Greta, oder: Sind wir noch Menschen?

(Diesen Text schrieb ich schon im August, hatte ihn aber noch nicht veröffentlicht)

Es ist August 2019. Ich lese Nachrichten, in denen darüber diskutiert wird, ob Greta Thunberg nicht den Friedensnobelpreis bekommen sollte. Breite Zustimmung, lese ich. Auch ich fände es gut, weil es ein großartiges Signal wäre: Eine 16-jährige bekommt den Friedensnobelpreis.

Es würde erneut die Möglichkeit geben die Frage aufzuwerfen, warum Menschen unter 18 eigentlich nicht wählen dürfen. Politische Verantwortung können sie übernehmen, mit Fridays For Future zeigen sie auch, dass sie sich Gedanken machen und bereit sind, sich für etwas einzusetzen. Junge Menschen von der Mitbestimmung auszuschließen – was wir auf fast allen Ebenen tun – ist eigentlich eine Menschenrechtsverletzung. Jemanden von der Mitbestimmung auszuschließen, ist demütigend und macht klar: Du bist unfähig! Es ist eine überhebliche Arroganz der Älteren.

Wir wissen, dass Kinder, also Menschen unter 18 Jahren, zu absoluten Höchstleistungen fähig sind, körperlich, wie geistig. Wir wissen, sie interessieren und engagieren sich und hätten einen Chance auf einen Friedensnobelpreis. Warum also, beteiligen wir sie nicht mehr?

Ich wünsche mir eine Welt, in der alle Menschen über ihre Zukunft und ihre Lebensumwelt mitbestimmen dürfen. Junge Menschen sollten wählen dürfen. Mein Vorschlag: Wahlalter ab 13. Außerdem sollten alle (ab der 1. Klasse) bei der Einstellung neuer Lehrkräfte mitbestimmen können. Meiner Erfahrung nach, wissen Schülerinnen und Schüler meist besser, ob sie bei einer Lehrkraft etwas lernen können, als irgendwelche Beamten des Regierungspräsidiums. Schülerinnen und Schüler sind die Lernspezialisten, weil sie es jeden Tag erfahren und zudem geht es um ihre Zukunft.

Nicht nur die anhaltende Zerstörung der Erde betrifft ihre Zukunft, auch die Schulbildung und die Noten, die ihnen unfähige (manchmal auch fähige) Lehrerinnen und Lehrer geben.

Ich wünsche mir eine Welt, in der Menschen gemeinsam für eine bessere Zukunft arbeiten und die Fähigkeiten eines jeden mehr zählen, als Abschlüsse, Dokumente, Alter, Hautfarbe oder sonst etwas. Ich wünsche mir eine Welt, in der wir den Menschen sehen, der vor uns steht, so wie er ist, ihn so respektieren und achten.

Wir leben in einer Welt der Einzigartigkeiten. Jeder Mensch ist etwas Einmaliges, ein unverwechselbares Individuum, das die Welt gerade dadurch bereichert, dass es anders ist. Wären wir alle gleich, wärs langweilig, Fortschritt und Demokratie könnten nicht mehr stattfinden, da es keine Auseinandersetzungen mehr gäbe, keine Dinge oder Vorkommnisse mehr, über die wir uns wundern und Fragen stellen würden.

Gerade die Andersheit, die Verschiedenheit aller Menschen, ist das Wertvolle. Wir sollten sie achten und fördern um Lebendigkeit zu fördern. Und wir sollten alle Menschen gleich achten, unabhängig des Alters. Menschen auf Grund des Alters das Mitspracherecht zu entziehen, ist eine unhaltbare Demütigung und Erniedrigung.

Dies betrifft übrigens nicht nur Schülerinnen und Schüler, sondern auch ältere Menschen in Altersheimen. Die katastrophalen Zustände sind überall nur deshalb möglich, weil die betroffenen Menschen kein Mitsprachrecht haben und als unfähig betrachtet werden, mitzubestimmen. Die Altersdiskriminierung ist die schlimmste und am weitesten verbreitete Diskriminierung – gedeckt durch das Grundgesetz.

Wir können oft nicht den Menschen sehen, diesen großartigen Menschen vor uns, sondern sehen Kinder, Jugendliche, Alte und behandeln sie als unfähige, abnorme Mitglieder unserer Gesellschaft.

Wir sehen Äußerlichkeiten, weigern uns, das Innere zu sehen, weil wir uns weigern, uns mit diesen Menschen auseinanderzusetzen auf Augenhöhe, gleichberechtigt.

Gleichberechtigt heißt auch: Sie dürfen mich kritisieren und ich sie. Wir beide müssen eine gemeinsame Lösung bei Kritik finden, mit der alle leben können.

Interessanterweise fehlen heutzutage exakt die Grundpfeiler von Carl Rogers‘ Ansatz: Akzeptanz, Empathie und Kongruenz. Wir leben in einer verlogenen Welt, voller Fake-News und Lobbyisten-Propaganda, Geld und Distanz ist uns wichtiger geworden, als Nähe, Einfühlungsvermögen und auf einander zuzugehen, den andren zu sehen, wie er wirklich ist. Statt dessen versuchen wir unsere Vorurteile immer wieder zu bestätigen, dank Facebook-Algorythmus, Google-Suche und Co.

Warum?

Ist es nur die Bequemlichkeit oder haben wir vergessen, wie es ist, Mensch zu sein, wie es ist wirklich zu leben?