Neuentdeckungen 01/20

Aus dem Studio

Dessert Sessions 11 & 12 (Josh Homme) (2019)

Die Dessert Sessions sind keine Kost für Jedermann. Josh Homme, von den Queens Of The Stone Age, nennt seine Dessert Sessions “The longest-running mix tape in existance”. Es sind Aufnahmen verschiedener Jam-Sessions, zu denen Josh Homme regelmäßig verschiedenste Künstler um sich versammelt. Diesmal sind Billy Gibbons (ZZ Top), Les Claypool (Primus), Stella Mozgawa (Warpaint), Jake Shears (Scissor Sisters), Mike Kerr (Royal Blood), Carla Azar (Autolux, Jack White), Matt Sweeney, der Comedian Matt Berry, Töôrnst Hülpft (= Josh Homme1) und Libby Grace (über die ich nichts weiß).

Auch wenn der Name “11 & 12” sich nach viel anhört: Die Platte hat eine Spieldauer von nur 31 Minuten. Kauft man Vinyl. ist auf der einen Seite Nr. 11 und auf der anderen Nr.12, insgesamt 8 Stückchen Musik, die zwar abwechslungsreich gemacht sind, aber doch irgendwie zusammenpassen und sich die Platte dennoch wie ein Album anhört.

Hosh Homme macht sich übrigens im sehr seltsam gestalteten dicken Beiheft (mit wenig Infos) noch über Menschen lustig, die Plattenkritiken schreiben und seine Musik gut finden. Der tiefere Sinn dahinter erschließt sich mir nicht.

Noses in Roses, Forever (Audio) - Desert Sessions Vol. 11
The Dessert Sessions – Noses in Roses

If You Run (Audio) - Desert Sessions Vol. 11
The Dessert Sessions – If You Run (Gesang: Libby Grace)

Chic Tweetz (Audio) - Desert Sessions Vol. 12
The Dessert Sessions – Chic Tweetz (Gesang: Töôrnst Hülpft )

Live

John Fogerty – 50 Year Trip. Live At Red Rocks (live) (2020)

John Fogerty live, da kann man eigentlich nie etwas falsch machen. Traurig ist nur, dass alle seine Liveplatten austauschbar sind. Es sind immer die selben Songs drauf, Überraschungen gibts nicht. Hast du eine Platte, hast du alle. Die 50-Year-Trip gefällt mir von der Aufnahme her etwas besser als “Premonition”, deshalb meine klare Empfehlung für diese Platte für alle, die John Fogerty noch nicht live im Regal stehen haben.

John Fogertys “50-jährige Reise” wurde am 20. Juni 2019 im Red Rock Amphitheatre in Morrison, Colorado, während seiner USA-Tournee aufgenommen. Dem Rolling Stone2 erzählte er dazu: “I’ve played many times at Red Rocks, but this night was definitely special, having both of my sons in my band, sharing the stage with them was magical that night,”

Warum es ein “50-Year-Trip” sein soll erschließt sich mir nicht. John Fogerty gründete 1959 zusammen mit einem Freund “The Blue Velvets”, mit denen er schon damals natürlich auch live auftrat. Diese Band wurde von Fantasy Recordsd, ihrem damaligen und auch späteren Label von CCR, in “The Golliwogs” umbenannt. Aufnahmen von diesen bekommt man auf einigen CCR-Veröffentlichungen als “frühe Aufnahmen”, manchmal auch unter dem richtigen Bandnamen. Im Januar 1968 wurde aus “The Golliwogs” Credence Clearwater Revival (CCR) und die gleichnamige LP erschien.

Historisch macht der Albumtitel wenig Sinn, klingt aber wahrscheinlich markttechnisch ganz gut, besser als “60-Year-Trip”, zumal ZZ-Top, mit denen John Fogerty ja auch etwas unterwegs war im letzten Jahr, auch “50 Jahre” feierten. Und wer möchte schon älter sein als ZZ-Top? Die “50” werden häufig so verkauft: 50 Jahre nach John Fogertys Auftrifft in Woodstock. Naja, wenns denn unbedingt sein muss. “Woodstock” verkauft sich immer, wenn das irgendwo steht. So nebenbei: ZZ-Top sind tatsächlich 50 Jahre alt und die Mitglieder alle 4 Jahre jünger als John Foggerty.

Born On The Bayou (Live at Red Rocks)
John Fogerty – Born On The Bayou (Live at Red Rocks)

Keep On Chooglin' (Live at Red Rocks)
John Fogerty – Keep On Chooglin’ (Live at Red Rocks)

I Heard It Through The Grapevine (Live at Red Rocks)
John Fogerty – I Heard It Through The Grapevine (Live at Red Rocks)

Altes wiederveröffentlicht oder neu ausgegraben

The Yardbirds – Live At The BBC Revisited (2019)

Ich bin Yardbirds-Fan. Ich habe ALLES von den Yardbirds. Die BBC ist gerade dabei alte Aufnahmen von vielen verschiedenen Künstlern auf Vordermann zu bringen und ich denke, man sollte sich nach allen umschauen, denn die Liveaufnahmen von Elton John (siehe unten) sind gigantisch und definitiv das beste Album 2020. Das zu schlagen ist eigentlich nicht möglich.

