Dieter Nuhr und die Wissenschaft

Gedanken zum Widerstreit

Ich möchte im Folgenden einen Text wiedergeben, den Dieter Nuhr auf Facebook veröffentlichte. Statt eines Screenshots, möchte ich ihn leserlich veröffentlichen und habe ihn deshalb – ohne zu fragen – kopiert.

Dieter Nuhr weist hier auf ein Problem hin, auf das auch schon andere Schriftsteller oder Politiker hingewiesen haben. Am Schluss fragt Dieter Nuhr: „In was für einem Land wollen wir leben? In einem Land, in dem öffentliches Nachdenken zunehmend durch Denunziation und soziale Ausgrenzung bestraft wird?“ Ein Land, in dem die öffentliche Auseinandersetzung nicht mehr stattfinden kann, ist keine Demokratie mehr. Demokratie lebt von widerstreitenden Meinungen, aber auch der Fortschritt benötigt den Widerstreit. Wenn nur noch eine Meinung, eine Haltung möglich ist, können keine neuen entstehen und auch die Wissenschaft hört auf zu existieren.

Abweichende Meinungen führen nicht selten dazu, dass man etwas hinterfragt. Dann möchte man feststellen, ob dieses Hinterfragen gerechtfertigt ist und macht Forschungen dazu. Eine Forschung hat nur Sinn, wenn man eine neue Erkenntnis haben will. Deshalb überprüfen wir zum Beispiel nicht mehr, ob sich die Erde um die Sonne dreht.

Dieter Nuhr ist jemand, der gerne provoziert. Auch ich habe mich schon unzählige Male über seine Äußerungen geärgert. Vieles fand ich geschmacklos. Doch ist es leider die Aufgabe eines Satirikers etwas überspitzt und vereinfacht zu äußern, damit sich die Menschen darüber ärgern oder schadenfroh lachen. Dieter Nuhr kann das perfekt.

Das Wichtige ist jedoch nicht das Lachen, sondern das Ärgern, weil dann eine Auseinandersetzung stattfindet. So lange wir anderen zustimmen, müssen wir nichts ändern. Doch wenn sie etwas äußern, das uns wehtut, das uns „trifft“, wie wir so schön sagen, trifft es vielleicht bei uns ins Schwarze und bringt uns doch zum Nachdenken. An anderer Stelle schrieb ich ja schon, dass ich vermute, dass wir echten Linken deshalb Nietzsche so sehr lieben. Er zwingt uns, uns mit unseren positiven Idealen auseinanderzusetzen und sie zu hinterfragen. Gerade dieser ständige Streit, bringt uns vorwärts. Und Dieter Nuhr ist manchmal unser lebendiger Nietzsche.

Henry David Thoreau, den ich ja sehr mag, beklagte bereits fehlende Auseinandersetzungen und schrieb deshalb:

„Die Menschen sind gemeinhin verdorben durch ihr Wohlwollen und ihre Höflichkeit. Sie sind so konziliant und entschlossen, mit dir übereinzustimmen, dass sich ein Gespräch mit ihnen nicht lohnt. In einer kurzen Unterhaltung legen sie eine solche Langmut und Freundlichkeit an den Tag. Ich möchte jemandem begegnen, der provoziert und befremdet, so dass wir Gast und Wirt sein können und einander erfrischen. Es kann geschehen, dass ein Mensch völlig in seinen Umgangsformen verschwindet, sich in ihnen auflöst. Den tausendundein Gentlemen, die ich treffe, begegne ich mit Verzweiflung und nur, um mich wieder von ihnen zu trennen, denn sie wecken in mir keinerlei Hoffnung auf eine Ungehörigkeit. Ein ärgerlicher, grober, exzentrischer Mensch, ein Schweigsamer, ein Mensch, der sich nicht gut drillen lässt – der gibt zur Hoffnung Anlass. Eure feinen Herren sind alle gleich.“

Henry David Thoreau hätte sich sehr über Dieter Nuhr gefreut! Und geärgert!

