Carl Rogers und der personenzentrierte Ansatz

Vorwort

Carl Rogers: “Was meine ich mit einem personenzentrierten Ansatz? Dies ist das zentrale Thema meines ganzen Berufslebens, ein Thema, das durch Erfahrung, Interaktion mit anderen und Forschungen einen allmählichen Klärungsprozess erfahren hat. Ich lächle, wenn ich an die verschiedenen Etiketten denke, mit denen ich dieses Thema im Laufe meines Berufsweges versehen habe: nichtdirektive Beratung, klientenzentrierte Therapie, Schülerzentrierter Unterricht, gruppenzentrierte Führung. Da die Anwendungsgebiete an Zahl und Vielfalt zugenommen haben, erscheint mir jetzt die Bezeichnung „personenzentrierter Ansatz“ am aussagekräftigsten.

Die zentrale Hypothese dieses Ansatzes lässt sich kurz zusammenfassen. … Das Individuum verfügt potentiell über unerhörte Möglichkeiten, um sich selbst zu begreifen und seine Selbstkonzepte, seine Grundeinstellungen und sein selbstgesteuertes Verhalten zu verändern; dieses Potential kann erschlossen werden, wenn es gelingt, ein klar definierbares Klima förderlicher psychologischer Einstellungen herzustellen.

(Rogers, Carl R. (1980): Der neue Mensch. Stuttgart (Klett-Cotta). S. 66 – 68 (Hervorhebungen von mir, C. S.)

Empathie

= Einfühlungsvermögen.

Eine helfende Person versteht einfühlend und nicht-wertend die innere Welt eines anderen und lässt ihn das erfahren

Das zeigt der Therapeut dadurch, dass er aktiv am Gespräch teilnimmt und die Gefühle, die er wahrnimmt, verbalisiert. Es ist aber auch eine Grundhaltung oder Fähigkeit. Man muss auch Gefühle wahrnehmen können, um sie verbalisieren zu können.

Carl Rogers: “das einfühlsame Verstehen. Das bedeutet, dass der Therapeut genau die Gefühle und persönlichen Bedeutungen spürt, die der Klient erlebt, und dass er dieses Verstehen dem Klienten mitteilt. Unter optimalen Umständen ist der Therapeut so sehr in der privaten Welt des anderen drinnen, dass er oder sie nicht nur die Bedeutungen klären kann, deren sich der Patient bewusst ist, sondern auch jene knapp unterhalb der Bewusstseinsschwelle. Diese Art des sensiblen, aktiven Zuhörens ist äußerst selten in unserem Leben. Wir glauben zuzuhören, aber es geschieht sehr selten mit wirklichem Verständnis und echter Einfühlung. Dennoch ist diese ganz besondere Art des Zuhörens eine der mächtigsten Kräfte der Veränderung, die ich kenne.“2

Akzeptanz:

Jeder Mensch ist so, wie er nun einmal ist. Und wird auch genau so angenommen, ohne Deutung, ohne jede Form der Bewertung. Da Rogers als Humanist ein eher positives Menschenbild hat, kann man das auch mit einer Wertschätzung verwechseln, ist es aber nicht. Es ist eher so, dass Menschen es verdient haben, so wie sie sind akzeptiert zu werden, weil sie Menschen sind und jeder Mensch einen Wert hat, also wertvoll ist.

Carl Rogers: Ich bin in vielerlei Hinsicht leichtgläubig und akzeptiere meinen Klienten als den, der er zu sein behauptet, ohne hintergründig zu argwöhnen, dass er vielleicht anders sein könnte. Ich akzeptiere das, was in meinem Klienten ist, nicht das, was in ihm sein sollte. Einer hat es einmal so ausgedrückt: „Hier bei Ihnen kann ich immer einfach ich selbst sein. Ich mache mir nie Gedanken darüber, ob ich mich richtig verhalte. Und wenn ich von hier fortgehe, fühle ich mich immer sehr viel kreativer – und dieses Gefühl dauert hinterher an.“1

Wertschätzung:

Sie ist keine Einteilung in gut und böse, oder schlecht und gut. Wertschätzung bedeutet: Du hast einen Wert! Ähnlich, wie: Dieser Goldbarren ist 1000€ wert. Du bist wertvoll bedeutet nicht, du bist gut. Es bedeutet: Du hast einen Wert für andere. Es bedeutet auch: Den Wert in einem Menschen zu sehen, also seine Fähigkeiten, seine für andere Menschen wichtigen Eigenschaften, etc. „Das Gute in jemandem sehen“ sagen wir zwar manchmal auch, aber das ist missverständlich, weil hier nicht das Gute als Gegenteil von Böse oder Schlechte gemeint ist, sondern das Gute als das, was etwas von Wert ist.

