Henry David Thoreau

(Vorbemerkung: Dies ist ein Text von meiner alten Website. Damals vergaß ich Quellenangaben zu machen. Sorry. Einen Kommentar zu Thoreau habe ich auch verfasst, sowie die Texte “On the Duty of Civil Disobedience” und “Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat”, für alle, deren Interesse ich hoffentlich durch folgenden Text geweckt habe)

    “Ich habe so oft den Frühling, Sommer, Herbst und Winter durchlebt, als hätte ich nichts anderes zu tun, als zu leben. Ich hätte den ganzen Herbst damit zubringen können, die sich wandelnde Färbung des Laubes zu beobachten.”

Henry David Thoreau wurde am 12. Juli 1817 im amerikanischen Städtchen Concord im Staat Massachusetts geboren. Damals, 1817, hatte Concord etwa 2000 Einwohner. Henry David Thoreau sollte – abgesehen von ein paar Reisen – sein ganzes Leben lang in Concord verbleiben. Der Vater von Henry David Thoreau, sein Name war John Thoreau, scheiterte etwa im Geburtsjahr von Henry David mit einem Krämerladen und versuchte sich von da an als Bleistiftfabrikant. Zusätzliche Einnahmen bekam die Familie Thoreau durch die Aufnahme von Pensionsgästen. Concord war damals zwar nur ein kleines Städtchen, aber historisch berühmt. In Concord und in einem Städtchen in der Nähe davon, hatte es den ersten bewaffneten Widerstand gegen die damalige Kolonialmacht England gegeben. Am 19. April 1775, also etwa 30 Jahre vor Henry Davids Geburt, hatten amerikanische Milizen ein britisches Strafbataillon in die Flucht geschlagen, das Munitionsvorräte und Proviant in Concord beschlagnahmen sollte. Dieser Sieg amerikanischer Milizen galt landesweit als ein Signal für den Beginn des Kampfes um die Unabhängigkeit. Vielleicht hatte ja auch Henry David Thoreau etwas von diesem Geiste des Widerstands und des Bestrebens nach Unabhängigkeit aufgesogen.

Henry David Thoreau hatte eine glückliche Kindheit im Städtchen Concord.

    »Mein Leben war Seligkeit. In der Jugend, als ich noch keinen meiner Sinne eingebüßt hatte, so erinnere ich mich, war ich voller Leben, mein Leib war von unaussprechlichem Vergnügen erfüllt; Müdigkeit und Erholung, beides erschien mir süß. Diese Erde war das herrlichste Musikinstrument, und ich war ganz Ohr für seine Weisen.«

Die Erde sollte ihm auch im weiteren Leben ein herrliches Musikinstrument sein. Immer wieder zog es Henry David Thoreau in die Einsamkeit zurück und immer wieder schwärmte er in seinem Leben von den Klängen der Natur. Er führte ein Leben als Einzelgänger, unverheiratet, Querkopf und Querdenker, Gesellschaftskritiker und Naturbeobachter. Henry David Thoreau war unangepasst, weil er nicht anders konnte, bedürfnislos, was Geld und Besitz angeht, sensibel und geduldig. Seine Sehnsucht nach der unberührten Natur, seine Neugier und sein Forscherdrang brachten ihn immer wieder dazu der Arbeit zu entfliehen um in der Natur zu sich zu finden.

    “Solange ich die Freundschaft der Jahreszeiten genieße, vertraue ich darauf, dass mir das Leben nicht gänzlich zur Last werden kann.”,

schrieb er in sein Tagebuch. Und diese Haltung war charakteristisch für sein ganzes Leben.

Von 1833 bis 1837, also von seinem 16 bis 19. Lebensjahr, studierte Henry David Thoreau an der Harvard University. Er studierte Rhetorik, Philosophie, Mathematik und Wissenschaften, wie man es damals nannte.

