Identität 1: Identitätsentwicklung nach Marcia

Zusammengestellt und überarbeitet von Christina Schieferdecker

Wer ist Marcia?

Bild-Quelle: Unbekannt

James E. Marcia war Professor an der Simon Fraser University in British Columbia, Kanada.

Inzwischen (2019) ist er 82 Jahre alt und es gibt keine Infos über sein Leben, nachdem er die Simon Fraser University (SFU) verließ.

Auf der Seite der SFU findet sich ein Artikel von 20021, in dem es heißt, dass James Marcia sich vom Unterrichten zurückziehe, nachdem er über 30 Jahre lang dort Professor war. Seine Tätigkeit wird dort wie folgt beschrieben:

Marcia gründete 1986 das erste Zentrum für klinische Psychologie der SFU und verwandelte ein schmutziges altes Rattenlabor in Beratungsräume, Beobachtungsräume und ein kleines Büro. Diese Klinik bot den Gemeinden rund um den Burnaby Mountain viele Jahre lang Beratungsdienste an und diente gleichzeitig als Forschungs- und Trainingsstätte für Doktoranden.“

Im August 2002, mit 65 Jahren, verließ James Marcia die Universität um sich anderen Dingen zu widmen:

Zu diesen “anderen Dingen” gehören sein ständig wachsender Garten auf der Saturna-Insel und seine Leidenschaft für Musik. Als versierter Posaunist, ein Instrument, das er seit der Grundschule spielt, wird er sich mehr Zeit für das Spiel mit dem Vancouver Philharmonic, dem West Coast Symphony, dem New Westminster Symphony und der Freelancertätigkeit nehmen.

Ich wollte ursprünglich Musiker werden‘, sagt er, ‚aber da ich mehr Gehirn als Talent hatte, war die Psychologie eine klügere Berufswahl. Jetzt habe ich die Chance zu sehen, wie weit ich wirklich hätte gehen können.‘“

Identität (Definition)

Identität bezeichnet die einzigartige Kombination von persönlichen, unverwechselbaren Daten eines Individuums wie Name, Alter, Geschlecht und Beruf, durch welche das Individuum gekennzeichnet ist und von anderen Personen unterschieden werden kann.

Im engeren psychologischen Sinn, ist Identität die einzigartige Persönlichkeitsstruktur, verbunden mit dem Bild, das andere von dieser Persönlichkeitsstruktur haben und das Verständnis für die eigene Identität, die Selbsterkenntnis und der Sinn für das, was man ist bzw. sein will.

Identitätsbildung beschreibt also, dass sich ein Mensch seines Charakters bzw. seiner Position in der Welt bewusst wird (Schüler einer bestimmten Schule, Mitglied einer religiösen oder sozialen Gruppe, Bürger eines bestimmten Landes).2

Marcia versteht „unter Identität eine innere, selbstkonstruierte, dynamische Organisation von Trieben, Fähigkeiten, Überzeugungen und individueller Geschichte“3

Identitätsfindung und Jugend

Marcias Theorie gilt vor allem für Jugendliche und junge Studenten. Warum dem so ist, wird nicht erklärt.

Jedoch liefert Abraham Maslow in seinem Buch “Motivation und Persönlichkeit” eine Erklärung. Bei ihm hängt die Identitätsfindung zusammen mit der Entwicklung zu einer selbstverwirklichenden Person. Diese ist ein Mensch, der seine Identität gefunden hat, oder nach Marcia: Ein Mensch, mit einer erarbeiteten Identität.

Gerade aber dieses “Erarbeiten” benötigt Zeit. Bis man quasi angekommen ist und eine stabile eigene Identität entwickelt hat, muss viel geschehen.

Abraham Maslow schreibt im Vorwort zu “Motivation und Persönlichkeit”:1

“In Kapitel 11 über die Selbstverwirklichung habe ich eine Quelle der Verwirrung beseitigt, indem ich den Begriff sehr endgültig auf ältere Menschen beschränkt habe. Gemessen mit den Kriterien, die ich verwendet habe, kommt Selbstverwirklichung bei jüngeren Menschen nicht vor. Zumindest in unserer Kultur haben junge Leute

