J.K. Rowling, Salman Rushdie, Greil Marcus und andere: Für eine offene Debatte

Dieser Brief aus Harper’s Magazine ist eigentlich schon vom 7. Juli, doch habe ich ihn jetzt erst kennen gelernt. Die Einschränkung der Meinungsfreiheit ist ein weit verbreitetes Phänomen in den Zeiten des Missbrauchs auf Grund eines harmlosen Virussees, um mehr Macht und Reichtum zu erlangen. Jede Form der Kritik, vor allem von Seiten von Wissenschaftlern und Journalisten, wird im keim erstickt, die betreffenden Menschen müssen um ihren Job fürchten, bzw. verlieren ihn. Die Gesellschaft befindet sich in einem scheinbar religiösen Wahn.

Der unten aufgeführte Brief richtet sich zwar gegen amerikanische Verhältnisse, doch bei uns sind sie identisch, zu 100%. Doch leider habe ich in Deutschland noch keinen offenen Brief dieser Art von Schriftstellern und Journalisten gefunden. Die Angst steckt ihnen wohl noch im Nacken, oder die Unterwürfigkeit im Rücken, wer weiß.

Den folgenden Brief habe ich aus dem Englischen übersetzt. Manchmal habe ich etwas eingefügt in eckigen Klammern, wenn ich sehr frei übersetzen musste, habe ich Hinweise dazu in der Fußnote. Das Original findet man hier, auf der Seite des Harper’s Magazine.

Ein Brief über Gerechtigkeit und offene Debatte

7. Juli 2020

Der folgende Brief erscheint im Abschnitt “Briefe” der Oktober-Ausgabe des Magazins. Wir freuen uns über Antworten unter letter@harpers.org

Unsere Kulturinstitutionen stehen vor einem Moment der Prüfung. Starke Proteste für rassistische und soziale Gerechtigkeit führen zu überfälligen Forderungen nach Polizeireformen sowie zu breiteren Forderungen nach mehr Gleichheit und Inklusion in unserer Gesellschaft, nicht zuletzt in den Bereichen Hochschulbildung, Journalismus, Philanthropie und Kunst.

Diese notwendige Auseinandersetzung1 hat aber auch eine Reihe neuer moralischer Einstellungen und politischer Verpflichtungen verstärkt, die dazu führen, unsere Normen der offenen Debatte und der Duldung von Unterschieden zugunsten der ideologischen Konformität zu schwächen. Während wir die erste Entwicklung begrüßen, erheben wir unsere Stimmen gegen die zweite.

Die Kräfte des Illiberalismus gewinnen weltweit an Stärke und haben einen mächtigen Verbündeten in Donald Trump, der eine echte Bedrohung für die Demokratie darstellt. Es darf jedoch nicht erlaubt werden, dass sich der Widerstand zu einer eigenen Art von Dogma oder Zwang verhärtet – die rechte Demagogen bereits ausnutzen. Die demokratische Einbeziehung [verschiedener Ansichten], die wir wollen, kann nur erreicht werden, wenn wir uns gegen das intolerante Klima aussprechen, das auf allen Seiten eingesetzt hat.

Der freie Austausch von Informationen und Ideen, das Lebenselixier einer liberalen Gesellschaft, wird täglich geringer2. Während wir dies von der radikalen Rechten erwarten, breitet sich die Zensur auch in unserer Kultur weiter aus: eine Intoleranz gegenüber gegensätzlichen Ansichten, eine Mode des öffentlichen Bloßstellens und Ächtens, und die Tendenz, komplexe politische Fragen mit einer verblendeten moralischen Gewissheit verschwinden zu lassen3. Wir halten den Wert einer kräftigen und scharfen Gegenrede von allen Seiten aufrecht. Aber es ist heutzutage allzu üblich, Rufe nach schneller und schwerer Vergeltung als Reaktion auf vermeintliche Übertretungen von Sprache und Denken zu hören. Noch beunruhigender ist, dass institutionelle Führer im Geiste panischer Schadensbegrenzung hastige und unverhältnismäßige Strafen verhängen, anstatt über Reformen nachzudenken. Redakteure werden entlassen, weil sie kontroverse Artikel veröffentlichen. Bücher werden wegen angeblicher Unechtheit4 zurückgezogen; Journalisten werden davon abgehalten zu bestimmten Themen zu schreiben. Gegen Professoren wird ermittelt, weil sie im Unterricht Werke der Literatur zitieren5; Ein Forscher wird entlassen, weil er eine von Experten begutachtete [peer-reviewed] akademische Studie in Umlauf gebracht hat; und die Leiter von Organisationen werden abgesetzt wegen ungeschickten läppischen6 Fehlern. Was auch immer die Argumente für jeden einzelnen Vorfall sein mögen, das Ergebnis ist, dass die Grenzen dessen, was gesagt werden kann ohne die Androhung von Repressalien, stetig enger werden. Wir zahlen bereits einen hohen Preis für eine Gefahrenabwendung als Schriftsteller, Künstler und Journalisten, und fürchten zudem um unseren Lebensunterhalt, wenn wir vom Konsens abweichen oder auch nur keinen ausreichenden Eifer darin zeigen, mit anderen übereinzustimmen7.

