Das Buch der Zitate 1: Maslow, Seattle, Hikmet, Gandhi, Millay

In einer düster scheinenden Welt, können manche Aussagen die Hoffnung sein, die man gerade braucht.

Die Zeit des Hasses

Misstrauen ist das eigentliche Gift in unserem Herzen, vielleicht so gar das einzig existierende.

“Jeder Glaube, der die Menschen dazu bringt, dass sie einander und sich selbst unnötig misstrauen und in einer unrealistischen Weise pessimistisch hinsichtlich der menschlichen Möglichkeiten sind, ist zum Teil für jeden Krieg verantwortlich zu machen, der je geführt wurde, für jeden rassischen Antagonismus und für jedes religiöse Massaker” (Abraham Maslow)1

Wir leben in einer schrecklichen Zeit des Hasses, der Intoleranz und Denunziation. Es fällt mir schwer mir vorzustellen, dass es noch schlimmer kommen könnte, doch Angst davor habe ich.

Schon seit vielen Jahren sehe ich diese Entwicklung zur sozialen Isolation, zur Verantwortungslosigkeit und die zuzunehmende Distanz. Das habe ich in meinem Text “Das „Hallo!“, das Erkennen und die Liebe versucht auszudrücken. Der Corona-Wahn ist nur die Spitze des Eisbergs, die Folge, nicht die Ursache.

Der zunehmende Hass gegen Menschen, die anders sind und der Wunsch, sie aus unserem Denken zu tilgen, ist schon lange bemerkbar und gipfelt darin, dass man Sterne verwendet um Minderheiten zu markieren, um sie besser aus dem Denken löschen zu können. Wenn jeder mitgenannt ist, muss man niemanden mehr nennen, an niemanden mehr denken und kann alle vergessen. Auch darüber habe ich hier bereits geschrieben.

Nun brennen LKWs von Menschen, die friedlich für Grundrechte demonstrieren wollen.

Und niemand fühlt sich schuldig.

Das Buch der Zitate

Ich habe ein Buch mit Zitaten. Ich habe es schon sehr lange und immer wenn ich etwas Schönes finde, das ich nicht vergessen möchte, schreibe ich es auf. Es hilft diese Zitate zu lesen um zu wissen: Nicht die ganze Welt ist verrückt. Es gab schon einmal Menschen, die anders dachten, und es gibt sie wahrscheinlich noch immer

Es gibt Hoffnung. Vielleicht träumen doch mehr, als man denkt.

Die Fragen des Häuptlings

Von Häuptling Seattle, dem Häuptling der Suquamish, ist eine sehr lange Rede erhalten. Die berühmtesten Zeilen daraus sind wohl:

„Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann“

Diesen Text gibt es als Aufkleber (leider oft falsch betitelt als Weissagung der Cree) und dient als Mahnung vor Kapitalismus und Umweltzerstörung.

Doch er sagte noch viel mehr. Wie gesagt, es ist eine sehr lange Rede gewesen.

„Der große Häuptling in Washington sendet Nachricht, dass er unser Land zu kaufen wünscht […].
Wie kann man den Himmel kaufen oder verkaufen?
Diese Vorstellung ist uns fremd. Wenn wir die Frische der Luft und das Glitzern des Wassers nicht besitzen, wie könnt ihr sie dann von uns kaufen?
[…] Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig. […]
Unsere Toten vergessen diese wunderbare Erde nie, denn sie ist des roten Mannes Mutter. Wir sind ein Teil der Erde und sie ist ein Teil von uns. […]
Wenn also der große Häuptling in Washington uns Nachricht sendet, dass er unser Land zu kaufen wünscht, so verlangt er viel von uns […].“2

Mein Eindruck ist, dass uns heute nur noch wenig heilig ist: Die Erde schon lange nicht mehr, die Menschen inzwischen auch nicht mehr. Wer anders ist, passt nicht, bekommt ein Sternchen oder „d“, für „divers“, nur um zu zeigen: „Du gehörst nicht zu uns und um das klar zu machen, bekommst du eine eigene Bezeichnung“. Aber in Wirklichkeit geht es darum, den „Anderen“, die „Abartigen“ besser erkennen zu können. Und das nennt man dann „Identität“.

