrücken.

Doch warum behaupte ich dann, dass durch eine Synchronisation etwas verloren ginge? Es ist mehr ein Spüren, Fühlen, als ein Wissen. Meine Vermutung ist, dass dadurch, dass die deutsche Sprache eine der wortreichsten Sprachen der Erde ist und dadurch zu der Sprache der Philosophie wurde, müssen wir Gefühle und Emotionen, aber auch unsere Aussagen nicht so sehr durch Sprechmelodien (Sprachmelodien) betonen. Ich vermute, dass in Sprachen, die durch das reine geschriebene Wort nicht so viele Ausdrucksmöglichkeiten bieten, der Klang eines Wortes wichtiger ist, um dessen Bedeutung zu verstehen. Doch dies ist nur eine Vermutung.

Habe ich recht, so bedeutet dies, dass der sprachliche Ausdruck im Deutschen keines komplexen Klangbilds bedarf, damit wir uns richtig verständigen können, in anderen Sprachkulturen jedoch ist der Klang eines Wortes oder eines Satzes von größerer Bedeutung und damit von größerer Aussagekraft.

Die Welt ist Sprache und Klang

Sprache ist etwas Wunderschönes. Vielleicht bin ich auch etwas vernarrt in Sprachen, obwohl ich selbst nicht gerade ein Sprachgenie bin.

In der Sprache begegnet uns der andere Mensch, in einer Fremdsprache sogar eine ganze Kultur. So können wir über die Sprache einen Zugang zu einer anderen Kultur und Verständnis für diese Kultur finden. Vielleicht ist es sogar so, dass man dieses Verständnis auf andere Art findet, oder überhaupt nur dann findet, wenn man die Sprache nicht kann.

Wir Deutschen haben ja kaum noch einen Sinn für unsere Kultur, die sich in unserer Sprache zeigt. Ich schätze, dies ist der „Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht“-Effekt. Wenn man mitten drin steht, ist es schwieriger die Gesamtheit von etwas zu sehen, als wie wenn man außerhalb steht. Dies war einst ein wichtiger Ansatz von Michelle Foucault oder der Queer-Theory, übrigens.

Interessant sind diese Gedanken in dem Sinne, dass dies bedeuten könnte, dass wir manche Inhalte einer Sprache, vor allem die, die nicht Teil der reinen Information sind, nur deshalb gut verstehen, weil wir die reine Information nicht kennen. Wir wissen nicht um die Bedeutung eines Wortes oder Satzes, unser Verständnis resultiert aus dem Klang. Würden wir die Worte kennen, würden wir weniger auf den Klang achten.

Wir hören ihn, wenn wir den Inhalt eines Wortes verstehen. Doch dann ist der Klang nur noch ein Hintergrundrauschen, das entweder zum Inhalt passt, dann ist alles in Ordnung, oder nicht, dann machen wir uns Gedanken, was uns der Mensch verheimlicht. Wir nehmen meist das Ganze stärker war, als die Summe der Teile und so ist es auch, wenn wir jemandem zuhören. Stimmigkeit erreicht etwas Gesagtes, wenn Inhalt und Form übereinstimmen, wenn die Bedeutung des Satzes, mit den enthaltenen Aussagen und der Sprachmelodie übereinstimmen, wobei wohl “harmonieren” der bessere Begriff ist.

Doch haben wir die Bedeutung des Wortes nicht, weil wir das Wort nicht kennen, so müssen wir uns an seinem Klang, oder besser, an der Melodie des Satzes orientieren.

In Nietzsches „Die Geburt der Tragödie“4 begegnet uns das Leben selbst in der Musik und in Berendts Werk „Die Welt ist Klang“5 begegnen wir im Klang sogar der ganzen Welt, dem ganzen Universum. Wir unterschätzen den Klang der Stimme, den Klang der Sprache für das Verständnis des Anderen. Geben wir durch eine Synchronisation einem Satz einen anderen Klang, eine andere Melodie, und nehmen ihm sein ursprüngliches Wesen, löschen wir Bedeutungen und geben der Handlung neue. Sprache und ihr Klang, nicht nur ihr Inhalt, bilden Welten und Realitäten ab. Es findet in der Synchronisation so kaum noch ein Erkennen einer anderen Welt, einer anderen Kultur statt. Durch die Untertitel verstehen wir die Bedeutung des Gesagten, durch den Klang aber erkennen wir eine Welt.

Jeder Mensch lebt in seiner eigenen Welt, seiner eigenen Sprache. Wir erkennen deshalb natürlich auch jeden Menschen, wenn wir ihn hören. Doch ist eine Sprache, die von mehreren Menschen geteilt wird, auch immer eine Sprache mehrerer und beinhaltet somit auch diese Menschen, ihre Ansichten – und somit ihre Kultur und ihre Welt. Deshalb beinhaltet koreanisch die koreanische Kultur und Weltverständnis und die deutsche Sprache die deutsche Kultur und das deutsche Weltverständnis.

Wir hören also nicht nur den Menschen, sondern seine Welt, seinen kulturellen Hintergrund.

Eine Sprachnachricht hat also nicht nur 4 Seiten (wie von Schulz von Thun angenommen6), sondern sie enthält auch Klang-Informationen. Diese erzählen uns etwas über den Menschen und seine Umwelt. Wenn Musik die Sprache der Kultur, des Lebens oder der Welt an sich ist, so ist das auch die „Sprachmusik“, der Klang und Rhythmus unserer Sprache.

Der synchronisierte Mensch

Wir verstehen den Menschen, wie es ihm geht und was er uns sagen möchte auf Grund des Klanges seiner Stimme. Dadurch sind Synchronisationen möglich. Doch wird der synchronisierte Mensch durch die Synchronisation zu einem anderen Menschen, da er zu einem Menschen einer anderen Kultur wird. Was wir hören ist die deutsche Sprache. Die Person im Film, spricht zu uns aus der deutschen Sprache, ist in der deutschen Sprache und somit auch in dieser Kultur. Das zu hörende Sprechen drückt dann eine deutsche Person aus. Wir nehmen eine deutsche Person war, doch soll es – zum Beispiel im Film Parasite – eine Koreanerin oder ein Koreaner sein.

Die reine gesprochene und / oder gehörte Sprache, unabhängig des Inhalts, erzählt uns etwas über den Menschen, der spricht, seine Welt, seine Kultur. Wir hören den Menschen, der spricht, wir hören seine Kultur und seine Welt. Somit trägt eine Synchronisation quasi die Kultur und das Wesen des Sprechenden in die Kultur und das Wesen des Spielenden. Dies erzeugt eine Dissonanz, eine Unstimmigkeit, vor allem dann, wenn man die Kultur der Sprache des synchronisierten Menschen kennt. Das Bild passt nicht mehr zum Ton.

Die Bedeutung des Films ändert sich dadurch. Der Hintergrund der Person ändert sich, dadurch ihre Motivation und die Gründe für ihr Handeln.

Eine Synchronisation funktioniert immer dann gut, wenn der Hintergrund, die Sprache der zu synchronisierenden Menschen, unbekannt ist, bzw. mir nichts bedeuten, oder ich den kulturellen Hintergrund des zu synchronisierten als dem deutschen ähnlich ansehe.

Die Immersion

Man gewöhnt sich schnell an Untertitel, vor allem, wenn man – wie ich – Serien mag, die es gar nicht synchronisiert gibt. Ich schaue Serien auf Mandarin, Koreanisch, Hindi, türkisch, usw. ohne auch nur ein Wort zu verstehen. Das Verrückte ist: Es fällt einem, wenn man das immer macht, nach kurzer Zeit garnicht mehr auf, dass man mit Untertitel schaut. Es wird so, als würde man alles verstehen.

Wenn man damit anfängt, Serien mit Untertitel zu schauen, kann es sein, dass man eine Folge benötigt um reinzukommen. Serien, die sehr sprachlastig sind, eignen sich dafür nicht so gut, weil die Untertitel dann zu lang sind. Das werdet ihr schnell merken, doch sind diese meist auch nicht sehr hochwertig. In Ihnen wird durch Erzählung das ausgedrückt, was die Schauspielerinnen und Schauspieler nicht spielen und der Kameramann nicht filmen kann. Gerade aber das macht große Filme aus: Aussagekräftige Bilder und gute Schauspieler. Vielleicht erkennt man so auch besser, welche Serien etwas taugen und welche nicht: Wenn ihr lange Untertitel lesen müsst, lasst die Serie links liegen. Bilder und Gefühle, die erklärt werden müssen, sind keine.

Wie schon erwähnt, begegnet uns der Mensch in der Sprache. Wir verstehen ihn, glauben ihm. Doch zu viel Sprache führt dazu, dass wir zu viel lesen müssen und dann beachten wir die Gestik und Mimik weniger, was das Verständnis nicht immer erhöht. Können wir aber alles erfassen, die Untertitel, die Haltung des/der Sprechenden, die Mimik und Gestik, so verstehen wir sehr rasch und gut, worum es geht und vergessen irgendwann, dass wir die Untertitel mitlesen.

Dieses Gefühl, diesen Eindruck, alles zu verstehen, obwohl man “nur” die Untertitel liest, nennt man übrigens in Fachchinesisch “Immersion”. Man taucht ein und vergisst, dass etwas nicht die Realität ist. Zwar wird dieser Begriff heutzutage meist für Computerspiele verwendet, aber es gibt ihn schon lange, da die Immersion schon immer wichtig ist: Wenn wir Musik oder Hörspiele anhören, aber auch beim Fernsehen. Vielleicht kennt ihr ja auch den Effekt: Ihr schaut etwas in Schwarz-Weiß an und erinnert euch aber in Farbe daran? Oder ihr lauscht einem Hörspiel, und es ist für euch, wie ein Film. Ihr könntet anschließend Bilder beschreiben, die gar nicht im Hörspiel beschrieben wurden, weil ihr so eintaucht, dass ihr Bilder seht. Auch das hat etwas mit Immersion zu tun. Wenn man eintaucht in den Stoff, vergisst man, dass etwas nur ein Film oder Hörspiel ist, oder in welcher Sprache man gerade zuhört.

Bei Serien mit Untertiteln, erinnere ich mich daran, was die Personen sagten und höre sogar, wie sie es sagen, aber in Deutsch. das ist schon sehr befremdlich, dass ich mich an die Sätze auf Deutsch erinnere. Auch das ist Immersion.

“Immersion ist kein klassisches Mitmachtheater im Sinne des Mitspielenmüssens, sondern löst zunächst erst mal einfach die Grenze zwischen „denen“ und „uns“ auf. Es duldet kein Gegenüber” (Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, in einem Interview des Goethe Instituts)

Wir tauchen ein in eine andere Welt, vergessen unsere und sind in dieser Welt. Dadurch “vergessen” wir auch, dass wir nur die Untertitel lesen, oder wir in einer Serie oder einem Hörspiel sind. Während der zeit des Versinkens sind wir nicht mehr in der Realität.

Und je besser das funktioniert, je mehr die Grenze aufgehoben wird, desto spannender ist etwas. Denn wenn wir mitten im Film oder im Hörspiel sind, dann wird es auch zu unserer Geschichte und wir können nicht mehr distanziert sein. Wir fiebern mit, wir lachen und weinen mit.

