M. K. Gandhi, M. L. King und die gewaltfreie Aktion

Wenn Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht. Über die Pflicht zum Ungehorsam 2.

„Wenn man sich die lange düstere Geschichte der Menschheit ansieht, entdeckt man, dass mehr scheußliche Verbrechen im Namen des Gehorsams begangen worden sind, als im Namen der Rebellion“1 (Charles Percy Snow)

Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat

… so lauet der deutsche Titel von Henry David Thoreaus Schrift „Civil Disobidience“, ziviler Ungehorsam. Ich habe das englische Original und eine deutsche (könnte besser sein) Übersetzung auf meiner Seite.

Sowohl Mohandas K. Gandhi als auch Martin Luther King nennen diese Schrift als eine für sie Mut-machende Schrift. Von Gandhi wird berichtet, dass er sie an seine Anhänger verteilte und von Martin Luther King weiß man, dass er, wenn er anfing die Hoffnung zu verlieren, nicht nur die Bibel, sondern auch Thoreau herausnahm um wieder neuen Mut zu schöpfen.

Doch über Thoreau und sein Leben habe ich bereits hier berichtet und die Grundlagen seines Denkens zusammengefasst.

Hier möchte ich, da wir gerade wieder in einer Zeit leben, in welcher Menschen, die friedlich für Grundrechte demonstrieren, kriminalisiert werden, kurz auf wenige Gedanken eingehen.

Wer sich für Menschenrechte einsetzt, und Grundrechte sind Menschenrechte, hat es häufig mit starkem Gegenwind zu tun. Inzwischen hat dies sogar zu Brandanschlägen gegen Menschen geführt, die sich für ihre Rechte einsetzen, was mehr als erschreckend ist. Wie viel Angst muss jemand davor haben, dass Menschen Rechte haben, um so etwas zu tun?

Vor Corona-Demo: Brandanschlag auf Stuttgarter Veranstaltungstechnikfirma


Hier nochmals, worum es bei den Demonstrationen ging, auch bei der, für welche die Firma, die dem Brandanschlag zum Opfer fiel, die Technik bereitstellte:

Was ist so schlimm daran, auf diese Grundrechte zu bestehen, dass derart viel Hass verbreitet wird?

Der Brandanschlag in Stuttgart hatte nichts mit Polizeigewalt zu tun, aber wie in der Kristallnacht 1938 hatten auch hier staatliche Stellen Menschen durch gezielte Falschinformationen dazu angeheizt.

„Der Staat repräsentiert Gewalt in konzentrierter Form. Das Individuum hat eine Seele, der Staat ist eine seelenlose Maschine. Er kann nie der Gewalt entwöhnt werden, weil er dieser ja seine Existenz verdankt.“2 (Ghandi)

Und diese Gewalt nutzt man besser durch Propaganda. Es ist besser, wenn „das Volk“ aufsteht, weil man dann jede Rechtfertigung als Staat bekommt, um gegen Andersdenkende vorzugehen. Man erfüllt den Volkswillen. Bei dieser übereifrigen Erfüllung ist man sich nicht zu schade, Dritte-Reichs-Rhetorik zu verwenden und das eigene Vorgehen einen „Krieg“ zu nennen. Menschen, die sich den staatlichen Maßnahmen nicht unterordnen, werden, wie im Dritten Reich, „Asoziale“. Es ist erschreckend, dass der Oberbürgermeister Stuttgarts, ein Mitglied der Grünen, solche Worte äußern darf:

Bild: Wikipedia (This file is licensed under the Creative Commons Attribution 3.0 Unported license.)


„Wer sich jetzt noch in Gruppen versammelt […] handelt gegen die Gesellschaft […]. Manch einer findet es vielleicht witzig, die Corona-Verordnung zu umgehen oder heimlich auszutricksen, aber das ist asozial […].“3

Von einem Grundrecht, einem Menschenrecht Gebrauch zu machen, ist asozial. Er darf weiter Oberbürgermeister sein und die Menschen finden es normal, dass jemand solch eine Rhetorik gebraucht. Auch finden sie es normal, wieder Sterne für Minderheiten zu verwenden und finden dies nicht gruselig.

Mich gruselts.

Und nun schlägt der Volkswille wieder mit Brandanschlägen zu, nachdem man die Menschen aufgehetzt hat.

Eigentlich sollten Brandanschläge gegen Andersdenkende der Vergangenheit angehören sowie die Betitelung Andersdenkender als Asoziale.

Eigentlich.

