Genderwahn. Keiner verstehts, jeder tuts. Sinnvoll.

Sprache. Man kann wunderbar damit spielen. Phrasen klopfen, Fremdwörter einbauen, und den Leuten den Kopf vernebeln. Gehen wir gleich mal in medias res (Fremdwörter klingen immer irgendwie gebildet).

Neusprech und Bundeskanzler*innen

Gendern wir mal. Kennt ihr das? Da verwendet jemand ein Wort, wie „Gender“ und behaupte, es bedeutete dies und jenes. Doch was bedeutet es? Verblüffenderweise ist die Übersetzung tatsächlich einfach nur „Geschlecht“ und seine Bedeutung ist eigentlich genauso schwammig, wie die deutsche Übersetzung. Doch schreibt man das, dann gibts `nen Shit-Storm (Scheiße-Sturm auf Deutsch), der sich gewaschen hat. Übersetzungen gefährden die Deutungshoheit.

Übersetze ich jedes Fremdwort und jeden Anglizismus (pseudo-Englisch) ins Deutsche, so verstehts jeder und jeder kann mitdiskutieren – und Unsinn erkennen und entlarven.

Neusprech funktioniert heute – anders als bei George Orwell – durch die Einführung scheinbarer „Fachbegriffe“ denen dann absurde, schwammige Bedeutungen gegeben werden. Fake funktioniert, weils Halbwahrheiten sind und man sie deshalb verschieden auslegen kann. Damit wir nicht genau wissen, worin übrigens die Halbwahrheit besteht, nennt man etwas „Fake“ (ein Anglizismus) und jeder kann sich darunter denken, was er will. Wir sagen nicht „Falschmeldung“ – was ziemlich eindeutig wäre – oder „Halbwahrheit“, nein, es ist ein Fake. Fake ist schlecht, somit ist alles gesagt. Würde man von Falschmeldung oder Halbwahrheit sprechen, würden Menschen vielleicht wissen wollen, warum das falsch ist, da ihnen dieser Gedanke mit dem Wort quasi nahegelegt wird. Doch so: Fall gelöst.

Gender, ich weiche ab. Fragen sie mal jemanden, was dieses Wort bedeutet und warum man es benutzt, anstatt „Geschlecht“.

Die deutsche Bundesregierung liebt es, bedeutet es doch in die Politikersprache übersetzt: Wir verstehen es nicht, also müssen wir nichts tun. Und nichts tun, kann ein Politiker. Sagte ich Politiker? Oh, sorry, in Gender-Neusprech heißt das doch Politiker*innen. Damit jedes Geschlecht im Bundestag mitgenannt wird. Wirklich jedes, auch das des Maikäfers – äh, sorry, der Maikäfer*innen. Doch wie viele Geschlechter haben eigentlich Politiker*innen?

Mist – fragen darf man doch nicht. Sie haben nun mal einfach alle. Das ist so. Und es gibt so viele, dass niemand sie alle kennt. Ist wie das Universum: Irgendwie kennts keiner, doch jeder ist drin. Oder ist das das Internet? Egal, zwei Fremdwörter verwendet, Schlauheit gezeigt.

Gender – ich weiche ab. Schlaumeier – die, die immer alles wissen, weils ja Wikipedia gibt – werden nun sagen (zumindest zu mir): Gender, das ist das grammatikalische Geschlecht – und Sex das biologische.

Grammatikalisches und Soziales Gendern

Aha. Nehmen wir einmal an, Wikipedia wäre göttlichen Ursprungs und würde stets die Wahrheit wiedergeben. Dann gibt es folglich im englischen und deutschen Sprachraum drei Geschlechter: männlich, weiblich, sächlich. Das dritte Geschlecht (Gender) wäre dann „sächlich“. Das Intergender, sozusagen, das Geschlecht (gender) dazwischen (inter), zwischen männlich und weiblich – ist sächlich? Also wären „Politiker*innen“ männliche, weibliche und sächliche Politiker, Politikerinnen und … Mist, da gibts ja keine grammatikalische dritte Endung. Gibts also doch nur zwei grammatikalische Geschlechter (Gender) von Politiker*innen?

Jetzt wirds kompliziert. Oder? Ich soll das Sternchen (*) verwenden, weil ich ALLE Gender, also alle grammatikalischen Geschlechter, mitnennen möchte – doch es gibt nur zwei!

