Das „Hallo!“, das Erkennen und die Liebe

Social Distancing” ist keine neue Erfindung, sondern eine Krankheit, die mir schon länger Sorgen bereitet.

Vom Hallo, Hi & Guten Tag

Schon länger diskutierte ich mit Menschen darüber, dass „Hallo“ keine deutsche Anrede ist, genauso wenig, wie „Hi!“ oder „Guten Tag!“. Es hat sich verbreitet, wenn man nicht „Sehr geehrte/r“ schreiben will, statt dessen „Hallo“ zu schreiben, oder „Guten Tag!“. Was gemieden wird, wie vom Teufel das Weihwasser, ist die Anrede „Liebe/Lieber…“.

Die Anreden „Sehr geehrte/sehr geehrter“ und „Liebe/Lieber“ stellen eine Beziehung her, bzw. drücken eine Beziehung aus. „Hallo“, „Hi“ und „Guten Tag“ enthalten sich jeder Beziehungsaussage, vermeiden die Beziehungsaufnahme. „Hallo!“ bedeutet immer auch: „Hallo! Ist da jemand?“ „Hallo“ ist immer Distanz, Vorsicht, „Hallo“ ist immer das Vermeiden von Beziehungen, ein ängstliches Wahrnehmen des Anderen.

Wir leben in einer Zeit, in der jeder versucht enge Beziehungen zu vermeiden. Abstand und Distanz ist das, was unsere Gesellschaft auszeichnet. „Liebe“ hat für viele etwas mit Sex zu tun. Nähe macht Angst, Distanz gibt Sicherheit. Zudem gibt es unzählige Berichte von sexuellem Missbrauch, was zusätzlich den Argwohn gegenüber Menschen, die mit Kindern zu tun haben, stärkt. Und die Pseudo-Anrede „Hallo“ drückt genau dies aus: Ich nehme mit jemandem Kontakt auf, ohne dabei eine Beziehungsaussage zu machen.

Wir leben in einer Distanzgesellschaft. Ich sehe Verbesserungen in den letzten Jahren, aber Nähe ist immer noch ein Fremdwort in menschlichen Beziehungen.

Ich fing vor einigen Jahren an, jede und jeden mit „Liebe/Lieber“ anzuschreiben, wenn man mich mit „Hallo“ anschrieb. Meine Hoffnung war und ist, dadurch die Menschen zum Denken anzuregen.

Was mir zudem sehr absurd vorkommt: Ich hatte eine Zeit lang eine Sprachschule und unterrichtete Menschen, die nach Deutschland kamen, in Deutsch. Diesen Menschen bringen wir bei, dass es in Deutschland zwei verschiedene Anreden in Briefen gibt, nämlich „Liebe/Lieber“ oder „Sehr geehrte/geehrter“. Doch wer das scheinbar nicht weiß, sind die Deutschen.

Diese Distanzgesellschaft ist dafür verantwortlich, dass sich Nachbarn weniger umeinander kümmern, Menschen sich weniger grüßen oder konstant links fahren, Hartz4 eingeführt wurde, etc. Der Andere ist uns egal geworden, frei nach dem Motto: Wenn jeder sich um sich kümmert, dann ist für alle gesorgt. Politik hat alle gefrustet und die Jugend interessierte sich für nichts, was daran etwas geändert hätte.

Greta Thunberg, alle lieben dich, du hast dafür gesorgt, dass viele merkten, dass sie ja doch eine Verantwortung haben, doch hätten wir dich 10 Jahre früher gebraucht.

Ich denke, inzwischen haben es mehr Personen festgestellt, dass wir uns in eine falsche Richtung bewegen, doch viel geändert hat sich nicht.

Von einer Pädagogin

Ich liebe meine Schülerinnen und Schüler und könnte sie nie freiwillig im Stich lassen. Und dies vor mir selbst zuzugeben, war auch für mich innerlich ein großer Schritt, weil auch ich immer glaubte, dass Distanz etwas mit Professionalität zu tun habe. Doch dadurch, dass ich es zugeben konnte, dass mir diese jungen Menschen viel bedeuten, wurden sie von Kunden zu Menschen.

Ich konnte ihnen als Menschen begegnen und auch zugeben, dass sie mir wichtig sind. Die körperliche Distanz verhinderte für mich Missverständnisse und gab auch mir die Sicherheit, die ich benötigte.