Doch die BBC fährt schwere Geschütze auf: Die Yardbirds. Die Aufnahmen gabs eigentlich schon auf Glimpses, einschließlich der Interviews, aber nicht in dieser Qualität! Bei den ersten 4 Nummern hat man das Gefühl “Wo habt ihr die ausgegraben” aber ab “I Ain’t Got You” komm t das “Wow!”. Großartige Aufbereitung. Wie macht ihr das??

Natürlich rühmen sich diese 3 CDs auch noch nie zuvor veröffentlichte Aufnahmen zu enthalten. Diese sind aber auch so grottenschlecht, die benötigt niemand, nicht mal ich. Sie sind aber drauf. Wäre schöner gewesen alle schlechten Aufnahmen auf eine CD zu packen, doch so unterbrechen sie immer mal wieder die Freude über die Qualität.

Für alle, die es nicht wissen: Wer waren die Yardbirds?

Der erste Gitarrist hieß Eric Clapton (nicht auf den Aufnahmen zu hören), der zweite Jeff Beck und der dritte Jimmy Page. Irgendwann hießen sie dann “The New Yardbirds”, um sich dann letztendlich in Led Zeppelin umzubenennen. Wobei die vorangegangenen Besetzungen (vor 1968) nichts mit Led Zeppelin zu tun haben, außer Jimmy Page. Dennoch enthielt die erste Led Zeppelin-Platte gleich zwei Yardbirds-Stücke. Bekannt ist manchen Rainbow-Fans vielleicht auch “Still I’m sad” von den Yardbirds. Bei Rainbow ist es ein Instrumentalstück, im Original aber mit Gesang.

Jeff Beck war am längsten an der Gitarre und so ist er auch auf allen Stücken der ersten beiden CDs zu hören. Auf CD 3 ab Song 9 hören wir Jimmy Page an der Gitarre, der zuvor (Song 1-8) am Bass war.

Die Yardbirds waren eine typische Band für ihre Zeit. Sie spielten vor allem (Rhythm’n’)Blues, waren aber auch experimentierfreudig. Eine typische 60er-Jahre Band. Für mich: Die beste 60s Band nach den Beatles, noch vor den Stones und The Who. Wobei man sich darüber natürlich streiten kann. Bin eben Fan.

Bei der Original Studioaufnahme von I Ain’t Got You spielt übrigens Eric Clapton die Lead Gitarre, wie auch bei Too Much Monkey Business (auch das “Original” ist live). Bei den ersten Aufnahmen auf der CD findet man so illustre Mitspieler, wie Jack Bruce und Ginger Baker und man ahnt vielleicht, wo Cream entstanden sein könnten. Doch jetzt die Songs.

I Ain't Got You (Live on 'Top Gear' / 10 April 1965)
The Yardbirds – I Ain’t Got You (live)

The Train Kept A-Rollin' (Live on 'The Sound of Boxing Day' / 27 December 1965)
The Yardbirds – Train Kept A Rollin (live)

Baby, Scratch My Back (Live on 'Saturday Swings' / 21 May 1966)
The Yardbirds – Baby Scratch My Back (live)

The Yardbirds – Yardbirds 68 (2018)

In dieser Ausgabe gibts etwas viel Yardbirds. das liegt nicht nur daran, dass ich Fan bin, sondern auch an dem Umstand, dass ich sie erst jetzt gefunden habe. Das Problem mit den Musikzeitschriften und den Listen der offiziellen Veröffentlichungen ist, dass vieles einfach nicht auftaucht. Vor allem wenn Platten von einem Independent-Label stammen haben sie wenig Chancen besprochen zu werden. ich habe ja schon an anderer Stelle vermutet, dass es etwas mit Schmiergeld zu tun hat oder mit Ähnlichem. Viele scheinen kein Interesse zu haben Platten zu besprechen oder auch nur deren Veröffentlichung zu erwähnen, wenn sie sie nicht kostenlos zugeschickt bekommen – und sich vielleicht noch ein Fuffi drin befindet oder die Plattenfirma nicht noch eine Anzeige schaltet. Der Zusammenhang von positiver Berichterstattung und Anzeigenschaltung ist schon von den Tageszeitungen bekannt, warum sollte es bei Musikzeitschriften anders sein.
Aber darüber habe ich mich schon an anderer Stelle geärgert.

Dies ist einer der Hauptgründe, warum ich manchmal Platten entdecke und hier aufführe, die schon etwas älter sind. Ich fand sie zuvor nicht in Listen von neuen Veröffentlichungen und konnte sie deshalb nicht anhören. Und weil man so wenig erfährt, was es Neues gibt, habe ich mich selbst auf die Suche gemacht und veröffentliche hier meine Funde, falls jemand ähnliche Musik mag wie ich und vor dem selben Problem steht.