Bereits während seines Studiums war Henry David Thoreau kurze Zeit als Lehrer tätig und setzte diese Arbeit auch nach dem Beenden seines Studiums zunächst fort. Da Henry David Thoreau sich jedoch weigerte, die Prügelstrafe an zu wenden, überwarf er sich mit der Leitung seiner Schule und verließ diese. Zunächst half er seinem Vater in dessen kleiner Bleistiftfabrik. Henry David war ein geschickter Handwerker und Tüftler. Aber er merkte schnell, dass die Laufbahn als Arbeiter  nicht seine Sache war. Nachdem alle Versuche, eine Stelle im öffentlichen Dienst oder als Hauslehrer zu finden,  gescheitert waren, machte Henry David Thoreau aus der Not eine Tugend und gründete 1838, also im Alter von 21 Jahren, eine eigene Schule, gemeinsam mit seinem Bruder John. John hatte zwar einen Job, .gab diesen jedoch auf und wirkte an der Privatschule mit. Den Brüdern Thoreau war es schon damals wichtig, dass Unterricht nicht nur aus Theorie, sondern auch aus Anschauung und Erfahrung besteht. So gehörten zum Unterricht bei den Thoreau-Brüdern auch Spaziergänge in der Natur und Besuche der ortsansässigen Geschäfte und Betriebe.

»Wer macht am Ende eines Monats die größeren Fortschritte: der Junge, der sich sein eigenes Taschenmesser aus dem Erz herstellt, das er selbst ausgegraben und geschmolzen und nur das hierfür Notwendigste gelesen hat – oder derjenige, der sich Vorlesungen über Metallurgie an der Hochschule anhört und dann von seinem Vater ein teures Taschenmesser geschenkt bekommt?«

Als John, der Bruder von Henry David Thoreau 1941 an Tuberkulose erkrankte und nicht mehr unterrichten konnte, musste die Schule nach nicht ganz 3 jahren geschlossen werden. 1942 starb schließlich Henry Davids Bruder an Tuberkulose.

Henry David Thoreau hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt etwa dreimal verliebt – um immer endete es in einer Enttäuschung. Schließlich entschied er sich, dass Verliebtheit nur zur Geistesträgheit führe und entschloss sich fortan als Junggeselle zu leben.

“Keuschheit ist die Blüte des Menschen, und was Genius, Heroismus, Heiligkeit und dergleichen genannt wird, sind nur die verschiedenen Früchte, die daraus folgen… Es gibt nur eine Sinnlichkeit, mag sie auch viele Formen annehmen, und es gibt nur eine Reinheit. Es ist dasselbe, ob ein Mensch in lüsterner Weise ißt, trinkt, Geschlechtsverkehr hat oder schläft. Dies alles entspringt derselben Begehrlichkeit, und wir brauchen einem Menschen nur bei einer dieser Handlungen zuzusehen, um zu wissen, wie sinnlich er ist… Für den Schüler ist Sinnlichkeit gleichbedeutend mit Geistesträgheit.”

Bereits während seines Studiums lernte Henry David Thoreau den Dichter und Philosophen Ralph Waldo Emerson kennen, der ebenfalls in Concord wohnte. Ralph Waldo Emerso war beeindruckt von Henry David Thoreau und machte ihn mit einem Kreis von Schriftstellern und Intellektuellen bekannt. Zwischen den beiden, Thoreau und Emmerson, entwickelte sich eine enge Freundschaft. 1941 nach der Schließung der Privatschule, war Henry David Thoreau wieder auf Jobsuche. Emerson stellte ihn ein. Und so kam es, Dass Henry David Thoreau die nächsten 2 Jahre für Ralph Waldo Emerson arbeitete, wo er als Gärtner, Hausmeister, Bibliothekar, Erzieher und Redakteur der von Ralph Waldo Emerson herausgegebenen Zeitschrift Dial wirkte. Ralph Waldo Emerson, war zudem sehr froh, einen so begabten und geschickten Menschen, wie Henry David Thoreau, in seinem Domizil nach dem Rechten sehen zu lassen, zumal sich seine Vortragsreisen häuften. Es hätte eine glückliche Zeit im Hause Emerson sein können, doch oft genug stieß Henry David Thoreau seine Freunde absichtlich durch ungehöriges Benehmen vor den Kopf.

»Die Menschen sind gemeinhin verdorben durch ihr Wohlwollen und ihre Höflichkeit. Sie sind so konziliant und entschlossen, mit dir übereinzustimmen, dass sich ein Gespräch mit ihnen nicht lohnt. In einer kurzen Unterhaltung legen sie eine solche Langmut und Freundlichkeit an den Tag. Ich möchte jemandem begegnen, der provoziert und befremdet, so dass wir Gast und Wirt sein können und einander erfrischen. Es kann geschehen, dass ein Mensch völlig in seinen Umgangsformen verschwindet, sich in ihnen auflöst. Den tausendundein Gentlemen, die ich treffe, begegne ich mit Verzweiflung und nur, um mich wieder von ihnen zu trennen, denn sie wecken in mir keinerlei Hoffnung auf eine Ungehörigkeit. Ein ärgerlicher, grober, exzentrischer Mensch, ein Schweigsamer, ein Mensch, der sich nicht gut drillen lässt – der gibt zur Hoffnung Anlass. Eure feinen Herren sind alle gleich.«