  • noch keine Identität oder Autonomie erreicht,
  • noch haben sie genügend Zeit gehabt, eine dauernde, loyale, nachromantische Beziehung zu erfahren,
  • noch haben sie im allgemeinen ihre Berufung gefunden, den Altar, auf dem sie sich opfern.
  • Sie haben ihr eigenes Wertsystem noch nicht erarbeitet;
  • noch haben sie genügend Erfahrung gehabt (Verantwortung für andere, Tragödie, Versagen, Leistung, Erfolg), um perfektionistische Illusionen abzulegen und realistisch zu werden;
  • noch haben sie im allgemeinen ihren Frieden mit dem Tod geschlossen;
  • sie haben auch nicht gelernt, wie man Geduld aufbringen kann;
  • noch haben sie genug über das Böse in sich und in anderen gelernt, um Mitleid zu haben;
  • noch haben sie Zeit gehabt, postambivalent hinsichtlich der Eltern und der Älteren, der Macht und Autorität zu werden;
  • noch sind sie im allgemeinen kenntnisreich und gebildet genug geworden, als dass sich ihnen die Möglichkeit, weise zu werden, öffnet;
  • noch haben sie im allgemeinen genügend Courage erworben, um unpopulär zu sein, sich nicht dafür zu schämen, geradeheraus tugendhaft zu sein und so weiter.
    Jedenfalls ist es eine bessere psychologische Strategie, den Begriff des reifen, voll menschlichen, selbstverwirklichenden Menschen, in dem die menschlichen Potentialitäten realisiert und aktualisiert wurden, von dem Begriff der Gesundheit auf jeder Altersstufe zu trennen. Dies kann man, wie ich gefunden habe, in “gutes Wachstum zur Selbstverwirklichung” übersetzen, ein ziemlich sinnvoller und erforschbarer Begriff. Ich habe den Eindruck, dass gesunde junge Männer und Frauen dazu neigen,
  • sich noch immer im Wachsen zu befinden,
  • liebenswert zu sein,
  • frei von Bosheit,
  • insgeheim freundlich und altruistisch (doch nur sehr verschämt),
  • im privaten voller Zuneigung zu jenen unter den Älteren, die es verdienen.

Junge Leute sind ihrer selbst nicht sicher, noch nicht ausgeformt, verlegen wegen ihrer unterlegenen Postition ihresgleichen gegenüber (ihre privaten Meinungen sind “gerader”, metamotivierter, das heißt, tugendhafter als im Durchschnitt). Sie sind insgesamt besorgt über die Grausamkeit, Gemeinheit und den Mobgeist, den man so häufig bei jungen Leuten findet, und so weiter.

Natürlich weiß ich nicht, ob sich dieses Syndrom unvermeidlich in jene Selbstverwirklichung auswächst, die ich für ältere Menschen beschrieben habe. Nur Untersuchungen, die sich über entsprechend lange Zeitspannen erstrecken, können dies klarstellen.”

Identitätsbildung nach Marcia4

Entwicklung benötigt Krisen

Nach Neuenschwander kommt die Identitätsformung durch kritische Lebensereignisse in Gang. Als nächster Schritt folgt der Anstieg des Selbstwertes, da neue Werte motivieren. Schließlich fuhrt die wachsende Kontrollüberzeugung zur integrierten Identität und zur Überzeugung, dass die eigenen Ziele verwirklicht werden können. Es gibt jedoch keine allgemein­gültige Abfolge der Identitätsphasen.

Rollendiffusion

Der Begriff „Rollendiffusion” wurde vor allem durch Erikson geprägt, allerdings wird auch häufig der Begriff Identitätsdiffusion verwendet.

Im Prozess der Selbstfindung beziehungsweise der Identitätsfindung stellen sich Jugendliche die Frage, wer sie sind, wer sie sein möchten, wie sie von Mitmenschen gesehen werden.

Die Gesellschaft hat Erwartungen, dadurch wird der Jugendliche oftmals automatisch in eine Rolle gedrängt, in der er sich nach außen hin anpasst und das wahre Selbst verbirgt. Dabei kann es zu Konflikten kommen, wenn es dem Jugendlichen nicht gelingt, die eigene Rolle in der Gesellschaft zu finden.

Zudem kommen in der Pubertät viele Veränderungen (Körper, Sexualität, Beruf) auf den/die Jugendliche/n zu.

Scheitert der/die Jugendliche an der Aufgabe, diese Elemente erfolgreich miteinander zu vereinbaren und ist der/die Jugendliche im Bezug auf seine/ihre Identität bzw. Rolle unsicher, droht eine Identitätsdiffusion, der/die Jugendliche fühlt sich unvollkommen, ist unentschlossen und verwirrt.