Doch nun zurück zu den Yardbirds. “Yardbirds 68” ist etwas, um Fans niederbrechen zu lassen. Ist die BBC-Aufnahme nur ein Jewelcase mit 3 CDs und dem üblichem Jewel-Case-Beiheft, so ist diese hier eine Doppel-LP (Vinyl) von einem Gewicht, dass ich mich spontan fragte, ob die Platten wirklich nur 180g haben. Das Plattencover ist schwer. Und dazu: Ein Heft in der selben Größe und Dicke, wie die Doppel-LP in hoher Qualität. Das alles ist in einem Schuber, der etwas stabiler hätte sein können. Aber dennoch: Wann durften wir je solch eine großartige Vinyl-Veröffentlichung erleben?

Laut dem Text im Heft, räumte Jimmy Page zu Hause auf und entdeckte die letzten Studio- und Liveaufnahmen der Yardbirds, die er dann selbst in seinem Studio etwas aufbesserte. Die Qualität der “Studio Skeches” (LP 2) ist hervorragend. Und wie Jimmy Page im Heft schreibt: Eine Band mit Potenzial, aus der etwas hätte werden können, wenn sie sich in der Besetzung nicht noch in diesem Jahr, 1968, aufgelöst hätten und Jimmy Page neue Bandmitglieder hätte suchen müssen. So finden sich bereits Tangerine (Knowing That I’m losing You), White Summer und Dazed And Confused auf dieser wunderbaren Platte, die letzten beiden nur live, “Tangerine” nur instrumental, weil leider die Vocals weggelassen wurden.

The Yardbirds – Avron Knows (Studio)

Dazed And Confused
The Yardbirds – Dazed And Confused (live)

Spanish Blood (Instrumental)
The Yardbirds – Spanisch Blood (Instrumental, Studio)

Elton John with Ray Cooper – Live from Moscow 1979 (2020)

Am 28. Mai 1979 sendete die BBC das auf diesem Doppel-Album erschienene Konzert. Die erste Hälfte bestreitet Elton John alleine am Flügel oder Keyboard, in der zweiten kommt Ray Cooper an den Percussions hinzu. Das klingt vielleicht erst einmal nicht so spannend, ist es aber. Live From Moscow ist für mich die beste Liveplatte (mit Ausnahme von “Made in Japan” von Deep Purple) in meinem Plattenregal. Ein zeitloses Live-Meisterwerk. Es enthält viele Hits und einige hörenswerte Coverversionen, wie die 12-Minuten-Version von “I heard it through the grapevine”. Fast jedes Stück hat Überlänge.

1979 war es noch etwas Besonderes, wenn ein “West-Künstler” in der Sovietunion spielen durfte, und welch ein Glück für uns, dass die BBC es mitschnitt. Aber das erwähnte ich ja schon. Sicherlich ginge manches klanglich noch etwas besser, doch es ist ein Konzert in Russland von 1979. Die BBC hat es klanglich auf Vordermann gebracht. Die klanglichen Makel erzeugen sogar ein Livefeeling, es rauscht etwas und man hat den Eindruck, Elton John auf einem Open-Air-Konzert zu hören, obwohl das Konzert in einem Hotelsaal stattfand.

Wer die alten Elton John Sachen mag, wie “Daniel”, “Rocket Man”, “Goodbye Yellow Brick Road” und andere, sollte sich diese Platte gönnen. Ein echter Traum und eine beste besten Lioveplatten überhaupt. Vielleicht noch einen Tee dazu und eine Kerze, fertig ist der perfekte Musik-Abend.

Goodbye Yellow Brick Road (Live From Moscow / 1979)
Elton John with Ray Cooper – Goodbye Yellow Brick Road

Better Off Dead (Live From Moscow / 1979)
Elton John with Ray Cooper – Better Off Dead

Daniel (Live From Moscow / 1979)
Elton John with Ray Cooper – Daniel

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Anmerkungen

1 Siehe: https://www.discogs.com/artist/7392627-T%C3%B6%C3%B4rnst-H%C3%BClpft
“Töôrnst Hülpft: Bürgerl. Name: Joshua Michael Homme III Profil: Töôrnst Hülpft is an pseudonym of U.S. musician Josh Homme. On September 28th 2019 a fake album of polka/volksmusik titled ‘ Töôrnst Hülpft and Lapland’s Grand Handstand Band ‘ was added to Discogs. This release was subsequently removed and set to draft status within three days of being submitted. Desert Sessions ‘Vol. 11 & 12‘ was announced on September 26th 2019 and released on October 25th 2019. Aliasse: Baby Duck, Carlo Von Sexron, Josh Homme

2Quelle: https://www.rollingstone.com/music/music-news/john-fogerty-fortunate-son-red-rocks-905906/