Dies schreibe ich, nachdem ich Oh My Ghost gesehen habe. Und ich habe all das gemacht, zuerst mich mit gefreut, dann mich mit geängstigt, etwas geweint und am Schluss war ich wieder glücklich. Es ist schon sehr seltsam, wie uns Gespieltes und eine erfundene Geschichte reinziehen und mitreißen können.

Fußnoten

1Z. Kövecses, „Metaphor and the Folk Understanding of Anger“, in Everyday Conceptions of Emotion: An Introduction to the Psychology, Anthropology and Linguistics of Emotion, hg. von James A. Russell u. a., NATO ASI Series (Dordrecht: Springer Netherlands, 1995), 49–71, https://doi.org/10.1007/978-94-015-8484-5_3.

2R. W. Levenson u. a., „Emotion and Autonomic Nervous System Activity in the Minangkabau of West Sumatra“, Journal of Personality and Social Psychology 62, Nr. 6 (Juni 1992): 972–88, https://doi.org/10/bj3j52.

3Michael Casimir und Michael Schnegg, „Shame across cultures: the evolution, ontogeny and function of a ‚moral emotion‘“, 2002, 270–300.

4Friedrich Nietzsche, Giorgio Colli, und Friedrich Nietzsche, „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“, in Die Geburt der Tragödie. Unzeitgemäße Betrachtungen I-IV. Nachgelassene Schriften: 1870 – 1873, 2., durchges. Aufl, Sämtliche Werke, kritische Studienausgabe in 15 Einzelbänden / Friedrich Nietzsche. Hrsg. von Giorgio Colli und Mazzimo Montinari ; 1 (München: Dt. Taschenbuch-Verl. [u.a.], 1988), 9–156.

5Joachim-Ernst Berendt, Nada Brahma: die Welt ist Klang, 4. Aufl, Suhrkamp Taschenbuch 3895 (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2014).

6Friedemann Schulz von Thun, Miteinander reden 1:Störungen und Klärungen: allgemeine Psychologie der Kommunikation. (Reinbek bei Hamburg: Rowohlt-Taschenbuch-Verl., 1991).

„Blind“ Rage and Violence – The End of Rrock‘n‘Roll

Der Rockabilly Chronicle beschreibt die Musik wie folgt: „With such a band name, it’s not a surprise to find them play powerful Rock’n’roll mixed with garagey Punk and […] Link Wray inspired stuff“ That‘s right. Das schreiben sie auch selbst. Was die Platte hörenswert macht, ich gerade die Rauheit und der Anteil „garagey Punk“. Auch wenn es sich bei den

(fast) Alle K-Dramen auf NETFLIX mit Bewertung

Die untere Tabelle beinhaltet fast alle Serien aus Korea, die es auf Netflix in Deutschland zu sehen gibt.

080% – D.O.A. – Treason

Ob Verrat der beste Titel dieses Albums ist… Zumindest wenn es heißen soll: Wir machen mal ne geile Platte, wenn sich sonst niemand traut. Überhaupt sind Punks nicht mehr, was sie mal waren. Die meisten sind so etwas, wie Systempunks. Alle machen das selbe, jeder Punksong hört sich gleich an. Punk hat eine Uniform bekommen. D.O.A. erfinden den Punk nicht

080% – Fiona Apple – Fetch The Bolt Cutters

Wenn Fiona Apple nach 8 Jahren eine neue Platte herausbringt, dann bekommen viele Kritiker einen Orgasmus. Wahrscheinlich reicht es schon, ihren Namen zu lesen. “Fetch The Bolt Cutters” ist ihr fünftes Album und nicht gerade eingängig – aber es ist eben Fiona Apple. Wer noch nichts von ihr hat: Die Platten lohnen sich alle. Fiona Apple ist immer irgendwie anders,

080% – John Fogerty – 50 Year Trip. Live At Red Rocks (live)

John Fogerty live, da kann man eigentlich nie etwas falsch machen. Traurig ist nur, dass alle seine Liveplatten austauschbar sind. Es sind immer die selben Songs drauf, Überraschungen gibts nicht. Hast du eine Platte, hast du alle. Die 50-Year-Trip gefällt mir von der Aufnahme her etwas besser als “Premonition”, deshalb meine klare Empfehlung für diese Platte für alle, die John

080% – Larkin Poe: Self Made Man

Mit dem Vorgänger, “Venom & Faith”, dachte ich, Larkin Poe hätten endlich ihre Heimat gefunden, vielleicht haben sie das ja auch. Die Produktion ist ähnlich, doch dadurch, dass “Self Made Man” deutlich weniger bluesig ist, werden die Produktion und die Arrangements für meinen Geschmack etwas zu gefällig und sind zu simple gestrickt. Freut man sich bei einem Blues auf die

088% – Tom Petty: Wildflowers & all the Rest

Wer bei Amazon nach der Platte sucht, wird etwas erstaunt sein, da sie schwer zu finden ist. Das liegt an einem Schreibfehler. Bei Amazon heißt die Platte ” Wildflower & all the Rest”. Sie haben doch tatsächlich das “s” vergessen! Es gibt eine Standard-Version mit 2 CDs oder eine Deluxe mit 4 CDs. Die Standart benötigt kein Mensch, da das

088% – Yusuf/Cat Stevens: Tea for the Tillerman2

Ein interessantes Projekt ist die Neuaufnahme alter Platten. “Tea for the Tillerman” gehört sicherlich zu den besten Platten aller Zeiten. Sie neu einzuspielen bedarf Mut und Überzeugung. Doch auch als Yusuf Islam macht “Cat Stevens” eine gute Figur. Er kanns noch! “Tea for the Tillerman” war Cat Stevens’ viertes Album. Nach Methew & Son und NewMasters, veröfentliche er Mona Bone

090% – Elton John with Ray Cooper – Live from Moscow 1979

Am 28. Mai 1979 sendete die BBC das auf diesem Doppel-Album erschienene Konzert. Die erste Hälfte bestreitet Elton John alleine am Flügel oder Keyboard, in der zweiten kommt Ray Cooper an den Percussions hinzu. Das klingt vielleicht erst einmal nicht so spannend, ist es aber. Live From Moscow ist für mich die beste Liveplatte (mit Ausnahme von “Made in Japan”

090% – John Lennon: Gimme Some Truth. (Ltd. 2CD+ 1Blu-ray Audio Box)

Braucht jemand noch Aufnahmen von John Lennon? Zu seinem 80. Geburtstag am 9. Oktober 2020 gibt es jetzt eine Best-Of- Zusammenstellung. Alle Songs wurden remixed. Da viele der Songs von John Lennon ja nie auf einem Longplayer erschienen, außer auf Best-Of-Compilations oder auf Shaved Fish, könnte man diese Ergänzung vielleicht doch benötigen, ist sie nicht ganz so sinnlos, wie es

Genderwahn. Keiner verstehts, jeder tuts. Sinnvoll.

Sprache. Man kann wunderbar damit spielen. Phrasen klopfen, Fremdwörter einbauen, und den Leuten den Kopf vernebeln. Gehen wir gleich mal in medias res (Fremdwörter klingen immer irgendwie gebildet).

Neusprech und Bundeskanzler*innen

Gendern wir mal. Kennt ihr das? Da verwendet jemand ein Wort, wie „Gender“ und behaupte, es bedeutete dies und jenes. Doch was bedeutet es? Verblüffenderweise ist die Übersetzung tatsächlich einfach nur „Geschlecht“ und seine Bedeutung ist eigentlich genauso schwammig, wie die deutsche Übersetzung. Doch schreibt man das, dann gibts `nen Shit-Storm (Scheiße-Sturm auf Deutsch), der sich gewaschen hat. Übersetzungen gefährden die Deutungshoheit.

Übersetze ich jedes Fremdwort und jeden Anglizismus (pseudo-Englisch) ins Deutsche, so verstehts jeder und jeder kann mitdiskutieren – und Unsinn erkennen und entlarven.

Neusprech funktioniert heute – anders als bei George Orwell – durch die Einführung scheinbarer „Fachbegriffe“ denen dann absurde, schwammige Bedeutungen gegeben werden. Fake funktioniert, weils Halbwahrheiten sind und man sie deshalb verschieden auslegen kann. Damit wir nicht genau wissen, worin übrigens die Halbwahrheit besteht, nennt man etwas „Fake“ (ein Anglizismus) und jeder kann sich darunter denken, was er will. Wir sagen nicht „Falschmeldung“ – was ziemlich eindeutig wäre – oder „Halbwahrheit“, nein, es ist ein Fake. Fake ist schlecht, somit ist alles gesagt. Würde man von Falschmeldung oder Halbwahrheit sprechen, würden Menschen vielleicht wissen wollen, warum das falsch ist, da ihnen dieser Gedanke mit dem Wort quasi nahegelegt wird. Doch so: Fall gelöst.

Gender, ich weiche ab. Fragen sie mal jemanden, was dieses Wort bedeutet und warum man es benutzt, anstatt „Geschlecht“.

Die deutsche Bundesregierung liebt es, bedeutet es doch in die Politikersprache übersetzt: Wir verstehen es nicht, also müssen wir nichts tun. Und nichts tun, kann ein Politiker. Sagte ich Politiker? Oh, sorry, in Gender-Neusprech heißt das doch Politiker*innen. Damit jedes Geschlecht im Bundestag mitgenannt wird. Wirklich jedes, auch das des Maikäfers – äh, sorry, der Maikäfer*innen. Doch wie viele Geschlechter haben eigentlich Politiker*innen?

Mist – fragen darf man doch nicht. Sie haben nun mal einfach alle. Das ist so. Und es gibt so viele, dass niemand sie alle kennt. Ist wie das Universum: Irgendwie kennts keiner, doch jeder ist drin. Oder ist das das Internet? Egal, zwei Fremdwörter verwendet, Schlauheit gezeigt.

Gender – ich weiche ab. Schlaumeier – die, die immer alles wissen, weils ja Wikipedia gibt – werden nun sagen (zumindest zu mir): Gender, das ist das grammatikalische Geschlecht – und Sex das biologische.

Grammatikalisches und Soziales Gendern

Aha. Nehmen wir einmal an, Wikipedia wäre göttlichen Ursprungs und würde stets die Wahrheit wiedergeben. Dann gibt es folglich im englischen und deutschen Sprachraum drei Geschlechter: männlich, weiblich, sächlich. Das dritte Geschlecht (Gender) wäre dann „sächlich“. Das Intergender, sozusagen, das Geschlecht (gender) dazwischen (inter), zwischen männlich und weiblich – ist sächlich? Also wären „Politiker*innen“ männliche, weibliche und sächliche Politiker, Politikerinnen und … Mist, da gibts ja keine grammatikalische dritte Endung. Gibts also doch nur zwei grammatikalische Geschlechter (Gender) von Politiker*innen?

Jetzt wirds kompliziert. Oder? Ich soll das Sternchen (*) verwenden, weil ich ALLE Gender, also alle grammatikalischen Geschlechter, mitnennen möchte – doch es gibt nur zwei!

Dann werden einige Aufschreiben – denn es muss ja einen Sinn haben, was Unsinn ist und sie werden vom „sozialen Geschlecht“ reden.

Ah, „sozial“. Es geht doch nichts über Fremdwörter. Was soll ein „soziales“ Geschlecht sein? Ok, ich bin sozial, wenn ich – was eigentlich?