Dann werden einige Aufschreiben – denn es muss ja einen Sinn haben, was Unsinn ist und sie werden vom „sozialen Geschlecht“ reden.

Ah, „sozial“. Es geht doch nichts über Fremdwörter. Was soll ein „soziales“ Geschlecht sein? Ok, ich bin sozial, wenn ich – was eigentlich?

Fragen wir mal Duden. Die sind doch Spezialisten.

Sozial bedeutet demnach:

  • das (geregelte) Zusammenleben der Menschen in Staat und Gesellschaft betreffend; auf die menschliche Gemeinschaft bezogen, zu ihr gehörend
  • die Gesellschaft und besonders ihre ökonomische und politische Struktur betreffend
  • die Zugehörigkeit des Menschen zu einer der verschiedenen Gruppen innerhalb der Gesellschaft betreffend
  • dem Gemeinwohl, der Allgemeinheit dienend; die menschlichen Beziehungen in der Gemeinschaft regelnd und fördernd und den [wirtschaftlich] Schwächeren schützend (Duden)1

Und jetzt? Was bedeutet demnach „soziales Geschlecht“? Gehöre ich dadurch einer Gruppe an oder einer Struktur? Diene ich damit dem Gemeinwohl? Gehöre ich damit erst zur menschlichen Gemeinschaft?

Was sagt denn Wikipedia?

Das Adjektiv sozial, von französisch social und lateinisch socialis, fälschlicherweise oft als Synonym zu gesellschaftlich verwendet und im erweiterten Sinn zu gemeinnützig, hilfsbereit, barmherzig. Stattdessen beschreibt der Begriff des Sozialen zunächst die Gruppe als Handlungsvoraussetzung. Wie Niklas Luhmann zeigt, bezeichnet der Gesellschaftsbegriff ein spezifisch-komplexes soziales System.“2

Ah, spannend. Der Duden weiß nicht, was „sozial“ bedeutet und ich erfahre, dass ich erst Luhmann lesen muss.

Prima.

Das „soziale Geschlecht“ ist ein Gummiwort. Man kann es so verwenden, wie man möchte und ihm die Bedeutung geben, die einem gerade in den Kram passt, je nachdem, wem man wie widersprechen möchte – denn die anderen haben ja immer Unrecht und verstehen einfach nicht, was man sagen möchte, weil sie „stur“, „blöde“ und ungebildet sind. Jeder weiß doch, was „sozial“ bedeutet!

Eben!

Jeder – sogar der Duden und Wikipedia – doch jeder etwas anderes.

Eine kluge Frau sagte einmal zu mir: Wenn man wissen möchte, ob eine Aussage Sinn macht, überprüft man, ob das Gegenteil auch Sinn macht. Wenn es das nicht tut, ist der Satz sinnlos oder einfach nur leeres Geschwafel. Probierts mal aus!

Das Gegenteil vom „sozialen Geschlecht“ wäre dann das „unsoziale Geschlecht“ oder das „nicht-soziale Geschlecht“. Und das wäre?

Sprachverwirrung ist so was Schönes. Damit kann man unendlich viel Politik machen.

Übersetzungswirrwarr

Apropos Politik: Die Bundesregierung meinte gegenüber den Vereinten Nationen, dass sie Gendermainstreaming nicht durchsetzen könnte, weil sie das Wort nicht ins Deutsche übersetzen könnte. Gender bedeutet Geschlecht und Mainstreming bedeutet in etwa, etwas in allen Bereichen berücksichtigen. Eigentlich nicht so schwer, aber man behauptet einfach „Gender“ würde dies oder jenes bedeuten, die Übersetzung ins Deutsche ginge nicht, etc. Bin mal gespannt, wie viele das nun nach diesem Artikel behauten.

Und es gibt ja auch noch „Sex“. Sex wäre im Englischen das „biologische“ Geschlecht.

Ok – Biologie – ein Fremdwort. Aber lassen wir das.

Es gibt da diesen Engländer, George Michael (die Älteren unter euch werden sich erinnern). Er hatte so einen riesen Hit (= ein total erfolgreiches Lied) mit dem Titel: „I want your Sex“. Also zu deutsch: Ich möchte dein biologisches Geschlecht.

