Sprachmelodien, Untertitel, Immersion: Verstehen durch Eintauchen

Da ich viele Serien aus Korea im Original mit Untertitel schaue, eigentlich alle Serien aus Korea, fiel mir auf, als ich Parasite im Kino sah, synchronisiert, dass da irgend etwas falsch war. Ich konnte es nicht richtig fassen, aber ich spürte, dass der Film auf koreanisch irgendwie anders wäre. Diesen Eindruck hatte ich früher auch schon einmal und es lies mich nicht los.

Raum und Sprechgewohnheiten

Ich vermute, dass ich koreanische Serien unter anderem deshalb so sehr mag, weil koreanisch eine ungeheuer schöne Sprachmelodie hat. Zudem werden Aussagen sehr stark betont. Man versteht grob die Bedeutung, einfach durch die Melodie, die ähnlich der deutschen ist, nur mit stärkerer Betonung. Bei einer Synchronisation hört man davon nichts mehr und die vielen Emotionen, die in den Aussagen mitschwingen, sind weg, weil wir es nicht so stark ausdrücken, wie die Koreaner.

Es ist für mich zu einer interessanten Erkenntnis geworden, dass ich Menschen aus anderen Ländern und Kulturen grob verstehen kann, einfach auf Grund der Sprachmelodie. Da mich dies verblüffte, forschte ich nach und fand u.a. folgende Erklärung:

„Viele neuere Studien haben gezeigt, dass Menschen überall Emotionen durch Metaphern und / oder Metonyme ausdrücken, die mit körperlichen Gefühlen zusammenhängen (Kövecses, 1995, 1998)1, die wiederum durch Aktivitäten des autonomen Nervensystems erzeugt werden. Diese Aktivitäten scheinen eine panhumane, fest verdrahtete Basis zu haben (für einen Überblick siehe Levenson et al., 1992)2. Diese Ergebnisse stellen die kulturkonstruktivistische Hypothese in Frage, die postuliert, dass verschiedene Kulturen Emotionen auf völlig unterschiedliche Weise konstruieren.“ (Casimir & Schnegg)3

Die Erklärung für dieses Verständnis ist also: Weil unsere Emotionen bestimmte körperliche Reaktionen auslösen – und dies bei allen Menschen gleich – entwickelte sich ein ähnliches Verhalten, bzw. ähnliche Mimik und Gestik für Emotionen. Dadurch können wir diese weltweit verstehen.

Das macht Sinn. Auch unsere Reaktionen bei Erstauen oder Erschrecken sind ähnlich. Es bietet sich also an, dies auch in sprachlichen Lauten oder Lautmalereien ähnlich auszudrücken.

Doch warum behaupte ich dann, dass durch eine Synchronisation etwas verloren ginge? Es ist mehr ein Spüren, Fühlen, als ein Wissen. Meine Vermutung ist, dass dadurch, dass die deutsche Sprache eine der wortreichsten Sprachen der Erde ist und dadurch zu der Sprache der Philosophie wurde, müssen wir Gefühle und Emotionen, aber auch unsere Aussagen nicht so sehr durch Sprechmelodien (Sprachmelodien) betonen. Ich vermute, dass in Sprachen, die durch das reine geschriebene Wort nicht so viele Ausdrucksmöglichkeiten bieten, der Klang eines Wortes wichtiger ist, um dessen Bedeutung zu verstehen. Doch dies ist nur eine Vermutung.

Habe ich recht, so bedeutet dies, dass der sprachliche Ausdruck im Deutschen keines komplexen Klangbilds bedarf, damit wir uns richtig verständigen können, in anderen Sprachkulturen jedoch ist der Klang eines Wortes oder eines Satzes von größerer Bedeutung und damit von größerer Aussagekraft.

Die Welt ist Sprache und Klang

Sprache ist etwas Wunderschönes. Vielleicht bin ich auch etwas vernarrt in Sprachen, obwohl ich selbst nicht gerade ein Sprachgenie bin.

