Musik: Neuentdeckungen 12/19

Die Platten, bzw. die Musik, finde ich übrigens per Zufall. Ich höre mir neue Platten an, entweder von Bands/Künstlern, die mir irgendwie empfohlen werden, ich mir gekauft habe oder mir auffallen, oder die in Musikzeitschriften (Englisch/Deutsch) besprochen werden. Prinzipiell höre ich mir wirklich ALLE Platten an, die, vor allem in englischsprachigen Musikzeitschriften (im weitesten Sinne), gute bis sehr gute Kritiken bekommen. „Anhören“ bedeutet jedoch: Ich schaue, ob es sie auf YouTube oder Bandcamp gibt. In die Bestenliste schaffen es nur Platten, die mindestens 3 wirklich gute Musikstücke enthalten. Finde ich also von einer Platte nur 2 Musikstücke, kann sie es gar nicht in die Bestenliste schaffen. Ich denke, wenn eine Platte nicht mehrere wirklich gute Stücke hat, dann lohnt es sich nicht, sie zu kaufen. Platten schlecht machen möchte ich nicht, also erzähle ich auch nicht, wie gähnend langweilig viele Platten sind.

Ausführlicher, warum ich diese Liste erstelle und wie sie zu Stande kommen, habe ich es hier beschrieben.

The Hu – The Gereg (2019)

The Hu – The Gereg (2019)

Laut Wikipedia, heißen „The Hu“ so, weil sie damit an „The Who“ erinnern wollen, wobei man musikalisch keine Ähnlichkeit erkennen kann – und außer der deutschen Wikipedia das auch niemand anders behauptet. Wie so oft.

Auf ihrer Website lesen wir:

„The band’s name The HU, is the Mongolian root word for human being. They call their style “Hunnu Rock”…inspired by the Hunnu, an ancient Mongolian empire, known as The Huns in western culture. Some of the band’s lyrics include old Mongolian war cries and poetry.“

The Hu machen eher klassischen 70er-Rock, jedoch auf „mongolischen“ Instrumenten, wie Tovshuur (eine mongolische Laute, bei The Hu „mongolische Gitarre“ genannt), Tsuur (eine mongolische Längsflöte), Maultrommel (Jaw Harp) und Morin Khuur, die mongolische Pferdekopfgeige. Drums oder Percussion sucht man vergebens, doch werden diese von Gastmusikern gespielt, wenn nötig (leider nicht auf der Platte genannt) oder von digitalen Geräten.

Wobei man ja für guten „Metal“ kein Schlagzeug benötigt, wie wir seit Apocalyptica wissen. Auch 4 Cellos können wie eine Metal-Band klingen.

Doch zurück zu The Hu: Die Songs wären nicht selten 08/15, wären da nicht diese wirklich großartigen Intrumentalparts oder diese interessante Begleitung. The Hu machen Spaß, weil, trotz vorhersehbarem Songverlauf, die Instrumentierung und die Solos doch ungewöhnlich sind und Überraschungen liefern. Und zudem: Wann hört man schon noch klassischen Rock? Auch das ist – zumindest für mich – was Schönes. Es gibt sie noch, die klassischen Rockbands, sie kommen nun aus Ulaanbaatar.

Im Mai 2019 soll ihnen der Präsident der Mongolei, Khaltmaagiin Battulga, gedankt haben, für die positive Werbung, die sie der Mongolei bescheren. Wenn das nicht bedeutet, dass man diese Gruppe gehört haben muss! Sie kommen 2020 übrigens nach Deutschland!

The Hu – Yuve Yuve Yu

The Hu – Wolf Totem

The Great Chinggis Khaan
The Hu – The Great Chinggis Khaan

„Blind“ Rage and Violence – The End of Rrock‘n‘Roll (2012)

„Blind“ Rage and Violence - The End of Rrock‘n‘Roll (2012)

Der Rockabilly Chronicle beschreibt die Musik wie folgt:

„With such a band name, it’s not a surprise to find them play powerful Rock’n’roll mixed with garagey Punk and […] Link Wray inspired stuff“

That‘s right. Das schreiben sie auch selbst.

Was die Platte hörenswert macht, ich gerade die Rauheit und der Anteil „garagey Punk“. Auch wenn es sich bei den Songs ausschließlich um Covers handelt, wie z.B. „Bonanza“, „Treat her right“, „love you two times“, „I fouhght the law“, etc. Wir hören wenig Gesang, die meisten sind instrumental, doch so großartig gespielt, dass man sie dennoch zu jeder Party auflegen möchte.

Schade, dass es die Platte nicht auf Vinyl gibt, ich hätte sie mir gekauft.

Auf YouTube haben sie übrigens 9 Abonnenten (Stand 29.12.2019). Das Album ist ja leider schon älter, es wird wohl auch nichts nachkommen, schade. Auch ich habs leider erst jetzt zufällig entdeckt – 7 Jahre zu spät.

Wems gefällt, sollte die Seite von Deke Dickerson im Auge behalten, vielleicht kommt ja nochmals etwas Vergleichbares zu Stande.

„Blind“ Rage and Violence – Blind‘s Bonanza

„Blind“ Rage and Violence – Cat-O-Nine Crawl

„Blind“ Rage and Violence – Headless Chicken

Alice Cooper – Breadcrumbs (EP) (2019)

Musik: Alice Cooper – Breadcrumbs (EP)

“Breadcrumbs” ist, laut Alice Coopers Website, eine Hommage an einige der Garage Rock Helden aus Alice Coopers Heimatstadt Detroit. Der Opener “Detroit City 2020” ist eine aktualisierte Neufassung von “Detroit City” aus “The Eyes Of Alice Cooper” aus dem Jahr 2003. Außerdem hören wir Suzi Quatros „Your Mama Won’t Like Me“, Bob Segers „East Side Story“, „Sister Anne“ von den MC5 und Shorty Longs „Devil With A Blue Dress On“, “Chains Of Love” von The Dirtbombs und von Alice Cooper himself ein einziges neues Stück: “Go Man Go”. Sechs Stücke insgesamt, von denen mich zwei überzeugen konnten. Eigentlich weniger, als die von mir geforderten 3, um hier veröffentlicht zu werden, doch weil es nur eine EP ist, mache ich eine Ausnahme.

Diese EP ist durchaus bemerkenswert, weil die anderen Projekte Alice Coopers (Solo und Hollywood Vampires) nicht gerade sehr berauschend sind. Vielleicht liegt es ja an den Kompositionen. Wenn man selbst keine guten Ideen hat, sollte man doch besser covern, dann kommt man sogar in meine Bestenliste.

Leider haben Musiker heutzutage viel zu viel Scheu davor, Covers zu veröffentlichen. Doch damit sind alle groß geworden, sogar die Beatles haben auf jedem Album in der ersten Hälfte ihres Schaffens zwei Covers gehabt. Die Stones ebenfalls. Es hat ihnen nicht geschadet.

Lieber Alice Cooper, habe mehr Mut zu covern und behalte die Band auf Breadcrumbs, dann wirds wahrscheinlich nochmals was. Denk an die American Recordings von Johnny Cash: Zum Niederknien – und fast nur Coverversionen.

Alice Cooper – East Side Story

Devil with a Blue Dress on / Chains of Love
Alice Cooper – Devil with a Blue Dress on / Chains of Love

Sir Coyler and His Asthmatic Band – Don’t Shake (2016)

Musik: Sir Coyler and His Asthmatic Band - Don't Shake (2016)

Sir Coyler and His Asthmatic Band haben auf YouTube 1 Abonnenten – absolut unschlagbar! (Stand 29.12.2019).

Sir Coyler and His Asthmatic Band machen auf „Don‘t Shake“ guten alten Punk, fast Hardcore, so dass man manchmal an die Dead Kennedys denken muss. Doch möchte ich keine falschen Assoziationen Wecken. Hört es euch selbst an.

