Die Verirrung der Deutschen: Wo ist rechts, wo links?

“Links”, “Mitte” und “Rechts” sind zu leeren Worthülsen geworden, um die eignen Handlungen zu rechtfertigen.

Wer ist heutzutage „links“?

„Links“ zu sein ist chic unter „Gutmenschen“. Wenn du zu den „besseren“ Menschen gehören möchtest, bist du „links“. Und alles, was du äußerst, ist fortan „links“. Man ist „links“, weil man nicht „rechts“ ist und „rechts“, da sind die Bösen oder Idioten. „Links“ ist auch „intellektuell“, auch wenn man nicht weiß, ob es „Carl Marx“ heißt oder „Karl Marks“. Und überhaupt: Was hat das mit Marks oder Marx oder wie der heißt zu tun? Muss man das wissen?

„Yo, man, I‘m links! I‘m cool, let‘s eat pizza with red tomatoes!“

Und damit hat man eigentlich schon den kompletten geistigen Inhalt der heutigen Linken zusammengefasst: Pizza. Schöner bunter Belag auf roter Soße, wobei ne Sahne-Soße auch ok wäre.

Was ist heutzutage „rechts“?

Wer „rechts“ ist, ist nicht so „naiv“ wie diese „linksversifften“ Hippies, ist „anständig“ und hat noch „Werte“! Jawohl! Außerdem ist man nicht so „ignorant“, wie diese „linken Weicheier“ und erkennt die Gefahren, vor denen man Deutschland schützen muss! Jawohl! Ein Mann ist ein Mann und eine Frau eine Frau, basta, äh: Jawohl!

Und apropos „basta“: Das sind Nudeln und keine Pasta und da lass ich nur Schweinefleisch und Bratensoße dran!

Wer rechts ist, liebt Schweinefleisch mit Bratensoße – und das muss reichen – und ist nicht links, natürlich, deshalb ist man ja rechts. Bunt ist ne Illusion des Geschmacks, gute deutsche Bratensoße reicht. Blöde „linksversiffte Lügenpresse!

Wo ist die Mitte?

Ganz einfach: Die Mitte ist da, wo nicht „links“ ist und auch nicht „rechts“.

Weil alle „Linken“ „linksradikal“ sind und alle Rechten „rechtsradikal“, flüchten manche in die „Mitte“ und sagen: Zu dehnen gehöre ich nicht! Ich bin nicht radikal!

Radikal kommt zwar von radix = Wurzel, aber sich zu entwurzeln macht ja nichts: Lieber tot als rot oder braun, wie „alle anderen“.

Wir wollen mit den „Linken“ und „Rechten“ nichts zu tun haben, wir sind die Partei der Mitte! Für uns also die Pizza ohne Belag, nur mit Nudeln, ohne Soße!

Schmeckt zwar nicht, braucht keiner, aber zumindest ists nicht „rechts“ oder „links“, also muss es lecker sein und obs schmeckt ist doch egal!

Ich gehöre nicht zu denen!

Inzwischen ist es so, dass jeder Angst hat, mit dem „Anderen“ gesehen zu werden. Die „Linken“ haben Angst, man könne sie mit einem „Rechten“ sehen und die in der Mitte nehmen vor beiden Reißaus.

Und so kommt es, dass sich alle vor allem damit beschäftigen, den jeweils anderen zu meiden. Man weiß zwar nicht, wer der andere ist und was er genau denkt, aber meiden ist wichtig und ja nie den Eindruck vermitteln, man hätte ähnliche oder gar gleiche Ansichten!

Mitte, Links und Rechts beim Tierarzt

Stellt euch mal vor, Frau Links, Frau Mitte und Frau Rechts gingen zum Tierarzt, Herrn Vater Staat, um ihre Hunde einschläfern zu lassen. Sie wollen beide lieber ein neueres Modell.