So konnten Unstimmigkeiten  im Zusammenleben mit Henry David Thoreau auf die Dauer  nicht ausbleiben. Da es immer häufiger zu Auseinandersetzungen kam, konnte und wollte Henry David Thoreau nicht länger bei Ralph Waldo Emerson wohnen. Dieser verschaffte ihm daraufhin einen anderen Job in Staten Island. Doch Staten Island war so gar nicht nach Henry David Thoreaus Geschmack. Es waren ihm zu viele verschiedene Menschen an einem Ort. Er sehnte sich zurück nach seinem kleinen Städtchen Concord und den Wäldern und Seen seiner Heimat. Schon nach kurzer Zeit kam er wieder zurück.

Wir haben das Jahr 1943. Henry David ist jetzt 26 Jahre alt. Zurück in Concord half er seinem Vater wieder in der kleinen Bleistiftmanufaktur. Auch wenn es nicht die Arbeit war, für die sich Henry David Thoreau geboren fühlte, entwickelte er den Ehrgeiz, eine noch bessere Bleistiftmine zu entwickeln, eine Mine, die weniger häufig bricht. Und er schaffte es. Henry David Thoreau entwickelte in dieser Zeit ein Verfahren, bei dem feine Löcher ins Holz gebohrt wurden, durch welche sich, die Minenmasse hineinpressen ließ. Die Folge davon: Die Stifte waren jetzt nur noch aus einem Stück und zerbrachen nicht mehr so leicht, wie bisher. Mit diesem neuen Verfahren und den nun hervorragenden Bleistiften, schaffte es die kleine Bleistiftmanufaktur der Thoreaus eine Landesweit erfolgreiche Bleistiftfirma zu werden.

Doch Henry David Thoreau hielt es nie lange an einem Ort aus und Dinge wie Erfolg oder Geld bedeuteten ihm nicht viel. Als Sohn eines jetzt erfolgreichen Bleistiftfabrikanten hätte sich Henry David einiges leisten können, zumal er der Alleinerbe nach dem Tode seines Bruders war. Doch Henry David Thoreau war es nach anderem, als daran Geld auszugeben, um sich dem Mühsal und den Vergnügungen hin zu geben. Henry David Thoreau wollte leben, das Leben erfahren und sich selbst erfahren. Nach diesem Erfolg mit der Erfindung einer neuen Bleistiftherstellung erfüllte er sich deshalb einen schon lange gehegten Traum.

Am 4. Juli 1845, am amerikanischen Unabhängigkeitstag, bezog Henry David Thoreau eine selbstgebaute Blockhütte am Walden-See, in der Nähe seines Wohnortes Concord. Das Gründstück, auf welchen die Blockhütte stand, gehörte Ralph Waldo Emerson.

“Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte. Ich wollte nicht das leben, was nicht Leben war; das Leben ist so kostbar. Auch wollte ich keine Entsagung üben, außer es wurde unumgänglich notwendig. Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde.”

Im Film Der Club der toten Dichter wird dieses Zitat als Eröffnungsspruch zu jeder “Sitzung” des Clubs von allen Mitgliedern gemeinsam rezitiert.

In der Blockhütte am Walden-See lebte er dann etwa zwei Jahre. Henry David Thoreau lebte dort zwar alleine und selbständig, aber nicht abgeschieden. Das Städtchen Concord war in der Nähe, das er regelmäßig besuchte und Ralph Waldo Emerson, versorgte ihn, wenn nötig, mit Nahrungsmitteln oder einfachen Arbeiten, um etwas Geld zu verdienen. Über sein Leben am Walden-See führte Henry David Thoreau Tagebuch. Aus diesen Tagebucheinträgen machte er später ein Buch, das unter dem Titel: “Walden – oder ein Leben in den Wäldern” erschien. In seinem Werk Walden beschrieibt Henry David Thoreau sein einfaches Leben am See und seine Erlebnisse in und mit der Natur, aber er schreibt auch über Themen, wie Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

Hier einmal ein paar Ausschnitte aus seinem Buch Walden:

“Ein Farmer erklärte mir: ‘Sie können nicht von Pflanzenkost allein leben, denn sie enthält nichts für den Knochenbau’, …; und während er mir vordoziert, geht er hinter seinen Ochsen her, die mit ihren vegetarisch aufgebauten Knochen ihn mitsamt seinem wackeligen Pflug über alle Hindernisse hinwegziehen.”