Fragen wir mal Duden. Die sind doch Spezialisten.

Sozial bedeutet demnach:

  • das (geregelte) Zusammenleben der Menschen in Staat und Gesellschaft betreffend; auf die menschliche Gemeinschaft bezogen, zu ihr gehörend
  • die Gesellschaft und besonders ihre ökonomische und politische Struktur betreffend
  • die Zugehörigkeit des Menschen zu einer der verschiedenen Gruppen innerhalb der Gesellschaft betreffend
  • dem Gemeinwohl, der Allgemeinheit dienend; die menschlichen Beziehungen in der Gemeinschaft regelnd und fördernd und den [wirtschaftlich] Schwächeren schützend (Duden)1

Und jetzt? Was bedeutet demnach „soziales Geschlecht“? Gehöre ich dadurch einer Gruppe an oder einer Struktur? Diene ich damit dem Gemeinwohl? Gehöre ich damit erst zur menschlichen Gemeinschaft?

Was sagt denn Wikipedia?

Das Adjektiv sozial, von französisch social und lateinisch socialis, fälschlicherweise oft als Synonym zu gesellschaftlich verwendet und im erweiterten Sinn zu gemeinnützig, hilfsbereit, barmherzig. Stattdessen beschreibt der Begriff des Sozialen zunächst die Gruppe als Handlungsvoraussetzung. Wie Niklas Luhmann zeigt, bezeichnet der Gesellschaftsbegriff ein spezifisch-komplexes soziales System.“2

Ah, spannend. Der Duden weiß nicht, was „sozial“ bedeutet und ich erfahre, dass ich erst Luhmann lesen muss.

Prima.

Das „soziale Geschlecht“ ist ein Gummiwort. Man kann es so verwenden, wie man möchte und ihm die Bedeutung geben, die einem gerade in den Kram passt, je nachdem, wem man wie widersprechen möchte – denn die anderen haben ja immer Unrecht und verstehen einfach nicht, was man sagen möchte, weil sie „stur“, „blöde“ und ungebildet sind. Jeder weiß doch, was „sozial“ bedeutet!

Eben!

Jeder – sogar der Duden und Wikipedia – doch jeder etwas anderes.

Eine kluge Frau sagte einmal zu mir: Wenn man wissen möchte, ob eine Aussage Sinn macht, überprüft man, ob das Gegenteil auch Sinn macht. Wenn es das nicht tut, ist der Satz sinnlos oder einfach nur leeres Geschwafel. Probierts mal aus!

Das Gegenteil vom „sozialen Geschlecht“ wäre dann das „unsoziale Geschlecht“ oder das „nicht-soziale Geschlecht“. Und das wäre?

Sprachverwirrung ist so was Schönes. Damit kann man unendlich viel Politik machen.

Übersetzungswirrwarr

Apropos Politik: Die Bundesregierung meinte gegenüber den Vereinten Nationen, dass sie Gendermainstreaming nicht durchsetzen könnte, weil sie das Wort nicht ins Deutsche übersetzen könnte. Gender bedeutet Geschlecht und Mainstreming bedeutet in etwa, etwas in allen Bereichen berücksichtigen. Eigentlich nicht so schwer, aber man behauptet einfach „Gender“ würde dies oder jenes bedeuten, die Übersetzung ins Deutsche ginge nicht, etc. Bin mal gespannt, wie viele das nun nach diesem Artikel behauten.

Und es gibt ja auch noch „Sex“. Sex wäre im Englischen das „biologische“ Geschlecht.

Ok – Biologie – ein Fremdwort. Aber lassen wir das.

Es gibt da diesen Engländer, George Michael (die Älteren unter euch werden sich erinnern). Er hatte so einen riesen Hit (= ein total erfolgreiches Lied) mit dem Titel: „I want your Sex“. Also zu deutsch: Ich möchte dein biologisches Geschlecht.

Fuck!

Ich erspare mir jetzt jede weitere Auseinandersetzung mit dem Wort „biologisch“ und den Bedeutungen von „sex“ im Englischen.

It isn‘t really easy, isn‘t it?

Für die Sprachverwirrer ists immer total einfach: Sie haben recht, ihre Definition ist die richtige! Nur dass diese Definition absichtlich schwammiger Müll ist, um Machtstrukturen zu sichern, ist so eine Kleinigkeit, die man nicht verschweigen sollte.

Macht und Uneindeutigkeit

Gummidefinitionen, Schwammigkeit und Ungenauigkeit verschaffen Macht. Macht über unser Denken. Es verwirrt uns. Wir wissen nicht mehr, was wir denken sollen, was wir äußern dürfen und schweigen lieber oder beschweren uns.

So nebenbei: Was bedeutet eigentlich Trans*? Die Trans, der Trans, das Trans? Da ist irgendwie alles mitgemeint – doch nichts’s davon gibts. Man sollte immer alles mitmeinen. Ist irgendwie philosophisch. Alles ist eins und eins ist alles und alles ist egal – äh sorry: egal*in (alles hat ja ein Geschlecht).

Hannah Arendts Verdienst ist es aufgezeigt zu haben, wie man mit unklaren Definitionen – in ihrem Falle: Machtstrukturen – Macht aufrecht erhält. Das deutsche Reich funktionierte, so Hannah Arendt, weil häufig unklar war, wer für was zuständig war, wer wen ausspionierte und wer wessen Vorgesetzter war und wer wen wann wo wie ins Lager stecken konnte. Unklarheit schafft Unsicherheit, Unsicherheit nicht selten Angst – oder doch zumindest ein Vermeidungsverhalten. Lieber nichts tun, als nachher Probleme haben.

Lieber Worte nicht verwenden, als falsch. Lieber nichts kritisieren, lieber den Gebrauch der Gummiwörter denen überlassen, die sich damit (scheinbar) auskennen.

Je wirrer etwas wird, desto mehr halten wir uns davon fern und sind bereit, andere als Spezialisten anzuerkennen: Sie scheinen eine Materie zu verstehen, die wir nicht verstehen, die uns zu „kompliziert“ ist. Also dürfen sie die Spezialisten sein und über uns bestimmen.

Ist das richtig?

Sind wir wirklich zu doof?

Ja.

Wir machen mit. Wir hinterfragen nicht, wir lassen uns nicht JEDES Wort ins Deutsche übersetzen und erklären. Nur was man erklären kann, versteht man auch. Was man nicht allgemeinverständlich in deutsche Worte fassen kann, versteht man auch nicht, einfach ausgedrückt.

Macht mal das Spielchen: Lasst euch mal diese ganzen Gummiwörter erklären!

Oder machts wie Herr Postel:

Sie haben als Redner ein Fachpublikum vorgeführt: In einem Vortrag vor Psychiatern haben Sie einen unsinnigen Fachbegriff eingeführt, die bipolare Depression dritten Grades. Warum?

Ich wollte ausreizen, wie weit ich gehen kann. Anlässlich einer solchen Tagung habe ich nicht nur den besagten Vortrag gehalten, sondern auch einen Universitätsprofessor, den damaligen ärztlichen Direktor der Universitätsklinik Münster, gefragt, ob er die bipolare Depression dritten Grades im universitären Alltag häufig erlebe. Er sagte mit einem überheblichen, ordinarientypischen Gestus, das sei nicht häufig, aber es komme mitunter vor. Damit war mir klar: Ich bin als Hochstapler unter Hochstaplern gelandet.”3

Fußnoten

1 „Duden | so­zi­al | Rechtschreibung, Bedeutung, Definition, Synonyme, Herkunft“, zugegriffen 3. April 2019, https://www.duden.de/rechtschreibung/sozial.

2 „sozial“, in Wikipedia, 14. Dezember 2018, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Sozial&oldid=183708990.

3 „Glaubwürdigkeit, Macht und Sprache: Interview mit Gert Postel über ‚Schwafelkunst‘ und Kommunikation – Rhetorikmagazin“, zugegriffen 3. April 2019, https://www.rhetorikmagazin.de/?p=4408.

Der Mensch und der Staat – Ideen zur Haltung einer zu gründenden Partei

Was ist ein Staat und welche Rolle sollte er für den Menschen spielen? Ideen dazu habe ich in den letzten Wochen entwickelt und dachte zudem viel darüber nach, wie eine neu Partei aussehen müsste. Der folgende Text könnte der Anfang eine Parteiprogramms einer neuen Partei sein. Er ist noch sehr grob, mache Punkte sind noch zu wenig ausformuliert, aber die Grundidee wird, denke ich, rasch klar.

Der Staat

Die Menschen im Staat

Menschen sind soziale Wesen. Gemeinschaften zu bilden, ist für ihr Überleben wichtig. Auch Staaten sind soziale Gemeinschaften. Staaten sind letzten Endes die Menschen, aus denen sie bestehen und sind deshalb von Natur aus für die Menschen da.

Das Staat, das sind die Menschen, die im Gebiet eines Staates leben.

Funktion des Staates

Die Aufgabe eines Staates ist es, die Grundbedürfnisse der Menschen sicher zu stellen. Ein Staat muss Sicherheit verschaffen, damit jeder Mensch eines Staates genug Nahrungsmittel, eine sichere Unterkunft in ausreichender Größe und Zugang zu den in der jeweiligen Gesellschaft üblichen kulturellen Errungenschaften und Medien hat. Alle Menschen sollten die Möglichkeiten haben, am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilzunehmen.

Grundbedürfnisse der Menschen

Nur Menschen, deren Grundbedürfnisse sicher gestellt sind, können sich entwickeln und sich letzten Endes selbst verwirklichen.

Das übergeordnete Ziel eines Staates ist deshalb, allen in seinen Grenzen wohnenden Menschen zu ermöglichen, sich selbst zu verwirklichen und das Beste aus sich zu machen.

Zu den Grundbedürfnissen, und somit zu den Grundrechten, deren Befriedigung zu den vordringlichsten Aufgabe des Staates gehören, zählen in der heutigen Zeit:

  • Kleidung
  • Nahrung
  • feste Bleibe (WG, Wohnung, etc.) mit Küche, Bad, Toilette, Heizung
  • fließend Wasser
  • Strom
  • Heizung
  • Internetzugang
  • Krankenversicherung
  • Rente, Versorgung im Alter
  • Teilnahme am öffentlichen Leben (Mensch ist ein soziales Wesen) und den kulturellen Errungenschaften
  • Bildung
  • Freizeit
  • eine sinnschaffende Beschäftigung

Die Wirtschaft

Da unser System auf Geld beruht, ist es Aufgabe des Staates dafür zu sorgen, durch geschickte Umverteilung, bzw. Steuerung von Geldströmen mit Hilfe von Steuern, sozialer Unterstützung und anderen, dafür zu sorgen, dass alle Menschen genügend Geld haben, damit ihre Grundbedürfnisse befriedigt werden können. 

die Reichen und die Armen

Damit alle Menschen die für sie nötigen Güter und das nötige Geld erhalten, ist eine soziale Wirtschaft notwendig. Wir werden die Geldwirtschaft nicht abschaffen können, da sie ein weltumspannendes System darstellt, aber wir können sie in unserem Land, in Europa und evtl. in der Welt kontrollieren. Dafür setzen wir uns ein.