„Denn vor allem schätzen wir das Recht eines jeden Menschen, so zu leben, wie er selbst es wünscht, gleich wie verschieden von seinen Brüdern er ist“ (Häuptling Seattle)3

Wir schätzen weder die Verschiedenartigkeit, noch das Glitzern des Wassers oder die frische der Luft. Wir verpesten die Luft, das Wasser und das Denken über unsere Mitmenschen.

Aber „wir“ sind nicht alle. Es scheint vielleicht so zu sein, als würden dies „die Menschen“ machen, aber es machen nicht alle. Sie fallen nicht auf, denn es sind wenige, die sich an der Vielfalt der Menschen erfreuen, die die Schönheit in allem und jedem sehen können. Aber es gibt sie noch und sie sind die Hoffnung.

Vielleicht lesen wir einmal von ihnen, vielleicht, eines Tages, bekommen wir sogar einen Brief.

Der Optimismus des Dichters

Ich schreibe Gedichte,
sie werden nicht gedruckt,
aber man wird sie noch drucken.

Ich warte auf einen Brief mit einer frohen Botschaft.
Er kommt vielleicht an dem Tag, an dem ich sterbe,
aber er wird sicher kommen.

Nicht der Staat, nicht das Geld
haben den Menschen im Griff, sondern der Mensch,
hunder Jahre später vielleicht,
mag sein,
aber es wird sicher so kommen.

(Nazim Hikmet „Optimismus“, 1957)4

Nazim Hikmet ist ein türkischer Dichter. Sein Geburtsland hat es immer noch schwer, gebeutelt von Machtübernahme, Flüchtlingen und dem Corona-Wahn liegt es am Boden und man befürchtet, dass es demnächst zum zweiten Griechenland wird. Alles, wegen unserer Gier, unserem Drang zur Vorherrschaft, auch in diesen Zeiten. Und unserem Misstrauen in den Anderen.

Nazim Hikmets Leben bestand aus Flucht und viel Gefängnis. Egal, wo er sich aufhielt, er schaffte es doch immer wieder die falschen Ansichten zu vertreten (er war Kommunist). 1963 starb er und bis 1965 waren seine Werke in der Türkei verboten.

Bücher zu verbieten bedeutet eigentlich immer, dass man Angst vor deren Inhalt hat. Man traut der Sprache so viel Macht zu, dass man versucht, geschriebene Worte an der Weiterverbreitung zu hindern.

Vielleicht hätte Seattle dazu gesagt, dass sein Volk gut sprechen und erzählen könne. Wie der weiße Mann glauben könne, man könne Worte einsperren?

Manches soll nicht gesagt werden, weil es uns Angst macht. Angst, es könne etwas Schreckliches verursachen.

Wir haben verlernt zu vertrauen.

Und Misstrauen ist das eigentliche Gift in unserem Herzen.

Wenn wir uns weniger begegnen, wie sollen wir dann wissen, ob wir uns trauen können?

Distanz schafft Angst, Angst schafft Hass und Denunziation.

Begegnungen schaffen jedoch Vertrauen. Da, wo sich Menschen begegnen, können Worte getauscht werden und Reaktionen auf Worte erlebt werden. Denn der Mensch begegnet uns in der Sprache und am stärksten und unmittelbarsten im gesprochenen Wort.

Wenn wir uns wirklich begegnen, ohne Masken, offen und ehrlich, merken wir, dass wir keine Angst haben müssen.

Wir haben es im Griff, wir bestimmen letzten Endes und das können wir gemeinsam.

