Fritjof Capra: Was heißt Tiefenökologie? Teilnehmendes Erkennen als neues Paradigma

Den vorliegenden Text schrieb ich 1988. Ich entdeckte ihn heute beim Äufräumen und war erstaunt, wie aktuell er immer noch ist. Vor über 30 Jahren sprach Fritjof Capra davon, dass sich unser Weltbild ändern müsste, damit wir nicht unsere Umwelt weiter zerstören.

Es hat sich nicht geändert, wir werden sie weiter zerstören. Darin sind wir unschlagbar – in der Zerstörung und der Ignoranz.

Doch nun meine Zusammenfassung des Vortrages von Fritjof Capra, 1988 in Stuttgart:

I. Ausgangspunkt:

Die dringendsten Probleme unserer Zeit sind globale Probleme, die miteinander verknüpft sind und von einander abhängen.

Diese sind:

  • Drohung eines Atomkriegs
  • Zerstörung der Umwelt
  • Armut und Hunger der dritten Welt

Alle diese (und alle anderen) Probleme sind Facetten ein und derselben Krise: einer Krise der Wahrnehmung; eines überholten Weltbildes.

=> Alles Alte muss angezweifelt werden.

II. Wandel

In vielen Wissenschaften wird bereits an einem neuen Weltbild gearbeitet. Der sich abzeichnende Wandel beinhaltet vor allem zwei Aspekte:

  • Wandel der Denkvorgänge: vom mechanistisch zersplitterten Denken zum ganzheitlich vernetzten Denken.
  • Wandel der Werte:
    • – Vom übertriebenen Wettbewerb zu größerer Kooperation
    • – von Quantität zu Qualität
    • – von Expansion zu Bewahrung
    • – von Beherrschung zu Partnerschaft
    • => Von der Selbstbehauptung zur Integration.

Es ist zwar beides lebensnotwendig, jedoch nur vernünftig in einem angemessenem Maße.

=> neues Denken ist ganzheitlich, tiefenökologisch.

III. Was ist Tiefenökologie?

 

seichte Ökologie

tiefe Ökologie

Weltbild

-anthropozentrisch

-Welt als Netzwerk von Phänomenen, welche miteinander verknüpft und voneinander abhängig sind

.

Mensch

-steht über oder außerhalb der Natur

-als besondere Faser im lebendigen Gewebe

.

Natur

-nur Nutzwert, also nur wertvoll, wenn jie dem Menschen nützt

-tiefe Ökologie erkennt den inneren Wert allen Lebens, aller Existenz, Natur als ein Netzwerk, ein Gewebe.

Spirituell

-Trennung von Geist und Materie.

Seelenlose Natur.

=> nicht spirituell

-Mensch fühlt sich mit dem Kosmos verbunden.

=>spirituelles, religiöses Bewußtsein.

Neue Sicht der Wirklichkeit, seht mit vielen spirituellen Sichten im Einklang. (z.B. mit fernöstlich, taoistischer Sicht; Spiritualität eines Franz von Assissi; oder mit der nordamerikanisch-indianischen Tradition).

IV. Wissenschaft und Ethik

Die alte Ethik ist nicht mehr zeitgemäß

Der alte ethische Rahmen ist nicht mehr fähig mit den ethischen Problemen unserer Zeit fertig zu werden. Z.B. mit Physikern, die Kernwaffen entwickeln, mit Chemikern, die die Umwelt vergiften, mit Biologen, die ohne völlige Kenntnis der Folgen, Mikroorganismen freisetzen oder mit Psychologen, die im Namen der Wissenschaft Tiere quälen, etc.

=> MASSIVER ANGRIFF AUF DAS LEBEN

Mit der bisherigen Ethik kann man mit den neuen Problemen nicht fertig werden, da sie

  1. anthropozentrisch ist und den Mensch als Ursprung aller Werte betrachtet und der restlichen Natur lediglich einen Nutzwert zuschreibt.
  2. die Wissenschaft als wertfrei betrachtet.