Machen wir uns nichts vor: Es wird immer Menschen geben, die mehr Geld und Besitztümer haben, als andere. Wir werden diese Unterschiede nicht beseitigen können, doch wir können ein System gerechter machen.

Worin besteht der Sinn des Lebens? Für uns besteht er darin, dass wir alle die in uns schlummernden Fähigkeiten entwickeln und uns selbst verwirklichen können. Wir alle wollen glücklich sein und angstfrei leben. Deshalb benötigen wir Sicherheit.

Dies gilt für Arme, wie auch für Reiche, denn alle sind wir Menschen. Jeder Mensch soll diese Möglichkeiten haben. 

Es heißt im Grundgesetz, dass Eigentum verpflichtet, doch wollen wir es noch weiter fassen und sagen: Mehr zu haben als andere, verpflichtet. 

Geldfluss und Gerechtigkeit

Es ist in Ordnung viel Geld zu verdienen und reich zu sein, aber es bringt auch eine Verpflichtung für all diejenigen mit sich, die weniger besitzen. Wir können nur alle in Sicherheit leben und eine gleichberechtigte Teilhabe für alle Menschen ermöglichen, wenn wir Geldflüsse auch zu denjenigen erzeugen, die wenig haben. Notwendigerweise haben sie ihren Ursprung dort, wo viel Geld ist.

Damit diese Geldflüsse stattfinden, wurden Staaten gegründet, auch wenn es ursprünglich eher um Waren ging, als um Geld. Die Aufgabe des Staates besteht in der gerechten Verteilung des in einem Staat vorhandenen Geldes, bzw. Strukturen für eine gerechte Verteilung zu schaffen.

Die Mittel des Staates sind die Gesetze, allen voran die Steuergesetze. Sie heißen so, weil man damit etwas steuert, nämlich den Geldfluss. Steuergesetze sind eigentlich Geldfluss-Steuerungs-Regeln.

Gerechtigkeit und Gleichberechtigung verpflichten eine gleiche Beteiligung aller, je nach Möglichkeit ihrer Leistungsfähigkeit. Wer mehr leisten kann, muss sich stärker beteiligen, als jemand, der weniger leisten kann.

Wir wollen den Geldfluss durch Steuern und weitere Mittel so lenken, dass genügend Geld zu allen Menschen fließt, damit sie die Möglichkeit haben, sich zu entfalten, ihre Ziele anzustreben, Glück und Zufriedenheit zu finden.

Ein Staat muss immer dafür da sein, etwas zu ermöglichen. Er sollte die Erde sein, auf der die Pflanze Mensch wachsen und gedeihen kann.

Verantwortung der Menschen

Der Staat ist ein Gebilde geflochten aus der Zusammenarbeit der Menschen. Es kann nur ein gutes Gebilde sein, wenn Menschen bewusst ist, dass auch sie ein Teil davon sind und für das Wohl aller auch mit eine Verantwortung tragen. Ohne Menschen, die Verantwortung übernehmen, gibt es keinen funktionierenden Staat. Je mehr sich beteiligen, je mehr sich dessen bewusst sind und danach handeln, einen umso besseren Staat werden wir haben.

Wissenschaft und internationaler Austausch

Realismus

Wir sollten, um unsere Ziele zu erreichen, immer Wissenschaft vor Ideologien stellen. Unsere Werte und Ziele sollten stets nachweislich dem Menschen dienen, nicht einer Ideologie oder einem Wunschdenken.

Die Rolle der Wissenschaft sollte gestärkt werden. Wir sollten auf allen Ebenen Untersuchungen anstellen, ob das, was wir mit unseren Handlungen erreichen wollen, auch tatsächlich erreichen. 

Wissenschaft bedeutet: Objektive Überprüfung der Effektivität unserer Maßnahmen und die Veröffentlichung dieser Überprüfungen.

Überprüfbarkeit

Wir brauchen einen gläsernen Staat, denn der Staat sind wir. Er sollte uns nicht verborgen sein und als ein Fremdkörper gegenüber stehen. 

Wissenschaft und ihre Ergebnisse sind ein wichtiger Teil davon. Sie unterstützen uns alle, unsere Handlungen und Taten zu bewerten. Es genügt nicht zu „glauben“, dass etwas hilft oder schadet, man sollte es auch wissenschaftlich überprüfen.

Gültigkeit hinterfragen

In den vergangenen 2000 Jahren hat sich unser Schul- und Bildungssystem kaum verändert. Wir sollten es einmal überprüfen und nachbessern, wie auch viele andere Bestimmungen und Gesetze, bei welchen wir uns fragen sollten, ob sie das, was sie scheinbar versprechen, auch halten.

Zusammenarbeit und Austausch

Hier könnte ein Best-Practice-Austausch mit anderen Ländern von Vorteil sein. Es gibt schon viel Erfahrung auf der Welt, doch wird diese kaum genutzt.

Wie ein Staat eine Gemeinschaft ist von Menschen, um ihnen zu ermöglichen, sich selbst zu verwirklichen, so sind dies auch Staatenverbünde oder die Welt an sich. Wenn wir unsere Verbünde und die Welt schätzen, wertschätzen und achten, können wir alle wachsen. Isolation verhindert Wachstum, Gemeinschaft ermöglicht sie.

Es ist sinnvoll uns weltweit auszutauschen mit unseren Erfahrungen und Forschungen, um eine bessere und gerechtere Gesellschaft aufzubauen und jedem zu ermöglichen, sein Glück zu finden.

Die Regierung

Der Staat, das sind die Menschen, die auf dem Staatsgebiet leben. Da sie nicht alle gleichzeitig gemeinsam die Aufgaben des Staates erfüllen können, benötigen sie jemanden, der den Überblick darüber hat, was man tun muss und die Zeit hat es zu tun.

Hierfür sind die gewählten Vertreter der Menschen eines Staates da. Sie setzen das um, was langfristig den Menschen eines Staates am besten dient und dazu führt, dass alle die Möglichkeit und Sicherheit haben, ein würdevolles leben führen zu können in welchem ihre Bedürfnisse befriedigt werden.

Eine Regierung und alle Vertreter der Menschen eines Staates, sind somit Dienstleister im Dienste der Menschen. Der Souverän bleibt der Mensch im Staat. Regieren heißt dienen, nicht herrschen.

Regieren bedeutet Möglichkeiten zu schaffen für die Menschen, für deren Gemeinschaft man verantwortlich ist.

Hunger, Obdachlosigkeit, Armut oder Krieg bedeuten immer, dass eine Regierung sich bereichert anstatt zu regieren.

Der Mensch

einzigartig

Jeder Mensch ist ein einzigartiges Lebewesen. Einzigartiges ist immer wertvoll, es kann durch nichts ersetzt werden. Jeder Mensch verdient Achtung und Respekt. Seine Würde hilft ihm Mensch zu sein. 

sozial

Der Mensch ist ein soziales Wesen, das der Gemeinschaft bedarf. Erst die soziale Gemeinschaft ermöglicht es einem Menschen sich selbst zu verwirklichen, das zu werden, was er werden kann und wonach er strebt.

Gemeinschaft entsteht in gegenseitiger Achtung, Wertschätzung und Respekt – zu allen und zwischen allen Menschen, unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft, Religion, oder sonst irgendeinem Merkmal.

Sprache

Menschen begegnen uns vor allem in der Sprache. Im offen gesprochenen Wort begegnet uns der Mensch. Er kehrt sein Innerstes nach außen und macht es für uns sichtbar. Achtung und Wertschätzung des Menschen ist deshalb auch immer Achtung und Wertschätzung des Wortes. 

Menschen haben verschiedene Ansichten und fühlen sich von verschiedenen Aussagen angesprochen. Dies ist ein Teil der Individualität und Verschiedenheit aller Menschen. Er macht uns einzigartig und ist deshalb wertvoll und zu uns gehörig. Wenn Meinung des Anderen eine andere ist, ist sie wertvoll, und hilft uns vielleicht, Neues zu erkennen. Als solche sollten wir sie immer wertschätzen.

Zusammenarbeit

Natürlich können nur Menschen zusammenarbeiten, wenn sie ein gemeinsames Ziel verfolgen, denn sonst würden sie sich in verschiedene Richtungen bewegen und zersplittern. Gemeinschaften entstehen durch ein gemeinsames Ziel, deshalb ja auch der Name „Gemeinschaft“.

Menschen sind auch dann wertvoll, wenn sie ein anderes, eventuell sogar entgegengesetzte Ziele verfolgen. Dies ist die persönliche Entscheidung eines Menschen. Deshalb sollte man es respektieren, wenn andere ein anderes Ziel verfolgen. So ist es nun einmal.

Wir, in unserer Partei, haben ein gemeinsames Ziel. Wer dies mit uns zusammen verfolgen möchte, ist willkommen. Andere, zusätzliche Ziele sind diskutierbar, doch muss man auch respektieren, wenn sie von uns nicht getragen werden können. Dann müssen diese Menschen andere Gemeinschaften finden, die gemeinsam mit ihnen diese Ziele verfolgen.

Wir verurteilen andere Ziele nicht, auch wenn wir sie nicht als sinnvoll erachten. Wir respektieren und erkennen an, dass Menschen verschieden sind.

Der Mensch als Arbeitender

Jeder Mensch arbeitet. Menschen arbeiten immer. Manchmal werden sie dafür bezahlt, manchmal nicht. Dennoch arbeiten sie. Als soziales Lebewesen arbeitet der Mensch als Teil einer Gemeinschaft. Was er tut, beeinflusst diese und ist meist wichtig für die Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Strukturen und zur Schaffung von Möglichkeiten für andere.

Wertschätzung für das, was wir tun, und wenn es noch so klein zu sein scheint, ist von zentraler Bedeutung, denn nur so können wir in Würde leben. Da jeder Mensch die Achtung seiner Würde verdient, verdient auch ein jeder die Achtung dessen, was er tut, als wertvoll.

Menschen zeigen sich uns nicht nur in der Sprache, auch in der Tat. Auch eine Tat ist eine Äußerung, sie zeigt uns, wie der Mensch ist und was er tun möchte. Menschen begegnen uns nicht nur in der Sprache, sondern auch in den Taten.

Wir alle haben verdient als wichtig betrachtet zu werden und dass wir alle das Beste tun, das uns möglich ist. Dafür sollten wir geachtet und wertgeschätzt werden, auch finanziell. Jeder Mensch hat es verdient, dass die Gesellschaft ihn stützt und ein Leben ermöglicht, in welchem die Befriedigung der Grundbedürfnisse sichergestellt ist. 

Freizeit

Unsere Welt zwingt Menschen häufig dazu, etwas zu tun, zu arbeiten, das sie nicht wollen. Sie benötigen freie Zeit, in der sie sich selbst verwirklichen oder einfach nur sie selbst sein können. Eine Zeit der Erholung, des Zurücklehnens und Entspannens.

Als soziales Lebewesen möchte ein Mensch Zeit mit anderen Menschen verbringen. Die Aufgabe eines Staates, der eine Gemeinschaft von Menschen darstellt, ist es deshalb, Begegnungen und Freizeitaktivitäten für alle Menschen, die dies wünschen, zu ermöglichen.