Die Hoffnung des Anarchisten

„Wenn einmal das Leben der Menschen so vollkommen sein wird, dass es sich von selbst regelt, sind keine Repräsentanten mehr nötig. Wir werden sodann eine aufgeklärte Anarchie haben. In einem solchen Staat wird jeder sein eigener Herrscher sein. Jeder wird sich dann so regieren, dass er seinem Nachbarn niemals im Wege steht. Im idealen Staat wird also keine politische Macht vorhanden sein, weil überhaupt kein Staat mehr besteht.
Doch das Ideal ist im Leben niemals voll zu verwirklichen. Daher der klassische Satz Henry Thoreau‘s, wonach jene Regierung die beste ist, die am wenigsten regiert.“ (Gandhi)5

Regieren muss man, wenn man Angst hat, was passiert, wenn man die Zügel aus der Hand gibt, wenn man Angst vor den Menschen hat. Man muss ihnen dann Regeln, Gesetze und Strafen geben, damit sie sich daran halten und wir uns vor ihnen sicher fühlen.

Noch sicherer: Distanz, keinen Kontakt. Ein „Hallo!“ muss reichen und die Maske auf!

Menschen, die nach Regierungen und Regelungen schreien, sind Menschen, die Angst vor sich selbst haben – und dadurch auch Angst vor den Mitmenschen. Die Schlechten benötigen den Staat, die Guten sich selbst und ihre Mitmenschen.

Es war herrlich in Stuttgart an drei Samstagen auf den Wasen6 zu gehen, zu einer großen Demonstration und zu erleben: Es ist okay, ich muss keine Angst haben. Es gibt sie noch, diejenigen, die reden wollen – und keine Distanz.

Es gibt ihn noch, den Keim, der vielleicht wächst. Soziales Verhalten kann man so wenig aufhalten, wie das Glitzern des Wassers. Vielleicht kurzfristig, doch nicht auf Dauer. Der Keim wird es schwer haben, aber er wird sicher wachsen und ich werde ihn sehen. Wir werden wieder aufeinander zugehen, vorsichtig, weil Hass und Misstrauen immer noch als Gift in den Herzen vieler sind.

Und vielleicht schaffen es dann immer mehr Menschen, wieder Verantwortung für sich und ihre Mitmenschen zu übernehmen, aufeinander zuzugehen, einfach, aus sich selbst heraus, ohne Regeln, ohne Zwang, weil wir tief in uns wissen, dass dies richtig ist und soziale Distanz falsch.

Es gibt sie bereits, die es tun, die sich begegnen, gleich und gleich, in der Sprache, in der Nähe, doch gehen sie noch in der Menge unter, sind unsichtbar.

Ich denke, ich werde es sehen, das Aufgehen des Keims, doch bezweifle ich, dass ich noch zu Lebzeiten ein wirklich vertrauensvolles Miteinader der Mehrheit der Menschen erleben werde. Doch wer weiß. Wir kennen die Zukunft nicht und das ist auch gut so. So gibt es immer Hoffnung.

My candle burns at both ends;
It will not last the night;
But ah, my foes, and oh, my friends–
It gives a lovely light!

(Edna St. Vincent Millay, “First Fig”)7

Fußnoten und Anmerkungen

1Abraham H. Maslow, Motivation und Persönlichkeit (Reinbek: Rowohlt, 2008).

2Rene Bardet und Poesie & Musik, Vielleicht, weil ich ein Wilder bin : Worte des indianischen Häuptling Seattle an den amerikanischen Präsidenten im Jahre 1855, Vinyl, LP (Wundertüte (Sony), 1997).

3Bardet und Poesie & Musik.

4Leider konnte ich die genaue Quelle nicht mehr finden.

5Gnaue Quelle habe ich mir leider nicht notiert. Bis auf den ersten Satz befindet sich dieses Zitat jedoch auch in: Mohandas Karamchand Gandhi und Richard Attenborough, Ausgewählte Texte, Dt. Erstveröff., 6. Aufl, Goldmann-Taschenbücher 6577 (München: Goldmann, 1984), 37.

6Große Veranstaltungsfläche in Stuttgart-Bad Cannstatt. Auf ihr findet u.a. das Volksfest statt.

7Harriet Monroe, Hrsg., Poetry. A Magazine of Verse, Bd. 11, Poetry. A Magazine of Verse 3 (Chicago, 1918), 130, https://www.poetryfoundation.org/poetrymagazine/browse?contentId=14095.