Der Radikale Konstruktivismus

Warum „radikal“?

Der Begriff „Radikaler Konstruktivismus“ stammt von Ernst von Glasersfeld. Dieser nennt den vom ihm vertretenen Konstruktivismus „radikal“, …

  1. um ihn von anderen Konstruktivismen, wie dem russischen Konstruktivismus in der Kunst („Plastik“ und „Malerei“) und Literatur oder dem (deutschen) Erlanger Konstruktivismus zu unterscheiden;
  2. weil er wirklich radikal ist und alle Wahrnehmung meinerseits als meine Konstruktion bezeichnet.

Die Wirklichkeitskonstruktion des Konstruktivismus

Der Konstruktivismus behauptet in seiner Kernaussage, wie er u.a. von P. Watzlawick, E.v. Glasersfeld, H.v. Foerster vertreten wird, dass die Wirklichkeit, die wir zu entdecken und zu erforschen glauben, unsere eigene Konstruktion ist, ohne dass wir uns des Aktes der Erfindung bewusst sind.

E.v. Glasersfeld entwickelt in seinem Aufsatz “Einführung in den Konstruktivismus” eine These, die unsere bisherigen Denkgewohnheiten radikal in Frage stellt, nämlich

“… dass wir von der Wirklichkeit immer und bestenfalls nur wissen, was sie nicht ist.”1

Der Konstruktivismus steht mit seinen Einsichten im radikalen Gegensatz zum bisherigen traditionellen Denken, wonach etwas als wahr ist, “wenn es mit einer als absolut unabhängig konzipierten, objektiven Wirklichkeit übereinstimmt.”2

Das erkenntnistheoretische Problem besteht jedoch darin, wie wir wissen können, ob das Bild, das unsere Sinne uns von der Wirklichkeit vermitteln, der objektiven Wirklichkeit entspricht.

V. Glasersfeld bringt das anschauliche Beispiel eines Apfels, den wir glatt, duftend, süß … etc. wahrnehmen. Doch wie können wir wissen, ob der Apfel diese Eigenschaften wirklich besitzt? Diese Frage sei unbeantwortbar, so meint v. Glasersfeld, da wir unsere Wahrnehmungen von dem Apfel lediglich mit anderen Wahrnehmungen, aber niemals mit dem Apfel selbst vergleichen können, so wie er wäre, bevor wir ihn wahrnehmen. Die Vorstellung einer objektiven Realitätserkenntnis ist damit in Frage gestellt.

Doch wie kommt es dazu, dass wir in einer stabilen und verlässlichen Welt leben, an der wir uns ausrichten und orientieren, die unser Wissen und Handeln bestätigt, obwohl wir irgendwelche wahrgenommenen Eigenschaften der objektiven Welt nicht mit Sicherheit vorschreiben können?

Die Antwort des Konstruktivismus macht die Frage sinnlos.

“Wenn …. die Welt, die wir erleben und erkennen, notwendigerweise von uns selbst konstruiert wird, dann ist es kaum erstaunlich, dass sie uns relativ stabil erscheint.”3

Die Welt, die wir konstruieren, ist eine Welt des Erlebens, die aus Erlebtem besteht und keinen Anspruch auf Wahrheit im Sinne einer Übereinstimmung mit der Wirklichkeit an sich erhebt.

“Die Erkenntnislehre wird so zu einer Untersuchung der Art und Weise, wie der Intellekt operiert, um aus dem Fluss des Erlebens eine einigermaßen dauerhafte, regelmäßige Welt zu konstruieren.”4

V. Glasersfeld führt weiter aus, dass jegliches Bewusstsein, nur auf Grund eines Vergleichs, durch ein in Beziehung setzen von Erlebtem, Wiederholung, Konstanz und Regelmäßigkeit erkennen, mit anderen Worten, eine verlässliche und stabile Wirklichkeit erleben kann, wobei schon vor dem eigentlichen Vergleich entschieden werden muss,

  • was als existierende Einheit und
  • was als Beziehung zwischen Gegenständen betrachtet wird.

 Auf diese Weise schafft sich der Mensch “Struktur im Fluss des Erlebens”5.

“Diese Struktur ist, was der bewusste kognitive Organismus als Wirklichkeit erlebt – und weil sie (bisher) fast ausschließlich unwillkürlich geschaffen wurde und wird, erscheint sie als Gegebenheit einer unabhängigen selbständig existierenden Welt”6

“Die wirkliche Welt erschließt sich uns nur da, wo unsere Konstruktionen scheitern.”7

Dieses Modell der Erkenntnis in kognitiven Lebewesen, die sich auf Grund ihres eigenen Erlebens eine mehr oder weniger verlässliche Welt bauen, hat ethische Konsequenzen.

Konstruktivistisches Denken führt dazu,

  • uns Menschen selbst für unser Denken und Tun verantwortlich zu machen,
  • für die Wirklichkeit,

die wir selbst schaffen und die wir in eigener Verantwortung und in Zusammenhang verändern können.

Dies gibt uns einen Schlüssel in die Hand, uns selbst nicht mehr als hilflose Opfer von schicksalshaften Ereignissen zu sehen, sondern als handelnde, kreative und lebendige Menschen zu erleben.

Zur Konstruktion von Wirklichkeit und Sprache

Jeder Mensch konstruiert seine eigene Wirklichkeit, jedoch nur im Rahmen einer im gesellschaftlichen Diskurs (im Austausch mit anderen) hergestellten möglichen Wirklichkeit.

Eine dieser Wirklichkeiten ist das Reich der Sprache. Ich kann nur im Reich der Sprache denken und mich anderen Menschen mitteilen. Wenn ich denke, so bin ich im „Diskurs“ mit mir selbst.

Meine Wirklichkeitskonstruktion enthält Elemente, welche sprachlich nicht ausdrückbar sind. Z.B.: Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich an meinem Schreibtisch und schaue ab und zu von der Arbeit auf, in Richtung Fenster. Die Sonne scheint herein und erzeugt am „weißen“ Vorhang mannigfaltige Farbnuancen der Farbe „weiß“, für welche ich keine Wörter oder passende Umschreibungen kenne, so dass ich Ihnen meine Wahrnehmung/Erfahrung nicht beschreiben kann, jedoch kann ich davon erzählen oder darüber nachdenken.

Kernthesen des Radikalen Konstruktivismus

(nach E. v. Glasersfeld. 1992, S.30/318)

  • Menschliches Wissen ist eine menschliche Konstruktion. Es gibt keine Wahrnehmung (Beobachtung), die nicht abhängig von einem Wahrnehmenden (Beobachter) ist. Es gibt also nur Fakten (= „Gemachtes“).
  • Der Radikale Konstruktivismus leugnet keineswegs eine äußere Realität. Er befaßt sich jedoch nur mit dem kognitiven Aspekt und nicht mit dem, was „in der Tat“ oder „tatsächlich“ vorhanden ist.
  • Es ist nicht vernünftig, etwas die Existenz zu bescheinigen, was nicht (irgendwann einmal) wahrgenommen werden kann (könnte). Damit schließt sich der Radikale Konstruktivismus George Berkeleys Aussage: „esse est percipi“ [„Sein ist wahrgenommen werden!“9] an.
  • Es gibt keine objektive Realität, oder Wahrheit, welche als solche erkannt werden könnte. Wissen kann nur viabel sein – d.h. in die Erlebnis- und Erfahrungswelt des Wissenden passen und darin „funktionieren“- nicht jedoch wahr sein.
    „Was wir „Wissen“ nennen repräsentiert keineswegs eine Welt, die jenseits unseres Erfahrungskontaktes mit ihr existiert. … [„Wissen“ bezieht sich] auf die Art und Weise, wie wir unsere Erfahrungswelt organisieren.“(Glasersfeld10)
  • Kein Wissen kann Einzigartigkeit beanspruchen.
    „So viabel eine Problemlösung auch sein mag, sie darf nie als die einzig mögliche betrachtet werden.“ (Glasersfeld11)
  • Eine Theorie sollte immer auf sich selbst angewendet werden, d.h.: auch der Radikale Konstruktivismus kann nur eine mögliche/viable Antwort auf das Problem des Erkennens sein.

Wichtige Ahnen des Radikalen Konstruktivismus sind nach Ernst von Glasersfeld: Giambattista Vico, George Berkeley, Jean Piaget, Immanuel Kant.

viabel/Viabilität:

viabel: gangbar, funktionierend, lebensfähig.

„Viabilität“ ist die substantivierte Form von „viabel“.

Viabel ist eine „Eindeutschung“ des englischen Wortes viable, was etwa „lebensfähig“ bedeutet, von E. v. Glasersfeld. E. v. Glasersfeld, übersetzt den Begriff „viabel“ teilweise mit „passend“. Dieser Begriff ist mir zu statisch, wohingegen „gangbar“ ein dynamischer Begriff ist, der sagt, dass man „auf dem Weg“ ist.

Anmerkungen

1Ernst v. Glasersfeld, „Einführung in den Konstruktivismus“, in Die erfundene Wirklichkeit, hg. von Paul Watzlawick, 4. Aufl. (München: Piper, 1986), 14.

2v. Glasersfeld, 18.

3v. Glasersfeld, 28.

4v. Glasersfeld, 30.

5v. Glasersfeld, 31 ff.

6v. Glasersfeld, 36.

7v. Glasersfeld, 37.

8Ernst v. Glasersfeld, „Aspekte des Konstruktivismus: Vico. Berkeley, Piaget.“, in Konstruktivismus: Geschichte und Anwendung, hg. von Gebhard Rusch und Siegfried Schmiedt (Frankfurt/M: Suhrkamp, 1992), 20–32.

9Siehe auch: „Das Sein der Dinge besteht in ihrer Wahrnehmbarkeit.“ „Esse est percipi“, zugegriffen 8. September 2019, https://www.spektrum.de/lexikon/philosophie/esse-est-percipi/631.

10v. Glasersfeld, „Aspekte des Konstruktivismus: Vico. Berkeley, Piaget.“, 30.

11v. Glasersfeld, 31.

Quellenangaben

Literatur

„Esse est percipi“. Zugegriffen 8. September 2019. https://www.spektrum.de/lexikon/philosophie/esse-est-percipi/631.

Glaserfeld, Ernst v. „Einführung in den Konstruktivismus“. In Die erfundene Wirklichkeit, herausgegeben von Paul Watzlawick, 4. Aufl., 13–37. München: Piper, 1986.

Glasersfeld, Ernst v. „Aspekte des Konstruktivismus: Vico. Berkeley, Piaget.“ In Konstruktivismus: Geschichte und Anwendung, herausgegeben von Gebhard Rusch und Siegfried Schmiedt, 20–32. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1992.

Bilder

© Christina Schieferdecker, unter Verwendung eines Apfelbildes von pixabay