Liebe

Menschen benötigen Liebe. Es ist wichtig für uns Menschen den Mut zu haben zu zeigen, wenn wir uns mögen. Distanz mag zwar Sicherheit bieten, doch Begegnung schafft Vertrauen und Liebe schafft Zusammenhalt. Wir sind eine starke Gemeinschaft, die Menschen aufnimmt und wertschätzt, sie glücklich macht und ihnen hilft, sich selbst zu verwirklichen, wenn wir gegenseitige Zuneigungen als hohes Gut sehen und bereit sind uns zu mögen.

Die Natur und der Mensch

Veränderung und Erhalt

Wir haben nur diese eine Erde. Zerstören wir sie, zerstören wir uns, da der Mensch ein Teil der Erde ist und die Erde ist ein Teil des Menschen. Dadurch beinhaltet die freie Entfaltung eines jeden, immer auch die freie Entfaltung der Natur, der Schutz des Menschen, beinhaltet den Schutz der Natur.

Verändern wir die Erde, verändern wir unsere Umwelt, so verändern wir auch uns. Wir werden immer unsere Umwelt verändern, weil es immer Fortschritt geben wird und somit Veränderungen.

Der Mensch benötigt eine lebenswerte Umwelt, eine lebenswerte Erde, die ihm Gesundheit und ein langes Leben beschert. Dies ist möglich, wenn wir unsere Erde erhalten und alles Lebendige wertschätzen, denn es ist der Grund warum wir leben, atmen, trinken und uns ernähren können. Unabhängig von der Wertigkeit allen Lebens, benötigen wir das Leben aller Lebewesen um selbst leben zu können.  

Unsere Zukunftsaufgabe besteht also darin, unsere Umwelt zu verändern, gleichzeitig aber auch, zu erhalten. Wir müssen lernen sie zu verändern, ohne zu zerstören.

Die Mensch und die Tiere

Der Mensch ist ein Teil der Natur und die Natur ist ein Teil des Menschen. Alles Lebendige und Existierende bildet die Natur und damit den Planeten Erde. Verändern wir etwas, so verändern wir die Erde und somit auch uns. Alles, was wir tun, hat Auswirkungen auf unser Leben. Deshalb sollten wir besonders bedacht vorgehen.

Auch Tiere sind ein Teil der Natur, somit sind auch sie ein Teil des Menschen. Die Behandlung der Tiere hat immer auch Auswirkungen auf uns Menschen. 

Der Mensch ist ein Allesfresser und benötigt momentan noch Fleisch für eine gesunde und ausreichende Ernährung. Auch Tiere sind zu dieser Erde gehörende Lebewesen und als ein Teil unserer Umwelt hat ihre Behandlung auch immer Auswirkungen auf uns. Dies sollten wir bedenken und ihr Wohlergehen sollte uns, so weit als möglich, am Herzen liegen.

Sowohl der bestmögliche Schutz der Natur an sich, als auch der Schutz der Tierwelt, macht eine ökologische Landwirtschaft und Tierhaltung notwendig. 

Einklang

Wir haben nur diese Erde. Und diese Erde wird nur weiterexistieren, wenn wir ihre Schätze nicht vernichten und keinen Raubbau betreiben. Unser Ziel muss es sein, den bestmöglichen Einklang mit der Natur, bzw. der Erde zu finden.

Wir können den Fortschritt nicht aufhalten und wollen dies auch nicht. Fortschritt bedeutet immer Veränderung, doch sollten wir uns stets bemühen, dass unsere Veränderungen zum Wohle aller sind und somit auch zum Wohle der gesamten Natur, oder diese zumindest nicht schädigen. Schädigen wir sie, so schädigen wir letzten Endes uns selbst.

Die Verdrehung der Begriffe links und rechts nimmt exzentrische Auswüchse an

Ich wurde auf einen interessanten Beitrag in Facebook aufmerksam gemacht, den ich hiermit verlinken möchte:

https://www.facebook.com/susan.bonath/posts/2996815270387806

(Sollte jemand den Text hier nicht lesen können, dann habt ihr Sicherheitseinstellungen, die das verhindern. Ihr könnt über den roten Link auf den Artikel zugreifen: https://www.facebook.com/susan.bonath/posts/2996815270387806)

Die Verirrung der Deutschen: Wo ist rechts, wo links?

“Links”, “Mitte” und “Rechts” sind zu leeren Worthülsen geworden, um die eignen Handlungen zu rechtfertigen.

Wer ist heutzutage „links“?

„Links“ zu sein ist chic unter „Gutmenschen“. Wenn du zu den „besseren“ Menschen gehören möchtest, bist du „links“. Und alles, was du äußerst, ist fortan „links“. Man ist „links“, weil man nicht „rechts“ ist und „rechts“, da sind die Bösen oder Idioten. „Links“ ist auch „intellektuell“, auch wenn man nicht weiß, ob es „Carl Marx“ heißt oder „Karl Marks“. Und überhaupt: Was hat das mit Marks oder Marx oder wie der heißt zu tun? Muss man das wissen?

„Yo, man, I‘m links! I‘m cool, let‘s eat pizza with red tomatoes!“

Und damit hat man eigentlich schon den kompletten geistigen Inhalt der heutigen Linken zusammengefasst: Pizza. Schöner bunter Belag auf roter Soße, wobei ne Sahne-Soße auch ok wäre.

Was ist heutzutage „rechts“?

Wer „rechts“ ist, ist nicht so „naiv“ wie diese „linksversifften“ Hippies, ist „anständig“ und hat noch „Werte“! Jawohl! Außerdem ist man nicht so „ignorant“, wie diese „linken Weicheier“ und erkennt die Gefahren, vor denen man Deutschland schützen muss! Jawohl! Ein Mann ist ein Mann und eine Frau eine Frau, basta, äh: Jawohl!

Und apropos „basta“: Das sind Nudeln und keine Pasta und da lass ich nur Schweinefleisch und Bratensoße dran!

Wer rechts ist, liebt Schweinefleisch mit Bratensoße – und das muss reichen – und ist nicht links, natürlich, deshalb ist man ja rechts. Bunt ist ne Illusion des Geschmacks, gute deutsche Bratensoße reicht. Blöde „linksversiffte Lügenpresse!

Wo ist die Mitte?

Ganz einfach: Die Mitte ist da, wo nicht „links“ ist und auch nicht „rechts“.

Weil alle „Linken“ „linksradikal“ sind und alle Rechten „rechtsradikal“, flüchten manche in die „Mitte“ und sagen: Zu dehnen gehöre ich nicht! Ich bin nicht radikal!

Radikal kommt zwar von radix = Wurzel, aber sich zu entwurzeln macht ja nichts: Lieber tot als rot oder braun, wie „alle anderen“.

Wir wollen mit den „Linken“ und „Rechten“ nichts zu tun haben, wir sind die Partei der Mitte! Für uns also die Pizza ohne Belag, nur mit Nudeln, ohne Soße!

Schmeckt zwar nicht, braucht keiner, aber zumindest ists nicht „rechts“ oder „links“, also muss es lecker sein und obs schmeckt ist doch egal!

Ich gehöre nicht zu denen!

Inzwischen ist es so, dass jeder Angst hat, mit dem „Anderen“ gesehen zu werden. Die „Linken“ haben Angst, man könne sie mit einem „Rechten“ sehen und die in der Mitte nehmen vor beiden Reißaus.

Und so kommt es, dass sich alle vor allem damit beschäftigen, den jeweils anderen zu meiden. Man weiß zwar nicht, wer der andere ist und was er genau denkt, aber meiden ist wichtig und ja nie den Eindruck vermitteln, man hätte ähnliche oder gar gleiche Ansichten!

Mitte, Links und Rechts beim Tierarzt

Stellt euch mal vor, Frau Links, Frau Mitte und Frau Rechts gingen zum Tierarzt, Herrn Vater Staat, um ihre Hunde einschläfern zu lassen. Sie wollen beide lieber ein neueres Modell.

Frau Linke würde vorher zu ihrem Hund sagen: Lass uns Gassi gehen und dann beim Tierazt etwas Leckeres essen! Und, während sich der Hund auf das leckere Essen freut, bekommt er so nebenbei die Spritze.

Frau Rechte würde sagen: Ein echter Hund stirbt aufrecht! Würde ihn strammstehen lassen und dann ihm eine Spritze geben.

Oh Gott, wie könnt ihr eure Hunde nur töten! Schreit da die Frau Mitte, sperrt ihren Hund in die Kammer und lässt ihn von alleine sterben (=verdursten).

Ergebnis: Alle Hunde sind tot. Dem einen wurde vorher noch was Liebes zugeflüstert, dem anderen wurde erklärt, dass man stolz stirbt, den letzten lies man verdursten, damit das Weibchen sich nicht für rechts oder links entscheiden musste.

Auf Minderheiten übertragen, und ich gehöre zu einer solchen, bedeutet dies:

Linke: Ich versteh dich voll und ganz. Du bekommst ein Sternchen – und sie stoßen dir das Messer heimlich in den Rücken, während du lächelst (denn Rechte sollt du nie bekommen, aber Aufmerksamkeit)

Rechte: Scheiß Minderheit! Und schon hast du das Messer von vorne durch die Brust. Minderheiten nerven und müssen weg.

Mitte: Minderheit? Welche Minderheit? Ist doch alles gut hier. Dann vergessen sie dich und machen dich unsichtbar.

Wohin jetzt?

Anstand ist eigentlich etwas Gutes und Werte sind auch etwas, das man haben und schützen sollte. Doch unsere Welt verändert sich auch und wird bunter. Das können wir nicht aufhalten und es ist eigentlich auch schön. Es ist schön, dass es noch Bratensoße gibt, doch Pizza ist auch lecker.

Vielleicht sollten wir uns nicht mehr so viel über das Essen unterhalten, oder darüber, ob wir am linken oder rechten Tisch beim Essen sitzen. Diese Begriffe sind irrelevant geworden: Man isst an allen Tischen gut. Manche haben vielleicht mehr Licht, andere sind kuscheliger.

Wir sollten uns nicht mehr fragen, an welchem Tisch wir sitzen sollen, sondern mit wem. Mit wem möchte ich mich verabreden, mit wem kann ich gemeinsam etwas tun, etwas erreichen. Dann kann man sich zusammensetzen, jeder isst was er mag, und gemeinsam etwas in Angriff nehmen.

Auf der Demo in Stuttgart, deren Ziel es war, gegen die Aufhebung der Grundrechte Flagge zu zeigen, wurden auch einige Rechtsradikale gesehen, mit einer Tannenberg-Schrift auf den T-Shirts. Zumindest behaupten das manche. Ich war auch auf der Demo und ich bin Anarchistin. Anarchisten sind das 100%ige Gegenteil der Rechtsradikalen. Dennoch, waren wir beide da.

Was sagt uns das? Erst mal, dass offensichtlich Rechtsradikale Grundrechte gut finden. Doch: Warum sind die dann „rechtsradikal“? Nur aus Prinzip? Weil sie „nicht linksversifft“ sind? Weil die „linksversiffte Lügenpresse“ diese Demo als „unterwandert von Rechtsradikalen“ beschrieben und davor gewarnt hat? Na, wenn das nicht genug Gründe sind, für das Grundgesetz zu kämpfen!

Warum war ich da, mit Thoreau im Herzen? Weil ich nicht noch mehr Beschränkungen wollte, weil ich Angst hatte, wohin dies alles führen könnte und weil ich einen besseren Staat wollte.

