Das Gebähren eines Sterns

Gerade saß ich am Esszimmertisch (genau genommen ist es eine Essküche in meiner Wohnung), trank den ersten Kaffee aus der zweiten Kanne, sah auf die Uhr. 13 Uhr und ich frühstücke immer noch. Dabei hatte ich schon viel getan heute: Ich dachte nach, las einige Artikel im Internet, schrieb geistig mehrere Artikel und streifte mit meinen Gedanken zu Nietzsche.

Wir linken Philosophinnen lieben Nietzsche. Es ist, glaube ich, unsere Art, uns Schmerzen zuzufügen um uns lebendig zu fühlen.

Früher lebte ich einmal acht Jahre lang in einem einsamen Hochhaus, voll “Deutscher”. Was “Deutsche” wollen, ist: Ruhe. Kinder dürfen nicht herum rennen und schreien und schon gar nicht auf der schönen Wiese über der Tiefgarage spielen. Für mich war das immer wie ein Leben im Sarg. So, als würden sich diese Menschen wünschen, endlich unter der Erde zu liegen und absolute Stille zu haben und übten schon mal, begraben im Betonbunker.

Ruhe, Stille verbunden mit dem Fehlen jeder Auseinandersetzung ist der Tod.

Das Leben besteht aber aus sich widerstreitenden Dingen, Verhalten und so weiter. Liebe und Hass, laut und leise, hell und dunkel, das ist es, was anzeigt, dass Leben existiert. Wer diesen Widerstreit aufgibt, gibt das Leben auf.

Wenn wir zu glücklich sind, müssen wir wieder hassen und wenn wir zu sehr hassen, benötigen wir wieder etwas Glück um am Leben zu sein.

Auch die Dialektik, das Lieblingsphilosphie-Spielzeug der Linken Philosophie, funktioniert so. Die Dialektik ist ein ewiger Streit zwischen These und Antithese, dessen Ende das Ende der Philosophie bedeutet. Schaffen wir es, “die Frage” (im Wittgensteinschen Sinne) zu lösen, sterben alle Fragen.

Nietzsche schrieb solch wundervolle Dinge, dass man darin versinken möchte, um im nächsten Augenblick schmerzlich aufzuschreien, mit einem Dolch im Rücken. Es ist schwierig, sich nicht lebendig zu fühlen, wenn man ihn liest – und manchmal muss man sich taumelnd irgendwo festhalten um nicht in den Strudel der widerstreitenden Gefühle hinein gezogen zu werden.

Wir wollen “Ja!” und “Nein!” gleichzeitig schreien – und taumeln.

Vielleicht provoziere ich deshalb gern. Wenn Menschen nur zustimmen, weiß man nicht, ob sie es gelesen haben. Manchmal muss man sie verstören, um sie aufzuwecken oder um zu erreichen, dass sie nachdenken. Wobei die meisten leider nur zu zwei Zuständen fähig sind: Zustimmung oder Ablehnung. Das Konzept des “Denkens” ist noch nicht sehr weit verbreitet.

Oder wie Thoreau schreibt:

“Die Menschen sind gemeinhin verdorben durch ihr Wohlwollen und ihre Höflichkeit. Sie sind so konziliant und entschlossen, mit dir übereinzustimmen, dass sich ein Gespräch mit ihnen nicht lohnt. In einer kurzen Unterhaltung legen sie eine solche Langmut und Freundlichkeit an den Tag. Ich möchte jemandem begegnen, der provoziert und befremdet, so dass wir Gast und Wirt sein können und einander erfrischen. Es kann geschehen, dass ein Mensch völlig in seinen Umgangsformen verschwindet, sich in ihnen auflöst. Den tausendundein Gentlemen, die ich treffe, begegne ich mit Verzweiflung und nur, um mich wieder von ihnen zu trennen, denn sie wecken in mir keinerlei Hoffnung auf eine Ungehörigkeit. Ein ärgerlicher, grober, exzentrischer Mensch, ein Schweigsamer, ein Mensch, der sich nicht gut drillen lässt – der gibt zur Hoffnung Anlass. Eure feinen Herren sind alle gleich.”

Früher bekämpften die Linken political correcness, weil es ihnen Denkverbote auferlegte – heute sind sie die Vertreter dieser Denkverbote und die Rechten wehren sich dagegen. “Linkes” Denkverbot trifft auf rechten Hass.

Da es zwei verschiedene Ebenen sind, es zudem nur um Zustimmung oder Ablehnung geht, ist nicht einmal eine Auseinandersetzung möglich. Keine Synthese, keine Philosophie, keine Änderung in Aussicht.

Das Linke ist tot.

Feste Fronten aufzubauen verhindert links sein zu können. Linke brauchen widerstreitende Ansichten, müssen schreien vor Glück und weinen vor Schmerz.

Sie müssen Feuer in sich haben, um einen Stern zu gebären.

Wenn man sich nicht an seinen eigenen Gedanken verbrennen kann, was sind sie dann wert?

Wir „freien Geister“ leben einzeln und hier und dort auf Erden — daran ist nichts zu ändern; wir sind Wenige — und so ist es billig. Es gehört zu unserem Stolze zu denken, daß unsere Art eine seltne und seltsame Art ist; und wir drängen uns nicht zu einander, wir „sehnen“ uns vielleicht nicht einmal nach einander. Freilich: treffen wir einmal zusammen, wie heute, so giebt es ein Fest! Wenn wir das Wort „Glück“ im Sinne unserer Philosophie gebrauchen, so denken wir dabei nicht wie die Müden, Geängstigten und Leidenden unter den Philosophen vorallererst an äußeren und inneren Frieden, an Schmerzlosigkeit, Unbewegtheit, Ungestörtheit, an einen „Sabbat der Sabbate“, an etwas, das dem tiefen Schlafe im Werthe nahe kommen mag. Das Ungewisse vielmehr, das Wechselnde Verwandlungsfähige Vieldeutige ist unsere Welt, eine gefährliche Welt —: mehr noch sicherlich als das Einfache, Sich-selbst- Gleich-Bleibende, Berechenbare, Feste, dem bisher die Philosophen, als Erben der Heerden-Instinkte und Heerden-Werth- schätzungen, die höchste Ehre gegeben haben. In vielen Ländern des Geistes bekannt und umhergetrieben usw.

Friedrich Nietzsche, Giorgio Colli, und Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Fragmente: 1884 – 1885, Neuausg. 2005 der 2., durchges. Aufl, Bd. 11, Sämtliche Werke, kritische Studienausgabe in 15 Einzelbänden / Friedrich Nietzsche. Hrsg. von Giorgio Colli und Mazzimo Montinari ; 11 (München: Dt. Taschenbuch-Verl. [u.a.], 2005), 658.