Nähe bedeutet nicht unbedingt sich zu berühren, sondern da zu sein und dies auch sprachlich und durch Handlungen auszudrücken.

In meiner Therapieausbildung bei Reinhard Tausch lernte ich, dass große Stärke dazu gehöre, wenn eine Klientin weinte, auf körperlicher Distanz zu bleiben, sitzen zu bleiben und dies auszuhalten. Es half mir, gerade in den Situationen, in denen ich am liebsten her gesprungen und jemanden in den Arm genommen und getröstet hätte. Menschen schätzen es sehr, wenn jemand ihre Trauer, Wut oder Verzweiflung erträgt, da bleibt und ihnen zeigt, dass diese Gefühle in Ordnung sind. „Weine, wenn du magst, wir haben Zeit. Ich bleibe, so lange du willst“.

Dies könnte man sicherlich noch besser machen. Es ist ein Punkt, an dem ich mir noch unsicher bin, in wie weit eine größere Nähe in Ordnung ist, doch in Anbetracht der Möglichkeit von Missverständnissen, vor allem wenn sich zwei Menschen sehr mögen und ein großer Altersunterschied besteht, halte ich die unbedingte körperliche Distanz für notwendig – und dann kann ich auch sagen: „Ich würde dich nie freiwillig im Stich lassen“, „Ich bin da“, ohne dass es missverstanden wird.

Von Liebe und Erkennen

Die Liebe ist eine unterschätze Kraft. Philosophen haben sich schon häufig mit diesem Phänomen auseinandergesetzt und ich möchte eine besonders schöne Stelle, wie ich finde, zitieren. Martin Buber schreibt von einer Begegnung im Du, einer Begegnung, die Distanzen wenig kennt, im Gegensatz zur Begegnung im Es (so Martin Buber), in welcher wir keine echte Beziehung aufbauen und alles um uns herum zum bloßen Ding wird.

Unsere Welt wird gerade zerstört. Das wird sie zwar schon länger, aber erst jetzt scheinen die Menschen aufzuwachen. Hätten wir eine engere, liebevollere Beziehung, eine Du-Beziehung (in den Worten Bubers), hätten wir wohl mehr Probleme damit gehabt, Abgase zu produzieren und Wälder zu roden. Wer einen Baum liebt, fällt ihn nicht und wer einen Menschen liebt, versucht Schaden von ihm fern zu halten.

Doch nun Martin Buber, dessen Worte über Liebe für mich eine große Wahrheit beinhalten:

„Sie steht nicht außer dir, sie rührt an deinen Grund, und sagst du ‘Seele meiner Seele’, hast du nicht zu viel gesagt: aber hüte dich, sie in deine Seele versetzen zu wollen – da vernichtest du sie. Sie ist deine Gegenwart: nur indem du sie hast, hast du Gegenwart; und du kannst sie dir zum Gegenstand machen, sie zu erfahren und zu gebrauchen, du musst es immer wieder tun, und hast nun keine Gegenwart mehr. Zwischen dir und ihr ist Gegenseitigkeit des Gebens; du sagst Du zu ihr und gibst dich ihr, sie sagt Du zu dir und gibt sich dir. Über sie kannst du dich mit andern nicht verständigen, du bist einsam mit ihr; aber sie lehrt dich andern begegnen und ihrer Begegnung standhalten ; und sie führt dich, durch die Huld ihrer Ankünfte und durch die Wehmut ihrer Abschiede, zu dem Du hin, in dem die Linien der Beziehungen, die parallelen, sich schneiden. Sie hilft dir nicht, dich im Leben zu erhalten, hilft dir nur, die Ewigkeit zu ahnen.“1

Einen wichtigen Aspekt heben die Biologen Humberto Maturana und Francesco Varela in ihrem Buch „Der Baum der Erkenntnis“ hervor. In diesem Buch legten sie den Grundstein für die Systemtheorie und schreiben am Ende des Buches:

„Wenn wir wissen, dass unsere Welt not­wendig eine Welt ist, die wir zusammen mit anderen hervorbringen, dann können wir im Falle eines Kon­flikts mit einem anderen menschlichen Wesen, mit dem wir weiterhin koexistieren [zusammenleben] wollen, nicht auf dem beharren, was für uns gewiss ist (auf einer absoluten Wahrheit), weil das die andere Person negieren [verneinen] wür­de. Wollen wir mit der anderen Person koexistieren [zusammenleben], müssen wir sehen, dass ihre Gewissheit – so wenig wünschenswert sie uns auch erscheinen mag – genau­so legitim und gültig ist wie unsere. […]

Die Biologie zeigt uns auch, dass wir unseren ko­gnitiven Bereich ausweiten können. Dazu kommt es zum Beispiel durch […] die Begegnung mit einem Fremden als einem Gleichen oder, noch unmittelbarer, durch das Erleben einer biologischen interpersonellen Kongruenz [zwischenmenschlichen Ehrlichkeit/Übereinstimmung], die uns den anderen sehen lässt und dazu führt, dass wir für sie oder für ihn einen Daseinsraum neben uns öffnen. Diesen Akt nennt man auch Liebe oder, wenn wir einen weniger starken Ausdruck bevorzugen, das An­nehmen einer anderen Person neben uns selbst im täglichen Leben.

Dies ist die biologische Grundlage sozialer Phäno­mene: Ohne Liebe, ohne dass wir andere annehmen und neben uns leben lassen, gibt es keinen sozialen Prozess, keine Sozialisation und damit keine Mensch­lichkeit. Alles, was die Annahme anderer untergräbt – vom Konkurrenzdenken über den Besitz der Wahr­heit bis hin zur ideologischen Gewissheit – untermi­niert den sozialen Prozess, weil es den biologischen Prozess unterminiert, der diesen erzeugt. Machen wir uns hier nichts vor: Wir halten keine Moralpredigt, wir predigen nicht die Liebe. Wir machen einzig und allein die Tatsache offenkundig, dass es, biologisch gesehen, ohne Liebe, ohne Annahme anderer, keinen sozialen Prozess gibt. […] Zu leugnen, dass die Liebe die Grundlage des so­zialen Lebens ist, und die ethischen Implikationen dieser Tatsache zu ignorieren, hieße, all das zu ver­kennen, was unsere Geschichte als Lebewesen in mehr als 3,5 Milliarden Jahren ausgewiesen hat. Es mag uns ungewöhnlich vorkommen und wir mögen uns dagegen sträuben, den Begriff ‚Liebe‘ […] zu gebrau­chen, da wir um die Objektivität unseres rationalen Ansatzes fürchten. […]

Wir haben nur die Welt, die wir zusammen mit anderen hervorbringen, und nur Liebe ermöglicht uns, diese Welt hervorzu­bringen. […]

Der Kern aller Schwierigkeiten, mit denen wir uns heute konfrontiert sehen, ist unser Ver­kennen des Erkennens, unser Nicht-Wissen um das Wissen. […] Es ist nicht das Wissen, dass eine Bombe tötet, sondern das, was wir mit der Bombe zu tun beabsichtigen, was be­stimmt, ob wir sie benutzen oder nicht. Gewöhnlich ignorieren wir diese Einsicht oder drücken uns davor, um nicht die Verantwortung für unser tägliches Tun übernehmen zu müssen. Doch unser Tun – alle unse­re alltäglichen Handlungen ohne Ausnahme – hilft, eine Welt hervorzubringen und zu etablieren, in der wir werden, was wir im Austausch mit anderen wer­den in jenem Prozess des Hervorbringens einer Welt.“2

Fußnoten

1Martin Buber, Ich und Du, 11., durchges. Aufl, Sammlung Weltliteratur (Heidelberg: Lambert Schneider, 1983), 42.

2Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela, Der Baum der Erkenntnis: die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens, 12. Aufl., genehmigte Taschenbuchausgabe, Goldmann-Buch 11460 (München: Goldmann, 2005), 264–68.

Literaturangaben

Buber, Martin. Ich und Du. 11., durchges. Aufl. Sammlung Weltliteratur. Heidelberg: Lambert Schneider, 1983.

Maturana, Humberto R., und Francisco J. Varela. Der Baum der Erkenntnis: die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens. 12. Aufl., genehmigte Taschenbuchausgabe. Goldmann-Buch 11460. München: Goldmann, 2005.