Statement von Dieter Nuhr zur Aktion #fürdasWissen

Dieter Nuhr‘s Post

Ich wurde im Juli gebeten für die Kampagne #DFG2020 der Deutschen Forschungsgemeinschaft eine 30sekündige Sprachnachricht einzusenden zum Thema Wissenschaft. Folgendes Statement habe ich abgegeben:

Wissen bedeutet nicht, dass man sich zu 100% sicher ist, sondern dass man über genügend Fakten verfügt, um eine begründete Meinung zu haben. Weil viele Menschen beleidigt sind, wenn Wissenschaftler ihre Meinung ändern: Nein, nein! Das ist normal! Wissenschaft ist gerade, DASS sich die Meinung ändert, wenn sich die Faktenlage ändert. Wissenschaft ist nämlich keine Heilslehre, keine Religion, die absolute Wahrheiten verkündet. Und wer ständig ruft “Folgt der Wissenschaft!“ hat das offensichtlich nicht begriffen. Wissenschaft weiß nicht alles, ist aber die einzige vernünftige Wissensbasis, die wir haben. Deshalb ist sie so wichtig.

Die DFG hat sich für den Beitrag zunächst bedankt. Sie schrieb mir: “Wir danken ganz herzlich für Ihr wunderbares Statement – Ihren pointierten Kommentar über die Relevanz und die Erklärung von Wissenschaft.”

Screenshot. Original auf https://twitter.com/dfg_public/status/1288843533898612745

Der Beitrag wurde dann von der DFG veröffentlicht und am 30.7. aufgrund der “starken und sehr kritischen Resonanz“ wieder aus dem Netz genommen, um „die DFG zu schützen“ (Zitate wörtlich).

Ich halte dies für mehr als alarmierend. Dass Kritik aufkommt, wenn ich mich äußere, erstaunt mich nicht weiter. Egal, was ich sage, sobald es im Netz öffentlich wird, gibt es organisierten Hass. Das ist offensichtlich eine im Netzwerk organisierte Kampagne, die mich als an der Meinungsbildung Beteiligten diskreditieren soll. Es ist offensichtlich, dass dies ideologisch begründet ist, da ich mich politisch kritisch gegenüber Linken UND Rechten äußere und mich immer wieder gegen jeden politischen Extremismus wende. Das empört linke wie rechte Fanatiker, und da ich immer wieder auch Religionskritik äußere, wird auch von religiöser Seite aus Kritik an mir geübt. Damit muss man leben als Satiriker.

Neu ist, dass nun eine Organisation wie die Deutsche Forschungsgesellschaft, die eigentlich wie keine andere für freies Denken stehen sollte, den Ideologen im Netz nachgibt. Das ist nicht nur erstaunlich, sondern ängstigt mich, da ich inzwischen eine McCarthyartige Stimmung im Land wahrnehme und im Zuge der Cancel culture auch die Freiheit des Denkens und der Forschung im Allgemeinen in Gefahr sehe.

Von seiten der DFG wurde mir mitgeteilt, man müsse “der Kritik nachgeben”, um “Schaden von der DFG abzuwenden”. Ich fürchte, der größere Schaden ist, wenn die Deutsche Forschungsgesellschaft sich daran beteiligt, kritische und keineswegs extremistische oder verschwörungstheoretische Stimmen mundtot zu machen.

Ich habe noch nie (!!!) wissenschaftsfeindlich argumentiert, bin im Gegenteil immer gegen den Missbrauch der Wissenschaft eingetreten. Ein Beispiel: Ich habe IMMER gesagt, dass ich die Friday-For-Future-Bewegung im Grunde für sympathisch halte, den Satz „Folgt der Wissenschaft“ aber für bedenklich halte, weil er suggeriert, es gäbe die eine, unantastbare Meinung und Lösungsstrategie für den Klimawandel, weil so die Wissenschaft zum Erlösungsnarrativ erklärt wird. Das ist das Gegenteil von Wissenschaft.