Untersuchungsbeispiele zur Identität als Struktur ergaben, dass in den jüngeren Jahren die diffuse Identität überwiegt und der prozentuale Anteil der erarbeiteten Identität mit den Jahren ansteigt. Jedoch muss man dabei beachten, dass Jugendliche häufig nicht über identitätsbezogene Aktivitäten nachdenken.

Erst dann, wenn der/die Jugendliche seine/ihre Rollenidentität gefunden hat und eine Art Selbstdefinition mit Entwicklung einer Persönlichkeit stattgefunden hat, wird von einer Lösung der Krise gesprochen.

Identitätsbildung und Identitätskonstruktion5

Von der Identitätsbildung abzugrenzen ist nach Marcia die Identitätskonstruktion, die auf Grund individueller Entscheidungen zu Stande kommt, indem jemand sich damit auseinandersetzt, wer er sein will, welcher Gruppe er sich anschließen möchte, welchen Glauben er annehmen und welchen Beruf er ergreifen möchte.

Die meisten Menschen haben zunächst nur eine Identität, die sich aufgrund von Äußerlichkeiten zusammensetzt (=Identitätsbildung).

Die Erfahrung, eine Identität zu haben, ist, dass jemand einen Mittelpunkt, ein Zentrum in sich selbst hat, auf das Erfahrungen und Handlungen bezogen werden.

Individuen, die ihre Identität selbst konstruiert haben, haben einen Sinn dafür, dass sie an diesem Prozess teilgenommen haben. Sie wissen nicht nur, wer sie sind, sondern sie wissen auch, wie sie es geworden sind. Dabei haben sie nützliche Fähigkeiten entwickelt. Diejenigen, die einen übernommenen Mittelpunkt haben, erleben ihre Zukunft dagegen eher als Erfüllung von vorhandenen Erwartungen.

Die vier Formen des Identitätsstatus6

Marcia entwickelte ein Verfahren zur Erfassung des aktuellen Identitätsstatus, indem er Fragen an Probanden bezüglich des Ausmaßes an Verpflichtung (Beruf, Politik, Religion, etc.) stellte.

Laut seinen Erkenntnissen lässt sich der tatsächlich vorliegende Identitätsstatus einer Person durch Kombination der beiden Dimensionen…

  • Commitment (Selbstverpflichtung bzw. Anerkennung best. Werte, eingehen von Bindungen)
  • und Exploration (Suche nach Möglichkeiten und Alternativen)

bestimmen.

Aus den Ergebnissen entwickelte er die vier Formen des Identitätsstatus:

  1. Diffuse Identität:
    Menschen, die keine Bindungen eingegangen sind,
  2. die kritische Identität bzw. das sog. Moratorium:
    Menschen, die sich in der Suchphase befinden
  3. Übernommene Identität
    Menschen, die die Kindheitsbindungen beibehalten haben und eigene Entwicklung “ausschließen”,
  4. Erarbeitete Identität
    Menschen, die bereits Bindungen eingegangen sind.

Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zwischen den Gruppen ist der Grad der aktiven Identitätssuche und -findung. Die Struktur der Identität steht in Beziehung dazu, wie Erfahrungen behandelt werden und wie wichtig sie sind

Dabei werden die übernommene und die diffuse Identität von den meisten Forschern als eher ungünstiger bzw. niedriger, die kritische und die erarbeitete Identität eher als günstiger bzw. reifer Identitätszustand beschrieben.

Drei Dimensionen der Auseinandersetzung7

Nach Marcia gibt es drei Dimensionen der Auseinandersetzung, welche die Lebensbereiche, mit denen die Jugendlichen sich aus­einandersetzen müssen, kennzeichnen.

  1. Krise (Ausmaß an Unsicherheit)
  2. Verpflichtung (Umfang des Engagements, der Bindung in einem Lebensbereich)
  3. Exploration (Ausmaß an Erkundung zur Orientierung und Entscheidungsfindung)

Die vier Formen der Identität treten erst in der späten Adoleszenz auf. Studien ergaben unterschiedliche Verläufe der Identitäts­findung.