“Ein See ist der schönste und ausdrucksvollste Zug einer Landschaft. Er ist das Auge der Erde. Wer hineinblickt, ermisst an ihm die Tiefe seiner eigenen Natur. Die Bäume dicht am Ufer, welche sein Wasser saugen und in ihm zerfließen, sind die schlanken Wimpern, die es umsäumen, und die waldigen Hügel und Felsen die Augenbrauen, die es überschatten.”

“Die unaufhörliche Aufregung und Sorge vieler Menschen ist eine fast unheilbare Krankheitsform. Wir übertreiben die Wichtigkeit von allen, was wir tun, und wie vieles geschieht doch ohne uns!”

“So heftig fühlen wir den Drang zu leben, dass wir das Leben anbeten und die Möglichkeit einer Änderung leugnen.”

Und dennoch, so beeindruckend Walden auch ist, Henry David Thoreau machte dieses Experiment ganz alleine für sich. Er wollte es nicht als Beispiel für andere tun oder als Rat, wie man leben solle.

“Ich möchte um keinen Preis, dass irgend jemand meine Lebensweise befolge; denn abgesehen davon, dass ich, ehe er sie ordentlich erlernt hat, schon wieder eine andere für mich gefunden haben kann, wünsche ich auch, dass es soviel verschiedene Menschen als möglich in der Welt geben möge; ich möchte nur, dass jeder recht sorgfältig trachtete, seinen eigenen Weg zu finden und nicht statt dessen den seines Vaters, seiner Mutter oder seines Nachbarn.”

Am 6. September 1847, nach über zwei Jahren, brach Henry David Thoreau sein Experiment am Walden-See einfach ab. Wie wir schon vorher erfahren haben, hielt er es nie lange irgendwo aus, machte keine Arbeit für länger, stets zog es ihn weiter, weiter zu neuem, zu neuen Erfahrungen.

Schon etwas früher, im Sommer 1846, während er noch in Walden lebte, weigerte er sich, die  sogenannte “Kopfsteuer” zu entrichten, die dazu diente, den Krieg der Vereinigten Staaten gegen Mexiko zu finanzieren.

“Muss der Bürger auch nur einen Augenblick, auch nur ein wenig, sein Gewissen dem Gesetzgeber überlassen? Wozu hat denn dann jeder Mensch ein Gewissen? Ich finde, wir sollten erst Menschen sein, und danach Untertanen. Man sollte nicht den Respekt vor dem Gesetz pflegen, sondern vor der Gerechtigkeit”

Die konsequente Verweigerung der  Zahlung der Kopfsteuer, brachte Henry David Thoreau ins Gefängnis.

“Ich wurde ins Gefängnis gesteckt, als ich gerade auf dem Weg zum Schuster war, um eine geflickten Schuh dort abzuholen. Als ich am nächsten Morgen herauskam, setzte ich diesen Gang fort, zog meine geflickten Schuh an und stieß zu einer Gruppe von Heidelbeersammlern, die schon darauf warteten, von mir angeführt zu werden.”

Die Nacht im Gefängnis, das Erlebnis eingesperrt zu werden, brachte ihn zu folgender Erkenntnis:

“Da sie mich nicht fassen konnten, beschlossen sie, meinen Körper zu bestrafen. Mit dem inneren Wesen, sei es intellektuell oder moralisch, kann der Staat sich also niemals auseinandersetzen, sonder nur mit dem Körper, mit den Sinnen. Er verfügt weder über größere Vernunft noch Ehrlichkeit, sondern nur über größere physische Gewalt.”

Doch Henry David Thoreau kam bereits nach einer Nacht wieder frei, weil sein alter Freund Ralph Waldo Emerson die Steuern für ihn bezahlte. Doch die eine Nacht im Gefängnis hatte tiefgreifende Folgen. Inspiriert durch die Nacht im Gefängnis verfasste Henry David Thoreau den Essay Resistance to Government, welcher unter dem späteren Titel Civil Disobedience bekannt wurde und in Deutschland unter dem Titel “Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat” veröffentlicht wurde. Die Schrift wurde zum Standardwerk und Namensgeber des Zivilen Ungehorsams vor allem durch Mahatma Gandhi und Martin Luther King. Mahatma Gandhi und Martin Luther King lasen beide die Schrift “Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat”. Sie gab ihnen den Mut und die Gewissheit das Richtige zu tun.