Diese erstickende Atmosphäre wird letztendlich den wichtigsten Fragen unserer Zeit8 schaden. Die Einschränkung der Debatte, sei es durch eine repressive Regierung oder eine intolerante Gesellschaft, verletzt ausnahmslos diejenigen, denen es an Macht mangelt, und macht alle weniger zu demokratischer Beteiligung fähig. Der Weg, schlechte Ideen zu besiegen, führt über Enthüllung, Argumentation und Überzeugung, nicht über den Versuch, sie zum Schweigen zu bringen oder weg zu wünschen. Wir lehnen jede falsche Wahl zwischen Gerechtigkeit und Freiheit ab, da diese ohne einander nicht existieren können. Als Schriftsteller brauchen wir eine Kultur, die uns Raum für Experimente, Risikobereitschaft und sogar Fehler lässt. Wir müssen die Möglichkeit von Meinungsverschiedenheiten in gutem Glauben ohne schwerwiegende berufliche Konsequenzen bewahren. Wenn wir nicht genau das verteidigen, wovon unsere Arbeit abhängt, sollten wir nicht erwarten, dass die Öffentlichkeit oder der Staat sie für uns verteidigen.

Elliot Ackerman
Saladin Ambar, Rutgers University
Martin Amis
Anne Applebaum
Marie Arana, author
Margaret Atwood
John Banville
Mia Bay, historian
Louis Begley, writer
Roger Berkowitz, Bard College
Paul Berman, writer
Sheri Berman, Barnard College
Reginald Dwayne Betts, poet
Neil Blair, agent
David W. Blight, Yale University
Jennifer Finney Boylan, author
David Bromwich
David Brooks, columnist
Ian Buruma, Bard College
Lea Carpenter
Noam Chomsky, MIT (emeritus)
Nicholas A. Christakis, Yale University
Roger Cohen, writer
Ambassador Frances D. Cook, ret.
Drucilla Cornell, Founder, uBuntu Project
Kamel Daoud
Meghan Daum, writer
Gerald Early, Washington University-St. Louis
Jeffrey Eugenides, writer
Dexter Filkins
Federico Finchelstein, The New School
Caitlin Flanagan
Richard T. Ford, Stanford Law School
Kmele Foster
David Frum, journalist
Francis Fukuyama, Stanford University
Atul Gawande, Harvard University
Todd Gitlin, Columbia University
Kim Ghattas
Malcolm Gladwell
Michelle Goldberg, columnist
Rebecca Goldstein, writer
Anthony Grafton, Princeton University
David Greenberg, Rutgers University
Linda Greenhouse
Rinne B. Groff, playwright
Sarah Haider, activist
Jonathan Haidt, NYU-Stern
Roya Hakakian, writer
Shadi Hamid, Brookings Institution
Anthony Grafton, Princeton University
David Greenberg, Rutgers University
Linda Greenhouse
Rinne B. Groff, playwright
Sarah Haider, activist
Jonathan Haidt, NYU-Stern
Roya Hakakian, writer
Shadi Hamid, Brookings Institution
Jeet Heer, The Nation
Katie Herzog, podcast host
Susannah Heschel, Dartmouth College
Adam Hochschild, author
Arlie Russell Hochschild, author
Eva Hoffman, writer
Coleman Hughes, writer/Manhattan Institute
Hussein Ibish, Arab Gulf States Institute
Michael Ignatieff
Zaid Jilani, journalist
Bill T. Jones, New York Live Arts
Wendy Kaminer, writer
Matthew Karp, Princeton University
Garry Kasparov, Renew Democracy Initiative
Daniel Kehlmann, writer
Randall Kennedy
Khaled Khalifa, writer
Parag Khanna, author
Laura Kipnis, Northwestern University
Frances Kissling, Center for Health, Ethics, Social Policy
Enrique Krauze, historian
Anthony Kronman, Yale University

