Schule und Pädagogik: Zwei unvereinbare Gegensätze

Lehrer sind keine Pädagogen

Leider bedeutet vor allem „Schule“ immer noch eine Reise in die Vergangenheit uralter Ansichten, die schon seit hunderten von Jahren nicht mehr zeitgemäß sind. Schule hat den Wandel der Zeiten und Gesellschaften überstanden und ist als Institution fast unveränderlich in der Zeit stehen geblieben. Schule hat nichts, aber auch gar nichts mehr mit Pädagogik im weitesten Sinne zu tun. Deshalb unterrichten Lehrerinnen und Lehrer und keine Pädagoginnen und Pädagogen. Dass sie sich teilweise noch so nennen, ist wohl eher das Bedürfnis, etwas Besseres zu sein, als bloß Lehrer, wobei das Lehrerdasein sehr anspruchsvoll ist und man sich eigentlich nicht als Pädagoge bezeichnen muss, auch, weil man ja keiner ist.

Pädagogik ist nicht Unterrichten

„Pädagogik“ war noch nie „unterrichten“. Jemanden zu unterrichten bedeutet, ihm etwas mitzuteilen. Mehr nicht. Die Pädagogik geht weit darüber hinaus, weil mit ihr immer ein Ziel verfolgt wird, immer ein Ideal erreicht werden soll auf Grund eines bestimmten Menschenbildes.

Der Unterschied zwischen Unterrichten und Pädagogik wird vielleicht klarer, wenn ich es an einem Beispiel verdeutliche. Nehmen wir einmal das Fach Mathematik. Ein Lehrer steht an der Tafel, erklärt, wie etwas gemacht wird, fordert die Schülerinnen und Schüler auf, es nach zu machen oder stellt Fragen. So lief der Unterricht schon im alten Rom ab, wie auch zur Zeit des Nationalsozialismus, bis heute. Daran hat sich wenig geändert.

Geändert haben sich die Rahmenbedingungen des Unterrichtens und die Macht der Lehrkraft. Schläge sind heute verboten, doch Strafen für Fehlverhalten sind immer noch normal. Es gibt zwar keine Stöcke mehr, um auf die Hände zu schlagen, aber dafür gibts seitenlange Strafarbeiten bis die Finger bluten. Ok, ganz so krass ist es nicht, dennoch. Die Heftigkeit der Strafen hat sich verändert, nicht jedoch das Grundprinzip. Es gibt eine Lehrkraft, die Schülerinnen und Schüler haben zu gehorchen, tun sie es nicht, gibts Abmahnungen, Strafarbeiten, etc.

Sicherlich könnte man diesem Ganzen ein pädagogisches Konzept andichten, aber es ist keines. Es ist nur das ewig Alte in neuem Gewand. Man macht das nach, was andere schon seit Jahrtausenden vorgemacht haben und versucht dieses zu rechtfertigen. Das nennen sie dann: Pädagogik. Ist es aber nicht, es ist „Unterrichten“, oder einfacher ausgedrückt: Müll, der Bequemlichkeit zweiter Vorname.

Was ist Pädagogik?

Ursprünglich war es in etwa „Die Kunst der Kinderführung“. Pädagogen sind also die Menschen, die wissen, wie man mit Kindern umgeht und sie „führen“ können. Ursprünglich waren es Menschen, die Kinder von einem Ort zu einem anderen brachten. Erst viel später, etwa im 18. Jahrhundert, taucht der Begriff als Wissenschaft auf und behandelt den Gedanken, wie man Kinder dahin „führt“, gute Mitglieder der Gesellschaft zu werden.

Inzwischen wird die Bezeichnung Pädagogik jedoch auch für Erwachsene verwendet, in der sogenannten „Erwachsenen-Pädagogik“, so dass sich der Begriff von seiner ursprünglichen auf Kinder bezogenen Bedeutung völlig gelöst hat. Pädagogik ist zu einem eigenständigen Begriff geworden.

Leider hat damit aber auch der Missbrauch des Begriffes begonnen, Ein Begriff, dessen einstige Bedeutung nicht mehr gilt, der keine klare eindeutige Definition mehr hat, kann neu gedeutet werden, wodurch z.B. plötzlich aus Lehrern Pädagogen werden und Didaktik (muss man nicht kennen) und andere sinnfreie Ideen plötzlich zum Teil der Pädagogik werden. Es ist unglaublich, mit welchem Mist man zugetextet wird, wenn man Pädagogik studiert.

Während meines Studiums gab es zwei verfeindete Professoren. Wenn der eine ein Seminar anbot, bot der andere ein Gegenseminar an, das zeigen sollte, dass der andere Unrecht hat. So kann eine Hochschule zum Kindergarten verkommen und man fragt sich, wo die verdammte Erzieherin hin ist und warum sie ihre Professoren nicht im Griff hat.

Pädagogik kann man wissenschaftlich und logisch betreiben. Man muss keine Spielchen spielen. Es geht nicht darum, wer den Längsten hat oder wer den größten Klugscheißhaufen setzt, sondern es geht um Menschen. Manche scheinen dies ganz vergessen zu haben. Vielleicht sollte man es umbenennen in Athropagogik (anthropos = Mensch), wobei wahrscheinlich das größte Problem immer noch die Ignoranz der Wissenschaft und der veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse darstellt.

Pädagoge sein, heißt scheitern

Die Geschichte der Pädagogik ist eine Geschichte des Scheiterns. Man kann sagen, dass alle großen Pädagogen an der deutschen Bürokratie und Verbohrtheit scheiterten.

