Menschsein kommt nur durch Meinungsvielfalt zustande. Gleichmacherei zerstört Leben.

Gleichheit und Gleichmacherei

Vielfalt und Einfalt sind schon häufiger Themen auf meinem Blog gewesen. Auch Gleichschaltung, Gleichmacherei und Gleichheit kommen immer wieder vor.

Gleichmacherei ist, wenn alle Menschen “gleich” “gemacht” werden, indem man sie alle in die selbe Schublade presst, ob sie wollen oder nicht. Ein schönes Beispiel ist hier der “Gender-Star“, eine Gleichmacherei, die alle Minderheiten in einem Stern zusammenfasst und behauptet, jetzt wären alle genannt. Jede Minderheit ist nur noch “Stern”.

Wenn alle gleich sein müssen, weil es so besser ins Weltkonzept von Gutmenschen passt, so erinnert das doch eher an Faschismus, an Gleichschaltung, als an echte Gleichheit.

Gleichheit ist ein Konzept, ein Seinszustand (Ich bin gleich). Sie ist nichts Aufgezwungenes, sondern eine Möglichkeit, die ich nutzen kann, die Rechte nach sich zieht. Gleichheit ist keine Verpflichtung, niemand zwingt mich dazu. Ich bin es und kann es sein, oder es einfach nicht beachten.

Ursprünglich war es vor allem die Gleichheit vor dem Gesetz. Für jeden Menschen sollten die gleichen Gesetze geben. Aber es bedeutet auch: Jeder Mensch sollte die gleichen Möglichkeiten haben – und somit auch, was auch bedeutet, dass jeder Mensch die Möglichkeit haben muss, respektiert und nicht diskriminiert zu werden.

Gleichmacherei dagegen steckt Menschen in Schubladen, macht sie gleich, ob sie wollen oder nicht. Letzten Endes ist ihr Ziel die Unterscheidung, das Hervorheben von: Du gehörst nicht dazu, denn du bist gleich zu diesen, nicht zu uns! Deshalb sind die Minderheiten auch das “Sternchen” und die Männer und Frauen sind die anderen.

Auch ist es das Ziel von Gleichmacherei, Menschen zu entmündigen. Alle, die z.B. “trans*” genannt werden, haben dann auch die Verpflichtung, gefälligst die gleichen Probleme zu haben, ähnliche Erscheinungsformen, etc. Wir stecken Menschen in Schubladen um ihnen Eigenschaften zuzuschreiben, die sie nicht haben. Das hat schon früher funktioniert, mit der Schublade “Jude” und “Deutscher”, heute klappts auch super, da verwendet man eher “Türke”, “Islam”, “trans*” und vieles mehr. Das Motto scheint zu sein: Wer die Gruppe zuerst benennt, darf über ihre Eigenschaften bestimmen.

Doch wir sind alle verschieden. Wir sind alle unverwechselbare besondere Individuen. Unsere Gesellschaft ist Vielfalt, nicht Einfalt. Wir können das Recht oder die Möglichkeit auf Gleichheit nutzen, wenn wir sie brauchen, doch wenn nicht, können wir es lassen. Doch diese Gleichheit bedeutet: Wir haben alle das gleiche Recht verschieden zu sein. Wir haben alle das gleiche Recht, anders zu sein und anders zu leben.

Das Ich und die Anderen

Ich kann nur ich sein, wenn alle anderen nicht-ich, also anders sind. Dies gilt für jeden Menschen. Jeder kann nur er selbst, ein einzigartiges Individuum sein, wenn er wirklich einzigartig ist. Also müssen wir alle uns von einender unterscheiden, damit wir wir selbst, damit wir Individuen sein können.

Meinungsvielfalt ich wichtig, denn sonst höre ich auf als Individuum zu existieren. Da uns der Andere in der Sprache begegnet, kommt ihr eine besondere Bedeutung zu.

Hätten wir keine Meinungsvielfalt, keine deutlichen Unterschiede, müssten wir nicht mehr miteinander reden. Wenn wir alle das Gleiche denken, müssen wir uns nicht mehr austauschen, da wir ja wissen, was der Andere denkt. Doch das Soziale entsteht erst im Austausch.