Seit Descartes, Galilei und Bacon glauben wir, dass wissenschaftliche Fakten unabhängig vom menschlichen Bewusstsein und unabhängig vom menschlichen Wertvorstellungen sind. Diese Wertvorstellungen gelangen jedoch schon dadurch in die Wissenschaft, dass die Wissenschaftler nur Projekte durchführen können, die auch finanziert werden, d.h. die irgendwelchen wirtschaftlichen Interessen dienen.

Von einer neuen Ethik

HEUTE wissen wir, dass wissenschaftliche Fakten aus einer ganzen Konstellation von menschlichen Begriffen, Wahrnehmungen, Werten und Handlungen erwachsen, die von einer Gemeinschaft (z.B. der, der Wissenschaftler) geteilt werden. D.h. wissenschaftliche Fakten erwachsen aus dem ihm zugrunde liegenden Paradigma.

Das neue ganzheitliche Denken braucht eine neue ökologische Ethik, die auch den nicht-menschlichen Leben (innere) Werte zuerkennt, was unsere bisherige Ethik nicht tut (und deshalb ungeeignet ist).

Das heißt nicht, dass eine christliche Ethik grundsätzlich ungeeignet ist. Es ist wohl eher so, dass wir unser christliches Wissen aus der “Kindheit” haben. Wir sind “erwachsen” geworden und unsere religiösen Ansichten sind nicht mitgewachsen.

Warum sind nicht-menschliche Lebewesen als solche wertvoll?

Der Mensch ist Mitglied einer lebenden Gemeinschaft (einer biosphärischen Gemeinschaft), die durch ein Netzwerk von wechselseitigen Beziehungen verknüpft ist. Die Zuneigungen und Sympathien, die wir in einer menschlichen Gemeinschaft (Familie, Freundeskreis, etc.) für einander hegen, werden mit diesem Weltbild auf die gesamte Lebensgemeinschaft ausgedehnt. Sie bleiben keine zwischenmenschliche Angelegenheit.

Die Biosphäre selbst (=Gaia) wird Gegenstand der Zuneigung.

In der tiefenökologischen Ethik gilt:

ICH UND NATUR SIND EINS.

Deshalb handle ich immer in meinem Interesse, wenn ich im Interesse der Natur handle.

V. Wissenschaftliche Formulierung des ökologisch-ganzheitlichen Denkens.

Die Theorie lebender Systeme

Die Theorie lebender Systeme (mit ihrem Ursprung in der Kybernetik der 40er Jahre) bildet den idealen Rahmen für ein neues tiefen-ökologisches Denken:

  1. Lebende Systeme sind integrierte Ganzheiten, deren Eigenschaften sich nicht auf die kleineren Teile zurückführen lässt.
  2. Alle natürlichen Systeme sind Ganzheiten, deren spezifische Strukturen sich aus den wechselseitigen Beziehungen und Abhängigkeiten ihrer Teile ergeben.
  3. Natürliche/lebende Systeme sind wiederum Teile natürlicher/lebender Systeme (z.B. Mensch als Teil eines Sozial-Systems; Erde als Teil des Kosmos oder bei einem Biotop sind alle Teile, z.B. Wasser, Pflanzen, Tiere, Erde, etc. Systeme und auch Teil eines Ökosystems).
  4. Zerlegt man ein System in von einander, isolierte Teile, so zerstört man es (das Ganze ist mehr, als die Summe seiner Teile; siehe auch a) ).

Prinzip der Selbstorganisation

Jedes lebende System organisiert sich selbst. Seine Ordnung wird ihm nicht von der (“äußeren”) Natur vorgeschrieben.

=>Selbstorganisierte Systeme haben eine gewisse Autonomie ihrer Umwelt gegenüber, jedoch sind sie auch mit ihrer Umwelt in ständiger Wechselwirkung (die keinen Einfluss auf die innere Ordnung hat).