In der Sprache begegnet uns der andere Mensch, in einer Fremdsprache sogar eine ganze Kultur. So können wir über die Sprache einen Zugang zu einer anderen Kultur und Verständnis für diese Kultur finden. Vielleicht ist es sogar so, dass man dieses Verständnis auf andere Art findet, oder überhaupt nur dann findet, wenn man die Sprache nicht kann.

Wir Deutschen haben ja kaum noch einen Sinn für unsere Kultur, die sich in unserer Sprache zeigt. Ich schätze, dies ist der „Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht“-Effekt. Wenn man mitten drin steht, ist es schwieriger die Gesamtheit von etwas zu sehen, als wie wenn man außerhalb steht. Dies war einst ein wichtiger Ansatz von Michelle Foucault oder der Queer-Theory, übrigens.

Interessant sind diese Gedanken in dem Sinne, dass dies bedeuten könnte, dass wir manche Inhalte einer Sprache, vor allem die, die nicht Teil der reinen Information sind, nur deshalb gut verstehen, weil wir die reine Information nicht kennen. Wir wissen nicht um die Bedeutung eines Wortes oder Satzes, unser Verständnis resultiert aus dem Klang. Würden wir die Worte kennen, würden wir weniger auf den Klang achten.

Wir hören ihn, wenn wir den Inhalt eines Wortes verstehen. Doch dann ist der Klang nur noch ein Hintergrundrauschen, das entweder zum Inhalt passt, dann ist alles in Ordnung, oder nicht, dann machen wir uns Gedanken, was uns der Mensch verheimlicht. Wir nehmen meist das Ganze stärker war, als die Summe der Teile und so ist es auch, wenn wir jemandem zuhören. Stimmigkeit erreicht etwas Gesagtes, wenn Inhalt und Form übereinstimmen, wenn die Bedeutung des Satzes, mit den enthaltenen Aussagen und der Sprachmelodie übereinstimmen, wobei wohl “harmonieren” der bessere Begriff ist.

Doch haben wir die Bedeutung des Wortes nicht, weil wir das Wort nicht kennen, so müssen wir uns an seinem Klang, oder besser, an der Melodie des Satzes orientieren.

In Nietzsches „Die Geburt der Tragödie“4 begegnet uns das Leben selbst in der Musik und in Berendts Werk „Die Welt ist Klang“5 begegnen wir im Klang sogar der ganzen Welt, dem ganzen Universum. Wir unterschätzen den Klang der Stimme, den Klang der Sprache für das Verständnis des Anderen. Geben wir durch eine Synchronisation einem Satz einen anderen Klang, eine andere Melodie, und nehmen ihm sein ursprüngliches Wesen, löschen wir Bedeutungen und geben der Handlung neue. Sprache und ihr Klang, nicht nur ihr Inhalt, bilden Welten und Realitäten ab. Es findet in der Synchronisation so kaum noch ein Erkennen einer anderen Welt, einer anderen Kultur statt. Durch die Untertitel verstehen wir die Bedeutung des Gesagten, durch den Klang aber erkennen wir eine Welt.

Jeder Mensch lebt in seiner eigenen Welt, seiner eigenen Sprache. Wir erkennen deshalb natürlich auch jeden Menschen, wenn wir ihn hören. Doch ist eine Sprache, die von mehreren Menschen geteilt wird, auch immer eine Sprache mehrerer und beinhaltet somit auch diese Menschen, ihre Ansichten – und somit ihre Kultur und ihre Welt. Deshalb beinhaltet koreanisch die koreanische Kultur und Weltverständnis und die deutsche Sprache die deutsche Kultur und das deutsche Weltverständnis.

Wir hören also nicht nur den Menschen, sondern seine Welt, seinen kulturellen Hintergrund.

Eine Sprachnachricht hat also nicht nur 4 Seiten (wie von Schulz von Thun angenommen6), sondern sie enthält auch Klang-Informationen. Diese erzählen uns etwas über den Menschen und seine Umwelt. Wenn Musik die Sprache der Kultur, des Lebens oder der Welt an sich ist, so ist das auch die „Sprachmusik“, der Klang und Rhythmus unserer Sprache.