Sind nun Demos für Grundrechte plötzlich rechtsradikal, weil da ein rechtsradikaler auf der Demo war? Oder ist für Grundrechte zu sein, anarchistisch, weil auch ich auf der Demo war?

Die AntiFa und der DGB machten eine Gegendemo, gegen die Grundrechte (bzw. gegen die „Demo für Grundrechte“), weil dort, unter den 10.000 Menschen, auch 5 Rechtsradikale waren und die Anderen sich deshalb „mit den rechtsradikalen verbrüdern für mehr Grundrechte“.

Grundrechte waren plötzlich schlecht, weil auch ein paar Rechtsradikale dies wollten.

Ok.

Muss ich das verstehen?

Wären wir wieder beim Anfang: Warum ist jemand links? Weil er „rechts“ blöd findet. Und warum ist jemand „rechts“? Weil er „links“ blöd findet. Um Inhalte gehts schon lange nicht mehr.

Deshalb: Es muss wieder um Inhalte gehen und um klare Ziele und das schaffen wir nur, wenn wir den rechts-links-Scheiß endlich lassen. Die Begriffe sind eh bedeutungslos geworden. Oder hat irgendjemand von euch noch den Eindruck, dass es einen Unterschied macht, wer von den Parteien uns regiert?

Persönlicher Schluss

Ich nenn mich manchmal eine studierte Linke, weil ich meine Soziologie-Prüfung über die marxistische Familien- und Geschichtssozialorgie machte und meine Abschlussarbeit über den Vergleich marxistischer und daoistischer Rechtsauffassung (dass ich asiatische Philosophien sehr schätze, müsste euch schon aufgefallen sein). Dennoch liegt mir mein Thoreau mehr am Herzen und ist Gandhi ein größeres Vorbild.

In der Schule hatte ich Latein, weil ich Theologie studieren wollte. Auch bin ich sehr christlich, und finde es hervorragend, was die Theologie der Befreiung geschafft hat, aber dennoch bin ich aus der (evangelischen) Kirche ausgetreten, weil ich es nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren konnte.

Doch egal, ob man Marx liest, Thoreau, Gandhi, Laodse oder die Worte Jesu: Es geht immer darum, Verantwortung zu übernehmen. Wir ändern nur etwas, wenn wir handeln. Es spielt keine Rolle, was wir denken, sondern, was wir tun. Dies äußern übrigens Marx und Jesus und Laodse mahnt zur Vorsicht.

Man kann christliche Werte schätzen und dennoch eine linke Anarchistin sein. Diese „Lehren“ harmonieren perfekt, es ist nur unser Glaube, dass etwas nicht harmonieren würde. Ich denke, dass dieses „Ich bin nicht …“ das eigentliche Übel ist. Wenn ich mich dadurch definiere, dass ich „nicht bin“, bin ich eigentlich auch nichts, außer jemand, der nicht „für“ etwas eintritt. Und so tue ich mich mit Menschen zusammen, die alle etwas „nicht sind“. Unsere Existenz hat dann zum Sinn, etwas nicht zu sein, etwas zu verhindern. Doch aus dem Verhindern wächst nichts Neues.

Wenn wir „für“ etwas sind, können wir gemeinsam für etwas sein und gemeinsam für etwas einstehen und Neues entstehen lassen. Dies geht aber nur, wenn uns unser Ziel wichtig ist, das Gemeinsame und Soziale wichtig sind, nicht die Abgrenzung.

Wir beschäftigen uns viel mehr damit, was jemand ist, oder scheinbar sein könnte oder welches T-Shirt jemand trägt. Wir beschäftigen uns mit Äußerlichkeiten und unseren Annahmen über andere. Doch ist dies Bullshit! Nicht das Sein des Anderen bedroht uns oder sein Erscheinungsbild, sondern seine Handlungen.

Wenn wir also das Gleiche tun, für das Gleiche eintreten, dann ist der andere keine Bedrohung mehr. Er ist ein Mitschreiter in Richtung des gemeinsamen Ziels. Und was er dabei denkt, oder welches T-Shirt er trägt … scheiß drauf! Gemeinsam verändern wir was.

Das Buch der Zitate 1: Maslow, Seattle, Hikmet, Gandhi, Millay

In einer düster scheinenden Welt, können manche Aussagen die Hoffnung sein, die man gerade braucht.

Die Zeit des Hasses

Misstrauen ist das eigentliche Gift in unserem Herzen, vielleicht so gar das einzig existierende.

“Jeder Glaube, der die Menschen dazu bringt, dass sie einander und sich selbst unnötig misstrauen und in einer unrealistischen Weise pessimistisch hinsichtlich der menschlichen Möglichkeiten sind, ist zum Teil für jeden Krieg verantwortlich zu machen, der je geführt wurde, für jeden rassischen Antagonismus und für jedes religiöse Massaker” (Abraham Maslow)1

Wir leben in einer schrecklichen Zeit des Hasses, der Intoleranz und Denunziation. Es fällt mir schwer mir vorzustellen, dass es noch schlimmer kommen könnte, doch Angst davor habe ich.

Schon seit vielen Jahren sehe ich diese Entwicklung zur sozialen Isolation, zur Verantwortungslosigkeit und die zuzunehmende Distanz. Das habe ich in meinem Text “Das „Hallo!“, das Erkennen und die Liebe versucht auszudrücken. Der Corona-Wahn ist nur die Spitze des Eisbergs, die Folge, nicht die Ursache.

Der zunehmende Hass gegen Menschen, die anders sind und der Wunsch, sie aus unserem Denken zu tilgen, ist schon lange bemerkbar und gipfelt darin, dass man Sterne verwendet um Minderheiten zu markieren, um sie besser aus dem Denken löschen zu können. Wenn jeder mitgenannt ist, muss man niemanden mehr nennen, an niemanden mehr denken und kann alle vergessen. Auch darüber habe ich hier bereits geschrieben.

Nun brennen LKWs von Menschen, die friedlich für Grundrechte demonstrieren wollen.

Und niemand fühlt sich schuldig.

Das Buch der Zitate

Ich habe ein Buch mit Zitaten. Ich habe es schon sehr lange und immer wenn ich etwas Schönes finde, das ich nicht vergessen möchte, schreibe ich es auf. Es hilft diese Zitate zu lesen um zu wissen: Nicht die ganze Welt ist verrückt. Es gab schon einmal Menschen, die anders dachten, und es gibt sie wahrscheinlich noch immer

Es gibt Hoffnung. Vielleicht träumen doch mehr, als man denkt.

Die Fragen des Häuptlings

Von Häuptling Seattle, dem Häuptling der Suquamish, ist eine sehr lange Rede erhalten. Die berühmtesten Zeilen daraus sind wohl:

„Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann“

Diesen Text gibt es als Aufkleber (leider oft falsch betitelt als Weissagung der Cree) und dient als Mahnung vor Kapitalismus und Umweltzerstörung.

Doch er sagte noch viel mehr. Wie gesagt, es ist eine sehr lange Rede gewesen.

„Der große Häuptling in Washington sendet Nachricht, dass er unser Land zu kaufen wünscht […].
Wie kann man den Himmel kaufen oder verkaufen?
Diese Vorstellung ist uns fremd. Wenn wir die Frische der Luft und das Glitzern des Wassers nicht besitzen, wie könnt ihr sie dann von uns kaufen?
[…] Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig. […]
Unsere Toten vergessen diese wunderbare Erde nie, denn sie ist des roten Mannes Mutter. Wir sind ein Teil der Erde und sie ist ein Teil von uns. […]
Wenn also der große Häuptling in Washington uns Nachricht sendet, dass er unser Land zu kaufen wünscht, so verlangt er viel von uns […].“2

Mein Eindruck ist, dass uns heute nur noch wenig heilig ist: Die Erde schon lange nicht mehr, die Menschen inzwischen auch nicht mehr. Wer anders ist, passt nicht, bekommt ein Sternchen oder „d“, für „divers“, nur um zu zeigen: „Du gehörst nicht zu uns und um das klar zu machen, bekommst du eine eigene Bezeichnung“. Aber in Wirklichkeit geht es darum, den „Anderen“, die „Abartigen“ besser erkennen zu können. Und das nennt man dann „Identität“.

„Denn vor allem schätzen wir das Recht eines jeden Menschen, so zu leben, wie er selbst es wünscht, gleich wie verschieden von seinen Brüdern er ist“ (Häuptling Seattle)3

Wir schätzen weder die Verschiedenartigkeit, noch das Glitzern des Wassers oder die frische der Luft. Wir verpesten die Luft, das Wasser und das Denken über unsere Mitmenschen.

Aber „wir“ sind nicht alle. Es scheint vielleicht so zu sein, als würden dies „die Menschen“ machen, aber es machen nicht alle. Sie fallen nicht auf, denn es sind wenige, die sich an der Vielfalt der Menschen erfreuen, die die Schönheit in allem und jedem sehen können. Aber es gibt sie noch und sie sind die Hoffnung.

Vielleicht lesen wir einmal von ihnen, vielleicht, eines Tages, bekommen wir sogar einen Brief.

Der Optimismus des Dichters

Ich schreibe Gedichte,
sie werden nicht gedruckt,
aber man wird sie noch drucken.

Ich warte auf einen Brief mit einer frohen Botschaft.
Er kommt vielleicht an dem Tag, an dem ich sterbe,
aber er wird sicher kommen.

Nicht der Staat, nicht das Geld
haben den Menschen im Griff, sondern der Mensch,
hunder Jahre später vielleicht,
mag sein,
aber es wird sicher so kommen.

(Nazim Hikmet „Optimismus“, 1957)4

Nazim Hikmet ist ein türkischer Dichter. Sein Geburtsland hat es immer noch schwer, gebeutelt von Machtübernahme, Flüchtlingen und dem Corona-Wahn liegt es am Boden und man befürchtet, dass es demnächst zum zweiten Griechenland wird. Alles, wegen unserer Gier, unserem Drang zur Vorherrschaft, auch in diesen Zeiten. Und unserem Misstrauen in den Anderen.

Nazim Hikmets Leben bestand aus Flucht und viel Gefängnis. Egal, wo er sich aufhielt, er schaffte es doch immer wieder die falschen Ansichten zu vertreten (er war Kommunist). 1963 starb er und bis 1965 waren seine Werke in der Türkei verboten.

Bücher zu verbieten bedeutet eigentlich immer, dass man Angst vor deren Inhalt hat. Man traut der Sprache so viel Macht zu, dass man versucht, geschriebene Worte an der Weiterverbreitung zu hindern.

Vielleicht hätte Seattle dazu gesagt, dass sein Volk gut sprechen und erzählen könne. Wie der weiße Mann glauben könne, man könne Worte einsperren?

Manches soll nicht gesagt werden, weil es uns Angst macht. Angst, es könne etwas Schreckliches verursachen.

Wir haben verlernt zu vertrauen.

Und Misstrauen ist das eigentliche Gift in unserem Herzen.

Wenn wir uns weniger begegnen, wie sollen wir dann wissen, ob wir uns trauen können?

Distanz schafft Angst, Angst schafft Hass und Denunziation.