Fuck!

Ich erspare mir jetzt jede weitere Auseinandersetzung mit dem Wort „biologisch“ und den Bedeutungen von „sex“ im Englischen.

It isn‘t really easy, isn‘t it?

Für die Sprachverwirrer ists immer total einfach: Sie haben recht, ihre Definition ist die richtige! Nur dass diese Definition absichtlich schwammiger Müll ist, um Machtstrukturen zu sichern, ist so eine Kleinigkeit, die man nicht verschweigen sollte.

Macht und Uneindeutigkeit

Gummidefinitionen, Schwammigkeit und Ungenauigkeit verschaffen Macht. Macht über unser Denken. Es verwirrt uns. Wir wissen nicht mehr, was wir denken sollen, was wir äußern dürfen und schweigen lieber oder beschweren uns.

So nebenbei: Was bedeutet eigentlich Trans*? Die Trans, der Trans, das Trans? Da ist irgendwie alles mitgemeint – doch nichts’s davon gibts. Man sollte immer alles mitmeinen. Ist irgendwie philosophisch. Alles ist eins und eins ist alles und alles ist egal – äh sorry: egal*in (alles hat ja ein Geschlecht).

Hannah Arendts Verdienst ist es aufgezeigt zu haben, wie man mit unklaren Definitionen – in ihrem Falle: Machtstrukturen – Macht aufrecht erhält. Das deutsche Reich funktionierte, so Hannah Arendt, weil häufig unklar war, wer für was zuständig war, wer wen ausspionierte und wer wessen Vorgesetzter war und wer wen wann wo wie ins Lager stecken konnte. Unklarheit schafft Unsicherheit, Unsicherheit nicht selten Angst – oder doch zumindest ein Vermeidungsverhalten. Lieber nichts tun, als nachher Probleme haben.

Lieber Worte nicht verwenden, als falsch. Lieber nichts kritisieren, lieber den Gebrauch der Gummiwörter denen überlassen, die sich damit (scheinbar) auskennen.

Je wirrer etwas wird, desto mehr halten wir uns davon fern und sind bereit, andere als Spezialisten anzuerkennen: Sie scheinen eine Materie zu verstehen, die wir nicht verstehen, die uns zu „kompliziert“ ist. Also dürfen sie die Spezialisten sein und über uns bestimmen.

Ist das richtig?

Sind wir wirklich zu doof?

Ja.

Wir machen mit. Wir hinterfragen nicht, wir lassen uns nicht JEDES Wort ins Deutsche übersetzen und erklären. Nur was man erklären kann, versteht man auch. Was man nicht allgemeinverständlich in deutsche Worte fassen kann, versteht man auch nicht, einfach ausgedrückt.

Macht mal das Spielchen: Lasst euch mal diese ganzen Gummiwörter erklären!

Oder machts wie Herr Postel:

Sie haben als Redner ein Fachpublikum vorgeführt: In einem Vortrag vor Psychiatern haben Sie einen unsinnigen Fachbegriff eingeführt, die bipolare Depression dritten Grades. Warum?

Ich wollte ausreizen, wie weit ich gehen kann. Anlässlich einer solchen Tagung habe ich nicht nur den besagten Vortrag gehalten, sondern auch einen Universitätsprofessor, den damaligen ärztlichen Direktor der Universitätsklinik Münster, gefragt, ob er die bipolare Depression dritten Grades im universitären Alltag häufig erlebe. Er sagte mit einem überheblichen, ordinarientypischen Gestus, das sei nicht häufig, aber es komme mitunter vor. Damit war mir klar: Ich bin als Hochstapler unter Hochstaplern gelandet.”3

Fußnoten

1 „Duden | so­zi­al | Rechtschreibung, Bedeutung, Definition, Synonyme, Herkunft“, zugegriffen 3. April 2019, https://www.duden.de/rechtschreibung/sozial.

2 „sozial“, in Wikipedia, 14. Dezember 2018, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Sozial&oldid=183708990.

3 „Glaubwürdigkeit, Macht und Sprache: Interview mit Gert Postel über ‚Schwafelkunst‘ und Kommunikation – Rhetorikmagazin“, zugegriffen 3. April 2019, https://www.rhetorikmagazin.de/?p=4408.

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