Es gibt nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch unter Klimawissenschaftlern unterschiedliche Szenarien und verschiedenste Lösungsstrategien. Es ist sogar Grundbedingung von freier Forschung, dass unterschiedliche Thesen zugelassen sind und diskutiert werden. Das passiert ja auch in der Wissenschaft. In der Öffentlichkeit aber wird Meinungsvielfalt zunehmend aktiv durch Denunziation unterdrückt. Einzelne Gruppen proklamieren unantastbare Wahrheiten, behaupten, die Wissenschaft sei auf ihrer Seite und behandeln dementsprechend kritische Denker als Ketzer, werfen sie in der Folge mit Wahnsinnigen und Verschwörungstheoretikern in einen Topf und versuchen sie so zu diskreditieren. Das ist mittelalterlich und beängstigend.

In diesen Zeiten ersetzt immer häufiger der Shitstorm das Argument. DIE ZUSTÄNDIGEN BEI DER DFG KÖNNEN UNMÖGLICH SELBST ETWAS „WISSENSCHAFTSFEINDLICHES“ BEI MIR GEFUNDEN HABEN, SCHON WEIL ES DAS NICHT GIBT. Sie „reagieren auf Kritik“. Mit anderen Worten: Die DFG unterwirft sich den Krawallmachern, die im Internet systematisch an der Unterdrückung kritischer Stimmen arbeiten, die in der Mitte des politischen Spektrums stehen. Niemand kann mich ernsthaft politisch irgendwo an den Rändern verorten.

Die DFG beteiligt sich somit aktiv daran, Kritik als Ketzerei zu verfolgen und Andersdenkende mundtot zu machen. Ich halte das indessen für ein Phänomen, das die demokratische Diskussion ernsthaft gefährdet, schon weil sie indessen den Wissenschaftsbetrieb weltweit erreicht hat. An Universitäten wird indessen überall massiv darauf hingearbeitet, dass Andersdenkende gar nicht mehr hineingelassen werden. Das ist nicht nur empörend, sondern beängstigend. In was für einem Land wollen wir leben? In einem Land, in dem öffentliches Nachdenken zunehmend durch Denunziation und soziale Ausgrenzung bestraft wird? Mir gruselt es.

Was folgt: Denunziation

Die übliche Propaganda-Methode, die nun folgt, ist Denunziation und schlecht-machen des Autors, das hat ja schon bei Wolfgang Wodarg wunderbar funktioniert. Man tut so, als sei sein Redebeitrag fehl am Platze weil er schon an anderer Steele fehl am Platze gewesen wäre:

Ja und zunächst haben die Massenmedien dem auch zugestimmt, doch plötzlich kommt der Umschwung. Dieter Nuhr scheint eine unheimliche Macht zu haben. Sogar unsere Massenmedien kritisieren den Umgang mit Andersdenkenden! Hoffentlich vergessen sie das nicht, wenn es mal wieder gegen Wolfgang Wodarg geht, gegen Kurt Levitt und andere.

Dennoch möchte ich noch ein paar Bemerkungen machen, zu Dieter Nuhrs Aussage über Wissenschaft, weil ich ihm nicht ganz zustimmen möchte, unter der Überschrift: Die Wissenschaft hat immer recht – nicht aber die “Wissenschaftler”. Wir leben in seltsamen Zeiten, in denen es schick wurde, über Wissenschaft herzuziehen und dies bereitet mir große Sorge. Deshalb hier ein Beitrag dazu. Bitte lest ihn! Vielleicht lernt ihr etwas zur Beziehung der Wissenschaftler zur Wissenschaft und warum wir der Wissenschaft vertrauen sollten.

Titelbild

https://dfg2020.de/ und Pixabay

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