“Es gibt Tausende, die im Prinzip gegen Krieg und Sklaverei sind und die doch praktisch nichts unternehmen, um sie zu beseitigen…”

“Ein kluger Mensch wird die Frage der Gerechtigkeit nicht dem Zufall überlassen, er wird auch nicht wollen, dass sie durch die Macht der Mehrheit wirksam werde. Denn in den Handlungen von Menschenmassen ist die Tugend selten zu Hause.”

“Eine Minderheit ist machtlos, wenn sie sich der Mehrheit anpasst; sie ist dann noch nicht einmal eine Minderheit; unwiderstehlich aber ist sie, wenn sie ihr ganzes Gewicht einsetzt.”

Henry David Thoreau stellt den Menschen über den Staat. Ein Gesetz und ein Staat muss dem Menschen dienen, nicht umgekehrt.

“Die Mehrzahl der Menschen dient also dem Staat mit ihren Körpern nicht als Menschen, sondern als Maschinen. Sie bilden das stehende Heer und die Miliz, die Gefängniswärter, die Konstabler, Gendarmen etc. In den meisten Fällen bleibt kein Raum mehr für Urteil oder moralisches Gefühl.”

Sind Gesetze falsch, dann muss man sich nicht an sie halten, sondern sollte sie sogar bewusst brechen.

“Wenn das Gesetz dich zum Arm des Unrechts macht, dann, sage ich, brich das Gesetz”.

Mit diesen Sätzen legitimiert er jeden gewaltfreien Widerstand gegen Staat und Gesetz. Henry david Thoreau mistraut einem Staat, der sich zu sehr in ihm lebenden menschen zu sehr bevormunden will. Denn Wie gesagt, ein Staat und seine Regierung muss für die Bürger da sein, nicht umgekehrt.

“Die beste Regierung ist die, welche gar nicht regiert”; und wenn die Menschen einmal reif dafür sein werden, wird dies die Form ihrer Regierung sein.”

“Ich will sachlich reden, und nicht wie die Leute, die sich überhaupt gegen jede Regierung erklären. Ich sage nicht: von jetzt an keine Regierung mehr, sondern von jetzt an eine bessere Regierung.”

“Ich mache mir das Vergnügen, mir einen Staat vorzustellen, der es sich leisten kann, zu allen Menschen gerecht zu sein, und der das Individuum achtungsvoll als Nachbarn behandelt; einen Staat, der es nicht für unvereinbar mit seiner Stellung hielte, wenn einige ihm fernblieben, sich nicht mit ihm einließen und nicht von ihm einbezogen würden, solange sie nur alle nachbarlichen, mitmenschlichen Pflichten erfüllten. Ein Staat, der solche Früchte trüge, und sie fallen ließe, sobald sie reif sind, würde den Weg für einen vollkommeneren und noch ruhmreicheren Staat freigeben – einen Staat, den ich mir auch vorstellen kann, den ich bisher aber noch nirgends gesehen habe.”

Nach der Beendigung seines Aufenthaltes 1947 am Waldensee verbrachte Henry David Thoreau zunächst wieder ein Jahr in Ralph Waldo Emersons Haus. Da dieser für ein Jahr ins Ausland ging, sollte Henry David Thoreaur ihn als Hausherrn vertreten. 1948 las er zum ersten Mal öffentlich aus seinem Werk “ziviler Ungehorsam” vor. Ab 1849 verdiente H.D. Thoreau seinen Lebensunterhalt als Landvermesser, Gelegenheitsarbeiter und Vortragsreisender. Damals konnte man mit Vorträgen sogar Geld verdienen Bei seinen Vorträgen wetterte er immer wieder gegen soziale Ungerechtigkeit und Sklaverei. 1854 wurde Walden veröffentlich, mit 1000 Exemplaren, die sich gut verkauften. Henry David Thoreau hatte sein erstes Buch verkauft. Außerdem schrieb er 1854, er war jetzt 37 Jahre alt, seinen Essay Leben ohne Prinzipien. Dieser Essay “Leben ohne Prinzipien” handelte von der Armut der Reichen, von ihrem moralischen Bankrott und der Selbstausbeutung der meisten Menschen. Auch Henry David Thoreau klagte, wie Karl Marx später, dass die Menschen ihre Arbeitskraft zu einer Ware haben verkommen lassen.