Die Platte ist solide und durchgängig hörbar. Sie könnte besser produziert sein, doch einige Songs stechen heraus. So schreibt „Tim PopKid“: „”Invincible Blues” is a stone cold smash of garage-y energy.  The song is built on this excellent guitar riff that pops in and out of the song accentuating each verse and transition. It’s the sort of riff that gets stuck in your head for years and makes you try to think of ways to steal it without anyone else noticing.“ Yeah!

Ja, die Gitarrenarbeit ist etwas, das mich tasächlich an East Bay Ray erinnert.

Inzwischen heißen sie übrigens nur noch Sir Coyler & The Asthmatics. Es gibt sie noch, doch sie haben nichts Neueres veröffentlicht. Vielleicht fehlen ihnen noch die Fans.

Sir Coyler and His Asthmatic Band – Fixed

Nobody's Dancin' with Me
Sir Coyler and His Asthmatic Band – Nobody‘s Dancing

Sir Coyler and His Asthmatic Band – Big Break

Bob Dylan (featuring Jonny Cash) – Travelin‘ Thru (2019)

Musik: Bob Dylan (featuring Jonny Cash) – Travelin‘ Thru (2019)

„Travelin‘ Thru“ kommt als „The Bootleg Series Vol. 15 1967 – 1969“ auf den Markt und ist eine der wenigen, in die man auf YouTube – zumindest in 15 Songs – reinhören kann. Die Bootleg-Series sind eigentlich alle interessant, meist nur für Fans großartig. Anders hier: Johnny Cash und Bob Dylan als Duo. Allein schon deshalb gehören diese Platten in jeden Schrank.

Doch was haben Bob Dylan und Johnny Cash miteinander zu tun?

Als Johnny Cash Bob Dylan einst hörte, war er überzeugt, dass dieser junge Mann (Johnny Cash ist deutlich älter) zu etwas größerem geboren war. 1964, als Bob Dylan sehr politisch wurde, nahm auch der Gegenwind zu. Die Menschen zerrissen sich das Maul über Bob Dylan und die Inhalte seiner Songs – nicht immer freundlich. Johnny Cash reagierte darauf in einem Leserbrief, in der er schrieb: „Haltet die Klappe und lasst ihn singen!“ („Shut up and let him sing!“). Bob Dylan war bis dahin Johnny Cash, der zu dieser Zeit ein großer Star war, noch nie begegnet. Dass Johnny Cash dies schrieb, „bedeutete alles“ für ihn („ the letter meant the world to me. I’ve kept the magazine to this day.”) und den Artikel hob er auf. Zum ersten Mal trafen sie sich auf dem Newport Folk Festival im selben Jahr (1964), wo Johnny Cash Bob Dylan seine Martin-Gitarre geschenkt haben soll.

In den folgenden Jahren spielten beide immer wieder Songs des anderen, so dass es wohl nur eine Frage der zeit war, bis sie sich begegneten und der Versuch unternommen wurde, etwas Gemeinsames zu veröffentlichen.

Doch so richtig wurde nichts draus. Vielleicht weil Dylan nicht Cash und Cash nicht Dylan war. So mochten die Songs gegenseitig, doch gemeinsam zu musizieren war wohl doch etwas schwieriger als gedacht. Das Ergebnis hat man nun vor sich.

Auch wenn die meisten Songs definitiv nicht zur regulären Veröffentlichung taugen, für eine Bootleg-Series sind sie großartig. Da erwartet man, dass nicht alles so gut funktioniert, manches etwas fremdartig wirkt, etc. Ein Bootleg eben – und als ein solcher grandios!