Frau Linke würde vorher zu ihrem Hund sagen: Lass uns Gassi gehen und dann beim Tierazt etwas Leckeres essen! Und, während sich der Hund auf das leckere Essen freut, bekommt er so nebenbei die Spritze.

Frau Rechte würde sagen: Ein echter Hund stirbt aufrecht! Würde ihn strammstehen lassen und dann ihm eine Spritze geben.

Oh Gott, wie könnt ihr eure Hunde nur töten! Schreit da die Frau Mitte, sperrt ihren Hund in die Kammer und lässt ihn von alleine sterben (=verdursten).

Ergebnis: Alle Hunde sind tot. Dem einen wurde vorher noch was Liebes zugeflüstert, dem anderen wurde erklärt, dass man stolz stirbt, den letzten lies man verdursten, damit das Weibchen sich nicht für rechts oder links entscheiden musste.

Auf Minderheiten übertragen, und ich gehöre zu einer solchen, bedeutet dies:

Linke: Ich versteh dich voll und ganz. Du bekommst ein Sternchen – und sie stoßen dir das Messer heimlich in den Rücken, während du lächelst (denn Rechte sollt du nie bekommen, aber Aufmerksamkeit)

Rechte: Scheiß Minderheit! Und schon hast du das Messer von vorne durch die Brust. Minderheiten nerven und müssen weg.

Mitte: Minderheit? Welche Minderheit? Ist doch alles gut hier. Dann vergessen sie dich und machen dich unsichtbar.

Wohin jetzt?

Anstand ist eigentlich etwas Gutes und Werte sind auch etwas, das man haben und schützen sollte. Doch unsere Welt verändert sich auch und wird bunter. Das können wir nicht aufhalten und es ist eigentlich auch schön. Es ist schön, dass es noch Bratensoße gibt, doch Pizza ist auch lecker.

Vielleicht sollten wir uns nicht mehr so viel über das Essen unterhalten, oder darüber, ob wir am linken oder rechten Tisch beim Essen sitzen. Diese Begriffe sind irrelevant geworden: Man isst an allen Tischen gut. Manche haben vielleicht mehr Licht, andere sind kuscheliger.

Wir sollten uns nicht mehr fragen, an welchem Tisch wir sitzen sollen, sondern mit wem. Mit wem möchte ich mich verabreden, mit wem kann ich gemeinsam etwas tun, etwas erreichen. Dann kann man sich zusammensetzen, jeder isst was er mag, und gemeinsam etwas in Angriff nehmen.

Auf der Demo in Stuttgart, deren Ziel es war, gegen die Aufhebung der Grundrechte Flagge zu zeigen, wurden auch einige Rechtsradikale gesehen, mit einer Tannenberg-Schrift auf den T-Shirts. Zumindest behaupten das manche. Ich war auch auf der Demo und ich bin Anarchistin. Anarchisten sind das 100%ige Gegenteil der Rechtsradikalen. Dennoch, waren wir beide da.

Was sagt uns das? Erst mal, dass offensichtlich Rechtsradikale Grundrechte gut finden. Doch: Warum sind die dann „rechtsradikal“? Nur aus Prinzip? Weil sie „nicht linksversifft“ sind? Weil die „linksversiffte Lügenpresse“ diese Demo als „unterwandert von Rechtsradikalen“ beschrieben und davor gewarnt hat? Na, wenn das nicht genug Gründe sind, für das Grundgesetz zu kämpfen!

Warum war ich da, mit Thoreau im Herzen? Weil ich nicht noch mehr Beschränkungen wollte, weil ich Angst hatte, wohin dies alles führen könnte und weil ich einen besseren Staat wollte.

Sind nun Demos für Grundrechte plötzlich rechtsradikal, weil da ein rechtsradikaler auf der Demo war? Oder ist für Grundrechte zu sein, anarchistisch, weil auch ich auf der Demo war?

Die AntiFa und der DGB machten eine Gegendemo, gegen die Grundrechte (bzw. gegen die „Demo für Grundrechte“), weil dort, unter den 10.000 Menschen, auch 5 Rechtsradikale waren und die Anderen sich deshalb „mit den rechtsradikalen verbrüdern für mehr Grundrechte“.

Grundrechte waren plötzlich schlecht, weil auch ein paar Rechtsradikale dies wollten.

Ok.

Muss ich das verstehen?

Wären wir wieder beim Anfang: Warum ist jemand links? Weil er „rechts“ blöd findet. Und warum ist jemand „rechts“? Weil er „links“ blöd findet. Um Inhalte gehts schon lange nicht mehr.

Deshalb: Es muss wieder um Inhalte gehen und um klare Ziele und das schaffen wir nur, wenn wir den rechts-links-Scheiß endlich lassen. Die Begriffe sind eh bedeutungslos geworden. Oder hat irgendjemand von euch noch den Eindruck, dass es einen Unterschied macht, wer von den Parteien uns regiert?

Persönlicher Schluss

Ich nenn mich manchmal eine studierte Linke, weil ich meine Soziologie-Prüfung über die marxistische Familien- und Geschichtssozialorgie machte und meine Abschlussarbeit über den Vergleich marxistischer und daoistischer Rechtsauffassung (dass ich asiatische Philosophien sehr schätze, müsste euch schon aufgefallen sein). Dennoch liegt mir mein Thoreau mehr am Herzen und ist Gandhi ein größeres Vorbild.

In der Schule hatte ich Latein, weil ich Theologie studieren wollte. Auch bin ich sehr christlich, und finde es hervorragend, was die Theologie der Befreiung geschafft hat, aber dennoch bin ich aus der (evangelischen) Kirche ausgetreten, weil ich es nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren konnte.

Doch egal, ob man Marx liest, Thoreau, Gandhi, Laodse oder die Worte Jesu: Es geht immer darum, Verantwortung zu übernehmen. Wir ändern nur etwas, wenn wir handeln. Es spielt keine Rolle, was wir denken, sondern, was wir tun. Dies äußern übrigens Marx und Jesus und Laodse mahnt zur Vorsicht.

Man kann christliche Werte schätzen und dennoch eine linke Anarchistin sein. Diese „Lehren“ harmonieren perfekt, es ist nur unser Glaube, dass etwas nicht harmonieren würde. Ich denke, dass dieses „Ich bin nicht …“ das eigentliche Übel ist. Wenn ich mich dadurch definiere, dass ich „nicht bin“, bin ich eigentlich auch nichts, außer jemand, der nicht „für“ etwas eintritt. Und so tue ich mich mit Menschen zusammen, die alle etwas „nicht sind“. Unsere Existenz hat dann zum Sinn, etwas nicht zu sein, etwas zu verhindern. Doch aus dem Verhindern wächst nichts Neues.

Wenn wir „für“ etwas sind, können wir gemeinsam für etwas sein und gemeinsam für etwas einstehen und Neues entstehen lassen. Dies geht aber nur, wenn uns unser Ziel wichtig ist, das Gemeinsame und Soziale wichtig sind, nicht die Abgrenzung.

Wir beschäftigen uns viel mehr damit, was jemand ist, oder scheinbar sein könnte oder welches T-Shirt jemand trägt. Wir beschäftigen uns mit Äußerlichkeiten und unseren Annahmen über andere. Doch ist dies Bullshit! Nicht das Sein des Anderen bedroht uns oder sein Erscheinungsbild, sondern seine Handlungen.

Wenn wir also das Gleiche tun, für das Gleiche eintreten, dann ist der andere keine Bedrohung mehr. Er ist ein Mitschreiter in Richtung des gemeinsamen Ziels. Und was er dabei denkt, oder welches T-Shirt er trägt … scheiß drauf! Gemeinsam verändern wir was.