“Wenn ich der Gesellschaft meine Vormittage und meine Nachmittage verkaufte, wie es offenbar die meisten tun, würde für mich gewiss nichts mehr übrigbleiben, für das es sich zu leben lohnt.”

1854 kam es zu einem Gesetz, das die Duldung der Sklaverei den einzelnen Staaten überließ.  So wurde es jetzt auch möglich, dass nicht nur in den so genannten Südstaaten Sklaven gehalten werden konnten, sondern in der ganzen heutigen USA.

Nur einen Tag nach der Verabschiedung dieses Gesetzes ereignete sich in Boston ein schwerer Zwischenfall. Ein entflohener Sklave, Anthony Burns, war in Boston von seinem Herrn wiedererkannt worden und wurde unter gewaltigem militärischen Schutz auf ein Schiff verschleppt. Eine aufgebrachte Menschenmenge wurde Zeuge dieser »Zwangseintreibung«, konnte aber angesichts des großen Aufgebots der Staatsmiliz nichts unternehmen. Allerdings wurde Burns später von Bostoner Bürgern freigekauft.

Spätestens von diesem Tage an begann Henry David Thoreau, sich konkret in die Politik – und vor allem in die Sklavenpolitik – einzumischen. Sein Engagement hatte sich bereits drei Jahre zuvor bei einem ähnlichen Fall gezeigt. Der siebzehnjährige entflohene Sklave Thomas Sims war damals an Georgia ausgeliefert worden. In Georgia wurde er zur Strafe beinahe zu Tode ausgepeitscht. Der Fall dieser Abschiebung hatte Henry David Thoreau ungemein erregt und ihn veranlasst, in Wort und Tat die Sache der Sklavereigegner zu unterstützen. Es muss ein schwerer Schock für Henry David gewesen sein, von dieser Geschichte zu hören. Er, der stets das Einzelgängertum liebte, schloss sich plötzlich einer Gruppe an. So unterstützte er die Abolitionisten, wie sich die Sklavereigegner damals nannten und beteiligte sich am Ausbau ihres Fluchthilfe-Netzwerks. Am 1. Oktober 1851 verhalf er persönlich einem Sklaven mit Namen Henry Williams zur Flucht.

Nach den vorher geschilderten Ereignissen um Anthony Burns hielt Henry David Thoreau am 4. Juli 1854, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, eine scharfe Anklagerede, die unter dem Titel “Sklaverei in Massachusetts” angekündigt war. Auf dieser Protestversammlung verbrannte der damalige Abolitionistenführer William Lloyd Garrison öffentlich ein Exemplar der amerikanischen Verfassung, mit der sich die Sklavenhaltung ja legitimieren ließ. Henry David Thoreau ging es in seinem Vortrag darum, seine Mitbürger zum Widerstand gegen die Beteiligung der eigenen Regierung an der Sklavenauslieferung auf zu fordern. Gleichzeitig kritisierte er gleichermaßen die sklavischen Arbeitsbedingungen der weißen Fabrikarbeiter im Norden; vor allem aber stellte er schonungslos jeden einzelnen Menschen an den Pranger. Der »selbstverschuldeten Unmündigkeit« galt Henry David Thoreaus schärfste Kritik.

“Es ist hart, einen Aufseher aus dem Süden zu haben; es ist schlimmer, einen nordstaatlichen zu haben; am schlimmsten von allem ist es jedoch, wenn du dein eigener Sklaventreiber bist.”

Und in sein Tagebuch schreibt er:

“Geschwätz von Sklaverei! Sie ist keineswegs die besondere Einrichtung des Südens. Sie existiert vielmehr überall dort, wo Menschen gekauft und verkauft werden, wo immer ein Mensch es zulässt, dass er wie ein bloßes Ding oder Instrument behandelt wird, und seine unveräußerlichen Rechte der Vernunft und des Gewissens aufgibt. Diese Art von Sklaverei ist in der Tat umfassender als diejenige, die allein den Körper versklavt.”

