Hormone, Marktwirtschaft und tote Frauen

Hormontherapien sind nach wie vor alles andere als wissenschaftlich abgesichert, Betroffene (meist Frauen) sind letzten Endes Versuchskaninchen von immer neuen Kombinationen aus Steroidhormonen und Gestagenen, wobei vor allem Gestagene Probleme machen, die zusammen mit Ethylestradiol, evtl. sogar noch zusätzlich mit anderen Hormonen und mit diesen verwandten Stoffen eingenommen werden.

Einen traurigen Höhepunkt wurde mit den Berichten zur Antibabypille von Bayer erreicht. Hier ein Ausschnitt aus DIE WELT vom 6.03.2016 (Autor: Bastian Heinrichs)1:

„Sie nahm eine Pille der neueren Generation; die kamen in den 90er-Jahren auf den Markt, sollten besser verträglich sein und nebenbei für schönere Haut und Haare sorgen. Doch sie haben eine sehr gefährliche Nebenwirkung: Thrombosen, Blutgerinnsel, die Venen verstopfen. Im März 2014 beschied das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), dass für einige dieser Pillen auf das größere Thromboserisiko hingewiesen werden muss. Gleichzeitig forderte es weitere Studien von den Herstellern. Damit reagiert das BfArM auf Hunderte Fälle junger Frauen, die nach der Einnahme einer Antibabypille schwere Thrombosen und in der Folge Lungenembolien erlitten haben, einige starben daran. Das Problem wurde lange Zeit ignoriert.

[…] Der Fall […] beginnt im September 2012. Sie ging zu ihrer Frauenärztin und ließ sich die Pille Aristelle verschreiben […] , ein kostengünstiges Generikum mit den Wirkstoffen Ethinylestradiol (0,03 mg) und dem Gestagen Dienogest (2 mg) […]. […] [Sie] hatte keine Probleme mit Akne, gegen die diese Pille […] angeblich ebenfalls hilft. Aufgeklärt über mögliche Nebenwirkungen […] hat sie niemand. […] Thrombose und Lungenembolie sind unter “selten auftretende Nebenwirkungen” zwischen Gleichgewichtsstörungen und Hitzewallungen zu finden.
Wenige Wochen später beginnen die Schmerzen im Rücken. […] Doch es wird wieder schlimmer. Der Schmerz strahlt ins Becken und in die Beine aus. Dann bricht […] [sie] vor Schmerzen zusammen. Notaufnahme, zwei Tage Intensivstation. […] Dann stellen die Ärzte fest, dass ihr Körper durchzogen ist von Thrombosen. Ihre Venen sind verstopft, das Blut kann kaum noch zirkulieren. Eine Operation kommt nicht infrage, […] Sie bekommt starke Medikamente, kämpft um ihr Leben. […] ihr Körper schafft es […] Doch die Thrombosen bleiben. Bis heute sind ihre Venen verstopft und quasi unbrauchbar, die Venenklappen in den Beinen funktionieren nicht vernünftig. Das Blut kann nicht in erforderlichem Maße nach oben gepumpt werden. Deswegen muss sie sich so oft schnell hinsetzen und die Beine in die Waagerechte bringen, damit ihr Kreislauf nicht zusammenklappt.“

Natürlich sind Präparate mit der Kombination aus Ethylestradiol und Diogenest immer noch auf dem Markt – sowohl als Anti-Babypille, als auch als Anti-Akne-Mittel. Nach dem Bericht oben kann man sagen: Diese Frau klagt bestimmt nicht mehr über Akne – denn dafür sind die anderen Probleme zu groß – und Kinder bekommen, kann sie wegen ihrer Venenschwächen und Thromboserisiken nun auch nicht mehr. Die Pille funktioniert. So sarkastisch das klingt, aber genau so scheinen Hersteller und die für die Zulassung verantwortlichen Behörden zu denken.

Auf DAZ.online (gehört u.a. zur Deutschen Apotheker Zeitung) schreibt am 29.02.2016:

„Die fixe Kombination aus Dienogest und Ethinylestradiol wird außer zur Verhütung auch bei mittelschwerer Akne eingesetzt. Allerdings gibt es Zweifel am Nutzen.“

„Zweifel am Nutzen“ erscheint mir etwas untertrieben. Und weiter heißt es:

„Pillen mit Dienogest gehören zu den am häufigsten verordneten oralen Kontrazeptiva. Zahlen von IMS Health zufolge, die im „Pillenreport” der Techniker Krankenkasse veröffentlicht wurden, befanden sich 2014 unter den Top-Ten der meistverordneten Pillen drei Präparate mit Dienogest. Maxim war mir 2.027.000 Packungen und einem Umsatz von 33,7 Millionen Euro der absolute Spitzenreiter.
Dienogest–haltige Kontrazeptiva zählen zu den Pillen der sogenannten 4. Generation. Das Risiko bei Einnahme dieser Präparate, eine venöse Thrombomebolie zu erleiden, konnte bislang nicht beziffert werden. Es liegen nicht ausreichend Daten vor. Es besteht aber für Gestagene der 3. und 4. Grundsätzlich der Verdacht, ein höheres Thromboserisiko zu haben, als Pillen mit Gestagenen der 1. und 2. Generation. „

Dabei wurde im Arzneimitteltelegramm (arznei-telegramm® 2010; Jg. 41, Nr. 9, S.98)2 bereits 2010 auf die Risiken hingewiesen (Hervorhebungen von mir):

Die Unbedenklichkeit der Dienogest-haltigen Kombination ist unseres Erachtens dennoch nicht belegt: Der obere Wert des Vertrauensbereichs von 1,8 bedeutet, dass das Risiko venöser thromboembolischer Ereignisse unter Dienogest bis zu 80% höher sein kann als unter Levonorgestrel – für die Annahme von Nichtunterlegenheit inakzeptabel hoch. Zudem wurde die von Bayer Schering – Mutterkonzern des VALETTE-Anbieters Jenapharm – gesponserte Studie von dem in Berlin ansässigen Center for Epidemiology and Health Research (ZEG Berlin) durchgeführt, das von zwei ehemaligen Schering-Mitarbeitern geleitet wird, darunter J. DINGER, Hauptautor der aktuellen Publikation. Untersuchungen dieses Zentrums ergeben regelmäßig für die Hersteller oraler Kontrazeptiva günstige Ergebnisse.

