Oh Mann …

Momentan scheinen alle Zeitungen eine möglichst bescheuerte Überschrift zu suchen, um möglichst viel Aufmerksamkeit zu bekommen.

Was an obiger Meldung ein “Fake” ist, ist der Eindruck den der Tagesspiegel damit erwecken möchte. Aber das ist nur die selbe alte Leier im neuen Gewand.

Schaut man sich einmal die aktuellen Infektionszahlen an, dann erhält man folgendes Schaubild:

Schaubild 1: Ersteller: Kim Schicklang

Die Infektionszahlen gehen zurück. Es wird also nicht “vorangetrieben”, was den Eindruck erwecken soll, etwas werde schlimmer oder der Virus breite sich weiter aus. Nein, tut er nicht.

Die Autoren des Tagesspiegel zitieren eine Studie, die man hier durchlesen kann. In dieser Studie findet man folgendes Schaubild:

Schaubild 2: Quelle: https://www.eurosurveillance.org/content/table/10.2807/1560-7917.ES.2020.25.17.2000596.t1?fmt=ahah&fullscreen=true

Da Schaubilder zu lesen mit so vielen Zahlen etwas schwierig ist, habe ich es übertragen in eine Tabelle und ein paar Berechnungen dazu.

Schaubild 3

Die Wachstumsraten geben die Veränderungen zu den Vorwochen an. Also eine Wachstumsrate von 4,62 bedeutet, dass sich der Wert der Vorwoche um das 4,62fache erhöhte. 0,31 bedeutet, um das 0,31fache gesenkt. Der Wert der Woche 14 ist also nur noch 31% des Wertes der Woche 13.

Man sieht, dass über alle Altersklassen verteilt, die Infektionsrate von der 13. zur 14. Woche gleichmäßig abnimmt, die geringen Unterschiede sind statistisch nicht signifikant. Was uns nach dem obigen Schaubild (Nr.1) ja nicht wundert.

Aktuell kann man also nicht sagen, dass die Altersklasse der 20-24-Jährigen etwas mehr vorantreibe, als alle anderen Altersklassen – zumindest nicht mit diesen Zahlen.

Dazu schreiben übrigens die Forscher:

“Our study has some limitations. Data published for week 14 were incomplete at the time when the analysis was performed.”

Die Forscher selbst sagen also, dass ihre Daten für die aktuelle Situation eigentlich keine Aussage treffen. Die Untersuchung wurde am 30.04 veröffentlicht. Schaut man in die Literaturangaben, so erkennt man, dass die Daten des Robert-Koch-Institutes vom 4. April stammen.

Daraus könnte man schließen, dass dies die Woche 14 sein könnte, also die Woche vom 30.03. – 5.04. Die Zahlen sind also einen Monat alt, geben also auch nicht die aktuelle Lage wieder. Dennoch verwendet der Tagesspiegel das Präsens, “treiben” statt “trieben”.

Ich vermute einmal, der Artikel wollte mit “treiben” auch das Treiben der 20-24-Jährigen ansprechen und da “miteinander treiben” da irgendwie auch drinsteckt, hat das eine gewollte Mehrdeutigkeit. Das Bild der Wiese soll “ein buntes Treiben” zeigen, “rücksichtloser” junger Erwachsener. Und das mit Daten vom März.

Daran erinnert mich dieser Artikel des Tagesspiegel irgendwie…

Doch ganz so falsch sind die Aussagen nicht – doch eigentlich wissen wir das alle: Die 18-29-Jährigen sind so etwas wie “Super-Spreader”. Sie gehen viel mit anderen Menschen weg, besuchen häufiger Discos als ältere oder jüngere Menschen, usw. Dadurch stecken sie natürlich auch mehr Leute an, logisch. Doch dazu benötige ich keine wissenschaftliche Untersuchung, noch dazu, wenn die Zahlen dies in der Untersuchung garnicht hergeben.

Laut obiger Zahlen stieg die Anzahl der Infizierten bei den 20-24-Jährigen nur um das 2,66fache, bei den 25-29-Jährigen um das 3,14fache. Nimmt man die Altersklasse über 29, so hat sich hier der Virus deutlich stärker ausgebreitet, als in der Gruppe der 20-29-Jährigen. In der Gruppe bis 29 steigerte sich die Zahl der Infizierten nur um das 2,58fache, während bei den über 29-Jährigen sie sich um 3,08 steigerte.

Man kann also kaum behaupten, mit diesen Zahlen, dass die Altersklasse bis 24 es besonders “treiben” würde und damit die Zahlen in die Höhe schnellen würde. Es scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein, laut den Zahlen.

Doch wäre auch diese Behauptung unsinnig. Die Zahlen der Tabelle des Robert-Koch-Institutes sind nicht durch wissenschaftliches Vorgehen zu Stande gekommen, sondern durch Messungen an ausgewählten Menschen, meist an Erkrankten und ihren Familien. Sie geben also nicht den tatsächlichen Schnitt wieder und sind deshalb eigentlich aussagelos.

Da wir wissen, dass Menschen unter 20 selten spüren, dass sie infiziert sind, weil sie fast nie krank werden, werden sie auch seltener untersucht. Da vor allem Menschen über 70 sehr schwer erkranken (Anteil von 87% an den Verstorbenen), nehme ich einmal an, dass man vor allem in ihrem Umkreis prüfte, also deren Kinder und Enkel, wenn sie Kontakt hatten, dadurch der hohe Anteil an den Menschen ab 35. Aber das ist nur geraten, denn leider liefert das Robert-Koch-Institut keine genauen Zahlen und Messungen, die wissenschaftlichen Kriterien genügen würden um damit eine Verbreitung zu bestimmen.

Zudem sind die Zahlen sehr klein. Um wirklich wissenschaftlich fundierte Ergebnisse zu haben, sollten alle Zahlen näher am 1000er sein. Aber die Zahlen in der ersten Spalte des Schaubildes 2 der Untersuchung, kann man alle weghauen, die in der letzten Spalte auch (zu klein und zu ungenau), dann bleibt nicht mehr viel übrig.

Also könnt ihr alles in die Tonne hauen.

Vertraut auf euren Verstand!

Sapere aude!

Quellenangaben

Goldstein, Edward, and Marc Lipsitch. “Temporal Rise in the Proportion of Younger Adults and Older Adolescents among Coronavirus Disease (COVID-19) Cases Following the Introduction of Physical Distancing Measures, Germany, March to April 2020.” Eurosurveillance 25, no. 17 (April 30, 2020): 2000596. https://doi.org/10/ggt66z.