Wenn also zu viele das Gleiche denken und meinen, hören sie auf, soziale Lebewesen zu sein.

Sie werden asozial (weg vom Sozialen) und einsam.

Hohe Übereinstimmung und geringe Unterscheidung bedeuten Einsamkeit, weil es keinen notwendigen Austausch mehr gibt, keinen, der mir zeigt, dass ich ich bin und nicht der Andere. Erst verschiedene Meinungen und Ansichten machen uns verschieden. Gleiche Ansichten machen uns gleich.

Die Gemeinschaft und das Ich

Gleichschaltung, die gleichen Ansichten zu vertreten, scheint vielleicht zunächst positiv. Durch etwas Gemeinsames entsteht Gemeinschaft. Doch je ähnlicher man sich wird, desto mehr stirbt das Soziale, weil der Austausch nicht mehr notwendig ist.

Theoretisch müsste man wieder Anstrengungen unternehmen, um sich von der Gemeinschaft zu unterscheiden, um wieder ganz man selbst zu sein, um einzigartig und individuell zu sein.

Doch möchte man die Gemeinschaft nicht verlassen, also steht man vor einem scheinbaren Paradoxon, das aber keines ist.

Schon im fernöstlichen Diwan gibt es diese schöne Zeile von Goethe:

Dich im Unendlichen zu finden,
muss unterscheiden, dann verbinden.

Wenn wir uns klar unterscheiden, lohnt sich eine Kommunikation und ein echtes soziales Gebilde entsteht. Dies bleibt aber nur dann existent, wenn wir uns weiterhin genügend unterscheiden, damit eine Kommunikation notwendig bleibt. Gemeinsamkeiten schaffen also nicht nur Gemeinschaften als soziale Gebilde, sie können sie auch zerstören.

Wenn Menschen dies nicht erkennen, dass gerade die Vielfalt das ist, was Lebendigkeit und soziale Gemeinschaften erzeugt und eher daran glauben, maximale Übereinstimmung untereinader erreichen zu müssen, haben sie das Problem des Verschwindens des Ich. Sie lösen sich quasi in der Gemeinschaft auf.

Deshalb haben totalitäre Staaten ja auch Parolen, wie “Du bist nichts, dein Volk ist alles!”

Bei zu viel Gemeinsamkeiten, zu viel Übereinstimmungen, verschwindet das Individuum und nur noch die Gemeinschaft bleibt übrig im Sinne einer bestimmten Anzahl von Menschen mit vielen Gemeinsamkeiten. Eine Gemeinschaft ist also kein soziales Gebilde in jedem Falle. Sie ist nur eines, wenn die Gemeinsamkeit auf ein Minimum beschränkt bleibt.

Die Gemeinschaft und die Anderen

Verstehe ich das nicht, möchte ich Individuum, also ich selbst, bleiben aber dennoch einer Gemeinschaft von umfangreich Gleichgesinnten angehören, so muss ich die Unterschiede außerhalb suchen. Wenn ich die Angst habe, dass die Unterscheidung von anderen Mitgliedern der Gemeinschaft zu meiner Ausstoßung führen könnte, ich aber diese Unterscheidung benötige um mich zu definieren, so wende ich mich gegen andere, die nicht zur Gruppe zu gehören. “Ich bin nicht wie die” wird dann zum letzten Rettungsankers der verbleibenden geringen Individualität. Es wird der Strohhalm, nach der das Ich greift, um zumindest ein wenig das Gefühl zu haben noch zu existieren.

Dies bedeutet, dass in einer gleichgeschalteten Gesellschaft, wenn nur noch eine Meinung und eine Ansicht gelten soll, es immer auch zunächst “die Anderen” gibt, diejenigen, die man hasst, bevor man auch diese vertrieben oder getötet hat und sich dann quasi selbst auflöst. Mit dem Verschwinden des Anderen, verschwindet letzten Endes auch das Ich.

Für einen Staat bedeutet dies letzten Endes die Auflösung.