Und eigentlich sollte eine Aushebelung von Grundrechten durch ein Ermächtigungsgesetz aus Gründen der Volksgesundheit zur Vergangenheit gehören.

Eigentlich.

Und eigentlich, sollte uns unser Grundgesetz heilig sein und uns vor so etwas schützen.

Eigentlich.

Nie Wieder! Eigentlich.

Und doch brennen LKWs, weil der aufgestachelte Hass zugeschlagen hat.

We shall overcome

Was aktuell geschieht ist mehr als beängstigend.

Da singen Menschen „We shall overcome“, es wird gegen sie gehetzt und LKWs angezündet. Hatten wir das schon einmal?

Es erinnert doch sehr daran, wie viel Hass der Bürgerrechtsbewegung in den USA entgegengebracht wurde, was zur Ermordung zahlreicher Menschen, einschließlich Kindern führte. Leider hatte sie damals erst wirklich Erfolg, nachdem Kinder massive Polizeigewalt erfuhren. Doch muss es immer erst so weit kommen?

„More than six hundred marched out of the church fifty at a time in an attempt to walk to City Hall to speak to Birmingham’s mayor about segregation. They were arrested and put into jail. In this first encounter, the police acted with restraint. On the next day, however, another one thousand students gathered at the church. When Bevel started them marching fifty at a time, Bull Connor finally unleashed police dogs on them and then turned the city’s fire hoses water streams on the children. National television networks broadcast the scenes of the dogs attacking demonstrators and the water from the fire hoses knocking down the schoolchildren.“ (Wikipedia)4

Querdenken 711 hat nun die Großdemonstrationen auf dem Stuttgarter Wasen eingestellt. Nein, so weit muss es nicht kommen.

Es ist dennoch traurig wie Hass und Hetze so weit führen können. Da sind Demonstranten, die singen „we shall overcome“, erleben deshalb Gegendemonstrationen und Brandanschläge.

Das ist gruselig, zumal es ja „lediglich“ um Grundrechte geht, die in einer Demokratie mit einer derartigen Vergangenheit, wie Deutschland, heilig sein sollten. Was ist so gefährlich an Menschenrechten? Und warum hören wir nichts, von den so genannten „Menschenrechtsorganisationen“?

Was ist euch noch heilig?

Es muss weitergehen, gerade jetzt!

Power To The People (Ultimate Mix)

In seiner Autobiographie schreibt Gandhi gleich zu Anfang (S. 14):

„Mögen hunderte wie ich umkommen, doch die Wahrheit lasst siegen! Lasst uns das Niveau der Wahrheit nicht um eine Haaresbreite senken, weil Sterbliche wie ich falsch darüber urteilen mögen.“5

Es macht keinen Sinn, sein Leben zu opfern, darum geht es auch nicht. Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen, Verantwortung für ein höheres Gut, dafür, dass Lügen in unserer Welt keine Chance haben. Kämpfen wir für eine lügenfreie Welt! Die Wahrheit ist manchmal schwer zu erkennen, weshalb Menschen wohl auch Religionen gegründet haben, doch die Lügen erkennt man. Man muss sie offenlegen, durch Ehrlichkeit. Das ist manchmal gefährlich, aber es bedeutet auch: Verantwortung übernehmen und dadurch frei zu sein.

Gegen etwas zu kämpfen, schafft nur Gegner, und damit Gewalt und Aggression.

Wir können nicht für die Wahrheit kämpfen, was Gandhis oberstes Ziel war, denn die Wahrheit kennen wir nicht, doch können wir für Grundrechte, für einen anständige Gesellschaft, für Gleichberechtigung und Menschenrechte kämpfen.

Man muss für etwas Positives eintreten, damit Positives entstehen kann.

Menschen, die Hass schüren, denunzieren und Brandsätze legen, wollen eine Welt des Hasses und der Hetze. Würden sie es nicht wollen, würden sie es nicht tun.

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ (Immanuel Kant)6

Und Martin Luther King dazu:

„Wir werden niemals Frieden in der Welt haben, bevor die Menschen nicht überall anerkennen, dass Mittel und Zweck nicht voneinander zu trennen sind.; denn die Mittel verkörpern den Zweck im Werden, das Ziel im Entstehen, und schließlich kann man gute Zwecke nicht durch böse Mittel erreichen, weil die Mittel den Samen und der Zweck den Baum darstellen.“7

Deshalb: Leistet Widerstand, aber so, dass er Frieden ausstrahlt und Stärke, aber keinen Hass. Es ist nicht ungefährlich, aber seit nicht die, die andere verletzten.