Nehmen wir zum Beispiel Johann Heinrich Pestalozzi. Zu seinen Lebzeiten wurde ihm viel Ehre und Bewunderung zu Teil, doch am Ende war er pleite und kein Land übernahm seine Ideen in die Schulpädagogik. „Er wurde am alten Schulhaus in Birr vom Ortspfarrer und den Schullehrern beerdigt, weil wegen hohen Schnees Freunde und Angehörige nicht rechtzeitig anreisen konnten oder gar nicht von Pestalozzis Tod gehört hatten.“2 So traurig kann der Tod eines großen Pädagogen sein.

Wilhelm von Humboldt haben wir unser modernes Schul- und Universitätssystem zu verdanken. Dafür war er nur knapp über ein Jahr im Amt und kündigte dann aus Enttäuschung. Er war reich, doch sein pädagogisches Wirken war vorbei.

Jean-Jacques Rousseau veröffentlichte viele Werke. Seit Emile (seinem „pädagogischen Hauptwerk“) war er auf der Flucht, weil er schrieb, was man nicht schreiben sollte. Emile wurde in vielen Ländern verboten. Er schrieb noch viele weitere Bücher, doch das Bildungssystem beeinflusste er nur gering. Seine Ideen waren und sind den Mächtigen doch etwas zu freiheitlich.

Seneca war zwar ein Klugscheißer, aber auch Lehrer von Kaiser Nero im alten Rom – und letzten Endes musste er den Giftbecher trinken.

Henry David Thoreau war zeitweise Lehrer und warf den Beruf dann hin, weil seine Vorstellung von Pädagogik nicht in die des Schulsystems passte.

Das Schulsystem ist bildungsresistent.

The Times they are a changing

Die Zeiten ändern sich. Unser Schulsystem rutsch in den PISA-Studien immer weiter nach unten, Rechtsradikale bekommen Zuwachs, die Erde ist dabei den Bach runter zu gehen. Vielleicht ist es Zeit für ein Umdenken.

So vieles verändert sich. Wir wollen, dass es unseren Kindern einmal besser geht – wollen wir das wirklich?

Vieles verändert sich. Vieles wird besser. Dennoch scheint es normal zu sein gegenüber seinen Kindern zu denken: Was für mich gut war, kann für dich nicht schlecht sein. Vieles soll sich ändern, aber nicht der Umgang mit unseren Kindern, nicht in den Institutionen, die sie für uns aufbewahren sollen, so lange wir arbeiten.

Eltern ist es wichtiger, dass eine Schule eine Nachmittagsbetreuung anbietet, statt einer guten Pädagogik, statt eine gute Schule zu sein. Kinder sollen aufbewahrt werden. Sie sollen es nicht besser haben, schon gar nicht in der Schule.

Warum nicht?

Autos haben inzwischen Airbags, sind teurer geworden und bieten mehr Sicherheit. Das ist wichtig, denn unsere Autos sind uns wichtig.

Wo hat die Sicherheit in der Schule zugenommen, die Sicherheit, einen guten Abschluss zu machen, anzukommen? Wo sind wir bereit das Geld, das wir in unsere Autos stecken, auch in unsere Kinder, unsere Schulen und Kindergärten zu stecken?

Auch sie könnten besser werden. Auch sie könnten Sicherheit vermitteln und geben. Man könnte sich in ihnen wohlfühlen, in diesen verrotteten Aufbewahrungsanstalten.

Doch es geht auch um uns alle.

In welcher Welt wollen wir leben?

Wollen wir als das gesehen werden, was wir sind, oder wollen wir mit anderen in einen Topf geworfen werden? Wollen wir absolut gleich sein, oder wollen wir, dass unsere individuellen Eigenschaften und Stärken etwas Besonderes und Wertvolles sind? Wollen wir, dass andere über uns bestimmen, oder wollen wir selbst entscheiden können? Möchten wir hören: Sei wie die anderen! Oder lieber: Sei ganz du selbst, denn so ist es ok, denn du bist ok? Wollen wir Rücksicht auf alles Lebendige, oder lieber Umweltzerstörung für Profitinteressen?

Und wenn wir eine Welt wollen, die positiv ist, wo jeder Mensch geachtet und respektiert wird, warum schaffen wir sie dann nicht? Wir könnten z.B. in den Schulen anfangen.

School (Supertramp)1

I can see you in the morning when you go to school
Don’t forget your books, you know you’ve got to learn the golden rule
Teacher tells you stop your play and get on with your work
And be like Johnnie too-good, don’t you know he never shirks

He’s coming along

After School is over you’re playing in the park
Don’t be out too late, don’t let it get too dark
They tell you not to hang around and learn what life’s about
And grow up just like them, won’t you let it work it out

And you’re full of doubt

Don’t do this and don’t do that
What are they trying to do
Make a good boy of you
Do they know where it’s at
Don’t criticise, they’re old and wise
Do as they tell you to
Don’t want the devil to
Come and put out your eyes

Maybe I’m mistaken expecting you to fight
Or maybe I’m just crazy, I don’t know wrong from right
But while I am still living I’ve just got this to say
It’s always up to you if you want to be that
Want to see that
Want to see it that way

You’re coming along

SUPERTRAMP School (lyrics)

1Supertramp, School, LP, Crime of the Century (A&M, 1974).

2„Johann Heinrich Pestalozzi“, in Wikipedia, 30. August 2019, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Johann_Heinrich_Pestalozzi&oldid=191813394.

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