Der synchronisierte Mensch

Wir verstehen den Menschen, wie es ihm geht und was er uns sagen möchte auf Grund des Klanges seiner Stimme. Dadurch sind Synchronisationen möglich. Doch wird der synchronisierte Mensch durch die Synchronisation zu einem anderen Menschen, da er zu einem Menschen einer anderen Kultur wird. Was wir hören ist die deutsche Sprache. Die Person im Film, spricht zu uns aus der deutschen Sprache, ist in der deutschen Sprache und somit auch in dieser Kultur. Das zu hörende Sprechen drückt dann eine deutsche Person aus. Wir nehmen eine deutsche Person war, doch soll es – zum Beispiel im Film Parasite – eine Koreanerin oder ein Koreaner sein.

Die reine gesprochene und / oder gehörte Sprache, unabhängig des Inhalts, erzählt uns etwas über den Menschen, der spricht, seine Welt, seine Kultur. Wir hören den Menschen, der spricht, wir hören seine Kultur und seine Welt. Somit trägt eine Synchronisation quasi die Kultur und das Wesen des Sprechenden in die Kultur und das Wesen des Spielenden. Dies erzeugt eine Dissonanz, eine Unstimmigkeit, vor allem dann, wenn man die Kultur der Sprache des synchronisierten Menschen kennt. Das Bild passt nicht mehr zum Ton.

Die Bedeutung des Films ändert sich dadurch. Der Hintergrund der Person ändert sich, dadurch ihre Motivation und die Gründe für ihr Handeln.

Eine Synchronisation funktioniert immer dann gut, wenn der Hintergrund, die Sprache der zu synchronisierenden Menschen, unbekannt ist, bzw. mir nichts bedeuten, oder ich den kulturellen Hintergrund des zu synchronisierten als dem deutschen ähnlich ansehe.

Die Immersion

Man gewöhnt sich schnell an Untertitel, vor allem, wenn man – wie ich – Serien mag, die es gar nicht synchronisiert gibt. Ich schaue Serien auf Mandarin, Koreanisch, Hindi, türkisch, usw. ohne auch nur ein Wort zu verstehen. Das Verrückte ist: Es fällt einem, wenn man das immer macht, nach kurzer Zeit garnicht mehr auf, dass man mit Untertitel schaut. Es wird so, als würde man alles verstehen.

Wenn man damit anfängt, Serien mit Untertitel zu schauen, kann es sein, dass man eine Folge benötigt um reinzukommen. Serien, die sehr sprachlastig sind, eignen sich dafür nicht so gut, weil die Untertitel dann zu lang sind. Das werdet ihr schnell merken, doch sind diese meist auch nicht sehr hochwertig. In Ihnen wird durch Erzählung das ausgedrückt, was die Schauspielerinnen und Schauspieler nicht spielen und der Kameramann nicht filmen kann. Gerade aber das macht große Filme aus: Aussagekräftige Bilder und gute Schauspieler. Vielleicht erkennt man so auch besser, welche Serien etwas taugen und welche nicht: Wenn ihr lange Untertitel lesen müsst, lasst die Serie links liegen. Bilder und Gefühle, die erklärt werden müssen, sind keine.

Wie schon erwähnt, begegnet uns der Mensch in der Sprache. Wir verstehen ihn, glauben ihm. Doch zu viel Sprache führt dazu, dass wir zu viel lesen müssen und dann beachten wir die Gestik und Mimik weniger, was das Verständnis nicht immer erhöht. Können wir aber alles erfassen, die Untertitel, die Haltung des/der Sprechenden, die Mimik und Gestik, so verstehen wir sehr rasch und gut, worum es geht und vergessen irgendwann, dass wir die Untertitel mitlesen.