Rebelliere, wer rebellieren möchte, aber bitte so, dass euer Handeln stets zu einem allgemeinen Gesetz werden kann: Friedlich, rücksichtsvoll akzeptierend und geduldig. Wenn man so handelt, wie „die Anderen“, ist man wie sie. Unser Handeln macht uns letztlich zu dem, was wir sind

„In diesem Zeitalter der Wunder sagt niemand, eine Sache oder Idee sei unmöglich, weil sie neu ist. Es ist ferner unvereinbar mit dem Geist der Epoche, wenn man sagt, etwas sei unmöglich, weil es schwierig ist. Täglich erleben wir, was niemand zu träumen gewagt hätte, ständig wird Unmögliches möglich. Wir kommen aus dem Staunen über die unerhörten Erfindungen auf dem Gebiet der Gewalt nicht mehr heraus. Ich aber bleibe dabei, dass weit unwahrscheinlichere und scheinbar unmögliche Entwicklungen auf dem Gebiet der Gewaltlosigkeit bevorstehen.“ (Gandhi)8

Ich weiß nicht, ob Widerstand etwas ändern wird, an dieser Gesellschaft und diesem Hass. Wir kennen die Zukunft nicht. Doch Verantwortung zu übernehmen macht uns frei, und wenn wir nach Hause gehen, wissend, wir haben Verantwortung übernommen, Gutes getan und Positives in die Welt gebracht, dann können wir uns im Spiegel anschauen und guten Gewissens schlafen.

Was auch immer am nächsten Tag passieren wird, wir wissen es nicht, doch haben wir alles dafür getan, damit es ein schöner und guter Tag werden kann.

Literaturangaben

„Civil Rights Movement“. In Wikipedia, 16. Mai 2020. https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Civil_rights_movement&oldid=957076097.

Gandhi, Mohandas Karamchand. Eine Autobiographie oder Die Geschichte meiner Experimente mit der Wahrheit. 4. Aufl. Gladenbach/Hessen: Hinder & Deelmann, 1984.

Gandhi, Mohandas Karamchand, und Richard Attenborough. Ausgewählte Texte. Dt. Erstveröff., 6. Aufl. Goldmann-Taschenbücher 6577. München: Goldmann, 1984.

Jochheim, Gernot. Die gewaltfreie Aktion: Idee und Methoden, Vorbilder und Wirkungen. Hamburg: Rasch und Röhring, 1984.

Stuttgarter Zeitung, Stuttgart. „Polizei schließt Stuttgarter Shisha-Bar: OB Kuhn verurteilt Coronaparty als ‚asozial‘“. stuttgarter-zeitung.de, 29. März 2020. https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.polizei-schliesst-stuttgarter-shisha-bar-ob-kuhn-verurteilt-coronaparty-als-asozial.e1d12003-ba0f-47f7-a5ed-3329cd8cf2ab.html.

Fußnoten

1Gernot Jochheim, Die gewaltfreie Aktion: Idee und Methoden, Vorbilder und Wirkungen (Hamburg: Rasch und Röhring, 1984), 69.

2Gandhi in „The Modern Review“, 1935)

3Stuttgarter Zeitung, Stuttgart, „Polizei schließt Stuttgarter Shisha-Bar: OB Kuhn verurteilt Coronaparty als ‚asozial‘“, stuttgarter-zeitung.de, 29. März 2020, https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.polizei-schliesst-stuttgarter-shisha-bar-ob-kuhn-verurteilt-coronaparty-als-asozial.e1d12003-ba0f-47f7-a5ed-3329cd8cf2ab.html.

4„Civil Rights Movement“, in Wikipedia, 16. Mai 2020, https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Civil_rights_movement&oldid=957076097.

5Mohandas Karamchand Gandhi, Eine Autobiographie oder Die Geschichte meiner Experimente mit der Wahrheit, 4. Aufl (Gladenbach/Hessen: Hinder & Deelmann, 1984).

6Immanuel Kant, Gesammelte Schriften. Hrsg.: Bd. 1-22 Preussische Akademie der Wissenschaften, Bd. 23 Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin, ab Bd. 24 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Berlin 1900ff., AA IV, 420.

7Jochheim, Die gewaltfreie Aktion, 97.

8Mohandas Karamchand Gandhi und Richard Attenborough, Ausgewählte Texte, Dt. Erstveröff., 6. Aufl, Goldmann-Taschenbücher 6577 (München: Goldmann, 1984), 73.