Nach Waterman gibt es drei Arten von Verläufen bezüglich der Identitätsfindung:

  • Bei progressiven Verläufen wird die erarbeitete Identität über das Moratorium erreicht.
  • Regressive Verläufe enden in der diffusen Identität und
  • stagnierende Verläufe verweilen entweder bei übernommener Identität oder diffuser Identität.
Quelle Tabelle: Stangl8, überarbeitet C.S.
Quelle Tabelle: Stangl8

Die Diffuse Identität

Pädagogische Folgerungen

  • Helfen, Bindungen aufzubauen, die Stabilität ermöglichen
  • Man sollte ihnen Verpflichtungen übergeben und ihnen helfen diese einzuhalten.
  • Klare Ratschläge
  • Jegliche Form zynischen, sarkastischen Verhaltens meiden

Moratorium

Pädagogische Folgerungen

  • Verantwortung und Zeit geben eine Rolle auszuleben
  • Vertrauen schenken
  • Helfen, Entscheidungen zu treffen (alle Möglichkeiten durchspielen)
  • Zeit für sie haben und mit ihnen reden

Übernommene Identität = Identitätsabschottung

Pädagogische Folgerungen:

  • durch kritische Argumentation verunsichern (Gegenargumente)
  • heile Welt in Frage stellen
  • helfen, sich vom Elternhaus abzulösen
  • Präsupposition*) (Zu-Mutung)

Erarbeitete Identität

Pädagogische Folgerungen:

  • Verantwortung geben nach Maßgabe ihrer Kompetenzen
  • Raum geben, Möglichkeit andere Rollen zu erproben
  • Auf Entscheidungen stützen zum Aufbau der Identität

Allgemeine Folgerungen für pädagogisches Vorgehen

Kritik9

Die Idee, die einzelnen Stati als Stadien einer festen Entwicklungsabfolge zu begreifen (Entwicklungsphasen, -stufen), erwies sich jedoch als unangemessen, da die Beziehungen der einzelnen Stati untereinander noch immer weitgehend unklar sind.

Fast alle Untersuchungen basieren auf Stichproben aus College-Studenten, da sie eine leicht zu erreichende Gruppe darstellen und Interviews über komplexere Inhalte leichter mit Personen eines höheren Bildungsniveaus durchgeführt werden können.

Quellen- und Literaturangaben

Bilder

Tafel- und Metaplanbilder: Klasse 12, iB-Waiblingen

Rest: pixabay,

alle überarbeitet von Christina Schieferdecker

Textquellen:

Darmstädter, Tim, und Günter Mey. „Identität im Selbstwiderspruch oder ‚DieSchizophrenie des Lebens‘: theoretische undempirische Einwände gegen ‚postmoderne‘Konzeptualisierungsversuche von Identität“. Zugegriffen 16. März 2019. https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/449/ssoar-psychges-1998-4-darmstadter_et_al-identitat_im_selbstwiderspruch_oder_die.pdf?sequence=1.

Institut für Psychologie, Hrsg. „Mein Selbst und ich – darf ich vorstellen?“: Identitätsentwicklung im Jugendalter. Wissenschaft im Studium, Bd. 2. Hildesheim: Universitätsbibliothek Hildesheim, 2011.

„SFU News Online – Marcia returns to first love – May 16, 2002“. Zugegriffen 24. März 2019. http://www.sfu.ca/archive-sfunews/sfu_news/sfunews05160203.shtml.

https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/Identitaet.shtmlStangl, Werner. „Identitätsfindung im Jugendalter“. [werner.stangl]s arbeitsblätter, 2019. https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/Identitaet.shtml (2019-03-24).

Fußnoten

1Abraham H. Maslow, Motivation und Persönlichkeit (Reinbek: Rowohlt, 2008), 19.

1„SFU News Online – Marcia returns to first love – May 16, 2002“, zugegriffen 24. März 2019, http://www.sfu.ca/archive-sfunews/sfu_news/sfunews05160203.shtml.

2Werner Stangl, „Identitätsfindung im Jugendalter“, [werner.stangl]s arbeitsblätter, 2019, https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/Identitaet.shtml (2019-03-24).

3Tim Darmstädter und Günter Mey, „Identität im Selbstwiderspruch oder ‚DieSchizophrenie des Lebens‘: theoretische undempirische Einwände gegen ‚postmoderne‘Konzeptualisierungsversuche von Identität“, zugegriffen 16. März 2019, https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/449/ssoar-psychges-1998-4-darmstadter_et_al-identitat_im_selbstwiderspruch_oder_die.pdf?sequence=1.

4Text aus: Stangl, „Identitätsfindung im Jugendalter“. Gekürzt von C.S.

5Dieses Kapitel ist aus: Stangl. Gekürzt von C.S.

6Institut für Psychologie, Hrsg., „Mein Selbst und ich – darf ich vorstellen?“: Identitätsentwicklung im Jugendalter, Wissenschaft im Studium, Bd. 2 (Hildesheim: Universitätsbibliothek Hildesheim, 2011).

7Text entstammt: Stangl, „Identitätsfindung im Jugendalter“.

8Stangl.

9Stangl.