Und hier stoßen wir auch auf die eigentlichen Probleme: ich würde sie als Korruption bezeichnen, aber natürlich kann sie jeder selbst mit Namen belegen, Betrug wäre auch nicht schlecht: Unbedenklichkeitsstudien werden stets von Firmen oder Universitäten veröffentlicht, die dafür von den Pharmafirmen, um deren Präparate es geht, bezahlt werden.

In einem Bericht des Politmagazins MONITOR3 wird dargelegt, dass tausende (!) Firmen Kooperationsverträge mit Universitäten abgeschlossen haben. Nicht selten werden in diesen – oft Geheimverträgen – vereinbart, dass Veröffentlichungen oder Einstellungen von Professoren, mit den Firmen (Sponsoren) zuvor abgestimmt werden müssen. Im vorliegenden Fall geht es beispielhaft um die Zusammenarbeit des Pharmakonzerns Boehringer-Ingelheim mit der Universität Mainz:

„Monitor hat alle 84 staatlichen Universitäten in Deutschland angefragt. 72 haben geantwortet. Manche Unis haben ca. 80 Verträge mit Firmen, wie die Universität Hohenheim, andere 800, wie die TU Berlin oder sogar über 1000, wie die Universität Dresden. […] Aber nur an drei Unis sind sie öffentlich, alle anderen sind geheim.[…]

Besonders lukrativ sind Kooperationen für Pharma-Unternehmen, da geht’s ums ganz große Geld. […] An deutschen Hochschulen wurden in den letzten Jahren 33 Professoren von Pharma-Unternehmen bezahlt und es gab mindestens sechs Kooperationen zwischen Pharma-Unternehmen oder Stiftungen und Universitäten, […] [In] geheim gehaltenen Verträge[n] dazu […] steht ganz Erstaunliches, zum Beispiel darf die Universität von ihrem Weisungsrecht nur Gebrauch machen, so weit die Stiftung zustimmt. […] Weiter heißt es im Vertrag: Presseerklärungen, Veröffentlichungen oder Mitteilungen bedürfen der vorherigen Ab- und Zustimmung der Parteien als auch der Zustimmung der Boehringer-Ingelheim Stiftung.

In diesem Vertrag […] [der MONITOR] zugespielt [wurde] […] geht [es] um eine große Gesundheitsstudie: Millionen Sponsor Boehringer Ingelheim. In der Geschäftsordnung heißt es weiterhin ist es mit dem Hauptsponsor der Studie Boehringer Ingelheim vertraglich vereinbart, dass alle Manuskripte vor Veröffentlichung die Freigabe durch Boehringer Ingelheim benötigen. Der Pharmakonzern sagt, das wäre so üblich.

Doch nicht nur diese Praxis ist erschreckend, hinzu kommt, dass immer neue Medikamente auf den Markt drängen, darunter immer neue Gestagene, Ant-Baby-Pillen, etc. Selbst wenn die Schädlichkeit des einen bekannt wird, so hat der Pharmakonzern schon das nächste Präparat fertig, die „nächste Generation“ und verkauft sie uns als „noch besser“, „noch verträglicher“, etc., bis es die nächsten Todesfälle gibt. Diesem unsinnigen Treiben ein Ende zu setzen, scheint niemand gewillt. Niemand möchte einen Geldfluss stoppen, der – meist Männern – einen neuen Porsche beschert, nur weil andere – meist Frauen – evtl. mit schlimmen Folgen rechnen müssen.

Irgendwie erinnert das an Prostitution. Frauen leiden für den Spass der Männer.

Fußnoten

1 Henrichs 2016

2 “THROMBOEMBOLIEN UNTER DIENOGEST-HALTIGER PILLE VALETTE” 2016

3 Sendung vom 11.08.2016, eigene Transkription. Quelle: http://www.ardmediathek.de/tv/Monitor/Monitor-vom-11-08-2016/Das-Erste/Video?bcastId=438224&documentId=37091886.  Zuletzt zugegriffen: 28.01.2017

Literatur- und Quellenangaben:

Henrichs, Bastian. 2016. “Fatal Verhütet.” http://www.welt.de/print/wams/hamburg/article152974093/Fatal-verhuetet.html. Zuletzt zugegriffen: 25.08.2016

“THROMBOEMBOLIEN UNTER DIENOGEST-HALTIGER PILLE VALETTE.” 2016. http://www.arznei-telegramm.de/html/2010_09/1009098_03.html. Zuletzt zugegriffen: 25.08.2016

EMA-Risikobewertungsverfahren: Pillen mit Dienogest/Ethinylestradiol zur Aknebehandlung auf dem Prüfstand. Stuttgart – 29.02.2016, 16:10 Uhr. https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2016/02/29/dienogest-ethinylestradiol-zur-aknebehandlung-auf-dem-prufstand. Zuletzt zugegriffen: 28.01.2017