Bob Dylan - Lay, Lady, Lay (Take 2 - Alternate Version)
Bob Dylan – Lay, Lady, Lay (Take 2 – Alternate Version)

Bob Dylan (mit Johnny Cash) – Big River (Take 1)

Guess Things Happen That Way (Take 3)
Bob Dylan (mit Johnny Cash) – Guess Things Happen That Way (Take 3)

Various Artists – Come on up the House – Women sing Waits (2019)

Musik: Various Artists – Come on up the House – Women sing Waits (2019)

Eine schöne Platte, doch hätte sie schöner werden können. Ich hatte mir mehr erhofft, sind doch einioge große Namen vertreten, wie Rosanne Cash, Patty Griffin, Aimee mann, Alison Moorer & Shelby Lynn, etc. Überzeugt haben mich nur „Tom Traubert’s Blues“ von The Wild Needs, „Ol‘ 55“ von Allison Moorer , Shelby Lynne und „Hold On“ von Aimee Mann. Durch letzteren Song wurde ich übrigens auf die Platte aufmerksam. Die anderen Songs sind ok, so dass man einen Plattenkauf nicht bereuen wird, doch merkt man, wie viel die Stimme von Tom waits doch ausmacht. Manche Songs brauchen Tom Waits, oder zumindest eine sehr ausdrucksstarke Stimme. Weshalb es vielleicht auch an der Auswahl der Songs liegt, dass die Platte nicht immer überzeugt.

Doch hört sie euch durch, hier ist der Bandcamp-Player:

Whitesnake – Slip of the Tongue (Remix/Remastered/Deluxe) (2019)

Whitesnake – Slip of the Tongue (Remix/Remastered/Deluxe) (2019)

Ich weine immer noch, wenn ich sehe, wie diese „neueren“ (jetzt auch schon 30 Jahre alt) Whitesnake Platten herauskommen und die alten, wirklich guten, vergessen werden. „Slip of the Tongue“ ist – wie schon an anderer Stelle erwähnt – der Beginn des Abstiegs von Whitesnake in Pop-Mainstream-Schnulzen-Musik. Auch wenn „Sailing Ships“ schön sein könnte, markiert es diesen Anfang. David Coverdale wird von jetzt an wieder schnulziger und die Musik Whitesnakes wird belangloser. Man merkt von Platte zu Platte, dass Marsden und Moody fehlen und deren Chemie von nichts ersetzt werden kann. Auch Ian Paice, Jon Lord und Neil Murray hinterlassen ein schmerzhaftes Loch, das zeitweise durch Cozy Powell, Don Airey und Colin Hodgkinson gut geflickt werden konnte, doch nachdem auch diese nicht mehr da sind, ist Whitesnake keine echte Band mehr. „The Deeper The Love“ sagt alles.

Doch Menschen mögen Schmalz und je mehr Schmalz aus den Boxen trieft, desto höher die Verkaufszahlen. So war „Slip of the tongue“ das letzte Whitesnake-Album, das Gold und Platin-Status erreichte, danach wollte niemand mehr etwas von Whitesnake wissen – außer sehr sehr treuen Fans. Whitesnake war lange Zeit eine richtige Band und wurde nun immer mehr zu David Coberdales Solo-Projekt mit stetig wechselnden Musikern.

Das schöne an dieser Version, an dieser Deluxe Edition, ist, dass wir auch Monitor-Mixe bekommen und uns etwas vorstellen können, wie das Album geklungen hätte, wenn man ein echtes Rock-Album hätte daraus machen wollen.

Die Live-Aufnahmen kennen wir schon, die gabs als Live at Donington 1990 und klingen auch nicht anders, als in der bekannten Version.

Dennoch gibts ein paar Highlights, weshalb dieses Trauerspiel hier in meiner Liste auftaucht.

Cheap an' Nasty (Monitor Mix, April, 1989)
Whitesnake – Cheap an’ Nasty (Monitor Mix, April, 1989)

Fool for Your Loving (Vai Voltage Mix) (2019 Remaster)
Whitesnake – Fool for Your Loving (Vai Voltage Mix) (2019 Remaster)

Kill for the Cut Blues
Whitesnake – Kill For The Cut Blues (A Trip To Granny’s House Sessions Tapes, Wheezy Interludes & Jams)