Faule Schüler, faule Lehrer

Sinnfreiheit garantiert

Es gibt keine faulen Schüler oder faule Lehrer. Das ist ein Mythos. Es gibt Menschen, denen die Motivation fehlt und die deshalb nicht das tun, was sie tun sollten.

Sind Schülerinnen und Schüler demotiviert, hat die Lehrkraft versagt. Zentrale Aufgabe einer Pädagogin oder eines Pädagogen ist es, Menschen zu motivieren, also ihrem Tun einen Sinn zu geben und ihnen zu zeigen: „Du schaffst das!“. Außerdem sollte eine Lehrkraft natürlich etwas so erklären können, dass es jeder versteht.

Die Fähigkeit zu lernen ist uns zwar angeboren, nicht aber das Lernen von sinnlosem, sinnentleertem Unterrichtsstoff. Wenn eine Lehrkraft ihren Schülerinnen und Schülern nicht erklären kann, warum ein Schulstoff wichtig ist, warum sie ihn lernen müssen, sollte sie ihren Beruf an den Nagel hängen und sich nach etwas anderem umschauen. Wenn ich, als Lehrkraft, keinen Sinn in meinem Schulstoff erkennen kann, nicht sehe, warum meine Schülerinnen und Schüler diesen lernen sollten, warum sollten diese dann darin einen Sinn sehen?

Warum unterrichten Lehrkräfte Fächer, denen sie keinen Sinn geben können?

“Nicht für das Leben, für die Schule lernen wir!”

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Seneca

Es gibt nur einen Versager im Klassenzimmer

Wie soll ich, als Schülerin oder Schüler, etwas lernen oder üben, wenn ich es weder verstehe noch kann? Was kann ich dafür, wenn mein Lehrer ein Versager ist, der unfähig ist, mir etwas beizubringen oder mich zu motivieren?

Ja, als Lehrkraft kann man sich nicht herausreden. Es ist Aufgabe einer Lehrkraft, Schülerinnen und Schülern etwas beizubringen. Viele Lehrkräfte beschäftigen sich nur mit den 1er-Schülern, denen, die bei ihnen alles verstehen. Meist sind es die Schülerinnen und Schüler, die den Stoff auch dann verstehen würden, wenn ein Hund ihn bellen würde.

Doch diejenigen, die tatsächlich einen Pädagogen oder eine Pädagogin benötigen, die nicht den Inhalt intuitiv erfassen können, die bleiben meist auf der Strecke, weil 99% der Lehrerinnen und Lehrer leider nur Lehrer sind und keine Pädagogen. Meine Erfahrung. Der einzelne Mensch geht ihnen am Arsch vorbei.

Doch gerade diejenigen, die unsere Hilfe brauchen, eben weil es ihnen nicht so leicht fällt, etwas zu verstehen, die brauchen eine Pädagogin oder einen Pädagogen. Sie brauchen uns, mit unserer Ausbildung. Für sie haben wir diese Ausbildung gemacht. Für die klassischen 1er-Schülerinnen und Schüler benötigen wir keine Ausbildung. Wie gesagt, für die könnte man auch einen Hund in die Klasse stellen und den Stoff bellen lassen.

Schule: garantiert pädagogikfrei

Das Ziel einer Pädagogin oder eines Pädagogen muss es immer sein, alle Schülerinnen und Schüler mitzunehmen und dafür zu sorgen, dass alle gute Noten schreiben und somit einen guten Abschluss haben. Dies ist nicht einfach, aber wenn es einfach wäre, müsste man es ja nicht studieren. Dann könnte es ja jeder.

Denn, seien wir mal ehrlich: Den Inhalt, von dem, was ihr, Lehrerinnen und Lehrer, unterrichtet, muss man nicht studieren, den hattet ihr schon in der Schule. Liebe Lehrkräfte, ihr habt alle Abitur!

Das Studium kaut den Schulstoff nur wieder, vielleicht noch etwas dazu, was man aber in der Schule nicht benötigt, damit man behaupten kann, das Studium wäre niveauvoll. Aber niveauvoll ist nicht das Gleiche wie sinnvoll. Und nur weil man z.B. Mathe kann, kann man noch lange nicht Sinn vermitteln, motivieren und etwas so erklären, dass es jeder und jede versteht.

Vielleicht sollte man das mal als Teil des Studiums begreifen?

Gut, dass es faule Schülerinnen gibt

Um also niemandem etwas beibringen und niemanden motivieren zu müssen, weil 99% der Lehrkräfte das eh nicht können, wurde der „faule Schüler“ erfunden, der „selbst schuld ist, wenn er nichts lernt“. Das entspricht etwa der Haltung: „Ich armer Lehrer habe eine Klasse voll dummer Schüler, die nichts verstehen!“

Der Lehrer kennt den Witz von dem Geisterfahrer noch nicht:
„Vorsicht, ein Geisterfahrer!“
„Was? Einer? Hunderte!“

Wenn Schülerinnen oder Schüler in der Schule versagen, muss immer zuerst die Frage kommen: „Welche Verantwortung dafür betrifft die Lehrkraft? Was hat sie versäumt zu tun?“ Ist es nicht ihre Aufgabe so zu unterrichten, dass es alle verstehen? Wird sie nicht dafür bezahlt?

Oder für was genau bezahlen wir sie???

ps: Ich weine

Seit 25 Jahren tue ich nichts anderes als zu unterrichten. Was ich erleben muss, ist erschütternd und meine Tränen könnten Seen füllen. Leider kann man Schule nicht ändern. Als einzige Möglichkeit sehe ich, neue Schulen zu gründen und parallel zum Systemversagen etwas Sinnvolles entstehen zu lassen.

Alle Bilder: (c) pixabay, überarbeitet Christina Schieferdecker