Identität 2: Maslow und die Identitätszuschreibung

Abraham Maslow ist ein berühmter Psychologe, der die humanistische Psychologie (mit) begründete und die Psychologie der Gesundheit erfand. Seine Bedürfnispyramide, erstmals 1943 veröffentlicht1, kennen alle, die sich jemals mit Psychologie beschäftigten. Wie alle Humanisten erkannte auch er, dass seine psychologischen Erkenntnisse weitreichende Folgen haben und ein Umdenken erfordern. Die folgenden Zitate sind vor allem aus seinem 1968 erstmals auf Englisch erschienenem Buch “Psychologie des Seins”2. Wir sehen, dass Fremdbestimmung über Fremd-Zuschreibung und Identitäts-Verordnung kein neues Problem darstellt.

Identität und Gruppenzuordnung

Was ich immer wieder feststellen muss, ist, dass viele glauben, eine Identität zu haben würde bedeuten, sich mit einer Gruppe zu identifizieren. Doch schauen wir uns Marcias Theorie an, sehen wir, dass dies nicht unbedingt als eine “gesunde” Entwicklung gesehen werden kann.

Rolf Oerter schreibt in “Entwicklung der Identität”:

“Der Begriff Identität bezieht sich zunächst in einem allgemeinen Sinn auf die einzigartige Kombination von persönlichen, unverwechselbaren Daten des Individuums wie Name, Alter, Geschlecht und Beruf, durch die das Individuum gekennzeichnet ist und von allen anderen Personen unterschieden werden kann.”3

Identität ist also etwas sehr Individuelles. Was auch Sinn macht. Bedeutet doch Identität “identisch sein”, als “mit etwas übereinstimmen”. Habe ich meine Identität gefunden, so habe ich mich selbst gefunden. Ich bin ganz ich und weiß wer und was ich bin. Ich empfinde mich als stimmig.

Folglich kann ich mich nicht mit einem Fußballverein identifizieren, denn sonst würde ich ja mit diesem übereinstimmen. Ich kann ihn aber mögen, leidenschaftlich unterstützen und deshalb leiden, wenn er verliert und mich freuen, wenn er gewinnt. Genauso wenig, kann ich mich mit anderen Menschen “identifizieren”, denn dies würde bedeuten, ich glaubte, ich wäre sie. Natürlich kann ich nachmachen, was sie tun oder sie mögen und für sie schwärmen, ich kann sie aber nicht sein.

Meist begegnet uns jedoch diese Vorstellung der Identität mit einer Gruppe oder einem Star als Fremdzuschreibung. Am Beispiel Transsexualität würde das so aussehen: “Du bist so und so, weil du doch transsexuell bist!” Wobei man das Wort “transsexuell” auch durch irgend etwas anderes ersetzen könnte.

Menschen werden dann häufig, auf Grund von Vorurteilen und Wunschvorstellungen der “Zuschreiber” und Katalogisierer, weitere Eigenschaften zugesprochen, meist auch Wünsche und Verhaltensweisen, die sie auf Grund der zugeschriebenen Gruppe (in diesem Falle transsexuellen Menschen), haben sollen, obwohl sie doch nur diese die diese winzig kleine Gemeinsamkeit haben: transsexuell, eine Diagnose. Es interessiert dann nicht mehr, welche Eigenschaften das Individuum genau hat. Es wird von ihm erwartet, unsere Vorstellungen über seine Gruppe zu erfüllen.

Abraham H. Maslow dazu:

„Ich habe […] das Einordnen als eine billige Form des Erkennens beschrieben, die in Wirklichkeit eine Form des Nicht-Erkennens ist, eine rasche, mühelose Katalogisierung, deren Funktion es ist, die durch sorgfältigeres, idiographisches Wahrnehmen oder Denken geforderte Anstrengung überflüssig zu machen. Jemanden in ein System einzuordnen erfordert weniger Energie, als ihn in seiner eigenen Wesensform zu erkennen […].

Was beim Einordnen betont wird, ist die Kategorie, in die der Mensch gehört, von der er ein Beispiel ist, nicht der Mensch als solcher – Ähnlichkeiten überwiegen Unterschiede.

In derselben Publikation wurde auf die sehr wichtige Tatsache hingewiesen, dass eingeordnet zu werden im allgemeinen beleidigend für den Eingeordneten ist, da es seine Individualität negiert oder seiner Persönlichkeit, seiner differentialen, einzigartigen Identität keine Aufmerksamkeit schenkt.“ (Abraham Maslow)4

Identität und Gruppenzugehörigkeit

Finde ich meine „Identität“ nur über eine Gruppenzugehörigkeit, so könnte man dies als „krankhaft“ bezeichnen, bzw. man hätte laut Marcia eine „diffuse Identität“. Man klammert sich an das, was andere sagen, weil man selbst damit überfordert ist zu sich selbst zu stehen, bzw. sich selbst zu erkennen. Sich über eine Gruppe zu identifizieren bedeutet, dass man sein Identität noch nicht gefunden hat, aber auch nicht weiter suchen möchte. Man möchte nicht wahrhaben oder erfahren, dass man ist, wer man ist.