Begegnungen schaffen jedoch Vertrauen. Da, wo sich Menschen begegnen, können Worte getauscht werden und Reaktionen auf Worte erlebt werden. Denn der Mensch begegnet uns in der Sprache und am stärksten und unmittelbarsten im gesprochenen Wort.

Wenn wir uns wirklich begegnen, ohne Masken, offen und ehrlich, merken wir, dass wir keine Angst haben müssen.

Wir haben es im Griff, wir bestimmen letzten Endes und das können wir gemeinsam.

Die Hoffnung des Anarchisten

„Wenn einmal das Leben der Menschen so vollkommen sein wird, dass es sich von selbst regelt, sind keine Repräsentanten mehr nötig. Wir werden sodann eine aufgeklärte Anarchie haben. In einem solchen Staat wird jeder sein eigener Herrscher sein. Jeder wird sich dann so regieren, dass er seinem Nachbarn niemals im Wege steht. Im idealen Staat wird also keine politische Macht vorhanden sein, weil überhaupt kein Staat mehr besteht.
Doch das Ideal ist im Leben niemals voll zu verwirklichen. Daher der klassische Satz Henry Thoreau‘s, wonach jene Regierung die beste ist, die am wenigsten regiert.“ (Gandhi)5

Regieren muss man, wenn man Angst hat, was passiert, wenn man die Zügel aus der Hand gibt, wenn man Angst vor den Menschen hat. Man muss ihnen dann Regeln, Gesetze und Strafen geben, damit sie sich daran halten und wir uns vor ihnen sicher fühlen.

Noch sicherer: Distanz, keinen Kontakt. Ein „Hallo!“ muss reichen und die Maske auf!

Menschen, die nach Regierungen und Regelungen schreien, sind Menschen, die Angst vor sich selbst haben – und dadurch auch Angst vor den Mitmenschen. Die Schlechten benötigen den Staat, die Guten sich selbst und ihre Mitmenschen.

Es war herrlich in Stuttgart an drei Samstagen auf den Wasen6 zu gehen, zu einer großen Demonstration und zu erleben: Es ist okay, ich muss keine Angst haben. Es gibt sie noch, diejenigen, die reden wollen – und keine Distanz.

Es gibt ihn noch, den Keim, der vielleicht wächst. Soziales Verhalten kann man so wenig aufhalten, wie das Glitzern des Wassers. Vielleicht kurzfristig, doch nicht auf Dauer. Der Keim wird es schwer haben, aber er wird sicher wachsen und ich werde ihn sehen. Wir werden wieder aufeinander zugehen, vorsichtig, weil Hass und Misstrauen immer noch als Gift in den Herzen vieler sind.

Und vielleicht schaffen es dann immer mehr Menschen, wieder Verantwortung für sich und ihre Mitmenschen zu übernehmen, aufeinander zuzugehen, einfach, aus sich selbst heraus, ohne Regeln, ohne Zwang, weil wir tief in uns wissen, dass dies richtig ist und soziale Distanz falsch.

Es gibt sie bereits, die es tun, die sich begegnen, gleich und gleich, in der Sprache, in der Nähe, doch gehen sie noch in der Menge unter, sind unsichtbar.

Ich denke, ich werde es sehen, das Aufgehen des Keims, doch bezweifle ich, dass ich noch zu Lebzeiten ein wirklich vertrauensvolles Miteinader der Mehrheit der Menschen erleben werde. Doch wer weiß. Wir kennen die Zukunft nicht und das ist auch gut so. So gibt es immer Hoffnung.

My candle burns at both ends;
It will not last the night;
But ah, my foes, and oh, my friends–
It gives a lovely light!

(Edna St. Vincent Millay, “First Fig”)7

Fußnoten und Anmerkungen

1Abraham H. Maslow, Motivation und Persönlichkeit (Reinbek: Rowohlt, 2008).

2Rene Bardet und Poesie & Musik, Vielleicht, weil ich ein Wilder bin : Worte des indianischen Häuptling Seattle an den amerikanischen Präsidenten im Jahre 1855, Vinyl, LP (Wundertüte (Sony), 1997).

3Bardet und Poesie & Musik.

4Leider konnte ich die genaue Quelle nicht mehr finden.

5Gnaue Quelle habe ich mir leider nicht notiert. Bis auf den ersten Satz befindet sich dieses Zitat jedoch auch in: Mohandas Karamchand Gandhi und Richard Attenborough, Ausgewählte Texte, Dt. Erstveröff., 6. Aufl, Goldmann-Taschenbücher 6577 (München: Goldmann, 1984), 37.

6Große Veranstaltungsfläche in Stuttgart-Bad Cannstatt. Auf ihr findet u.a. das Volksfest statt.

7Harriet Monroe, Hrsg., Poetry. A Magazine of Verse, Bd. 11, Poetry. A Magazine of Verse 3 (Chicago, 1918), 130, https://www.poetryfoundation.org/poetrymagazine/browse?contentId=14095.

Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat

Civil Disobedience” ist die wichtigste Schrift zum gewaltfreien Widerstand und über unsere Verantwortung als Bürger.

Statt eines Vorwortes: Gandhi und M.L. King

Mohandas K. Gandhi über diese Schrift:

“[…] ich habe ‘Walden’ [von Henry David Thoreau] zuerst 1906 in Johannesburg in Südafrika gelesen, und seine Ideen haben mich stark beeinflusst. Ich übernahm einige davon und empfahl das Studium von Thoreau allen meinen Freunden, die an der Sache der indischen Unabhängigkeit mitarbeiteten. Das ist der Grund, warum ich den Namen meiner Bewegung eigentlich von Thoreaus Essay ‘Über die Pflicht des [zivilen] Ungehorsams’ übernommen habe, der vor etwa achtzig Jahren geschrieben wurde. Bis ich diesen Aufsatz las, habe ich nie eine passende englische Übersetzung für mein indisches Wort Satyagraha gefunden. Sie erinnern sich, dass Thoreau die Idee des zivilen Ungehorsams in Concord, Massachusetts, erfunden und praktiziert hat, als er sich aus Protest gegen die Regierung der Vereinigten Staaten weigerte, seine Kopfsteuer zu zahlen. Er ging auch ins Gefängnis. Es besteht kein Zweifel, dass Thoreaus Ideen meine Bewegung in Indien stark beeinflusst haben”. (Quelle: University of North Florida, Thoreau’s Table)

“Thoreau war ein großer Schriftsteller, Philosoph, Dichter und gleichzeitig ein sehr praktischer Mann, das heißt, er lehrte nichts, was er nicht selbst zu tun bereit war. Er war einer der größten und moralischsten Männer, die Amerika hervorgebracht hat. Zur Zeit der Abschaffung der Sklavenbewegung schrieb er seinen berühmten Essay “Über die Pflicht des zivilen Ungehorsams”. Er ging um seiner Prinzipien und der leidenden Menschheit Willen ins Gefängnis1. Sein Essay ist daher durch das Leiden geweiht2 worden. Mehr noch, ist es zeitlos geworden3. Seine einschneidende Logik ist unbeantwortbar”. (Agyei und “For Passive Resisters” von Mahandas K. Gandhi; 1907)

Martin Luther King über diese Schrift:

“Hier, in der Weigerung dieses mutigen Neuengländers seine Steuern zu zahlen, und das Gefängnis zu wählen, anstatt einen Krieg zu unterstützen, der das Gebiet der Sklaverei bis nach Mexiko ausdehnen würde, kam ich zum ersten Mal mit der Theorie des gewaltlosen Widerstands in Berührung. Fasziniert von der Idee, die Zusammenarbeit mit einem bösen System zu verweigern, war ich so tief bewegt, dass ich das Werk mehrmals wieder las.
Ich kam zu der Überzeugung, dass die Nicht-Zusammenarbeit mit dem Bösen ebenso eine moralische Verpflichtung ist, wie die Zusammenarbeit mit dem Guten. Kein anderer hat sich so wortgewandt und leidenschaftlich dafür eingesetzt, diese Idee zu vermitteln, wie Henry David Thoreau.

Aufgrund seiner Schriften und seines persönlichen Zeugnisses sind wir die Erben eines Vermächtnisses des kreativen Protests. Die Lehren von Thoreau wurden in unserer Bürgerrechtsbewegung lebendig; sie sind sogar lebendiger als je zuvor. Ob sie sich an einem Sitzstreik bei der Essenstheke4, einer Freiheitsfahrt nach Mississippi5, einem friedlichen Protest in Albany, Georgia6, einem Busboykott in Montgomery, Alabama7, äußern – dies sind Auswüchse von Thoreaus Beharren darauf, dass man dem Bösen widerstehen muss und dass kein moralischer Mensch sich geduldig an Ungerechtigkeit anpassen kann.” (M. L. King, Autobiographie)

Anmerkungen

1Original: “He went to gaol for the sake of his principles and suffering humanity. “

2Original: “sanctified”. Bedeutet auch “geheiligt”. Durch seine Tat zeigte Thoreau, wie ernst es ihm mit dem, was er sagte, war. Deshalb war es eine Art “Weihe” seines Werkes, nach meinem Verständnis.

3Original: “Moreover, it is written for all time.”

4Hier ist das “Greensboro sit-in” gemeint. So genannte “Afroamerikaner” weigerten sich bei Woolworth ihre Plätze an der Theke zu verlassen, nachdem sie ihr Mittagessen bekommen hatten.

5Original: “freedom ride into Mississippi”. Der “Freedom Ride” nach Mississippi fand am 25. Mai 1961 statt, als eine Gruppe von elf “Schwarzen” und einem “Weißen” mit dem Bus von Montgomery (in Alabama) nach Jackson (in Mississippi) fuhren und dort ins Wartezimmer für Weiße gingen.

6Seit etwa 1. November 1961 gab es regelmäßig friedliche Proteste in Albany durch das “Albany Movement”, also die Albany-Bwegung.

7Nachdem Rosa Parks sich am 1. Dezember 1955 geweigert hatte, sich im Bus nach hinten zu sitzen, auf die Plätze für “Schwarze”, kam es in Montgomery am 5. Dezember zum Boykott der Busse, also des öffentlichen Nahverkehrs.

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Das „Hallo!“, das Erkennen und die Liebe

Social Distancing” ist keine neue Erfindung, sondern eine Krankheit, die mir schon länger Sorgen bereitet.

Vom Hallo, Hi & Guten Tag

Schon länger diskutierte ich mit Menschen darüber, dass „Hallo“ keine deutsche Anrede ist, genauso wenig, wie „Hi!“ oder „Guten Tag!“. Es hat sich verbreitet, wenn man nicht „Sehr geehrte/r“ schreiben will, statt dessen „Hallo“ zu schreiben, oder „Guten Tag!“. Was gemieden wird, wie vom Teufel das Weihwasser, ist die Anrede „Liebe/Lieber…“.

Die Anreden „Sehr geehrte/sehr geehrter“ und „Liebe/Lieber“ stellen eine Beziehung her, bzw. drücken eine Beziehung aus. „Hallo“, „Hi“ und „Guten Tag“ enthalten sich jeder Beziehungsaussage, vermeiden die Beziehungsaufnahme. „Hallo!“ bedeutet immer auch: „Hallo! Ist da jemand?“ „Hallo“ ist immer Distanz, Vorsicht, „Hallo“ ist immer das Vermeiden von Beziehungen, ein ängstliches Wahrnehmen des Anderen.