Dieses Gefühl, diesen Eindruck, alles zu verstehen, obwohl man “nur” die Untertitel liest, nennt man übrigens in Fachchinesisch “Immersion”. Man taucht ein und vergisst, dass etwas nicht die Realität ist. Zwar wird dieser Begriff heutzutage meist für Computerspiele verwendet, aber es gibt ihn schon lange, da die Immersion schon immer wichtig ist: Wenn wir Musik oder Hörspiele anhören, aber auch beim Fernsehen. Vielleicht kennt ihr ja auch den Effekt: Ihr schaut etwas in Schwarz-Weiß an und erinnert euch aber in Farbe daran? Oder ihr lauscht einem Hörspiel, und es ist für euch, wie ein Film. Ihr könntet anschließend Bilder beschreiben, die gar nicht im Hörspiel beschrieben wurden, weil ihr so eintaucht, dass ihr Bilder seht. Auch das hat etwas mit Immersion zu tun. Wenn man eintaucht in den Stoff, vergisst man, dass etwas nur ein Film oder Hörspiel ist, oder in welcher Sprache man gerade zuhört.

Bei Serien mit Untertiteln, erinnere ich mich daran, was die Personen sagten und höre sogar, wie sie es sagen, aber in Deutsch. das ist schon sehr befremdlich, dass ich mich an die Sätze auf Deutsch erinnere. Auch das ist Immersion.

“Immersion ist kein klassisches Mitmachtheater im Sinne des Mitspielenmüssens, sondern löst zunächst erst mal einfach die Grenze zwischen „denen“ und „uns“ auf. Es duldet kein Gegenüber” (Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, in einem Interview des Goethe Instituts)

Wir tauchen ein in eine andere Welt, vergessen unsere und sind in dieser Welt. Dadurch “vergessen” wir auch, dass wir nur die Untertitel lesen, oder wir in einer Serie oder einem Hörspiel sind. Während der zeit des Versinkens sind wir nicht mehr in der Realität.

Und je besser das funktioniert, je mehr die Grenze aufgehoben wird, desto spannender ist etwas. Denn wenn wir mitten im Film oder im Hörspiel sind, dann wird es auch zu unserer Geschichte und wir können nicht mehr distanziert sein. Wir fiebern mit, wir lachen und weinen mit.

Dies schreibe ich, nachdem ich Oh My Ghost gesehen habe. Und ich habe all das gemacht, zuerst mich mit gefreut, dann mich mit geängstigt, etwas geweint und am Schluss war ich wieder glücklich. Es ist schon sehr seltsam, wie uns Gespieltes und eine erfundene Geschichte reinziehen und mitreißen können.

Fußnoten

1Z. Kövecses, „Metaphor and the Folk Understanding of Anger“, in Everyday Conceptions of Emotion: An Introduction to the Psychology, Anthropology and Linguistics of Emotion, hg. von James A. Russell u. a., NATO ASI Series (Dordrecht: Springer Netherlands, 1995), 49–71, https://doi.org/10.1007/978-94-015-8484-5_3.

2R. W. Levenson u. a., „Emotion and Autonomic Nervous System Activity in the Minangkabau of West Sumatra“, Journal of Personality and Social Psychology 62, Nr. 6 (Juni 1992): 972–88, https://doi.org/10/bj3j52.

3Michael Casimir und Michael Schnegg, „Shame across cultures: the evolution, ontogeny and function of a ‚moral emotion‘“, 2002, 270–300.

4Friedrich Nietzsche, Giorgio Colli, und Friedrich Nietzsche, „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“, in Die Geburt der Tragödie. Unzeitgemäße Betrachtungen I-IV. Nachgelassene Schriften: 1870 – 1873, 2., durchges. Aufl, Sämtliche Werke, kritische Studienausgabe in 15 Einzelbänden / Friedrich Nietzsche. Hrsg. von Giorgio Colli und Mazzimo Montinari ; 1 (München: Dt. Taschenbuch-Verl. [u.a.], 1988), 9–156.

5Joachim-Ernst Berendt, Nada Brahma: die Welt ist Klang, 4. Aufl, Suhrkamp Taschenbuch 3895 (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2014).

6Friedemann Schulz von Thun, Miteinander reden 1:Störungen und Klärungen: allgemeine Psychologie der Kommunikation. (Reinbek bei Hamburg: Rowohlt-Taschenbuch-Verl., 1991).

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