Eine neue Theorie des Erkennens:

  1. Der Erkenntnisprozess ist ein wesentlicher Teil der Selbstorganisation
    => Gleichsetzung des Erkenntnisprozesses mit dem Prozess des Lebens selbst (-> Bateson, Maturana/ Varela)
    => Erkennen ist ständiges Hervorbringen einer Welt durch den Lebensprozess selbst
    => teilnehmendes Erkennen.
  2. Der geistige Aspekt des Lebens ist der Prozess, der materielle ist die Struktur. Das heißt also, es verhält sich Geist zu Materie wie Prozess zu Struktur: Geist und Materie sind demzufolge komplementäre Aspekte des Lebens, d.h. sie bedingen sich gegenseitig (kein Prozess ohne Struktur und umgekehrt).

    => hier haben wir erstmals eine wissenschaftliche Theorie, welche Körper, Geist und Materie als eine Einheit betrachtet.

  3. Das Selbstbewusstsein hängt eng mit der Sprache zusammen (Maturana/Valera1)
    Sprache: ist Koordination von Verhalten zweier Lebewesen durch fortlaufende Wechselwirkung, nicht so sehr zur Übertragung von Informationen und Beschreibung einer unabhängig existierenden Welt, sondern vielmehr zur Koordinierung von Verhalten.

    = > “Die Welt,, die wir sehen, ist nicht die Welt schlechthin, sondern eine Welt, die wir mit anderen hervorbringen.” (Maturana u. Valera, 1987)
    Das Selbstbewusstsein steht also über die Sprache mit dem ganzen lebenden System in Bezug. D.h.: menschliches Bewusstsein ist immer ein soziales Phänomen.

VI Das Neue Denken führt zu einem neuen Menschenbild.

ALTES MENSCHENBILD:

Geist und Materie sind getrennt. Der Mensch identifiziert sich nicht mit seinem ganzen Organismus. Er sagt: “ich habe einen Körper “, ich habe eine Seele”, nicht: “ich bin ein Körper, Geist und Seele”, er glaubt ein entkörpertes Selbst zu haben.

NEUES MENSCHENBILD

  1. Geist und Körper sind nicht getrennt, sie sind komplementär.
    Der Mensch ist Körper (Geist).
    => jede körperliche Erkrankung ist auch geistig und seelisch bedingt und umgekehrt.
  2. Mensch als selbstorganisiertes Ganzes (→ humanistische Psychologie)
    Was wir aus Selbsterfahrungsgruppen lernen können:
    Unsere Menschlichkeit erwächst aus den Beziehungen zu anderen Menschen und wird umso tiefer und reicher, je tiefer und reicher diese Beziehungen sind.

  3. Auch die Erfahrung unseres Selbst können wir nur mit anderen hervorbringen.
  4. => wir erfahren unser Selbst in unserer Verbundenheit mit dem Kosmos. Unsere Menschlichkeit ist unsere Verbundenheit mit anderen Menschen und anderen Lebewesen.
  5. => Unser wahres Wesen liegt in der Beziehung zu anderen. Dies ist auch auf verschiedene Phänomene der “toten” Materie anwendbar (und erfahrbar):
  6. Das Wesen eines Teils leitet sich von seinen Verknüpfungen mit anderen Teilen her.

Bibliografische Angaben

Dieser Vortrag wurde von Fritjof Capra 1988 im Hospitalhof des ev. Bildungswerkes in Stuttgart gehalten. Der vorliegende Text ist ein Mitschrieb, eine Zusammenfassung, von mir, Christina Schieferdecker.

Zu Fritjof Capra

Fritjof Capra ist Kernphysiker. Er arbeitet in Berkeley/Kalifornien.

Mehr zu ihm findet man auf seiner eigenen Website.

Capras Definition eines PARADIGMAs:

Eine Konstellation von Begriffen, Wahrnehmungen, Werten und Handlungen, welche von einer Gemeinschaft geteilt wird und zu einer gewissen Weitsicht führt, die die Grundlage für eine soziale Ordnung dieser Gemeinschaft bildet.

=> Ein einzelner Mensch kann kein Paradigma vertreten!

Anmerkungen

1 Hier bezieht sich Capra auf: Humberto R Maturana und Francisco J Varela, Der Baum der Erkenntnis: die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens (Bern; München u.a.: Scherz, 1987).