Schon in seiner Schrift zum zivilen Ungehorsam schrieb er:

“Dieses Volk muss aufhören Sklaven zu halten und gegen Mexiko Krieg zu führen, auch wenn es seine Existenz als Volk kosten sollte”

Am 3. Februar 1957 starb Henry Davids Vater und Henry David Thoreau musste die Bleistiftfabrik übernehmen.

Im März 1957 hielt John Brown einen Vortrag in Concord. So lernte Henry David Thoreau 1857 den Guerillakämpfer für die Sklavenbefreiung John Brown kennen. John Brown kämpfte gegen Ungerechtigkeit und war, als Widerstandskämpfer, in vielen Dingen ein Mensch im Sinne Thoreaus.

“Darf der Bürger auch nur einen Augenblick und im geringsten Grad sein Gewissen dem Gesetzgeber überlassen? Wozu hat denn jeder Mensch ein Gewissen?”

John Brown ordnete sein Gewissen eindeutig nicht dem Gesetz unter. John Brown handelte, nach eigenem Gewissen um ein besseres Leben für andere zu erreichen. Seit 1834 kämpfte John Brown unerbittlich gegen die Sklaverei. Seinen ersten ihn bekannter machenden Auftritt hatte er in der Nacht vom 24. auf den 25. Mai 1856 als er mit acht Männern fünf Sklavereibefürworter überfiel und tötete. Eine größere Bekanntheit erlangte er drei Jahre später, am 16. Oktober 1859, als er mit 21 Männern eine Stadt in Virginia überfiel. Sein Plan war es, durch die Eroberung des dort befindlichen Waffenarsenals der US-Armee, einen Sklavenaufstand zu ermöglichen. Mit den eroberten Waffen hätte John Brown eine Revolutionsarmee zur Sklavenbefreiung aufstellen können. Doch der Plan scheiterte. Insgesamt starben zehn von John Browns Anhängern und zwei seiner Söhne. John Brown selbst wurde verwundet und festgenommen und zwei Monate später, am 2. Dezember, wegen Mordes, Anzettelung eines Sklavenaufstandes und Landesverrats gehenkt. Die sieben Wochen zwischen seiner Verhaftung und seiner Hinrichtung waren überall in Amerika von aufgewühlten Emotionen beherrscht. Die so genannte öffentliche Meinung verurteilte John Brown als Staatsfeind und Gewalttäter; auch viele Sklavereigegner distanzierten sich von John Brown.

Ganz anders Henry David Thoreau. Wie kaum ein anderer verteidigte er John Brown von Anfang an, feierte ihn als tapferen Streiter wider das Böse und bewunderte seine Bereitschaft, märtyrerhaft »für eine ewige Wahrheit auf dem Schafott zu sterben«. Auch Henry David Thoreau äußerte seine Bereitschaft, für Gerechtigkeit und Menschenrechte auch zu sterben.

»Wenn es jetzt notwendig ist, dass ich mein Leben hingebe, um der Gerechtigkeit Genüge zu tun, dass ich mein Blut vermische mit dem meiner Kinder und dem von Millionen von Wesen, deren Rechte durch die Sklaverei grausam verletzt sind, so füge ich mich. Möge es geschehen!«

Am 30. Oktober 1859, also einen Monat vor der Hinrichtung John Browns, hielt Henry David Thoreau eine seiner heftigsten und packendsten Reden in Concords Stadthalle. Die Stadtväter hatten ihm von einer Veranstaltung zugunsten John Browns abgeraten, da sie zum damaligen Zeitpunkt ein öffentliches Ärgernis war und mit Gegendemonstrationen zu rechnen war. Auch die offiziellen Sklavereigegner sprachen sich gegen eine öffentliche Rede von Henry David Thoreau aus, weil sie befürchteten, eine Verteidigung John Browns würde ihrer Sache schaden. Doch Henry David Thoreau hielt noch nie sehr viel von Gesellschaftlicher Bevormundung. Er sprach nicht nur von Zivilcourage, er lebte sie auch. In dieser Rede, Ende Oktober 1859, würdigte Henry David Thoreau John Brown als einen Menschen, der seinen Weg ging. Henry David Thoreau war schon immer ein Gegner der Gewalt, doch angesichts eines derart barbarischen Staates, der kein Problem damit hat, Millionen von Menschen auf grausamste Art und weise zu töten, konnte auch er sich vorstellen zur Waffe zu greifen.