Carl Rogers: „Eine weitere Beobachtung, die ich kurz erwähnen möchte, ist etwas, worauf ich nicht stolz bin; es scheint aber eine Tatsache zu sein. Wenn man mich nicht schätzt und würdigt, fühle ich mich nicht nur sehr reduziert, sondern meine Gefühle beeinträchtigen tatsächlich auch mein Verhalten. Wenn man mich schätzt, blühe ich auf und entfalte mich zu einem interessanten Individuum. In einer feindseligen oder unempfänglichen Gruppe bin ich in keiner Hinsicht bemerkenswert. Die Leute fragen sich mit gutem Grund, woher hat er bloß sein Renommee? Ich wünschte, ich hätte die Kraft, in jeder der beiden Umgebungen ähnlich zu sein, aber faktisch bin ich in einer aufgeschlossenen und interessierten Gruppe ein ganz anderer Mensch als in einem feindlichen und abweisenden Milieu.

Jemanden zu schätzen oder zu lieben und geschätzt oder geliebt zu werden, wird somit als sehr wachstumsfördernd erlebt. Ein Mensch, der auf nicht besitzergreifende Weise geschätzt und geliebt wird, blüht auf und entwickelt sein eigenes einzigartiges Selbst. Und der Mensch, der nicht besitzergreifend liebt, wird selbst bereichert. Dies ist zumindest meine Erfahrung.“2

Kongruenz:

Kann man mit Ehrlichkeit übersetzen, z.B. im therapeutischen Gespräch. Prinzipiell bedeutet es, dass meine Handlungen und Äußerungen mit mir, bzw. meinem Denken und Fühlen kongruent = übereinstimmend sind.

Carl Rogers: “Echtheit, Unverfälschtheit oder Kongruenz […]. Je mehr der Therapeut in der Beziehung er selbst ist, das heißt, kein professionelles Gehabe und keine persönliche Fassade zur Schau trägt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Klient äußern und auf konstruktive Weise wachsen wird. Das bedeutet, dass der Therapeut offen die Gefühle und Einstellungen darbietet, die ihn im Augenblick bewegen. Der Begriff der Transparenz wird diesem Sachverhalt gerecht Der Therapeut macht sich gegenüber dem Klienten transparent; der Klient kann ohne weiteres sehen, was der Therapeut in der Beziehung ist; der Klient erlebt kein Zurückhalten seitens des Therapeuten. Was den Therapeuten betrifft, so ist das, was er oder sie erlebt, dem Bewusstsein zugänglich, kann in der Beziehung gelebt und, falls angebracht, kommuniziert werden. Es besteht also eine genaue Übereinstimmung oder Kongruenz zwischen dem körperlichen Empfinden, dem Gewahrsein und den Äußerungen gegenüber dem Klienten.2

Drei „Arten“ der Kongruenz

Nach Carl Rogers kann man drei „Arten“ der Kongruenz unterscheiden:

  • Kongruenz von Selbst und Erfahrung3 (von innerem Erleben und Bewusstsein) = „Kongruenz nach Innen I”, „Ehrlichkeit zu mir selbst“, sowie
  • Kongruenz von Ideal-Selbst und Erfahrung4 (von innerem Erleben und verinnerlichten Normen) = „Kongruenz nach Innen II”, sowie
  • Kongruenz von Selbst (Bewusstsein) und Kommunikation (Verhalten) = „Kongruenz nach Außen”, „Ehrlichkeit gegenüber dem Mitmenschen“.

Missverständnisse

Dieses Konzept könnte leicht missverstanden werden. Es besagt gewiss nicht, dass der Therapeut den Klienten mit all seinen Problemen oder Empfindungen belasten soll. Oder dass er mit jeder Regung, die ihm durch den Sinn geht, unbeherrscht herausplatzen soll. Aber er soll die Gefühle, die er erlebt, nicht vor sich selbst verleugnen und Gefühle, die in der Beziehung permanent wieder auftauchen, akzeptieren und auch äußern. Er soll der Versuchung widerstehen, sich hinter einer professionellen Maske zu verbergen.“ (Carl Rogers)1

Was, wenn ich nicht akzeptieren kann?

Eine Frage, die in diesem Zusammenhang häufig auftaucht, ist folgende: ‚Angenommen, ich empfinde als Therapeut gegenüber meinem Klienten starke Ablehnung?‘ … DITTES wies anhand der psychogalvanischen Hautreaktion … nach, dass die Anzahl abrupter galvanischer Hautreaktionen signifikant anstieg, sobald die Einstellung des Therapeuten auch nur geringfügige Schwankungen in Richtung auf eine weniger akzeptierende Haltung hin aufwies.

Wenn die therapeutische Beziehung als weniger akzeptierend erlebt wird, stellt sich der Organismus sogar auf der physiologischen Ebene auf eine Bedrohung ein. Dies weist darauf hin, dass in einer solchen Beziehung nicht nur eine akzeptierende Haltung, sondern auch die Kongruenz des Therapeuten wichtig ist. Da der Klient diese weniger akzeptierenden Gefühle spürt, sollten sie in der Beziehung offen zur Sprache kommen.

Wenn der Therapeut nicht dazu in der Lage ist, den Klienten zu akzeptieren, ist die therapeutische Behandlung bedroht. Die einzige Möglichkeit, dieses Problem zu bewältigen, besteht dann, dass er dem Klienten seine Reaktionen mitteilt. Indem er diese wertenden Gefühle (die der Klient vermutlich spürt) zugibt, können beide gemeinsam an dem Problem arbeiten und den therapeutischen Prozess unter Umständen wieder wirksam werden lassen und vielleicht sogar steigern.

Bei allzu häufig auftretenden urteilenden Reaktionen des Therapeuten kann die Wirksamkeit des therapeutischen Prozesses verlorengehen.“6

Aktives Zuhören:

Der Zuhörer ist aufmerksam und zeigt dies auch. Dies kann z.B. in einen gelegentlichen „aha“ „Hmm“ oder auch durch das häufige Verbalisieren des Gesagten geschehen. Ein Gesprächstherapeut gibt ständig Rückmeldung. Er wartet nicht, bis der Klient eine halbe Stunde geredet hat oder lehnt sich zurück und lässt jemanden einfach so lange reden, bis er fertig ist. Eine Gesprächstherapie ist eine echtes Gespräch mit konstanten Interaktionen (wodurch – systemisch gesprochen – eine strukturelle Koppelung entsteht und somit ein soziales System)

Paraphrasieren:

Der Therapeut (sorry, aber ich nehme immer die männliche Form) gibt wieder, was er verstanden hat. Er wiederholt nicht einfach die Worte des Klienten.

Selbstexploration

= Selbsterkundung. Durch das Wiedergeben dessen, was der Therapeut verstanden hat, bekommt der Klient mit, wie er selbst ist und kann sich dadurch selbst erkennen – also selbst explorieren. Manche nennen das, was der Therapeut macht auch „spiegeln“, da sich der Klient quasi selbst im Spiegel wiedersieht, sich näher betrachtet und erforscht. Der Therapeut kann das Gesagte nicht einfach widerspiegeln (was theoretisch auch ginge), da sich viele dann nicht verstanden fühlen und das Gefühl haben, dass der Therapeut nur papageienhaft wiederholt.

Aktualisierungstendenz

Die Aktualisierungstendenz ist eine TENDENZ, deshalb heißt die so, kein Streben. Es ist ein Prozess, der immer abläuft, nur manchmal nicht funktioniert. Er läuft automatisch ab, wir können ihn nicht steuern. Um etwas aktualisieren zu können, muss man wissen, wie, nur das wissen wir manchmal einfach nicht. Wenn wir keinen Zugang zu unserem Erleben finden, können wir es auch nicht mit unserem Selbstkonzept abgleichen.

Selbstverwirklichung

Die Selbstverwirklichung ist die Annahme, dass wir alle danach streben, unsere Fähigkeiten voll zu entfalten und uns weiter zu entwickeln. Damit dies möglich ist, müssen wir neue Erfahrungen und Erkenntnisse integrieren – und das geschieht eher im Aktualisierungsprozess. Er möchte Unstimmigkeiten beseitigen, weil wir uns nur dann richtig entfalten und selbstverwirklichen können.

Das organismische Erleben

Das organismische Erleben erfahren wir, wenn wir uns wegen etwas unwohl fühlen, das wir getan haben, vor etwas “Schiss” oder Bauchweh haben. Dieses Unwohlfühlen versucht man in der Therapie zu benennen um es dann verarbeiten zu können, oder, anders ausgedrückt, damit unsere Aktualisierungstendenz es mit unserem Selbstkonzept abstimmen kann.

Das organismische Bewerten

Das organismische Bewerten ist identisch mit dem Erleben. Fühlen wir uns bei einer Tat unwohl, so ist dies die „negative Bewertung“; Fühlen wir uns bei einer Handlung wohl (oder spüren wir nichts), so ist dieses Wohlfühlen/Nichts-Fühlen die positive Bewertung.

Der Therapeut macht keinerlei Vorschläge!

Der Therapeut gibt nur wieder, was er versteht, was der Klient äußert. Das ist sehr anstrengend, viel mehr als Ratschläge zu geben. Er ermutigt zu nichts und rät auch von nichts ab – es sei denn, sein Gewissen rät ihm dazu (Kongruenz). Es kann sein, dass er Vorschläge macht, doch sollten dies wirklich nur Möglichkeiten sein und keine Ratschläge. Nicht der Therapeut weiß alles besser, sondern der Klient!

Bei einer Systemischen Therapie würde das bedeuten: Er gibt nur das in das System zurück, was er daraus empfängt. Er akzeptiert die Selbstorganisation völlig und unterstützt sie sogar, indem er nichts Neues bringt, keine neuen Infos in das System trägt, sondern dieses auf sich selbst zurückwirft und auf die Selbstorganisation (= Selbstaktualisierung) vertraut, bzw. darauf vertraut, dass das System nach Stabilität strebt. Soziale Systeme haben keine Selbstverwirklichung, aber eine Selbstaktualisierung.

Zusammenhänge

Das Selbst und das Erleben

Zusammenhang Organismisches Erleben und Selbstkonzept

Akzeptanz, Empathie, Kongruenz & Aktualisierungstendenz

Erlebt ein Mensch Akzeptanz, Empathie und Kongruenz,
kann die Aktualisierungstendenz ohne Probleme
ablaufen, neue Erlebnisse, Erfahrungen werden
aufgenommen, verarbeitet und integriert.

Zusammenhang Empathie-Kongruenz-Akzeptanz

Fußnoten

1 Rogers, Carl R. (1983): Therapeut und Klient. Frankfurt/Main (Fischer)., S. 154 – 155

2 Rogers 1980, S. 32/33

3Rogers, Carl R. (1987): Eine Theorie der Psychotherapie, der Persönlichkeit und der zwischenmenschlichen Beziehungen. Köln (GwG), S. 32

4Ebd.

5Rogers, Carl R. (1983): Therapeut und Klient. Frankfurt/Main (Fischer). S. 30 – 32

6 Rogers 1983, S. 155 – 156

Literaturangaben

Buchquellen

Rogers, Carl R. (1980): Der neue Mensch. Stuttgart (Klett-Cotta)

Rogers, Carl R. (1983): Therapeut und Klient. Frankfurt/Main (Fischer)

Rogers, Carl R. (1987): Eine Theorie der Psychotherapie, der Persönlichkeit und der zwischenmenschlichen Beziehungen. Köln (GwG)

Abbildungen

Alle Abbildungen: © Christina Schieferdecker

Identität 1: Identitätsentwicklung nach Marcia

Zusammengestellt und überarbeitet von Christina Schieferdecker

Wer ist Marcia?

Bild-Quelle: Unbekannt

James E. Marcia war Professor an der Simon Fraser University in British Columbia, Kanada.

Inzwischen (2019) ist er 82 Jahre alt und es gibt keine Infos über sein Leben, nachdem er die Simon Fraser University (SFU) verließ.

Auf der Seite der SFU findet sich ein Artikel von 20021, in dem es heißt, dass James Marcia sich vom Unterrichten zurückziehe, nachdem er über 30 Jahre lang dort Professor war. Seine Tätigkeit wird dort wie folgt beschrieben:

Marcia gründete 1986 das erste Zentrum für klinische Psychologie der SFU und verwandelte ein schmutziges altes Rattenlabor in Beratungsräume, Beobachtungsräume und ein kleines Büro. Diese Klinik bot den Gemeinden rund um den Burnaby Mountain viele Jahre lang Beratungsdienste an und diente gleichzeitig als Forschungs- und Trainingsstätte für Doktoranden.“

Im August 2002, mit 65 Jahren, verließ James Marcia die Universität um sich anderen Dingen zu widmen:

Zu diesen “anderen Dingen” gehören sein ständig wachsender Garten auf der Saturna-Insel und seine Leidenschaft für Musik. Als versierter Posaunist, ein Instrument, das er seit der Grundschule spielt, wird er sich mehr Zeit für das Spiel mit dem Vancouver Philharmonic, dem West Coast Symphony, dem New Westminster Symphony und der Freelancertätigkeit nehmen.

Ich wollte ursprünglich Musiker werden‘, sagt er, ‚aber da ich mehr Gehirn als Talent hatte, war die Psychologie eine klügere Berufswahl. Jetzt habe ich die Chance zu sehen, wie weit ich wirklich hätte gehen können.‘“

Identität (Definition)

Identität bezeichnet die einzigartige Kombination von persönlichen, unverwechselbaren Daten eines Individuums wie Name, Alter, Geschlecht und Beruf, durch welche das Individuum gekennzeichnet ist und von anderen Personen unterschieden werden kann.

Im engeren psychologischen Sinn, ist Identität die einzigartige Persönlichkeitsstruktur, verbunden mit dem Bild, das andere von dieser Persönlichkeitsstruktur haben und das Verständnis für die eigene Identität, die Selbsterkenntnis und der Sinn für das, was man ist bzw. sein will.

Identitätsbildung beschreibt also, dass sich ein Mensch seines Charakters bzw. seiner Position in der Welt bewusst wird (Schüler einer bestimmten Schule, Mitglied einer religiösen oder sozialen Gruppe, Bürger eines bestimmten Landes).2

Marcia versteht „unter Identität eine innere, selbstkonstruierte, dynamische Organisation von Trieben, Fähigkeiten, Überzeugungen und individueller Geschichte“3

Identitätsfindung und Jugend

Marcias Theorie gilt vor allem für Jugendliche und junge Studenten. Warum dem so ist, wird nicht erklärt.

Jedoch liefert Abraham Maslow in seinem Buch “Motivation und Persönlichkeit” eine Erklärung. Bei ihm hängt die Identitätsfindung zusammen mit der Entwicklung zu einer selbstverwirklichenden Person. Diese ist ein Mensch, der seine Identität gefunden hat, oder nach Marcia: Ein Mensch, mit einer erarbeiteten Identität.

Gerade aber dieses “Erarbeiten” benötigt Zeit. Bis man quasi angekommen ist und eine stabile eigene Identität entwickelt hat, muss viel geschehen.

Abraham Maslow schreibt im Vorwort zu “Motivation und Persönlichkeit”:1

“In Kapitel 11 über die Selbstverwirklichung habe ich eine Quelle der Verwirrung beseitigt, indem ich den Begriff sehr endgültig auf ältere Menschen beschränkt habe. Gemessen mit den Kriterien, die ich verwendet habe, kommt Selbstverwirklichung bei jüngeren Menschen nicht vor. Zumindest in unserer Kultur haben junge Leute

  • noch keine Identität oder Autonomie erreicht,
  • noch haben sie genügend Zeit gehabt, eine dauernde, loyale, nachromantische Beziehung zu erfahren,
  • noch haben sie im allgemeinen ihre Berufung gefunden, den Altar, auf dem sie sich opfern.
  • Sie haben ihr eigenes Wertsystem noch nicht erarbeitet;
  • noch haben sie genügend Erfahrung gehabt (Verantwortung für andere, Tragödie, Versagen, Leistung, Erfolg), um perfektionistische Illusionen abzulegen und realistisch zu werden;
  • noch haben sie im allgemeinen ihren Frieden mit dem Tod geschlossen;
  • sie haben auch nicht gelernt, wie man Geduld aufbringen kann;
  • noch haben sie genug über das Böse in sich und in anderen gelernt, um Mitleid zu haben;
  • noch haben sie Zeit gehabt, postambivalent hinsichtlich der Eltern und der Älteren, der Macht und Autorität zu werden;
  • noch sind sie im allgemeinen kenntnisreich und gebildet genug geworden, als dass sich ihnen die Möglichkeit, weise zu werden, öffnet;
  • noch haben sie im allgemeinen genügend Courage erworben, um unpopulär zu sein, sich nicht dafür zu schämen, geradeheraus tugendhaft zu sein und so weiter.
    Jedenfalls ist es eine bessere psychologische Strategie, den Begriff des reifen, voll menschlichen, selbstverwirklichenden Menschen, in dem die menschlichen Potentialitäten realisiert und aktualisiert wurden, von dem Begriff der Gesundheit auf jeder Altersstufe zu trennen. Dies kann man, wie ich gefunden habe, in “gutes Wachstum zur Selbstverwirklichung” übersetzen, ein ziemlich sinnvoller und erforschbarer Begriff. Ich habe den Eindruck, dass gesunde junge Männer und Frauen dazu neigen,
  • sich noch immer im Wachsen zu befinden,
  • liebenswert zu sein,
  • frei von Bosheit,
  • insgeheim freundlich und altruistisch (doch nur sehr verschämt),
  • im privaten voller Zuneigung zu jenen unter den Älteren, die es verdienen.

Junge Leute sind ihrer selbst nicht sicher, noch nicht ausgeformt, verlegen wegen ihrer unterlegenen Postition ihresgleichen gegenüber (ihre privaten Meinungen sind “gerader”, metamotivierter, das heißt, tugendhafter als im Durchschnitt). Sie sind insgesamt besorgt über die Grausamkeit, Gemeinheit und den Mobgeist, den man so häufig bei jungen Leuten findet, und so weiter.

Natürlich weiß ich nicht, ob sich dieses Syndrom unvermeidlich in jene Selbstverwirklichung auswächst, die ich für ältere Menschen beschrieben habe. Nur Untersuchungen, die sich über entsprechend lange Zeitspannen erstrecken, können dies klarstellen.”

Identitätsbildung nach Marcia4

Entwicklung benötigt Krisen

Nach Neuenschwander kommt die Identitätsformung durch kritische Lebensereignisse in Gang. Als nächster Schritt folgt der Anstieg des Selbstwertes, da neue Werte motivieren. Schließlich fuhrt die wachsende Kontrollüberzeugung zur integrierten Identität und zur Überzeugung, dass die eigenen Ziele verwirklicht werden können. Es gibt jedoch keine allgemein­gültige Abfolge der Identitätsphasen.

Rollendiffusion

Der Begriff „Rollendiffusion” wurde vor allem durch Erikson geprägt, allerdings wird auch häufig der Begriff Identitätsdiffusion verwendet.

Im Prozess der Selbstfindung beziehungsweise der Identitätsfindung stellen sich Jugendliche die Frage, wer sie sind, wer sie sein möchten, wie sie von Mitmenschen gesehen werden.

Die Gesellschaft hat Erwartungen, dadurch wird der Jugendliche oftmals automatisch in eine Rolle gedrängt, in der er sich nach außen hin anpasst und das wahre Selbst verbirgt. Dabei kann es zu Konflikten kommen, wenn es dem Jugendlichen nicht gelingt, die eigene Rolle in der Gesellschaft zu finden.

Zudem kommen in der Pubertät viele Veränderungen (Körper, Sexualität, Beruf) auf den/die Jugendliche/n zu.

Scheitert der/die Jugendliche an der Aufgabe, diese Elemente erfolgreich miteinander zu vereinbaren und ist der/die Jugendliche im Bezug auf seine/ihre Identität bzw. Rolle unsicher, droht eine Identitätsdiffusion, der/die Jugendliche fühlt sich unvollkommen, ist unentschlossen und verwirrt.

Untersuchungsbeispiele zur Identität als Struktur ergaben, dass in den jüngeren Jahren die diffuse Identität überwiegt und der prozentuale Anteil der erarbeiteten Identität mit den Jahren ansteigt. Jedoch muss man dabei beachten, dass Jugendliche häufig nicht über identitätsbezogene Aktivitäten nachdenken.

Erst dann, wenn der/die Jugendliche seine/ihre Rollenidentität gefunden hat und eine Art Selbstdefinition mit Entwicklung einer Persönlichkeit stattgefunden hat, wird von einer Lösung der Krise gesprochen.

Identitätsbildung und Identitätskonstruktion5

Von der Identitätsbildung abzugrenzen ist nach Marcia die Identitätskonstruktion, die auf Grund individueller Entscheidungen zu Stande kommt, indem jemand sich damit auseinandersetzt, wer er sein will, welcher Gruppe er sich anschließen möchte, welchen Glauben er annehmen und welchen Beruf er ergreifen möchte.

Die meisten Menschen haben zunächst nur eine Identität, die sich aufgrund von Äußerlichkeiten zusammensetzt (=Identitätsbildung).

Die Erfahrung, eine Identität zu haben, ist, dass jemand einen Mittelpunkt, ein Zentrum in sich selbst hat, auf das Erfahrungen und Handlungen bezogen werden.

Individuen, die ihre Identität selbst konstruiert haben, haben einen Sinn dafür, dass sie an diesem Prozess teilgenommen haben. Sie wissen nicht nur, wer sie sind, sondern sie wissen auch, wie sie es geworden sind. Dabei haben sie nützliche Fähigkeiten entwickelt. Diejenigen, die einen übernommenen Mittelpunkt haben, erleben ihre Zukunft dagegen eher als Erfüllung von vorhandenen Erwartungen.

Die vier Formen des Identitätsstatus6

Marcia entwickelte ein Verfahren zur Erfassung des aktuellen Identitätsstatus, indem er Fragen an Probanden bezüglich des Ausmaßes an Verpflichtung (Beruf, Politik, Religion, etc.) stellte.

Laut seinen Erkenntnissen lässt sich der tatsächlich vorliegende Identitätsstatus einer Person durch Kombination der beiden Dimensionen…

  • Commitment (Selbstverpflichtung bzw. Anerkennung best. Werte, eingehen von Bindungen)
  • und Exploration (Suche nach Möglichkeiten und Alternativen)

bestimmen.

Aus den Ergebnissen entwickelte er die vier Formen des Identitätsstatus:

  1. Diffuse Identität:
    Menschen, die keine Bindungen eingegangen sind,
  2. die kritische Identität bzw. das sog. Moratorium:
    Menschen, die sich in der Suchphase befinden
  3. Übernommene Identität
    Menschen, die die Kindheitsbindungen beibehalten haben und eigene Entwicklung “ausschließen”,
  4. Erarbeitete Identität
    Menschen, die bereits Bindungen eingegangen sind.

Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zwischen den Gruppen ist der Grad der aktiven Identitätssuche und -findung. Die Struktur der Identität steht in Beziehung dazu, wie Erfahrungen behandelt werden und wie wichtig sie sind

Dabei werden die übernommene und die diffuse Identität von den meisten Forschern als eher ungünstiger bzw. niedriger, die kritische und die erarbeitete Identität eher als günstiger bzw. reifer Identitätszustand beschrieben.

Drei Dimensionen der Auseinandersetzung7

Nach Marcia gibt es drei Dimensionen der Auseinandersetzung, welche die Lebensbereiche, mit denen die Jugendlichen sich aus­einandersetzen müssen, kennzeichnen.

  1. Krise (Ausmaß an Unsicherheit)
  2. Verpflichtung (Umfang des Engagements, der Bindung in einem Lebensbereich)
  3. Exploration (Ausmaß an Erkundung zur Orientierung und Entscheidungsfindung)

Die vier Formen der Identität treten erst in der späten Adoleszenz auf. Studien ergaben unterschiedliche Verläufe der Identitäts­findung.

Nach Waterman gibt es drei Arten von Verläufen bezüglich der Identitätsfindung:

  • Bei progressiven Verläufen wird die erarbeitete Identität über das Moratorium erreicht.
  • Regressive Verläufe enden in der diffusen Identität und
  • stagnierende Verläufe verweilen entweder bei übernommener Identität oder diffuser Identität.
Quelle Tabelle: Stangl8, überarbeitet C.S.
Quelle Tabelle: Stangl8

Die Diffuse Identität

Pädagogische Folgerungen

  • Helfen, Bindungen aufzubauen, die Stabilität ermöglichen
  • Man sollte ihnen Verpflichtungen übergeben und ihnen helfen diese einzuhalten.
  • Klare Ratschläge
  • Jegliche Form zynischen, sarkastischen Verhaltens meiden

Moratorium

Pädagogische Folgerungen

  • Verantwortung und Zeit geben eine Rolle auszuleben
  • Vertrauen schenken
  • Helfen, Entscheidungen zu treffen (alle Möglichkeiten durchspielen)
  • Zeit für sie haben und mit ihnen reden

Übernommene Identität = Identitätsabschottung

Pädagogische Folgerungen:

  • durch kritische Argumentation verunsichern (Gegenargumente)
  • heile Welt in Frage stellen
  • helfen, sich vom Elternhaus abzulösen
  • Präsupposition*) (Zu-Mutung)

Erarbeitete Identität

Pädagogische Folgerungen:

  • Verantwortung geben nach Maßgabe ihrer Kompetenzen
  • Raum geben, Möglichkeit andere Rollen zu erproben
  • Auf Entscheidungen stützen zum Aufbau der Identität

Allgemeine Folgerungen für pädagogisches Vorgehen

Kritik9

Die Idee, die einzelnen Stati als Stadien einer festen Entwicklungsabfolge zu begreifen (Entwicklungsphasen, -stufen), erwies sich jedoch als unangemessen, da die Beziehungen der einzelnen Stati untereinander noch immer weitgehend unklar sind.

Fast alle Untersuchungen basieren auf Stichproben aus College-Studenten, da sie eine leicht zu erreichende Gruppe darstellen und Interviews über komplexere Inhalte leichter mit Personen eines höheren Bildungsniveaus durchgeführt werden können.

Quellen- und Literaturangaben

Bilder

Tafel- und Metaplanbilder: Klasse 12, iB-Waiblingen

Rest: pixabay,

alle überarbeitet von Christina Schieferdecker

Textquellen:

Darmstädter, Tim, und Günter Mey. „Identität im Selbstwiderspruch oder ‚DieSchizophrenie des Lebens‘: theoretische undempirische Einwände gegen ‚postmoderne‘Konzeptualisierungsversuche von Identität“. Zugegriffen 16. März 2019. https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/449/ssoar-psychges-1998-4-darmstadter_et_al-identitat_im_selbstwiderspruch_oder_die.pdf?sequence=1.

Institut für Psychologie, Hrsg. „Mein Selbst und ich – darf ich vorstellen?“: Identitätsentwicklung im Jugendalter. Wissenschaft im Studium, Bd. 2. Hildesheim: Universitätsbibliothek Hildesheim, 2011.

„SFU News Online – Marcia returns to first love – May 16, 2002“. Zugegriffen 24. März 2019. http://www.sfu.ca/archive-sfunews/sfu_news/sfunews05160203.shtml.

https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/Identitaet.shtmlStangl, Werner. „Identitätsfindung im Jugendalter“. [werner.stangl]s arbeitsblätter, 2019. https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/Identitaet.shtml (2019-03-24).

Fußnoten

1Abraham H. Maslow, Motivation und Persönlichkeit (Reinbek: Rowohlt, 2008), 19.

1„SFU News Online – Marcia returns to first love – May 16, 2002“, zugegriffen 24. März 2019, http://www.sfu.ca/archive-sfunews/sfu_news/sfunews05160203.shtml.

2Werner Stangl, „Identitätsfindung im Jugendalter“, [werner.stangl]s arbeitsblätter, 2019, https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/Identitaet.shtml (2019-03-24).

3Tim Darmstädter und Günter Mey, „Identität im Selbstwiderspruch oder ‚DieSchizophrenie des Lebens‘: theoretische undempirische Einwände gegen ‚postmoderne‘Konzeptualisierungsversuche von Identität“, zugegriffen 16. März 2019, https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/449/ssoar-psychges-1998-4-darmstadter_et_al-identitat_im_selbstwiderspruch_oder_die.pdf?sequence=1.

4Text aus: Stangl, „Identitätsfindung im Jugendalter“. Gekürzt von C.S.

5Dieses Kapitel ist aus: Stangl. Gekürzt von C.S.

6Institut für Psychologie, Hrsg., „Mein Selbst und ich – darf ich vorstellen?“: Identitätsentwicklung im Jugendalter, Wissenschaft im Studium, Bd. 2 (Hildesheim: Universitätsbibliothek Hildesheim, 2011).

7Text entstammt: Stangl, „Identitätsfindung im Jugendalter“.

8Stangl.

9Stangl.