Menschen, die einen hohen Selbstwert und ein gesundes Selbstwertgefühl haben, die danach streben sich selbst zu verwirklichen, haben es nicht nur nicht nötig, sich über eine Gruppe zu definieren, sie möchten es auch nicht. Sie wissen, dass sie nicht nur diese eine Eigenart sind, die sie mit einer Gruppe gemeinsam haben, sie wissen, sie sind mehr als das und einzigartig. Und das lieben sie. “Es ist schön, ich zu sein!”

Deshalb mögen sie auch keinen Nationalismus, die Vorstellung von Rassen, Klassen, Kasten, etc. und anderen Arten der zugewiesenen Gruppenidentität:

“Ich habe in meinen Beschreibungen von selbstverwirklichenden Personen erwähnt, daß sie den Nationalismus transzendieren. Ich hätte hinzufügen können, daß sie auch Klassen und Kasten transzendieren.”5

Und weil sie diese Schubladen nicht mögen, wehren sie sich dagegen, wenn man sie einer Gruppe zuweist und ihnen unterstellt, sich eine Identität über eine Gruppe zulegen zu müssen:

„Menschen haben oft eine Abneigung dagegen, eingeordnet oder klassifiziert zu werden, und sie betrachten es als eine Negierung ihrer Individualität (ihres Selbst, ihrer Identität). […]
[…] [Man] muss […] solchen Reaktionen mit sympathischem Verständnis begegnen; sie sind eine Bestätigung der persönlichen Würde […] [und es] sollten solche Selbstschutz-Reaktionen nicht »Widerstand« genannt werden (im Sinne eines Manövers zum Schutz der Krankheit) […]. Es wird des weiteren darauf hingewiesen, dass solche Widerstände äußerst wertvollen Schutz gegen schlechte Psychotherapie bieten.“ (Maslow)6

„Solch ein Widerstand [gegen den Versuch, eingeordnet zu werden] kann deshalb als Selbstbehauptung und Schutz der eigenen Einzigartigkeit, Identität oder Selbstheit gegen Angriff oder Vernachlässigung betrachtet werden. Solche Reaktionen dienen nicht nur dazu, die Würde des Individuums aufrechtzuerhalten; sie schützen es auch gegen schlechte Psychotherapie, Lehrbuch-Interpretationen, »wilde Psychoanalyse«, überintellektuelle oder verfrühte Interpretationen oder Erklärungen, bedeutungslose Abstraktionen oder Konzeptualisierungen, die alle für den Patienten mangelnde Achtung implizieren […].“ (Abraham Maslow)7

Die Kritik Maslows richtet sich zwar besonders gegen Psychologen, die dies tun, aber natürlich sollten es alle unterlassen.

Kritik am und Furcht vorm Widerstand

„Therapie-Novizen in ihrem Eifer, rasch zu heilen; »Lehrbuchmenschen«, die ein Begriffssystem auswendig lernen und dann die Therapie betrachten, als bestünde sie nur aus der Verteilung von Begriffen; Theoretiker ohne klinische Erfahrung; Studenten der Psychologie, die gerade Fenichel8 auswendig gelernt haben und bereitwillig allen Kommilitonen erzählen, zu welcher Kategorie sie gehören – das sind alles Katalogisierer, gegen die sich die […] [Menschen] schützen müssen.“

„Die legitime, als Selbstschutz verstandene Reaktion auf solches Einordnen »Widerstand« im klassischen Sinne zu nennen, ist also nur ein weiteres Beispiel des Missbrauchs eines Begriffs. […]“ (Maslow)9

Dieser Zwangszuordnung können leider oft nur Menschen gut widerstehen, die sich selbst gefunden haben, die eher zu den selsbtverwirklichenden Menschen gehören. Verunsicherte, orientierungslose Menschen und solche, die noch auf der Suche nach sich selbst sind, lassen es eher zu, sich unter solche Gruppierungen unterzuordnen. Manchmal empfinden sie es auch als angenehm, nimmt es ihnen doch die Last ab sich zu fragen, wer sie sind.

Leider ist es auch so, dass Äußerungen von Autoritäten, wie im Text von Maslow, von den Psychologen, eine besondere Bedeutung beigemessen wird. Sich von der Meinung von Autoritäten zu lösen, ist ein Schritt, der für viele wahrscheinlich der schwierigste ist. Viele haben gelernt, dass, wenn ein “Fachmann” etwas sagt, es richtig sein muss. Es bedarf eines extrem positiven Selbstbildes und Selbstbewusstseins, um der Ansicht von Experten zu widersprechen und sich zu widersetzen, noch dazu, wenn der “Fachmann” diesen gesunden Widerstand als etwas Krankhaftes oder Ähnlichem beschreibt.

Das berühmte Milgram-Experiment zeigte auf, dass wir zu wahren Grausamkeiten bereit sind, wenn nur eine Autorität hinter uns steht und uns sagt, wir sollten etwas tun. Dabei genügt es, dass der betreffende Mensch als Autorität wahrgenommen wird. Er muss uns nicht zwingen oder Gewalt über uns haben, damit wir tun, was er möchte.

Doch immer dann., wenn unser “Bauchgefühl”, oder ein Gewissen, sich meldet, sollten wir hellhörig werden. Unser Denken ist leichter zu überrumpeln, als unser “organismisches Erleben”, wie es Rogers nennt. Wenn ich mich bei etwas unwohl fühle, sollte ich es nicht tun. Wenn sich etwas “falsch” anfühlt, ist es das auch und wir sollten ganz besonders “hellhörig” werden und genau überdenken, was gerade passiert.

Jetzt wäre der Zeitpunkt, “sapere aude!10” zu rufen und mich meines eigenen Verstandes zu bedienen – und meinem Gewissen erlauben, seinen Dienst machen zu lassen.

Wir müssen nicht dazugehören!

„Man weiß heute, dass man sich dem […] [Menschen] als einem einzigartigen Menschen und nicht als einem Mitglied einer Klasse nähern muss […]. Einen Menschen zu verstehen, heißt nicht, ihn zu klassifizieren oder einzuordnen. Und ihn zu verstehen, ist die Conditio sine qua non der Therapie.” (Maslow)

Und nicht zuletzt: Ein „Nein!” bedeutet “Nein!“

Gerade die Unterscheidung von anderen, das Widersprechen und eine-eigene-Meinung-haben, macht uns zu Individuen – und macht uns auch lebendig.

Die Individualität, das Einzigartig-Sein, ist das, was uns ausmacht. Je mehr wir unsere Identität gefunden haben, desto mehr wissen wir, wer wir sind. Wir werden uns unserer Einzigartigkeit bewusst. Einzigartig zu sein, ist etwas Wertvolles.

Es ist wichtig zu erkennen, dass das Einsortieren in Gruppen, anderen zu sagen, was sie sind oder wann sie sich angesprochen fühlen müssen und wann nicht, das Böse schlecht hin ist (auch wenn uns dieser Begriff misshagt), weil es uns davon abhalten möchte, unsere wahre Identität, unsere Einzigartigkeit, Individualität und Unverwechselbarkeit zu finden und uns frei zu entwickeln.

Eingeordnet zu werden, und damit die Einordnung an sich, ist der natürliche Feind von Freiheit und Emazipation.

Literaturangaben

Maslow, Abraham H. A Theory of Human Motivation. WWW.BNPUBLISHING.COM, 2012.

Maslow, Abraham H. Motivation und Persönlichkeit. Reinbek: Rowohlt, 2008.

———. Psychologie des Seins: ein Entwurf. Ungekürzte Ausg., 12.-13. Tsd. Fischer-Taschenbücher Geist und Psyche 42195. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verl, 1997.

Oerter, Rolf. „Entwicklung der Identität“. Herausgegeben von H. J. Möller, Harald Kächele, Serge K. D. Sulz, Thomas Bronisch, und Willi Butollo. Psychotherapie 11 Heft 2 (2006): 175–91.

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Fußnoten

1Abraham H Maslow, A Theory of Human Motivation (WWW.BNPUBLISHING.COM, 2012).

2Abraham H. Maslow, Psychologie des Seins: ein Entwurf, Ungekürzte Ausg., 12.-13. Tsd, Fischer-Taschenbücher Geist und Psyche 42195 (Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verl, 1997).

3Rolf Oerter, „Entwicklung der Identität“, hg. von H. J. Möller u. a., Psychotherapie 11 Heft 2 (2006): 175.

4Abraham H. Maslow und Paul Kruntorad, Psychologie des Seins: ein Entwurf, Ungekürzte Ausg., 12.-13. Tsd, Fischer-Taschenbücher Geist und Psyche 42195 (Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verl, 1997), 134–38.

5Abraham H. Maslow, Motivation und Persönlichkeit (Reinbek: Rowohlt, 2008), 19.

6Maslow, Psychologie des Seins, 134–38.

7Abraham H. Maslow und Paul Kruntorad, Psychologie des Seins: ein Entwurf, Ungekürzte Ausg., 12.-13. Tsd, Fischer-Taschenbücher Geist und Psyche 42195 (Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verl, 1997), 134–38.

8Damit ist wahrscheinlich Otto Fenichel: The Psychoanalytic Theory of Neurosis. gemeint, ein Buch das weit verbreitet war und einen großen Einfluss auf das Denken der damaligen zeit hatte.

9Maslow: “Die Tendenz, einzuordnen (anstatt eine konkrete, idiographische, auf den Patienten bezogene Erfahrungssprache zu benützen), tendiert fast mit Sicherheit dazu, stärker zu werden, auch bei den besten Therapeuten, wenn sie müde, krank, geistesabwesend, ängstlich, uninteressiert, ohne Achtung für ihre Patienten und in Eile sind. Unsere Betrachtungen mögen also auch als Hilfe für die ständige Selbstanalyse der Gegenübertragung des Psychoanalytikers dienen.”

10Wage es, weise zu sein!