»Ich will nicht töten oder getötet werden, aber ich kann Umstände vorhersehen, unter denen diese beiden Dinge für mich unvermeidlich wären.«

Laut Ralph Waldo Emerson gelang es Henry David Thoreau erstaunlicherweise die Vorurteile der zahlreichen Zuhörer in Nachdenklichkeit und Sympathie für John Browns zu wandeln. Henry David Thoreau wiederholte sein Plädoyer noch mehrfach auch in anderen Städten, doch hatte er dort meist nicht so viel Erfolg.

Am 2. Dezember 1859 wurde John Brown schließlich hingerichtet. Wenige Monate nach seiner Hinrichtung wurde John Brown zu einer mythischen Figur; im Bürgerkrieg sangen die Soldaten des Nordens “John Browns Body”. Während des Bürgerkrieges avancierte der bald nach seiner Hinrichtung komponierte Marsch John Browns body schnell zum beliebtesten Kampflied der Unionstruppen.

Die Menschen und wie sie miteinander umgingen, machten Henry David Thoreau krank. Er verstand nicht, wie man nur mit derart wenig Achtung vor der Würde des Anderen leben konnte. Nach seinem starken Engagement für John Brown und für die Sklavenbefreiung brauchte er etwas Erholung von den Menschen und es zog ihn wieder für längere Zeit in die Natur, in die Wälder. Henry David Thoreau wollte eine Naturgeschichte seiner Heimatstadt verfassen und trug alles zusammen, was er an Literatur über Indianer fand. Doch Henry David wollte nicht Wissenschaftler sein. Er wollte sein Wissen vermehren, aber er wollte auch nicht müde werden, die Natur wahrlich in sich auf zu saugen.

»Mein Verlangen nach Wissen setzt zeitweilig aus, dagegen habe ich ein unentwegtes, beständiges Verlangen danach, meinen Kopf in der frischen Luft einer Gegend zu baden, in die mich meine Füße bisher nicht getragen haben. Das Höchste, was wir erreichen können, ist nicht Wissen, sondern Einklang, verbunden mit Einsicht. Ich weiß nicht, ob sich aus diesem höheren Wissen etwas Bestimmteres ergeben wird als die neue, große Überraschung, die plötzliche Offenbarung, wie unzulänglich all das ist, was wir zuvor Wissen nannten, die Entdeckung, dass es zwischen Himmel und Erde mehr Dinge gibt, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt. Es ist, wie wenn das Sonnenlicht den Nebel erhellt.«

Der Wissenschaftler war für ihn oft “ein Wurm, der es sich im Keim einer Frucht gemütlich gemacht hat, sie aber lediglich verdirbt und zerfrisst, ohne sie jemals wirklich zu schmecken.” Auch die Tötung zu Forschungszwecken lehnte er ab, das Skelett eines Eichhörnchens in Spiritus galt ihm als Absurdität, pulsierendes Leben war ihm heilig. Als er einmal gefragt wurde, ob er jemals einen Vogel abgeschossen habe, um ihn zu untersuchen, gab er zur Antwort:

»Meinen Sie, ich sollte Sie erschießen, wenn ich vorhätte, Sie zu untersuchen?«

Henry David Thoreau respektierte den Indianer, den Fischer und Jäger, zu deren Leben auch das Töten von Tieren gehörte – aber er empfand es als unnötig grausam, wenn ein Tier aus purer Lust am Töten umgebracht wurde.

1861 verschlimmerte sich Henry David Thoreaus Lungenleiden, das er schon seit längerem mit sich herumschleppte. Auch die politische Situation in Amerika verschlimmerte sich. Im April 1961 begann der Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südstaaten.

Am 6. Mai 1862 stirbt Henry David Thoreau an den Folgen der Tuberkulose. Henry David Thoreau wurde 44 Jahre alt. Einen Monat seinem Tode, am 19. Juni 1862 wird die Sklaverei in den USA offiziell abgeschafft.

“Das eine wenigstens lernte ich bei meinem Experimente: Wenn jemand vertrauensvoll in der Richtung seiner Träume vorwärts schreitet und danach strebt, das Leben, das er sich einbildete, zu leben, so wird er Erfolge haben, von denen er sich in gewöhnlichen Stunden nichts träumen ließ. Er wird mancherlei hinter sich lassen, wird eine unsichtbare Grenze überschreiten. Neue, allgemeine und freiere Gesetze werden sich um ihn und in ihm bilden oder die alten werden ausgedehnt und zu seinen Gunsten in freierem Sinne ausgelegt werden.”