Institutions are listed for identification purposes only.

Joy Ladin, Yeshiva University
Nicholas Lemann, Columbia University
Mark Lilla, Columbia University
Susie Linfield, New York University
Damon Linker, writer
Dahlia Lithwick, Slate
Steven Lukes, New York University
John R. MacArthur, publisher,
Susan Madrak, writer
Phoebe Maltz Bovy
, writer
Greil Marcus
Wynton Marsalis, Jazz at Lincoln Center
Kati Marton, author
Debra Mashek, scholar
Deirdre McCloskey, University of Illinois at Chicago
John McWhorter, Columbia University
Uday Mehta, City University of New York
Andrew Moravcsik, Princeton University
Yascha Mounk, Persuasion
Samuel Moyn, Yale University
Meera Nanda, writer and teacher
Cary Nelson, University of Illinois at Urbana-Champaign
Olivia Nuzzi, New York Magazine
Mark Oppenheimer, Yale University
Dael Orlandersmith, writer/performer
George Packer
Nell Irvin Painter, Princeton University (emerita)
Greg Pardlo, Rutgers University – Camden
Orlando Patterson, Harvard University
Steven Pinker, Harvard University
Letty Cottin Pogrebin
Katha Pollitt
, writer
Claire Bond Potter, The New School
Taufiq Rahim
Zia Haider Rahman, writer
Jennifer Ratner-Rosenhagen, University of Wisconsin
Jonathan Rauch, Brookings Institution/The Atlantic
Neil Roberts, political theorist
Melvin Rogers, Brown University
Kat Rosenfield, writer
Loretta J. Ross, Smith College
J.K. Rowling
Salman Rushdie, New York University
Karim Sadjadpour, Carnegie Endowment
Daryl Michael Scott, Howard University
Diana Senechal, teacher and writer
Jennifer Senior, columnist
Judith Shulevitz, writer
Jesse Singal, journalist
Anne-Marie Slaughter
Andrew Solomon, writer
Deborah Solomon, critic and biographer
Allison Stanger, Middlebury College
Paul Starr, American Prospect/Princeton University
Wendell Steavenson, writer
Gloria Steinem, writer and activist
Nadine Strossen, New York Law School
Ronald S. Sullivan Jr., Harvard Law School
Kian Tajbakhsh, Columbia University
Zephyr Teachout, Fordham University
Cynthia Tucker, University of South Alabama
Adaner Usmani, Harvard University
Chloe Valdary
Helen Vendler, Harvard University
Judy B. Walzer
Michael Walzer
Eric K. Washington, historian
Caroline Weber, historian
Randi Weingarten, American Federation of Teachers
Bari Weiss
Sean Wilentz, Princeton University
Garry Wills
Thomas Chatterton Williams, writer
Robert F. Worth, journalist and author
Molly Worthen, University of North Carolina at Chapel Hill
Matthew Yglesias
Emily Yoffe, journalist
Cathy Young, journalist
Fareed Zakaria

Anmerkungen von mir zur Übersetzung

1Im Original: reckoning = Abrechnung, doch im Deutschen klingt dies etwas zu scharf.

2wörtlich: constricted = beengt, beeinträchtigt

3to dissolve = annulieren, liquidieren, verschwinden, auflösen

4inauthenticity

5professors are investigated for quoting works of literature in class

6clumsy

7We are already paying the price in greater risk aversion among writers, artists, and journalists who fear for their livelihoods if they depart from the consensus, or even lack sufficient zeal in agreement.

8most vital causes of our time

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