Wir leben in einer Zeit, in der jeder versucht enge Beziehungen zu vermeiden. Abstand und Distanz ist das, was unsere Gesellschaft auszeichnet. „Liebe“ hat für viele etwas mit Sex zu tun. Nähe macht Angst, Distanz gibt Sicherheit. Zudem gibt es unzählige Berichte von sexuellem Missbrauch, was zusätzlich den Argwohn gegenüber Menschen, die mit Kindern zu tun haben, stärkt. Und die Pseudo-Anrede „Hallo“ drückt genau dies aus: Ich nehme mit jemandem Kontakt auf, ohne dabei eine Beziehungsaussage zu machen.

Wir leben in einer Distanzgesellschaft. Ich sehe Verbesserungen in den letzten Jahren, aber Nähe ist immer noch ein Fremdwort in menschlichen Beziehungen.

Ich fing vor einigen Jahren an, jede und jeden mit „Liebe/Lieber“ anzuschreiben, wenn man mich mit „Hallo“ anschrieb. Meine Hoffnung war und ist, dadurch die Menschen zum Denken anzuregen.

Was mir zudem sehr absurd vorkommt: Ich hatte eine Zeit lang eine Sprachschule und unterrichtete Menschen, die nach Deutschland kamen, in Deutsch. Diesen Menschen bringen wir bei, dass es in Deutschland zwei verschiedene Anreden in Briefen gibt, nämlich „Liebe/Lieber“ oder „Sehr geehrte/geehrter“. Doch wer das scheinbar nicht weiß, sind die Deutschen.

Diese Distanzgesellschaft ist dafür verantwortlich, dass sich Nachbarn weniger umeinander kümmern, Menschen sich weniger grüßen oder konstant links fahren, Hartz4 eingeführt wurde, etc. Der Andere ist uns egal geworden, frei nach dem Motto: Wenn jeder sich um sich kümmert, dann ist für alle gesorgt. Politik hat alle gefrustet und die Jugend interessierte sich für nichts, was daran etwas geändert hätte.

Greta Thunberg, alle lieben dich, du hast dafür gesorgt, dass viele merkten, dass sie ja doch eine Verantwortung haben, doch hätten wir dich 10 Jahre früher gebraucht.

Ich denke, inzwischen haben es mehr Personen festgestellt, dass wir uns in eine falsche Richtung bewegen, doch viel geändert hat sich nicht.

Von einer Pädagogin

Ich liebe meine Schülerinnen und Schüler und könnte sie nie freiwillig im Stich lassen. Und dies vor mir selbst zuzugeben, war auch für mich innerlich ein großer Schritt, weil auch ich immer glaubte, dass Distanz etwas mit Professionalität zu tun habe. Doch dadurch, dass ich es zugeben konnte, dass mir diese jungen Menschen viel bedeuten, wurden sie von Kunden zu Menschen.

Ich konnte ihnen als Menschen begegnen und auch zugeben, dass sie mir wichtig sind. Die körperliche Distanz verhinderte für mich Missverständnisse und gab auch mir die Sicherheit, die ich benötigte.

Nähe bedeutet nicht unbedingt sich zu berühren, sondern da zu sein und dies auch sprachlich und durch Handlungen auszudrücken.

In meiner Therapieausbildung bei Reinhard Tausch lernte ich, dass große Stärke dazu gehöre, wenn eine Klientin weinte, auf körperlicher Distanz zu bleiben, sitzen zu bleiben und dies auszuhalten. Es half mir, gerade in den Situationen, in denen ich am liebsten her gesprungen und jemanden in den Arm genommen und getröstet hätte. Menschen schätzen es sehr, wenn jemand ihre Trauer, Wut oder Verzweiflung erträgt, da bleibt und ihnen zeigt, dass diese Gefühle in Ordnung sind. „Weine, wenn du magst, wir haben Zeit. Ich bleibe, so lange du willst“.

Dies könnte man sicherlich noch besser machen. Es ist ein Punkt, an dem ich mir noch unsicher bin, in wie weit eine größere Nähe in Ordnung ist, doch in Anbetracht der Möglichkeit von Missverständnissen, vor allem wenn sich zwei Menschen sehr mögen und ein großer Altersunterschied besteht, halte ich die unbedingte körperliche Distanz für notwendig – und dann kann ich auch sagen: „Ich würde dich nie freiwillig im Stich lassen“, „Ich bin da“, ohne dass es missverstanden wird.

Von Liebe und Erkennen

Die Liebe ist eine unterschätze Kraft. Philosophen haben sich schon häufig mit diesem Phänomen auseinandergesetzt und ich möchte eine besonders schöne Stelle, wie ich finde, zitieren. Martin Buber schreibt von einer Begegnung im Du, einer Begegnung, die Distanzen wenig kennt, im Gegensatz zur Begegnung im Es (so Martin Buber), in welcher wir keine echte Beziehung aufbauen und alles um uns herum zum bloßen Ding wird.

Unsere Welt wird gerade zerstört. Das wird sie zwar schon länger, aber erst jetzt scheinen die Menschen aufzuwachen. Hätten wir eine engere, liebevollere Beziehung, eine Du-Beziehung (in den Worten Bubers), hätten wir wohl mehr Probleme damit gehabt, Abgase zu produzieren und Wälder zu roden. Wer einen Baum liebt, fällt ihn nicht und wer einen Menschen liebt, versucht Schaden von ihm fern zu halten.

Doch nun Martin Buber, dessen Worte über Liebe für mich eine große Wahrheit beinhalten:

„Sie steht nicht außer dir, sie rührt an deinen Grund, und sagst du ‘Seele meiner Seele’, hast du nicht zu viel gesagt: aber hüte dich, sie in deine Seele versetzen zu wollen – da vernichtest du sie. Sie ist deine Gegenwart: nur indem du sie hast, hast du Gegenwart; und du kannst sie dir zum Gegenstand machen, sie zu erfahren und zu gebrauchen, du musst es immer wieder tun, und hast nun keine Gegenwart mehr. Zwischen dir und ihr ist Gegenseitigkeit des Gebens; du sagst Du zu ihr und gibst dich ihr, sie sagt Du zu dir und gibt sich dir. Über sie kannst du dich mit andern nicht verständigen, du bist einsam mit ihr; aber sie lehrt dich andern begegnen und ihrer Begegnung standhalten ; und sie führt dich, durch die Huld ihrer Ankünfte und durch die Wehmut ihrer Abschiede, zu dem Du hin, in dem die Linien der Beziehungen, die parallelen, sich schneiden. Sie hilft dir nicht, dich im Leben zu erhalten, hilft dir nur, die Ewigkeit zu ahnen.“1

Einen wichtigen Aspekt heben die Biologen Humberto Maturana und Francesco Varela in ihrem Buch „Der Baum der Erkenntnis“ hervor. In diesem Buch legten sie den Grundstein für die Systemtheorie und schreiben am Ende des Buches:

„Wenn wir wissen, dass unsere Welt not­wendig eine Welt ist, die wir zusammen mit anderen hervorbringen, dann können wir im Falle eines Kon­flikts mit einem anderen menschlichen Wesen, mit dem wir weiterhin koexistieren [zusammenleben] wollen, nicht auf dem beharren, was für uns gewiss ist (auf einer absoluten Wahrheit), weil das die andere Person negieren [verneinen] wür­de. Wollen wir mit der anderen Person koexistieren [zusammenleben], müssen wir sehen, dass ihre Gewissheit – so wenig wünschenswert sie uns auch erscheinen mag – genau­so legitim und gültig ist wie unsere. […]

Die Biologie zeigt uns auch, dass wir unseren ko­gnitiven Bereich ausweiten können. Dazu kommt es zum Beispiel durch […] die Begegnung mit einem Fremden als einem Gleichen oder, noch unmittelbarer, durch das Erleben einer biologischen interpersonellen Kongruenz [zwischenmenschlichen Ehrlichkeit/Übereinstimmung], die uns den anderen sehen lässt und dazu führt, dass wir für sie oder für ihn einen Daseinsraum neben uns öffnen. Diesen Akt nennt man auch Liebe oder, wenn wir einen weniger starken Ausdruck bevorzugen, das An­nehmen einer anderen Person neben uns selbst im täglichen Leben.

Dies ist die biologische Grundlage sozialer Phäno­mene: Ohne Liebe, ohne dass wir andere annehmen und neben uns leben lassen, gibt es keinen sozialen Prozess, keine Sozialisation und damit keine Mensch­lichkeit. Alles, was die Annahme anderer untergräbt – vom Konkurrenzdenken über den Besitz der Wahr­heit bis hin zur ideologischen Gewissheit – untermi­niert den sozialen Prozess, weil es den biologischen Prozess unterminiert, der diesen erzeugt. Machen wir uns hier nichts vor: Wir halten keine Moralpredigt, wir predigen nicht die Liebe. Wir machen einzig und allein die Tatsache offenkundig, dass es, biologisch gesehen, ohne Liebe, ohne Annahme anderer, keinen sozialen Prozess gibt. […] Zu leugnen, dass die Liebe die Grundlage des so­zialen Lebens ist, und die ethischen Implikationen dieser Tatsache zu ignorieren, hieße, all das zu ver­kennen, was unsere Geschichte als Lebewesen in mehr als 3,5 Milliarden Jahren ausgewiesen hat. Es mag uns ungewöhnlich vorkommen und wir mögen uns dagegen sträuben, den Begriff ‚Liebe‘ […] zu gebrau­chen, da wir um die Objektivität unseres rationalen Ansatzes fürchten. […]

Wir haben nur die Welt, die wir zusammen mit anderen hervorbringen, und nur Liebe ermöglicht uns, diese Welt hervorzu­bringen. […]

Der Kern aller Schwierigkeiten, mit denen wir uns heute konfrontiert sehen, ist unser Ver­kennen des Erkennens, unser Nicht-Wissen um das Wissen. […] Es ist nicht das Wissen, dass eine Bombe tötet, sondern das, was wir mit der Bombe zu tun beabsichtigen, was be­stimmt, ob wir sie benutzen oder nicht. Gewöhnlich ignorieren wir diese Einsicht oder drücken uns davor, um nicht die Verantwortung für unser tägliches Tun übernehmen zu müssen. Doch unser Tun – alle unse­re alltäglichen Handlungen ohne Ausnahme – hilft, eine Welt hervorzubringen und zu etablieren, in der wir werden, was wir im Austausch mit anderen wer­den in jenem Prozess des Hervorbringens einer Welt.“2

Fußnoten

1Martin Buber, Ich und Du, 11., durchges. Aufl, Sammlung Weltliteratur (Heidelberg: Lambert Schneider, 1983), 42.

2Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela, Der Baum der Erkenntnis: die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens, 12. Aufl., genehmigte Taschenbuchausgabe, Goldmann-Buch 11460 (München: Goldmann, 2005), 264–68.

Literaturangaben

Buber, Martin. Ich und Du. 11., durchges. Aufl. Sammlung Weltliteratur. Heidelberg: Lambert Schneider, 1983.

Maturana, Humberto R., und Francisco J. Varela. Der Baum der Erkenntnis: die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens. 12. Aufl., genehmigte Taschenbuchausgabe. Goldmann-Buch 11460. München: Goldmann, 2005.

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