Wenn alle gleich sind, wenn es keinen sozialen Austausch mehr gibt, verschwindet das Soziale. Der Staat aber ist ein soziales Gebilde, also verschwindet er.

Oder anders ausgedrückt: Wenn ein Führer es schafft, dass sich alle seiner Meinung anschließen, muss er sie niemandem mehr mitteilen, denn es kennt sie ja schon jeder. Er muss nicht mehr sprechen, denn jeder weiß ja, was er sagen möchte, weil alle das Gleiche denken und meinen. Er muss also auch nicht mehr regieren. Er ist überflüssig. Jeder weitere Austausch unter den Menschen wird überflüssig und sie können sich genauso gut auch gleich töten, da auch das Leben des Einzelnen keinen Sinn mehr ergibt. Wenn ein Mensch fehlen würde, würde es niemandem auffallen. Es fällt nur auf, wenn jemand etwas Besonderes ist. Wenn aber alle gleich sind in ihren Meinungen und Haltungen, so ändert sich daran auch nichts, wenn einige nicht mehr da sind.

Wenn wir nichts ändern, wozu existieren wir dann? Wenn meine Existenz nicht von Belang ist, so ist sie belanglos. Sie ergibt keinen Sinn mehr.

Schluss: Die Realität, die Politik

Dass dies stimmt, sehen wir alle an der aktuellen Politik. Viele Menschen finden Politik langweilig und fragen sich: Wen soll ich denn noch wählen?

Seit vielen Jahren erleben wir, dass die Übereinstimmungen zwischen den Parteien immer größer werden und die Unterschiede abnehmen.

Dies könnte man positiv sehen, denn wenn alle das Gleiche sagen, muss es doch richtig sein, oder?

Doch statt einer Erleichterung, dass es ja egal ist, wen wir wählen, weil alle ja das Gleiche (und somit das scheinbar Richtige) sagen, verspüren wir eine Unzufriedenheit.

Diese Gleichförmigkeit zerstört die Lebendigkeit in der Politik. Politik lebt von Auseinandersetzungen und Streitigkeiten. Wo sie fehlen, fehlt die Politik

Auch wir merken, dass wir diese für uns und unsere Meinungsbildung benötigen. Wenn alle das Gleiche meinen, müssen wir uns keine Meinung mehr bilden. Wir schließen uns einfach an – oder widersprechen allen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht mehr.

Also gehen wir weniger zur Wahl. Die Wahl ist ja eigentlich auch keine mehr. Gleichschaltung, Gleichförmigkeit und fehlende Unterschiede verlangen von uns nicht, eine Wahl zu treffen. Also treffen wir auch keine und bleiben zu Hause.

Bislang war die AfD eine Art Rettungsanker: Die einen gingen zur Wahl, weil sie sie gut fanden, die anderen, weil sie deren Regierungsbeteiligung verhindern wollten. So war die AfD verrückterweise die letzte demokratische Partei, die demokratisch gewählt wurde.

Nun ist auch sie gleichgeschaltet, also was passiert?

Man positioniert sich für oder gegen die Corona-Maßnahmen als einzige Möglichkeit, noch eine Wahl zu treffen. Oder man igelt sich ein, sagt “Die Mehrheit hat Recht! Ich wurde gezwungen mitzumachen!”. Eine beliebte deutsche Haltung. Die Zukunft ist gesichert! Wer sich positioniert kann falsch liegen, wer mitmacht sieht sich immer als Opfer.

Die letzte Lebendigkeit findet man im Widerstand, weil er uns letzten Endes frei macht, wie Sartre ja so schön darlegte. Doch auch für all diejenigen, die den Widerstand hassen können, gibt er einen Funken Freiheit, einen Funken eines Ichs, eine Möglichkeit sich im Mitmachen und Mitschwimmen, im Gleichdenken und Gleichhandeln sich noch als Individuum wahrzunehmen. “Das sind die Covidioten! Ich bin nicht wie die! Ich bin anders!”

Titelbild

Bild von Alexandr Ivanov auf Pixabay

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments