Asch, Milgram und Co.: Warum wir so gehorsam sind

Warum machen so viele Menschen im vorauseilenden Gehorsam mit? Bestimmt wirklich die Mehrheit unser Denken?

Ein kluger Mensch wird die Frage der Gerechtigkeit nicht dem Zufall überlassen, er wird auch nicht wollen, dass sie durch die Macht der Mehrheit wirksam werde. Denn in den Handlungen von Menschenmassen ist die Tugend selten zu Hause.

Henry David Thoreau

Einleitung

Das Corona-Virus hat unser Gehirn fest im Griff. Wir glauben so ziemlich alles und machen alles mit: Wirtschaftlicher Ruin, Einschränkung der Menschenrechte, Ratifizierung von Lebensmitteln usw. Deutschland übt den Kriegszustand und alle findens richtig – oder?

Warum eigentlich? Warum machen wir das mit?

Warum glauben wir, das neue Corona-Virus wäre gefährlicher als die Grippe? An der Grippe sterben jedes Jahr über 10.000 Menschen in Deutschland, am Corona-Virus bislang etwa 200. Doch vor der Grippe haben wir weniger Angst. Ist das logisch? Verhaltet ihr euch bei einer Grippe wirklich anders, als bei einem Corona-Virus? Oder bleibt ihr da nicht auch zu Hause?

Bild: https://arbeits-abc.de/konformitaet/
Bild: https://arbeits-abc.de/konformitaet/

Das Experiment von Asch

Das Experiment von Asch lässt sich kurz zusammenfassen: Wenn alle sagen, etwas ist richtig, muss es richtig sein, auch wenn mein Verstand etwas anderes sagt. Und deshalb stimme ich zu und widerspreche nicht.

In einem Raum sitzen mehrere eingeweihte Personen (grau), und eine Versuchsperson (rot). Der Versuchsleiter fragt nun: “Welcher der rechten Striche ist genauso lang, wie der linke?”

Zunächst antworten alle richtig (etwa 5 Durchläufe). Dann, z.B. im 6. Durchlauf haben die grauen Personen die Aufgabe den falschen Strich zu benennen, und zwar alle den gleichen. Nehmen wir einmal an, alle grauen Menschen sagen “C”. Was macht dann die rote Person? Vertraut sie ihrem eigenen Urteil, oder schließt sie sich der Mehrheit an?

Bei Asch gab es 18 Durchläufe (6 richtige und 12 falsche Antworten der grauen Personen). Nur 25% passten sich nie an und gaben immer die richtigen Antworten. 5% aller Versuchspersonen passten sich völlig an die Gruppenmeinung an und stimmten bei allen falschen zu, die restlichen 70% trauten sich mindestens 1x ihre eigene Meinung zu sagen, ließen sich aber überwiegend von der Gruppe beinflussen und stimmten ihnen häufiger zu, als zu widersprechen.

Erschreckenderweise stimmen die meisten Versuchspersonen (rot), und zwar etwa 75%, der grauen Mehrheit häufig zu. Sie haben entweder Angst der Mehrheit zu widersprechen oder/und trauen ihrer eigenen Wahrnehmung nicht mehr.

Dabei handelt es sich bei dieser “Mehrheit” um fremde Personen, deren Meinung über mich mir eigentlich egal sein kann, denn ich sehe sie nach dem Experiment nie wieder. Wären dies jedoch alle Freunde, Bekannte und Familie und sie würden alle etwas anderes behaupten, als ich wahrnehme, könnte ich dann auch noch so leicht mich gegen meine Freunde stellen?

Hier ein Ausschnitt aus dem Original-Experiment:

Asch Conformity Experiment

Das Milgram-Experiment3

Viele dieser Experimente, wie auch obiges, geschahen unter dem Eindruck der Hitler-Diktatur. Die Frage war: Warum machten die alle einfach so mit? Dies war auch die Motivation hinter dem Experiment von Stanley Milgram.

Über eine Zeitung wurden Freiwillige gesucht. Ihnen wurde für das Erscheinen vier Dollar plus 50 Cent Fahrtkosten versprochen.

Außer den Testpersonen waren alle Teilnehmer, der Versuchsleiter und das “Opfer”, in das Experiment eingeweiht und mussten gute schauspielerische Leistungen vollbringen. Den Teilnehmern wurde gesagt, das Experiment würde den Zusammenhang zwischen Bestrafung und Lernleistung untersuchen.

Fred the Oyster / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)

Das einzelne Experiment bestand immer aus der Testperson (L) und einer angeblichen zweiten Testperson, dem Opfer (S), bei der es sich jedoch um einen Schauspieler handelte, und dem Versuchsleiter. Damit die Versuchsperson keinen Verdacht schöpfte, wurde so getan, als wäre auch der Schauspieler eine Versuchsperson und über die Anzeige erschienen. Man führte ein fingiertes Lose-Ziehen durch um zu entscheiden, wer “Lehrer” (L) und wer Schüler (S) sein soll. Natürlich fiel immer das Los für Lehrer auf die Versuchsperson.

Der “Schüler”, also unser Schauspieler, war ein freundlicher, eher unauffälliger junger Mann, den man normalerweise schnell mochte. Der Versuchsleiter verhielt sich sachlich, bestimmt, freundlich und war in einem biederen Grau gekleidet.

Der Versuchsperson, dem “Lehrer” Probanden wurde ein elektrischer Schlag mit 45 Volt verabreicht, um ihm die Folgen von solchen Schlägen selbst spüren zu lassen,. um zu wissen, was er tat. Der “Schüler” sollte Wortpaare lernen, nach denen er vom “Lehrer” (L) gefragt wurde. Immer, wenn dem “Schüler” ein Fehler unterlief, sollte ihm der “Lehrer” einen Elektroschock geben. Mit jedem weiteren Fehler sollte dieser Schock um 15 Volt erhöht werden. Natürlich war all dies nur fingiert. Der Schauspieler musste je nach Stromstärke nach einem bestimmten Muster reagieren. Während des Experimentes war dieser Schauspieler auf einem Stuhl (ähnlich einem elektrischen Stuhl) fixiert. Die Schmerzensschrei kamen dabei vom Band, damit sie bei allen gleich klangen.

Bei 150 Volt verlangte der Schüler stets das Öffnen der Fixierungen, da die Schmerzen nun zu groß seien. Der Versuchsleiter dagegen forderte die Fortführung des Experimentes im Sinne des wissenschaftlichen Erfolges, der nicht gefährdet werden dürfte. Gab es Widerspruch seitens der Testperson oder sie zweifelte den Sinn der Fortführung an, so antwortete er stets nach einem bestimmten Muster mit vier bestimmten Sätzen:

  1. “Bitte, fahren Sie fort!”
  2. “Das Experiment erfordert, dass Sie weitermachen!”
  3. “Sie müssen unbedingt weitermachen!”
  4. “Sie haben keine Wahl, Sie müssen weitermachen!”

Zudem gab es noch weitere Sätze, die in bestimmten Situationen verwendet wurden. Wenn der Proband z. B. nach möglichen dauerhaften Schäden beim Schüler fragte, kam folgende Aussage vom Versuchsleiter:
“Auch wenn die Elektroschocks schmerzhaft sind, das Gewebe wird keine dauerhaften Schäden davontragen, also machen Sie bitte weiter!”

Wenn der “Lehrer” darauf hinwies, dass der “Schüler” abbrechen möchte kam folgende Äußerung:
“Ob es dem Schüler gefällt oder nicht, Sie müssen weitermachen, bis er alle Wörterpaare korrekt gelernt hat. Also machen Sie bitte weiter!”

Der Versuchsleiter garantierte dem Probanden auf Nachfrage hinsichtlich der Verantwortung stets, dass er die Verantwortung für alles, was passiere, übernehme.

Auf die verschieden starken Stromschläge reagierte der “Schüler” dann mit auf Band aufgenommenen Schmerzensäußerungen. Bei 75 Volt erfolgte ein Grunzen. Bei 125 Volt kamen Schmerzensschreie. Bei 150 Volt äußerte er, nicht mehr an dem Experiment teilnehmen zu wollen. Ab 200 Volt erfolgten dann extrem heftige Schreie, welche sprichwörtlich das Blut in den Adern gefrieren lassen sollten. Ab 300 Volt weigerte sich der “Schüler, zu antworten, ab 330 Volt herrschte totale Stille.

Von insgesamt 40 Versuchspersonen, die den Lehrer spielten, brach keine einzige das Experiment bis 275 V 300 Volt war, ab. Obwohl die Schreie schon so schrecklich waren, dass es jedem “das Blut in den Adern gefrieren lies” und der Schüler schon bei 150 Volt, also der Hälfte, bat losgebunden zu werden, weil die Schmerzen zu heftig wären.

100% der Versuchspersonen waren bereit einem Menschen die allerschlimmsten Schmerzen zuzufügen, wenn ihnen gesagt wurde, sie müssten es tun, weil es für das Experiment wichtig wäre und zudem sie, die “Wissenschaftler”, die Verantwortung übernehmen würden. Obwohl sie wussten, wie schmerzhaft bereits 45 Volt waren.

Über die Hälfte der Personen weigerte sich zu keinem Zeitpunkt, weiter zu machen, egal, wie schlimm die Folgen für das Opfer waren. Was die “Wissenschaftler” wollten wog schwerer, als die Qualen des Opfers.

Hier ein Ausschnitt aus dem Film “I wie Ikarus”, in welchem das Milgram Experiment wunderbar nachgestellt wurde:

Das Milgram Experiment

Die Schlussfolgerung ist einfach:

Wenn uns ein Mensch, der dazu noch wie eine wissenschaftliche Autorität wirkt, sagt, wir sollen etwas tun, dann tun wirs. Erst recht, wenn diese Person zusätzlich bereit ist, die Verantwortung zu übernehmen.

Wenn also z.B. ein Arzt mit einem weißen Kittel, z.B. aus Berlin, um einmal eine große Stadt zu nennen, sagt, wir müssten uns an bestimmte Vorgaben halten und er und die Politik würden die Verantwortung übernehmen, dann tun wir das. Wir wissen zwar, es würden viele Menschen dadurch völlig ruiniert werden und verarmen, aber so lange sie keine Todesschreie ausstoßen und die Politiker und Ärzte die Verantwortung übernehmen, bzw. mein Handeln zu einem guten Zweck ist, wie sie sagen, dann machen wir natürlich mit. Wer sind wir, dass wir da widersprechen. Der Mensch im weißen Kittel weiß immer was er tut. Oder? Und unsere Politiker ja sowieso.

Die Wichtigkeit des Widerspruchs

12 Angry Men -Best Movie Scenes
Ausschnitte aus dem Film: Die 12 Geschworenen

Es mag manche Menschen erstaunen, aber wir leben in einer Demokratie. Eine Demokratie ist nur so lange eine, so lange es verschiedene Ansichten gibt und diese miteinander streiten. Gibt es diese nicht mehr, hört auch die Demokratie auf zu existieren.

Das hat sie heute.

Die Mehrzahl der Menschen dient also dem Staat mit ihren Körpern nicht als Menschen, sondern als Maschinen. Sie bilden das stehende Heer und die Miliz, die Gefängniswärter, die Konstabler, Gendarmen etc. In den meisten Fällen bleibt kein Raum mehr für Urteil oder moralisches Gefühl.

Henry David Thoreau

Es wurde ein Ermächtigungsgesetz erlassen, unter dem Vorwand eine Pandemie bekämpfen zu müssen. Dieses Gesetz setzt Menschenrechte in Deutschland weitestgehend außer Kraft. Genaugenommen heißt es “Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite”. Seltsamerweise taucht es in den Nachrichten kaum auf. Alle echte Demokraten bekommen da Schnappatmung. Doch leider haben wir keine mehr.

Warum brauchen wir das? Dieses Ermächtigungsgesetz? Wegen 200 Toten?

Allein durch das Autofahren starben im selben Zeitraum mehr Leute. Verbieten wir uns nun das Autofahren?

Aber nein: Die wichtigen Menschen in den weißen Kitteln sagen das. Alle die wir kennen stimmen zu, also muss es doch richtig sein, was sie tun.

Nein, muss es nicht!

Inzwischen merken es auch Der Freitag und Die Zeit – zumindest ein klein wenig – was da auf uns zukommt:

“Hinsichtlich der Gefahren, die sich im Hinblick auf die Möglichkeiten einer zentralistisch veranlassten Einschränkung unserer Grundrechte, die nun auch durch ein Viertel der Bundestagsabgeordneten bestimmt werden kann, ergeben können, möchte ich mich abschließend Gero von Randow anschließen, der die geplante Änderung des Infektionsschutzgesetzes bereits am 21.3.2020 in der Zeit online wie folgt bewertet1 hat:
“So wenig in Zeiten schwerer Krisen das Widerwort geschätzt wird und sich alles um die Staatsspitze versammelt, so essenziell wird die kritische Beobachtung der Macht. Sagen wir es so: Kritik ist systemrelevant.”
Wehret den Anfängen!2

Was soll man dazu noch sagen.

Doch die Anfänge sind: Dem ganzen Corona-Scheiß zuzustimmen.

Nochmals – für Dummies:

  • Aktuell etwa 22.000 Tode durch Corona
  • Aktuell etwa 500.000 Tode durch Grippe

Was ist also gefährlicher?

Es wird geschätzt. dass es bis zu 1,2 Millionen Grippe-Tode geben könnte dieses Jahr…

Tode sind schlimm, niemand will das. Also bleibt zu Hause, fahrt kein Auto, steigt in kein Flugzeug und geht in kein Krankenhaus. Am besten ihr bleibt im Haus und stellt euch tot.

Oder übernehmt endlich Verantwortung: Für euch und eure Mitmenschen. Leistet Widerspruch!

Eine Minderheit ist machtlos, wenn sie sich der Mehrheit anpasst; sie ist dann noch nicht einmal eine Minderheit; unwiderstehlich aber ist sie, wenn sie ihr ganzes Gewicht einsetzt.

Henry David Thoreau

Und denkt einmal an den Film “Die 12 Geschworenen”. Hier der komplette Film auf YouTube und auf Deutsch:

Und noch einer auf Englisch zum Mut machen:

ERIN BROCKOVICH full movie

Fußnoten

1Salzmann, „Corona – Grundrechtsfragen und Infektionsschutzgesetz“, News, DerFreitag, 25. März 2020, https://www.freitag.de/autoren/salz/grundrechtsfragen-und-infektionsschutzgesetz.

2Gero von Randow, „Demokratie: Corona und der Staat“, Die Zeit, 21. März 2020, Abschn. Kultur, https://www.zeit.de/kultur/2020-03/staat-ausnahmezustand-notstandsgesetze-coronavirus-deutschland-infektionsschutzgesetz-recht/komplettansicht.

3Die Darstellungen in diesem Text sind entnommen aus: „Das Milgram-Experiment Ablauf“, Das Milgram-Experiment, zugegriffen 26. März 2020, http://www.milgram-experiment.com/ablauf.shtml; „Das Milgram-Experiment Ergebnisse“, Das Milgram-Experiment, zugegriffen 26. März 2020, http://www.milgram-experiment.com/ergebnisse.shtml. und wurden von mir gekürzt, erweitert und überarbeitet.

Die Menschen sind gemeinhin verdorben durch ihr Wohlwollen und ihre Höflichkeit. Sie sind so konziliant und entschlossen, mit dir übereinzustimmen, dass sich ein Gespräch mit ihnen nicht lohnt. In einer kurzen Unterhaltung legen sie eine solche Langmut und Freundlichkeit an den Tag. Ich möchte jemandem begegnen, der provoziert und befremdet, so dass wir Gast und Wirt sein können und einander erfrischen. Es kann geschehen, dass ein Mensch völlig in seinen Umgangsformen verschwindet, sich in ihnen auflöst. Den tausendundein Gentlemen, die ich treffe, begegne ich mit Verzweiflung und nur, um mich wieder von ihnen zu trennen, denn sie wecken in mir keinerlei Hoffnung auf eine Ungehörigkeit. Ein ärgerlicher, grober, exzentrischer Mensch, ein Schweigsamer, ein Mensch, der sich nicht gut drillen lässt – der gibt zur Hoffnung Anlass. Eure feinen Herren sind alle gleich

Henry David Thoreau

Warum Arschlöcher erfolgreich sind – neue Studie

Toxische Persönlichkeiten

Arschlöcher nennt man wissenschaftlich “toxische Persönlichkeiten”, also giftige Menschen.

Der Umgang mit ihnen schadet uns, dennoch bekommen sie nicht selten die guten Jobs. Warum eigentlich? Was können sie, das wir nicht können? Die Universität Bonn hat eine neue Studie dazu veröffentlicht.

Erst mal, damit ich nicht so viel schreiben muss, Ausschnitte aus der Pressemitteilung der Universität Bonn1 vom 16.03.2020 zu ihrer Untersuchung:

“Als toxische Persönlichkeiten bezeichnet man Personen, die sich habgierig, unbescheiden und unfair verhalten und es mit der Wahrheit sehr locker nehmen.”

Die Bezeichnung trifft auf viele Menschen zu, wie z.B. Donald Trump, J.R. Ewing usw. Gerade wenn man letzteren kennt, wundert einen das Ergebnis der Studie nicht so sehr. Warum sind Arschlöcher also erfolgreich, warum werden sie befördert, obwohl sie es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen und eigentlich Gift für uns sind?

Nochmals die Uni-Bonn:

“Soziales Geschick ist an sich eine gute Sache im Berufsleben. Es kann verschlossene Türen öffnen und hilft, den täglichen Stress zu bewältigen. Es kann jedoch auch dazu eingesetzt werden, um andere zu täuschen, Vertrauen auszunutzen oder eine Fassade der Harmlosigkeit aufzubauen, hinter der sich in Wirklichkeit Arglist versteckt. Dr. Mareike Kholin und das Forscherteam fanden herausi, dass toxische Persönlichkeiten, die bei ihren Kollegen als sozial geschickt gelten, von ihren Vorgesetzten als tüchtiger eingeschätzt wurden und eine höhere hierarchische Position einnehmen. ‘Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dass soziales Geschick ein zweischneidiges Schwert sein kann’, sagt Kholin. […] ‘Solche Persönlichkeiten neigen dazu, sich ständig in den Mittelpunkt zu stellen’, sagt Blickle. ‘Gute soziale Fähigkeiten ermöglichen ihnen, andere zu täuschen.’ Wer dagegen ausgeprägt ehrlich und bescheiden ist, beschert seinem Team eine wahre Freude: Solche Persönlichkeiten sind fair im Umgang und lassen an Erfolgen auch Kollegen ihren Anteil.
[…] Bastian Kückelhaus: ‘Tricksen, Tarnen und Täuschen gehören zur dunklen Seite der sozialen Kompetenz.'”

Toxische Persönlichkeiten wissen, dass sie dann aufsteigen, wenn sie andere gut manipulieren können, weil sie über hervorragende zwischenmenschliche Fähigkeiten verfügen, die sie jedoch nicht ehrlich einsetzen. Ihr Streben nach Macht sorgt dafür, dass sie sich mehr um soziale Fähigkeiten (political skills) bemühen, weil sie wissen, dass sie das in der Karrierekleiter nach oben bringt. Menschen hingegen, die Ehrlichkeit und Anstand in den Fördergrund stellen, haben eine andere Wertehierarchie und entwickeln deshalb weniger soziale Fähigkeiten im Umgang mit anderen am Arbeitsplatz. Bei Menschen nur auf soziale Fähigkeiten (political skills) zu achten, kann also täuschen.

Wie schützen wir uns vor giftigen Menschen?

In ihrer Forschung erwähnen Kholin et alii, dass vor allem Erwartungen in Stellenausschreibungen, dass Mitarbeiter mit anderen übereinstimmen, bzw. deren Meinung teilen, unter anderem solch geartete Persönlichkeiten begünstigen, da sie hervorragend vortäuschen können, mit anderen übereinzustimmen, ihnen zuzustimmen. Ehrliche Menschen widersprechen häufiger und es fällt ihnen schwerer zuzustimmen, wenn sie andere Ansichten haben.

Aber gerade widerstreitende Ansichten bringen uns weiter. Ja-Sager ermöglichen keine Veränderungen, keine Auseinandersetzung und damit auch keinen Fortschritt.

Die Forscher der Uni-Bonn schlagen vor:

  • Ehrlichkeit und Bescheidenheit als besonders wichtige Fähigkeiten zu betrachten, die das Fehlen anderer “politischer Fähigkeiten” (z.B. Kompromisse schließen etc.) ausgleichen können und sie sollten nicht mit anderen Fähigkeiten gegengerechnet werden. Sie sollten als besondere Merkmale respektiert und wertgeschätzt werden. Vielleicht sogar anderen erwarteten Fähigkeiten bevorzugt werden.
  • Menschen, die als sozial klug, zwischenmenschlich versiert und als gute Netzwerker gelten, sollten als gute Teamplayer wahrgenommen werden und von ihren Vorgesetzten höhere Bewertungen in der Teamleistung bekommen. Zusammenarbeit sollte höher bewertet werden, als Einzelkämpfertum.
  • In diesem Zusammenhang sollte man darauf achten, ob bei einem Menschen die Leistungsbereitschaft höher ist, wenn dieser alleine arbeitet oder im Team. Dies könnte anzeigen, ob es einem Menschen eher darum geht, dass alle (also die Firma und deren Mitarbeiter) weiterkommen, oder ob es der Person nur darum geht, dass sie selbst Erfolg hat.
  • Untersuchungen haben gezeigt, dass hohe Werte für Ehrlichkeit und Bescheidenheit mit einer höheren Integrität (Rechtschaffenheit) zusammenhängen. Eine Untersuchung von de Vries und van Gelderiii konnte zeigen, dass Ehrlichkeit und Bescheidenheit zu niedrigen bis keinen Pflichtverletzungen (delinquency) am Arbeitsplatz führen, welche auch ein wichtiger Kostenfaktor sind (Es werden Kosten von bis zu 18 Milliarden US-Dollar durch unrechtmäßiges Verhalten am Arbeitsplatz geschätzt).

Man sollte somit Menschen, die einem zu häufig zustimmen, genauer in Augenschein nehmen. Stimmen sie wirklich zu, oder versuchen sie nur gefällig zu sein?

Die Forscher der Uni-Bonn empfehlen, man solle doch stärker die tatsächlichen Leistungen und Ergebnisse beurteilen und weniger den “Eindruck” den man von jemandem hat. Wobei toxische Persönlichkeiten natürlich allgemein erfolgreich sind, weil sie alle täuschen, also auch Kunden, Chefs, Mitarbeiter etc., weshalb der Vorschlag vielleicht nicht ganz so zielführend ist. Denkt an J.R. Ewing!

Es hilft wohl nichts: Wir müssen selbst entscheiden in welcher Welt wir leben wollen und von wem wir regiert werden wollen: Von Arschlöchern oder von anständigen Menschen. Man kann giftige Menschen am Aufstieg hindern, wenn man möchte.

Doch habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen vor sehr selbstbewussten toxischen Typen Angst haben und sie eher gewähren lassen, ganz nach dem Motto: “Lass sie doch, dann haben wir weniger Stress.” Doch wir sollten uns den Stress machen und ihnen Steine in den Weg legen. Ohne sie und ihre Gier, hätten aktuell Krankenhäuser mehr Betten, es würden mehr Pflegekräfte eingestellt werden und die Arbeitsbedingungen wären auch besser. Doch das kostet Geld und gierige Menschen wollen uns das Geld wegnehmen – oder auf neudeutsch: Wirtschaftlich arbeiten. Doch gerade im sozialen Sektor ist das fehl am Platze, wie wir jetzt zu spüren bekommen.

Menschen, die das Gemeinwohl im Auge haben, sollten wir mehr bevorzugen, ich hoffe, wir lernen aus der Corona-Krise.

Falsche Freunde – Das Gift im privaten Bereich

Toxische Persönlichkeiten erklimmen nicht nur Karriereleitern und werden Präsidenten in Russland, USA, Türkei und so weiter, nein, es gibt sie auch als “falsche Freunde”.

Falsche Freunde erkennt man daran, dass …

  • sie uns immer wieder enttäuschen, aber durch Wortgewandtheit uns doch wieder überzeugen können, ihnen zu verzeihen. Meist ist es ihre Ich-Bezogenheit, die immer wieder dazu führt, dass sie z.B. uns versetzen und dann gute Gründe und Entschuldigungen dafür finden, weil sie wissen, wie sie uns überzeugen können und anschließend wieder gut dastehen.
  • sie meist von sich reden. Denn das Soziale, das Miteinader, ist ihnen nicht so wichtig, wie eigene Interessen.
  • Toxische Persönlichkeiten sind schlechte Teamplayer. Doch gibt es auch Menschen, die sich mit anderen zusammen nicht so wohl fühlen (z.B. Menschen mit einen Autismus) und dann eher Probleme haben, sich sozial richtig zu verhalten. Sie sind nicht toxisch, toxische Menschen wissen hervorragend, wie soziales Verhalten funktioniert und erscheinen sozial, auch wenn sie es faktisch nicht sind.
  • sie wenig Anstand zeigen. Manches Verhalten tut man einfach nicht. Toxische Persönlichkeiten wissen das zwar, doch fehlt ihnen ein Unrechtsbewusstsein. Andere mal zu belügen oder ihnen zu schmeicheln ist für sie nicht so schlimm, erfüllt es doch den richtigen Zweck. Doch im zwischenmenschlichen Umgang ist dies eher ein Zeichen dafür, dass man jemandem nicht trauen sollte. Etwas Nettes zu sagen, ist oft wichtig, doch sollte es nicht mit Manipulationen, Zielen und Absichten in Verbindung stehen.
  • wir uns bei ihnen nicht immer wohl fühlen. Etwas in uns, Carl Rogers nannte es “organismisches Erleben”, manche nennen es auch ihr “Bauchgefühl”, sagt uns, wenn etwas nicht stimmt, was wir aber nicht wahrnehmen wollen. Dann sollten wir genau hinschauen und analysieren, warum wir uns bei einem Menschen unwohl fühlen. Neben Freunden sollte man sich zu Hause und aufgehoben fühlen. Man muss ihnen vertrauen können, sonst sind es keine Freunde.

Schlussbetrachtung: Die meisten sind toxische Persönlichkeiten

Ob es 90% sind oder nur 60% weiß ich nicht, es ist auf jeden Fall die Mehrheit und jemanden zu finden, der anders ist, ist schwierig.

Toxische Menschen kann man einfach erkennen, es sind die, die die Unterschiede zwischen uns stärker wahrnehmen, als die Gemeinsamkeiten. “Du bist anders” bedeutet für sie meist: “Etwas stimmt bei dir nicht.” Ich schrieb es schon in meinem Text “Man trägt wieder Stern“: Es sind Menschen, die uns erklären, wie wir sind und die wissen was wir brauchen. Für sie gibt es “die Anderen”. Natürlich versuchen sie so zu tun, als würden sie andere respektieren, nach dem Motto: “Ich akzeptiere dich, du Minderheit!” Sofort machen sie klar: Sie sind so und die anderen sind anders, die sie aber “großzügig” “akzeptieren”.

Ich nannte sie Gutmenschen, weil sie – in Abwandlung eines Mephistopheles-Zitates – stets das Gute tun und doch das Böse schaffen. Sie verstehen es hervorragend “auf unserer Seite” zu sein, uns doch “zu verstehen”, aber in Wirklichkeit dient dieses Verstehen nur dazu, sich über uns zu erheben, zu verachten und selbst besser dazustehen, bzw. sich besser darzustellen.

Deshalb sind es auch die klassischen falschen Freunde, falschen Nachbarn, etc. Sie sind “die Versteher”, die einen einlullen, wissen, wie man sich sozial hervorragend benimmt um andere für sich einzunehmen und dann einem das Messer in den Rücken jagen.

Faust ist solch eine toxische Persönlichkeit. Ihm geht es nur um sein Wohl, seine Interessen. Er möchte Gretchen flach legen, was aus ihr wird, ist ihm nur scheinbar von Interesse, sonst hätte er sie erst gar nicht geschwängert oder ihr kein Mittel gegeben, das ihm der Teufel (Mephistopheles) gab. Deshalb auch mein Bezug auf Faust. Ich mag dieses Drama, es zeigt mehr von unserer falschen Menschlichkeit, es zeigt, wie Unmenschen wirklich sind.

Vielleicht mag ich deshalb auch koreanische Serien. Der Anstand darin wirkt für uns manchmal etwas altmodisch, vor allem wenn sich Mädels wegdrehen weil Jungs ein T-Shirt ausziehen, doch schaut man deutsche Serien, z.B. Dark, dann wird da zuerst gefickt – und dann überlegt, ob man sich mag. Das ist typisch Faust. Zuerst wird das Gretchen geschwängert und dann fallen gelassen. Gleichzeitig beteuert man die Unschuld und dass man es doch nicht so wollte. Doch hätte man es nicht gewollt, hätte man es nicht getan.

Gift ist etwas Gemeines. Es ist schleichend, manchmal geruchslos und plötzlich sind wir vergiftet.

Dabei hätten sie es doch nur “gut gemeint” und wir hätten sie falsch verstanden oder wären “undankbar”. Verlogenes Gesindel.

Fußnoten

1https://www.uni-bonn.de/neues/065-2020. Zugegriffen 18.03.2020

Literaturangaben

iMareike Kholin, Bastian Kückelhaus, und Gerhard Blickle, „Why Dark Personalities Can Get Ahead: Extending the Toxic Career Model“, Personality and Individual Differences 156 (April 2020): 109792,

iiKholin, Kückelhaus, und Blickle.

iiiReinout E. de Vries und Jean-Louis van Gelder, „Explaining Workplace Delinquency: The Role of Honesty–Humility, Ethical Culture, and Employee Surveillance“, Personality and Individual Differences 86 (November 2015): 112–16,

Magersucht (Anorexia Nervosa)

Vorwort

Den vorliegenden Text veröffentlichte ich zum ersten Mal im Mai 2003 auf meiner damaligen Website, die ich schon lange nicht mehr betreibe. Ich fertigte Ihn im Rahmen meiner damaligen Therapieausbildung an, weil ich in meinem privaten Umfeld mit Magersucht zu tun hatte. Bei der Durchsicht meines Rechners fiel er mir wieder in die Hände. Meine Texte schrieb ich meist als Info oder Hilfe für andere und dabei vergaß ich auf wissenschaftliche Korrektheit, wie richtige Zitierweise zu achten.

Da ich im Text kaum Quellenangaben hatte, sondern nur am Schluss des Dokuments, wollte ich überprüfen, ob ich evtl. den einen oder anderen Text vergessen hatte als Zitat zu kennzeichnen und natürlich auch, was ich von welcher Quelle nahm. Leider gibt es die ursprünglichen Internetquellen nicht mehr, doch stieß ich auf andere Quellen mit sehr ähnlichen Formulierungen wie in meinem Text. Da mein Ursprungstext älter ist, haben sie entweder von mir oder von einer gemeinsamen Quelle, die ich nicht mehr finde, abgeschrieben. Das ist sehr irritierend.

Sollte also jemand einen Text von sich im folgenden erkennen, den ich nicht als Zitat kennzeichnete, so bitte ich dies zu entschuldigen und mir sofort zu melden. Ich werde es dann umgehend ändern, bzw. die korrekten Quellenangaben machen.

Allgemeines

Das Krankheitsbild der Anorexia Nervosa ist erstmals bereits 1873 beschrieben worden. Diese Diagnose wird aber erst seit den 70er Jahren häufiger gestellt, wobei nicht eindeutig gesagt werden kann, ob die Krankheit in der heutigen Gesellschaft tatsächlich häufiger auftritt, oder ob die gestiegene Aufmerksamkeit dazu führt, dass die Krankheit häufiger diagnostiziert wird.

Anorexia Nervosa kommt überwiegend in den westlichen Überflussgesellschaften vor, weshalb als Ursache in erster Linie gesellschaftliche Faktoren gelten (Schönheitsideal).

Wörtlich übersetzt bedeutet Anorexie Appetitverlust oder Appetitverminderung – eine irreführende Bezeichnung, da nicht unbedingt der Appetit, sondern in erster Linie das Essverhalten “gestört” ist. Der Zusatz “Nervosa” weist auf die psychischen Ursachen der Essstörung hin.

Die Unterscheidung der Anorexie von der anderen bekannten Essstörung, der Bulimie, ist im Einzelfall oft schwierig. Zwar sind beide Krankheitsbilder jeweils durch typische Merkmale gekennzeichnet (die Anorexie durch starken Gewichtsverlust, die Bulimie durch das Auftreten von Essanfällen und Maßnahmen zur Gewichtsreduktion z.B. Erbrechen), der Übergang ist jedoch fließend. Bei vielen Patientinnen tritt eine Mischung von Symptomen auf, man spricht dann von einer Bulimanorexie.

Beschreibung nach ICD-10

F50.0 Anorexia nervosa

Die Anorexia ist durch einen absichtlich selbst herbeigeführten oder aufrechterhaltenen Gewichtsverlust charakterisiert. Am häufigsten ist die Störung bei heranwachsenden Mädchen und jungen Frauen; heranwachsende Jungen und junge Männer, Kinder vor der Pubertät und Frauen bis zur Menopause können ebenfalls betroffen sein. Die Krankheit ist mit einer spezifischen Psychopathologie verbunden, wobei die Angst vor einem dicken Körper und einer schlaffen Körperform als eine tiefverwurzelte überwertige Idee besteht und die Betroffenen eine sehr niedrige Gewichtsschwelle für sich selbst festlegen. Es liegt meist Unterernährung unterschiedlichen Schweregrades vor, die sekundär zu endokrinen und metabolischen Veränderungen und zu körperlichen Funktionsstörungen führt. Zu den Symptomen gehören eingeschränkte Nahrungsauswahl, übertriebene körperliche Aktivitäten, selbstinduziertes Erbrechen und Abführen und der Gebrauch von Appetitzüglern und Diuretika.

F50.1 Atypische Anorexia nervosa

Es handelt sich um Störungen, die einige Kriterien der Anorexia nervosa erfüllen, das gesamte klinische Bild rechtfertigt die Diagnose jedoch nicht.

F50.2 Bulimia nervosa

Ein Syndrom, das durch wiederholte Anfälle von Heißhunger und eine übertriebene Beschäftigung mit der Kontrolle des Körpergewichts charakterisiert ist. Dies führt zu einem Verhaltensmuster von Essanfällen und Erbrechen oder Gebrauch von Abführmitteln. Viele psychische Merkmale dieser Störung ähneln denen der Anorexia nervosa, so die übertriebene Sorge um Körperform und Gewicht. Wiederholtes Erbrechen kann zu Elektrolytstörungen und körperlichen Komplikationen führen. Häufig lässt sich in der Anamnese eine frühere Episode einer Anorexia nervosa mit einem Intervall von einigen Monaten bis zu mehreren Jahren nachweisen.

(Quelle: WHO ( WORLD HEALTH ORGANIZATION), und Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information. „ICD-10-WHO Version 2019. Kapitel V. Psychische und Verhaltensstörungen (F00-F99)“. dimdi.de, 24. August 2018. https://www.dimdi.de/static/de/klassifikationen/icd/icd-10-who/kode-suche/htmlamtl2019/block-f50-f59.htm.)

Häufigkeit und Verbreitung

Das höchste Erkrankungsrisiko haben junge Frauen zwischen 15 und 25 Jahren. In dieser Gruppe erkranken von 100.000 Frauen zwischen 50 und 75 jedes Jahr. Auf die Gesamtbevölkerung bezogen gibt es jedoch nur 0.1 bis 0,6 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner und Jahr.

Anorexie beginnt oft schon in der frühen Jugend, häufig kurz nach dem Einsetzen der ersten Menstruation. Neben diesem Erkrankungsgipfel um das 14. Lebensjahr, tritt die Störung auch etwa im 18. Lebensjahr gehäuft auf.

In den letzten zwei Jahrzehnten ist eine Zunahme der Erkrankungshäufigkeit zu beobachten. Erkrankungen nach dem 25. Lebensjahr sind selten, allerdings nimmt die Zahl der Frauen, die ab dem 30. Lebensjahr erkranken zu.

Nur etwa 5 bis 10% der Menschen mit Magersucht sind Männer.

Das Erkrankungsrisiko während des ganzen Lebens (Lebenszeit-Prävalenz) beträgt für Frauen ca. 1 %.

Grundlagen und Ursachen

Biologische Einflüsse

Man vermutet, dass bei vielen anorektischen Patientinnen eine Störung derjenigen Hirnregion vorliegt, die der Steuerung des Essverhaltens, der sexuellen Aktivität und der Menstruation dient. Es ist allerdings auch möglich, dass die Funktionsstörung dieser Hirnregion erst im Laufe der Erkrankung, z.B. als Folge des Gewichtsverlustes, auftritt und zur Aufrechterhaltung der Störung beiträgt, aber nicht ihre eigentliche Ursache ist.

Für eine biologische Verursachung der Magersucht sprechen jedoch Untersuchungen, die zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass der eineiige Zwilling einer anorektischen Patientin ebenfalls an Magersucht leidet, etwa 50% beträgt. Bei zweieiigen Zwillingen liegt diese Wahrscheinlichkeit bei unter 10%. Verwandte ersten Grades leiden zu 5% ebenfalls an Magersucht. Diese Ergebnisse zeigen, dass eine genetische Veranlagung an der Entstehung der Anorexie wahrscheinlich beteiligt ist.

Eine sehr neue Studie von 20191 konnte 8 Gene identifizieren, die mit Magersucht in Zusammenhang stehen. Erstaunlich war, dass darunter auch Gene waren, die man ansonsten mit Angststörungen, Depressionen aber auch mit Stoffwechselstörungen in Verbindung bringt. Folgerungen daraus haben sich noch keine ergeben, doch ist dies ein Hinweis darauf, dass Psychotherapien alleine nicht genügen könnten.

Psychische Einflüsse

Die Tatsache, dass Anorexie besonders häufig während der schwierigen Entwicklungsphase der Pubertät beginnt, hat zu der Ansicht geführt, dass die Erkrankung auftritt, wenn die junge Frau sich von der Bewältigung der alterstypischen Anforderungen überfordert fühlt. Während der Pubertät entwickelt sich das Mädchen zur Frau und muss mit vielen Veränderungen kämpfen. Fühlt sich die Betroffene davon überfordert, entsteht ein tiefes Gefühl der Unsicherheit. Für viele Patientinnen scheint der Versuch, Kontrolle über ihr Körpergewicht ausüben zu können, ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Das Körpergewicht wird eine wichtige Quelle für ihr Selbstwertgefühl.

Familiäre Einflüsse

In den Familien anorektischer Patientinnen sind häufig bestimmte Verhaltensmuster festgestellt worden. Die Patientinnen werden oft von ihren Eltern stark behütet, d.h. dass auch in der Familie nicht angemessen auf die Entwicklung des Kindes zur Frau reagiert wird. Ebenso scheinen Konflikte in der Familie in vielen Fällen nicht angesprochen zu werden. Allerdings handelt es sich bei diesen Feststellungen um reine Beschreibungen typischer familiärer Verhaltensmuster; es ist durchaus möglich. dass diese nicht die Ursache, sondern die Folge der Erkrankung sind. Das Krankheitsbild der Anorexie ist gerade für die Eltern sehr besorgniserregend, was dazu führen kann, dass sie ihr Kind schützen und von Konflikten fernhalten möchten.

Gesellschaftliche Einflüsse

In westlichen Gesellschaften hat sich das Schönheitsideal seit Anfang der 60er Jahre immer mehr in Richtung eines sehr schlanken Körpers entwickelt. Gleichzeitig entstanden ein Nahrungsüberangebot und immer mehr Fertiggerichte, die gleichzeitig zu einem Anstieg des Durchschnittsgewichts führten. Übergewicht wird insbesondere bei Frauen gesellschaftlich sehr negativ bewertet. Übergewichtige Männer werden als stattlich bezeichnet, Frauen hingegen als fett. Durch Werbung und Filme erhält man den Eindruck, dass nur schlanke Frauen erfolgreich und beliebt sind, dicke Frauen sind entweder graue Mäuse oder “Ulknudeln”. Gerade junge Frauen, die während der Pubertät körperliche Veränderungen durchlaufen und erst ein Gefühl für ihren “neuen” Körper entwickeln müssen, können durch dieses Schlankheitsideal stark verunsichert werden.

Und weil wir gerade dabei sind: Die erste Staffel von Isatiable (Netflix) ist wirklich klasse. Ihr wisst ja, ich liebe Rache-Dramen. Es geht zwar um Bulimie, aber auch um Schönheitsideale.

Insatiable | Official Trailer | Netflix

Sexueller Missbrauch

Ein Zusammenhang zwischen sexuellem Missbrauch und Essstörungen wurde zuerst von amerikanischen Autorinnen vermutet. Bis zu 69 Prozent Missbrauchsopfer hatten sie unter essgestörten Patientinnen gefunden. In deutschen Studien bestätigte sich dieser hohe Anteil jedoch nicht. Nach neueren Untersuchungen erhöht das Erleben sexueller Gewalt die Anfälligkeit für psychische Störungen im allgemeinen, aber nicht speziell für die Anorexie oder Bulimie.

Fasten und starke Gewichtsabnahme

Fasten und starke Gewichtsabnahme wirken euphorisierend und spannungsreduzierend. Die hierbei vorhandenen biologischen Mechanismen ähneln denen von Suchterkrankungen. Unter Bezug auf die geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Häufigkeiten der Erkrankungen wird der Essstörung der Frauen gelegentlich der Alkoholismus der Männer gegenübergestellt.

Heranwachsende Mädchen die intensiv eine Diät machen haben ein 18-fach erhöhtes Risiko eine Essstörung zu entwickeln, diejenigen, welche in mäßigem Ausmaß eine Diät machen immerhin noch ein 7-fach erhöhtes Risiko. Da letztere häufiger sind, sind sie auch für ungefähr 2/3 der Essstörungen ursächlich.

Dass junge Männer seltener erkranken hängt also auch damit zusammen, dass sie seltener Diäten machen und auch in der Pubertät und danach seltener psychiatrische Auffälligkeiten aufweisen.

Psychiatrische Auffälligkeiten

Psychiatrische Auffälligkeiten bei Mädchen und jungen Frauen führen zu einem 7-fach erhöhten Risiko eine Essstörung zu entwickeln. Was vielleicht nicht weiter verwundbar ist, nimmt man die Ergebnisse von Watson et al. (erwähnt unter: Biologische Einflüsse auf Seite 6) hinzu, die zeigen dass bei Magersucht auch Gene eine Rolle spielen, die man sonst mit Depressionen und Angststörungen in Verbindung bringt.

Da Magersucht immer ein Gefühl der Kontrollierbarkeit vermittelt, “Ich allein kontrolliere meinen Körper und sonst nichts!” könnte Magersucht helfen ein Gefühl von Sicherheit herzustellen und somit gegen Ängste wirken. Da Hungern auch Glückshormone ausschüttet (siehe oben), mindert es evtl. Depressionen.

Tod

Die neuesten Zahlen, die ich fand, stammen von 2016. ich zitiere von der Website Psylex2:

“Die Forscher stellten in der Zeitschrift International Journal of Eating Disorders folgende standardisierten Sterblichkeitsquotienten fest:

  • 5,35 (d.h. eine Erhöhung um 535% der Sterblichkeit) bei Magersucht (AN),
  • 1,49 bei Ess-Brech-Störung (BN),
  • 1,50 bei BEt und
  • 2,39 bzw. 1,70 für eng bzw. weit definierte ES.”

Diese Zahlen bedeuten: Wer Magersucht hat, hat ein um 5,35-fach erhöhtes Risiko, nicht an Altersschwäche zu sterben.

Abkürzungen:

  • AN = Anorexia Nervosa (Magersucht)
  • BN = Bulimie (Ess-Brech-Sucht)
  • BEt = Binge-Eating (Esssucht ohne Erbrechen)
  • ES = Andere Essstörungen

Oder absolut ausgedrückt:

“Die Metaanalyse ergab, dass pro 1.000 Personen/Jahr 5,1 Todesfälle unter den Anorexie-Patienten auftraten, (1,3 davon waren Selbstmord), 1,7 Todesfälle unter Bulimie-Patienten und 3,3 Todesfälle unter Patienten mit anderen Essstörungen. (Eine Metaanalyse legt statistische Daten von verschiedenen Studien, die ähnliche Fragen untersuchen, zusammen und analysiert sie.)”3

Die tatsächliche Sterberate liegt also inzwischen bei 0,5% (5 von 1000) bei Magersucht und 0,2% bei Bulimie. Ältere Zahlen sprachen von einer Sterblichkeit von 10% (so stand es noch in meinem Skript von 2003). Die Situation hat sich also deutlich verbessert, vielleicht weil man heute doch aufgeklärter gegenüber dem Problem ist.

Symptomatik

Zusammenfassung

Im Mittelpunkt des Krankheitsbildes steht die Störung des Essverhaltens:

  • Weglassen von Mahlzeiten, rigides Diätverhalten bis hin zur Nulldiät.
  • Unterdrückung des Hungergefühls mittels Trinken großer kalorienarmer Flüssigkeitsmengen, u.a. Kaffee,
  • die Gewichtsabnahme wird zusätzlich durch Einnahme von Abführmitteln (Laxantienabusus), Diuretica etc. oder Erbrechen herbeigeführt,
  • die Patientinnen treiben oft exzessiv Sport.

Magersüchtige haben durch extremes Hungern deutliches Untergewicht, oft liegt ihr Gewicht 25 % oder mehr unter dem Normalgewicht (BMI <17,5). Sie hungern bis zur völligen Auszehrung (Kachexie), was nicht nur in der skelettartigen Erscheinung der Erkrankten sichtbar wird, sondern auch weitere, schwere gesundheitliche Komplikationen zur Folge haben kann. In besonders schweren Fällen kann die Magersucht mit dem Tod enden.

Von einer Magersucht spricht man, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind, dazu gehören:

  • eine intensive Angst zuzunehmen, selbst wenn bereits Untergewicht besteht;
  • eine Störung der Wahrnehmung von Gewicht, Maßen und Gestalt des eigenen Körpers: die Betroffenen fühlen sich immer noch “zu fett”, auch wenn ihnen das Untergewicht deutlich anzusehen ist;
  • das Ausbleiben von mindestens drei zu erwartenden Menstruationszyklen (bleibt die Menstruation ganz aus bzw. setzt nur nach Hormongabe ein. so spricht man von Amenorrhoe).

Bei Magersüchtigen ist oft eine extreme Leistungsorientiertheit zu bemerken. Ihre Fähigkeit zu intensiveren Kontakten und emotionalem Austausch ist eingeschränkt, sie leben meist in sozialer Isolation. Das Verlangen nach Sexualität ist gering oder sogar mit Angst besetzt.

Die Symptomatik im Einzelnen

Körperschema-Störung:

Bei anorektischen Patientinnen kommt es zu einer Störung der Wahrnehmung des eigenen Körpers. Auch wenn sie im Laufe der Erkrankung schon extrem viel Gewicht verloren haben, überschätzen sie ihren Körperumfang und halten sich für zu dick.

Verändertes Essverhalten:

Infolge der verzerrten Wahrnehmung des eigenen Körpers, bemühen die Betroffenen sich, ihr vermeintlich zu hohes Gewicht zu reduzieren. Zu diesem Zweck nehmen sie nur geringe Mengen an Nahrung zu sich und vermeiden Lebensmittel, die viele Kalorien enthalten. Manche Patientinnen verweigern zeitweise die Nahrungsaufnahme komplett. Häufig nimmt das Essen einen zentralen Stellenwert im Leben der Betroffenen ein. Sie verwenden viel Energie darauf. Hungergefühle zu unterdrücken oder bereiten mit großem Eifer wahre Festmahle für andere zu, an denen sie aber selbst nicht teilnehmen.

In Hinblick auf die Veränderungen des Essverhaltens lassen sich zwei Gruppen von anorektischen Patientinnen unterscheiden:

  • Etwa 50% der Patientinnen halten ausschließlich Diät.
  • Bei den anderen treten aber auch bulimische Symptome (Essanfalle und selbst herbeigeführtes Erbrechen) auf.

Bei Betroffenen, die zu der letzteren Gruppe gehören, beginnt die Störung meist später, sie haben vor der Erkrankung ein höheres Gewicht, die Körperschema-Störung ist meist stärker ausgeprägt und sie sind häufig depressiver als Patientinnen mit einer rein anorektischen Symptomatik.

Gewichtsverlust:

Neben der strengen Diät setzen viele Anorektikerinnen zusätzlich Appetitzügler. Abführmittel und sportliche Betätigung ein, um abzunehmen. Durchschnittlich verlieren anorektische Patientinnen 45-50% ihres Ausgangsgewichts. Liegt das Körpergewicht um mindestens 15% niedriger als das Normalgewicht, wird die Diagnose der Anorexie gestellt. Viele Patientinnen magern bis auf 30 Kilogramm ab.

Körperliche Veränderungen:

Durch den Gewichtsverlusts und die Mangelernährung kann es zu schwerwiegenden körperlichen Schäden kommen.

  • Aufgrund von hormonellen Störungen bleibt die Menstruation meist aus.
  • Bei Beginn der Störung vor der Pubertät wird die körperliche Entwicklung meist stark verzögert.
  • Es bilden sich starke Stoffwechselstörungen und Störungen im Elektrolythaushalt.
  • Der Mineralstoffhaushalt ist in der Regel gestört.
  • Durch die schlechte Versorgung mit Sauerstoff verfärben sich z. B. Finger und Hände, Füße und Zehen, die Nase und das Kinn charakteristisch blau-rot.
  • Viele leiden unter chronischer Verstopfung
  • Verlangsamung des Herzschlags,
  • niedriger Blutdruck,
  • Absinken der Körpertemperatur,
  • Hautprobleme,
  • flaumartige Behaarung des Rückens,
  • Muskelschwäche,
  • Haarausfall und Wassereinlagerung im Gewebe

Diese körperlichen Befunde werden durch die Mangelernährung verursacht und verschwinden meist vollständig, wenn sich das Essverhalten langfristig normalisiert hat. Durch die konstante Mangelernährung wird der Energieverbrauch herabgesetzt. Infolgedessen führt normale Nahrungsaufnahme unter diesen Umständen kurzfristig zu einer Gewichtszunahme.

Psychische Veränderungen:

Bei anorektischen Patientinnen steht das beharrliche Streben, dünner zu werden im Vordergrund. Verbunden damit besteht eine extreme Angst vor einer Gewichtszunahme. Schon eine Zunahme von wenigen Gramm, die aufgrund des gesenkten Energieverbrauchs ja schon nach recht geringer Nahrungsaufnahme folgen kann, löst regelrechte Panik aus. Das führt zu einem erneuten Versuch, das Essverhalten (noch strenger) zu kontrollieren. Die Patientinnen befinden sich also in einem regelrechten Teufelskreis. Häufig zeigen sich bei den Betroffenen auch depressive Symptome und starke Reizbarkeit.

Therapie

Ziele

Eine Psychotherapie der Anorexie verfolgt folgende Ziele:

  • Normalisierung des körperlichen Zustands (was bei der Anorexia nervosa immer mit einer Gewichtszunahme und -stabilisierung auf einem körperlich vertretbaren Niveau einhergeht).
  • Normalisierung des Essverhaltens sowohl im Hinblick auf Quantität (Nahrungsmenge) als auch Qualität (Zusammensetzung) der Nahrung.
  • Therapeutische Bearbeitung von Denkmustern und Bedingungen, die die Störung aufrechterhalten.
  • Therapeutische Bearbeitung von seelischen Probleme der Erkrankten mit sich selbst und mit anderen (Selbstwertproblematik, Familie, Partnerschaft)
  • Falls notwendig, soziale Wiedereingliederung in den Ausbildungs- und Arbeitsprozess.

Stationäre Behandlung

Bei medizinischen Komplikationen und extrem reduziertem Körpergewicht müssen zunächst lebenserhaltende Maßnahmen bzw. eine Gewichtszunahme veranlasst werden, um den körperlichen Folgeschäden entgegenzuwirken. Wenn das Körpergewicht unter 75% des Normalgewichts liegt, die körperliche Verfassung lebensbedrohlich ist oder aufgrund der depressiven Verstimmung Selbstmordgefahr besteht, sollte die Behandlung zunächst im Krankenhaus stattfinden. Unter Umständen wird zur Abwehr akuter Lebensgefahr eine Zwangsernährung gegen den Willen der Betroffenen notwendig.

Da bei anorektischen Patientinnen oft nur wenig Einsicht hinsichtlich der Schwere ihrer Erkrankung besteht, müssen bei körperlicher Lebensbedrohung oft zunächst Nährstoffe durch Infusion zugeführt werden. So bald wie möglich sollten die Betroffenen die Verantwortung für ihre Gewichtszunahme aber selbst übernehmen.

Medikamentengabe ist im Allgemeinen nicht erforderlich. Wegen des Osteoporoserisikos (“Knochengewebsschwund”) bei Frauen müssen aber Östrogene und Kalziumfluorid ersetzt werden. Andere Medikamente werden je nach den medizinischen Folgekomplikationen eingesetzt. Bei gleichzeitiger Depression können antidepressiv wirkende Medikamente gegeben werden.

Ambulante, psychotherapeutische Behandlung

Psychotherapeutisch werden sowohl tiefenpsychologische (leider) als auch verhaltenstherapeutische Verfahren angewendet. Familientherapie, Entspannungstechniken, Übungen zur Körperwahrnehmung und andere Psychotherapieverfahren gehören ebenfalls zu den Möglichkeiten nichtmedikamentöser Behandlung. Die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe beeinflusst ebenfalls den Krankheitsverlauf positiv.

Die Entwicklung der Anorexia Nervosa steht in so engem Zusammenhang mit abnormen Mustern familiärer Interaktion, dass zu einer erfolgreichen Behandlung immer auch die Lösung, der ihr zugrunde liegenden, bzw. der in Folge auftretenden und diese stabilisierenden Familienprobleme gehört und sich eine Familientherapie anbietet. Besonders bei jüngeren Anorektikerinnen, die noch in ihren Herkunftsfamilien leben, wird oft eine Familientherapie durchgeführt.

Da die Ziele der Therapie immer in einer Verhaltensänderung und der Änderung der Denkmuster besteht, bietet sich hier auch eine Verhaltenstherapie an.

Eine psychoanalytische Therapie gilt als nicht geeignet.

Vorschläge und Angaben zur Therapiedurchführung

  • Bei Verdacht auf Anorexia Nervosa sollte ein genaues Protokoll über die Mahlzeiten und Essgewohnheiten erstellt werden.
  • Die Vereinbarung eines Zielgewichts in einem Behandlungsvertrag ist eine gute Voraussetzung4 für eine erfolgreiche Psychotherapie, wobei ein Normalgewicht (z.B. BMI 20 – 25 kg/m2) nicht unbedingt angestrebt wird. Magersüchtige Patientinnen müssen in eine körperliche Situation gebracht werden, die sie gerade noch akzeptieren und mit der sie gleichzeitig relativ ungefährdet leben können.
  • In der Therapie sollen die Patientinnen die Richtigkeit ihrer Vorstellungen zur Bedeutung von Gewicht und Figur überprüfen. So soll z.B. eine Betroffene hinterfragen, ob Schlankheit tatsächlich mit beruflichem und privatem Erfolg im Zusammenhang steht. Hat man auf diesem Weg herausgefunden, was die Patientin sich vom Schlanksein erhofft, kann mit ihr besprochen werden, auf welche andere Weise sie diese Ziele erreichen kann. Sie lernt, dass ihr Selbstwertgefühl nicht allein von ihrem Gewicht abhängt.
  • In der körperorientierten Therapie sollen die Betroffene ein besseres Gefühl für ihren Körper5 bekommen, so dass sie auf ihre Körpersignale (z.B. Hunger) angemessen reagieren und ihren Körperumfang realistisch einschätzen können.
  • Generell soll mit anorektischen Frauen die Bewältigung von Problemen geübt werden. Dabei werden gemeinsam mit der Patientin verschiedene Lösungsalternativen entwickelt, die sie bei alltäglichen Schwierigkeiten anwenden kann, bei denen sie sonst auf ihr gestörtes Essverhalten als Mittel der Bewältigung zurückgegriffen hat.
  • Die familienorientierte Therapie wird insbesondere bei jüngeren Anorektikerinnen eingesetzt, die noch in ihrer Familie wohnen. Dabei soll die Familie darauf hingewiesen werden, wie sie auf das gestörte Essverhalten der Patientin reagiert. In diesem Zusammenhang kann es hilfreich sein, wenn der Therapeut an Mahlzeiten in der Familie teilnimmt. Manchmal beschäftigen die Familienmitglieder sich so stark mit der Anorexie, dass sie sich um andere Probleme nicht mehr kümmern können oder wollen. Die Betroffene erhält auf diese Weise die ungeteilte Aufmerksamkeit, und die Familienmitglieder müssen sich nicht mit sich und ihren eigenen Konflikten beschäftigen. Wird diese Reaktionsweise, die zu der Aufrechterhaltung der Störung beitragen kann, unterbrochen, tritt häufig eine Besserung ein. Gerade die Eltern erleben es meist als sehr erleichternd, wenn sie im Umgang mit der Erkrankung ihres Kindes von einem Therapeuten unterstützt werden.

Wie Angehörige helfen können:

  • Keine enge Kontrolle & Abwertung, sondern Unterstützung
    • … denn am schlimmsten ist die Selbstkontrolle
    • nicht nachspionieren oder ausfragen
    • Problematik ansprechen
    • Unterstützung anbieten
    • Evtl. Familienabend mit Besprechung
    • Familientherapie
  • Grenzen beachten
  • Auch eigene Grenzen
  • konsequent und klar sein
  • Mütter sind meist sehr besorgt, da sie gefühlsmäßig überfordert sind und verletzen leicht Grenzen
  • Nicht nur auf Leistung und Äußerliches achten (v.a. häufig bei Pubertät) – Beziehung vor Leistung
  • Keine Schuldzuweisung
  • Eigene Gefühle ausdrücken, gegenüber den Betroffenen
  • Über andere Probleme reden, die nichts mit dem Essen zu tun haben. Essen prinzipiell nicht problematisieren oder eine besondere Bedeutung geben
  • Keine Rollenverteilung (soweit möglich)
  • Keinen Zeitdruck ausüben, sondern der Betroffenen Zeit lassen, gesund zu werden
  • Selbsthilfegruppen (sind Autonomie fördernd) empfehlen und suchen

Prognose

Nach einer Behandlung zeigt sich bei etwa 30% der Patientinnen eine vollständige Besserung, d.h. sie erreichen zumindest annähernd das Normalgewicht und haben regelmäßig ihre Menstruation.

Bei 35% lässt sich zwar eine Gewichtszunahme feststellen, der Bereich des Normalgewichts wird allerdings nicht erreicht.

Das Krankheitsbild bleibt bei ca. 25% der Betroffenen chronisch bestehen.

Etwa 0,5% sterben infolge der Anorexie.

Auch nach einer Gewichtsnormalisierung hält bei vielen Betroffenen die verzerrte Einstellung zu Gewicht und Figur an. Generell sind die Besserungschancen aussichtsreicher, wenn die Erkrankung früh begonnen hat Bei einem sehr frühen Beginn vor dem 11. Lebensjahr ist die Voraussage dagegen deutlich schlechter.

Anhang

Internet-Links (Ratgeber)

www.nakos.de

Hinter NAKOS verbirgt sich die Nationale Konferenz für Selbsthilfegruppen, eine Art bundesweiter Dachverband aller Selbsthilfegruppen in Deutschland. Ein guter Einstieg für alle Formen der Adresssuche sowie zur Bestellung von schriftlichem Informationsmaterial.

www.essprobleme.de

Selbsthilfe-, Erfahrungs- und Infoseiten zum den Themen Bulimie, Magersucht und Adipositas. Ein Themenschwerpunkt sind zum Beispiel „dicke Kinder”. Regelmäßiger Chat zum Thema Essstörungen.

www.magersucht-online. de

Sehr gute deutschsprachige Seite für Patienten mit Essstörungen. Viele weiterführende Links, Adressensammlungen, Fachartikel. Lohnend!

www.caringonline.com

Sehr umfangreiches englischsprachiges Angebot rund um alle Facetten von Ess-Störungen, geht auch auf therapeutisch problematische Komorbiditäten ein wie Essstörungen und Diabetes oder Osteoporose. Es finden sich wissenschaftliche Beiträge etwa zum Thema Essstörungen und Männer oder Essstörungen bei Sportlern. Zusätzlich sehr umfangreiche Aufstellung wissenschaftlicher und staatlicher Institutionen aus dem angloamerikanischen Sprachraum.

Kliniken

https://www.anad.de/essstoerungen/adressverzeichnis/kliniken

Verzeichnis von Kliniken zur Behandlung von Essstörungen

Mariah’s Schilderung

Peggy Claude-Pierre schildert:

https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/51au4blJmdL._SX326_BO1,204,203,200_.jpg

„Eine meiner Patientinnen namens Mariah zeichnete während ihres Kampfes mit Anorexie und Bulimie den Bürgerkrieg in ihrem Kopf auf. Sie übte weder Zensur aus noch konnte sie erklären, was sie tat, doch sie fühlte sich unwiderstehlich gezwungen, der Negativen Inneren Stimme zu gehorchen:

6 Uhr. Steh’ auf, du Arschloch, steh’ auf. Du kommst zu spät, wenn du’s nicht tust, und du weißt, dass du nicht losgehen wirst, bevor es getan ist [Sport].

6 Uhr 45. Noch fünfzehn Minuten. Mach schon, du fettes Schwein. Du bist müde??? Du kannst nicht müde sein, ich lasse dich nicht. Wenn du nicht die volle Stunde machst, wirst du heute gar nichts essen. 8 Uhr. Steig’ jetzt aus dem Bus aus, du hast Zeit, die fünf Blocks zusätzlich zu laufen und nicht zu spät zu kommen. Dann verbrennst du die Milch, die du heute morgen in den Kaffee getan hast.

12 Uhr [»Mariah, willst du mit uns essen?«] Scheiße, was jetzt? Denk nach, du Miststück, denk nach! Sag5 einfach nein (»Ich kann nicht, ich habe schon zu oft nein gesagt«). Also dann mach, aber du wirst alles wieder loswerden, was du isst.

12 Uhr 30. (»Thunfisch-Sandwich, bitte.«) Thunfisch! Thunfisch!!! Du verdammte, fette Schlampe. Weißt du nicht, dass da tonnenweise Mayo drauf ist? Du schaffst es doch nicht, auch das letzte bisschen Sauce wieder raus zu bringen. Ich habe gesagt, nur feste Sachen. Keine Sauce. Keine Kombination von verschiedenen Sachen oder so ein Scheiß. Dann weißt du genau, nach was du gucken musst, wenn du kotzt. Abführmittel! Du musst welche besorgen, bevor du wieder an die Arbeit gehst. Drei große Schachteln. (»Ich muss heute Abend ausgehen, und dann wirken sie.«) Hör zu, du Dreckstück, du hast alles vermasselt, weil du Thunfisch genommen hast. Übrigens liegt sowieso niemandem daran, ob du da auftauchst oder nicht.

16 Uhr. Die Abführmittel wirken erst in einer Stunde oder so, der Scheiß hat sich wahrscheinlich schon hübsch auf deinem Arsch abgelagert. Du wirst eine halbe Stunde länger im Fitnessstudio bleiben müssen. 18 Uhr. (»O Mist. Ich komme schon wieder zu spät nach Hause – sie wird mich umbringen – verdammt, sie wird toben vor Wut«) Du verdienst es doch nicht besser, du egoistisches Dreckstück – hinter ihrem Rücken ins Fitnessstudio- zu gehen.

19.30 Uhr. Du hast versprochen, dass gestern das letzte Mal sein sollte. Du elendes Miststück – und bist Scheiße und wirst immer Scheiße sein. Sie haben recht mit ihrer Meinung von dir. Wie hältst du es nur mit dir selber aus? Du machst nie etwas richtig, und du bist ein fetter! fetter! fetter!!! nutzloser, erbärmlich schlechter Ersatz für einen Menschen, Miststück. Ich hasse dich, du Miststück, ich hasse dich. Betrachte dich doch im Spiegel, und dann sag mir, dass ich lüge. Das kannst du nicht, weil du siehst, was ich sehe. Du hast heute nicht mal ein Kilo abgenommen, und das ist nicht gut genug!

Also jetzt mach und werd es los. Mir ist es egal, ob du dir deinen ganzen verdammten Arm in den Schlund rammen musst – du musst es loswerden. Ich scheiße drauf, ob du blutest. Deine ganzen Innereien können dir hochkommen, und du wirst nicht aufhören.

Die Negative Innere Stimme spricht in übler, demütigender Weise mit ihrem Opfer, wohingegen dieses im Allgemeinen sehr auf Anstand achtet und sich niemals so ausdrücken würde. Zu dem Zeitpunkt, an dem die Betroffenen akut erkranken, ist die Negative Innere Stimme so real, dass die meisten »es« in einer körperlich greifbaren Gestalt heraufbeschwören können.“

(aus Claude-Pierre (1998) S. 117/1186

Literatur- und Quellenangaben

Im Text direkt genannt

Archives of General Psychiatry, und Psylex. „Essstörungen: Sterblichkeit / Mortalität“. Psylex, Januar 2016. https://psylex.de/stoerung/essstoerung/sterblichkeit.html.

Claude-Pierre, Peggy. Der Weg zurück ins Leben: Magersucht und Bulimie verstehen und heilen. 3. Aufl. Frankfurt am Main: Krüger, 1999.

„Struwwelpeter“. In Wikipedia, 22. Februar 2020. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Struwwelpeter&oldid=197059189.

Universität München, und Psylex. „Essstörungen: Sterblichkeit / Mortalität ( International Journal of Eating Disorders)“. Psylex, Januar 2016. https://psylex.de/stoerung/essstoerung/sterblichkeit.html.

Watson, Hunna J., Zeynep Yilmaz, Laura M. Thornton, Christopher Hübel, Jonathan R. I. Coleman, Héléna A. Gaspar, Julien Bryois, u. a. „Genome-Wide Association Study Identifies Eight Risk Loci and Implicates Metabo-Psychiatric Origins for Anorexia Nervosa“. Nature Genetics 51, Nr. 8 (August 2019): 1207–14. https://doi.org/10.1038/s41588-019-0439-2.

Sonstige verwendete Literatur

Bruch, Hilde. Der goldene Käfig: das Rätsel der Magersucht. 19. Aufl. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verl, 2010.

———. Eßstörungen: zur Psychologie und Therapie von Übergewicht und Magersucht. 9. Aufl., dt. Erstausg. Fischer-Taschenbuch Psychologie 6796. Frankfurt am Main: Fischer, 2004.

Vandereycken, Walter, Rolf Meermann, und Matthias Wengenroth. Magersucht und Bulimie: ein Ratgeber für Betroffene und ihre Angehörigen. 1. Aufl. Aus dem Programm Huber: Psychologie-Sachbuch. Bern: Huber, 2000.

Weber, Gunthard, und Helm Stierlin. In Liebe entzweit: ein systemischer Ansatz zum Verständnis und zur Behandlung der Magersuchtsfamilie. 2. Aufl. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme, Verl. und Verl.-Buchh, 2003.

Bilder

Alle Bilder: (c) Pixabay, von mir überarbeitet, außer dem Bild unter “Tod”, dies stammt aus Wikipedia7, ebenfalls von mir überarbeitet (Zeichnung von Heinrich Hoffmann)

Fußnoten

1Watson u. a., „Genome-Wide Association Study Identifies Eight Risk Loci and Implicates Metabo-Psychiatric Origins for Anorexia Nervosa“.

2Universität München und Psylex, „Essstörungen: Sterblichkeit / Mortalität ( International Journal of Eating Disorders)“.

3Archives of General Psychiatry und Psylex, „Essstörungen: Sterblichkeit / Mortalität“.

4Eine Annäherung an das Zielgewicht dient der Begegnung schwerwiegender körperlicher Folgeerscheinungen, wie zum Beispiel der Osteoporose. Gleichzeitig bietet die angestrebte Normalisierung der endokrinen Funktionen (dazu gehört, dass die Menstruation wieder einsetzt) für die Patientin die Möglichkeit eines Zugangs zu ihrer weiblichen Identität.
Die Erfahrung in der Behandlung von magersüchtigen Patientinnen hat gezeigt, dass die ständige Diskussion über das Körpergewicht die psychotherapeutische Behandlung zunehmend lahmen kann. Insbesondere bei fortschreitender Gewichtsabnahme und der damit verbundenen vitalen Gefährdung wird es zu einem alles beherrschenden Thema, was letztendlich den Behandlungsprozess in Frage stellt. Im Hinblick auf den Autonomie-Abhängigkeitskonflikt vieler junger magersüchtiger Patientinnen besteht der Sinn eines Behandlungsvertrages darin, das Autonomieproblem zu akzeptieren und gleichzeitig therapeutisch anzugehen.

5Anm.: Susanne Vahrenkamp (Psychotherapeutin) empfiehlt anorektischen Patientinnen häufig Tanzen, um ein Gefühl für ihren Körper zu bekommen

6Claude-Pierre, Der Weg zurück ins Leben.

7„Struwwelpeter“.

Identität 2: Maslow und die Identitätszuschreibung

Abraham Maslow ist ein berühmter Psychologe, der die humanistische Psychologie (mit) begründete und die Psychologie der Gesundheit erfand. Seine Bedürfnispyramide, erstmals 1943 veröffentlicht1, kennen alle, die sich jemals mit Psychologie beschäftigten. Wie alle Humanisten erkannte auch er, dass seine psychologischen Erkenntnisse weitreichende Folgen haben und ein Umdenken erfordern. Die folgenden Zitate sind vor allem aus seinem 1968 erstmals auf Englisch erschienenem Buch “Psychologie des Seins”2. Wir sehen, dass Fremdbestimmung über Fremd-Zuschreibung und Identitäts-Verordnung kein neues Problem darstellt.

Identität und Gruppenzuordnung

Was ich immer wieder feststellen muss, ist, dass viele glauben, eine Identität zu haben würde bedeuten, sich mit einer Gruppe zu identifizieren. Doch schauen wir uns Marcias Theorie an, sehen wir, dass dies nicht unbedingt als eine “gesunde” Entwicklung gesehen werden kann.

Rolf Oerter schreibt in “Entwicklung der Identität”:

“Der Begriff Identität bezieht sich zunächst in einem allgemeinen Sinn auf die einzigartige Kombination von persönlichen, unverwechselbaren Daten des Individuums wie Name, Alter, Geschlecht und Beruf, durch die das Individuum gekennzeichnet ist und von allen anderen Personen unterschieden werden kann.”3

Identität ist also etwas sehr Individuelles. Was auch Sinn macht. Bedeutet doch Identität “identisch sein”, als “mit etwas übereinstimmen”. Habe ich meine Identität gefunden, so habe ich mich selbst gefunden. Ich bin ganz ich und weiß wer und was ich bin. Ich empfinde mich als stimmig.

Folglich kann ich mich nicht mit einem Fußballverein identifizieren, denn sonst würde ich ja mit diesem übereinstimmen. Ich kann ihn aber mögen, leidenschaftlich unterstützen und deshalb leiden, wenn er verliert und mich freuen, wenn er gewinnt. Genauso wenig, kann ich mich mit anderen Menschen “identifizieren”, denn dies würde bedeuten, ich glaubte, ich wäre sie. Natürlich kann ich nachmachen, was sie tun oder sie mögen und für sie schwärmen, ich kann sie aber nicht sein.

Meist begegnet uns jedoch diese Vorstellung der Identität mit einer Gruppe oder einem Star als Fremdzuschreibung. Am Beispiel Transsexualität würde das so aussehen: “Du bist so und so, weil du doch transsexuell bist!” Wobei man das Wort “transsexuell” auch durch irgend etwas anderes ersetzen könnte.

Menschen werden dann häufig, auf Grund von Vorurteilen und Wunschvorstellungen der “Zuschreiber” und Katalogisierer, weitere Eigenschaften zugesprochen, meist auch Wünsche und Verhaltensweisen, die sie auf Grund der zugeschriebenen Gruppe (in diesem Falle transsexuellen Menschen), haben sollen, obwohl sie doch nur diese die diese winzig kleine Gemeinsamkeit haben: transsexuell, eine Diagnose. Es interessiert dann nicht mehr, welche Eigenschaften das Individuum genau hat. Es wird von ihm erwartet, unsere Vorstellungen über seine Gruppe zu erfüllen.

Abraham H. Maslow dazu:

„Ich habe […] das Einordnen als eine billige Form des Erkennens beschrieben, die in Wirklichkeit eine Form des Nicht-Erkennens ist, eine rasche, mühelose Katalogisierung, deren Funktion es ist, die durch sorgfältigeres, idiographisches Wahrnehmen oder Denken geforderte Anstrengung überflüssig zu machen. Jemanden in ein System einzuordnen erfordert weniger Energie, als ihn in seiner eigenen Wesensform zu erkennen […].

Was beim Einordnen betont wird, ist die Kategorie, in die der Mensch gehört, von der er ein Beispiel ist, nicht der Mensch als solcher – Ähnlichkeiten überwiegen Unterschiede.

In derselben Publikation wurde auf die sehr wichtige Tatsache hingewiesen, dass eingeordnet zu werden im allgemeinen beleidigend für den Eingeordneten ist, da es seine Individualität negiert oder seiner Persönlichkeit, seiner differentialen, einzigartigen Identität keine Aufmerksamkeit schenkt.“ (Abraham Maslow)4

Identität und Gruppenzugehörigkeit

Finde ich meine „Identität“ nur über eine Gruppenzugehörigkeit, so könnte man dies als „krankhaft“ bezeichnen, bzw. man hätte laut Marcia eine „diffuse Identität“. Man klammert sich an das, was andere sagen, weil man selbst damit überfordert ist zu sich selbst zu stehen, bzw. sich selbst zu erkennen. Sich über eine Gruppe zu identifizieren bedeutet, dass man sein Identität noch nicht gefunden hat, aber auch nicht weiter suchen möchte. Man möchte nicht wahrhaben oder erfahren, dass man ist, wer man ist.

Menschen, die einen hohen Selbstwert und ein gesundes Selbstwertgefühl haben, die danach streben sich selbst zu verwirklichen, haben es nicht nur nicht nötig, sich über eine Gruppe zu definieren, sie möchten es auch nicht. Sie wissen, dass sie nicht nur diese eine Eigenart sind, die sie mit einer Gruppe gemeinsam haben, sie wissen, sie sind mehr als das und einzigartig. Und das lieben sie. “Es ist schön, ich zu sein!”

Deshalb mögen sie auch keinen Nationalismus, die Vorstellung von Rassen, Klassen, Kasten, etc. und anderen Arten der zugewiesenen Gruppenidentität:

“Ich habe in meinen Beschreibungen von selbstverwirklichenden Personen erwähnt, daß sie den Nationalismus transzendieren. Ich hätte hinzufügen können, daß sie auch Klassen und Kasten transzendieren.”5

Und weil sie diese Schubladen nicht mögen, wehren sie sich dagegen, wenn man sie einer Gruppe zuweist und ihnen unterstellt, sich eine Identität über eine Gruppe zulegen zu müssen:

„Menschen haben oft eine Abneigung dagegen, eingeordnet oder klassifiziert zu werden, und sie betrachten es als eine Negierung ihrer Individualität (ihres Selbst, ihrer Identität). […]
[…] [Man] muss […] solchen Reaktionen mit sympathischem Verständnis begegnen; sie sind eine Bestätigung der persönlichen Würde […] [und es] sollten solche Selbstschutz-Reaktionen nicht »Widerstand« genannt werden (im Sinne eines Manövers zum Schutz der Krankheit) […]. Es wird des weiteren darauf hingewiesen, dass solche Widerstände äußerst wertvollen Schutz gegen schlechte Psychotherapie bieten.“ (Maslow)6

„Solch ein Widerstand [gegen den Versuch, eingeordnet zu werden] kann deshalb als Selbstbehauptung und Schutz der eigenen Einzigartigkeit, Identität oder Selbstheit gegen Angriff oder Vernachlässigung betrachtet werden. Solche Reaktionen dienen nicht nur dazu, die Würde des Individuums aufrechtzuerhalten; sie schützen es auch gegen schlechte Psychotherapie, Lehrbuch-Interpretationen, »wilde Psychoanalyse«, überintellektuelle oder verfrühte Interpretationen oder Erklärungen, bedeutungslose Abstraktionen oder Konzeptualisierungen, die alle für den Patienten mangelnde Achtung implizieren […].“ (Abraham Maslow)7

Die Kritik Maslows richtet sich zwar besonders gegen Psychologen, die dies tun, aber natürlich sollten es alle unterlassen.

Kritik am und Furcht vorm Widerstand

„Therapie-Novizen in ihrem Eifer, rasch zu heilen; »Lehrbuchmenschen«, die ein Begriffssystem auswendig lernen und dann die Therapie betrachten, als bestünde sie nur aus der Verteilung von Begriffen; Theoretiker ohne klinische Erfahrung; Studenten der Psychologie, die gerade Fenichel8 auswendig gelernt haben und bereitwillig allen Kommilitonen erzählen, zu welcher Kategorie sie gehören – das sind alles Katalogisierer, gegen die sich die […] [Menschen] schützen müssen.“

„Die legitime, als Selbstschutz verstandene Reaktion auf solches Einordnen »Widerstand« im klassischen Sinne zu nennen, ist also nur ein weiteres Beispiel des Missbrauchs eines Begriffs. […]“ (Maslow)9

Dieser Zwangszuordnung können leider oft nur Menschen gut widerstehen, die sich selbst gefunden haben, die eher zu den selsbtverwirklichenden Menschen gehören. Verunsicherte, orientierungslose Menschen und solche, die noch auf der Suche nach sich selbst sind, lassen es eher zu, sich unter solche Gruppierungen unterzuordnen. Manchmal empfinden sie es auch als angenehm, nimmt es ihnen doch die Last ab sich zu fragen, wer sie sind.

Leider ist es auch so, dass Äußerungen von Autoritäten, wie im Text von Maslow, von den Psychologen, eine besondere Bedeutung beigemessen wird. Sich von der Meinung von Autoritäten zu lösen, ist ein Schritt, der für viele wahrscheinlich der schwierigste ist. Viele haben gelernt, dass, wenn ein “Fachmann” etwas sagt, es richtig sein muss. Es bedarf eines extrem positiven Selbstbildes und Selbstbewusstseins, um der Ansicht von Experten zu widersprechen und sich zu widersetzen, noch dazu, wenn der “Fachmann” diesen gesunden Widerstand als etwas Krankhaftes oder Ähnlichem beschreibt.

Das berühmte Milgram-Experiment zeigte auf, dass wir zu wahren Grausamkeiten bereit sind, wenn nur eine Autorität hinter uns steht und uns sagt, wir sollten etwas tun. Dabei genügt es, dass der betreffende Mensch als Autorität wahrgenommen wird. Er muss uns nicht zwingen oder Gewalt über uns haben, damit wir tun, was er möchte.

Doch immer dann., wenn unser “Bauchgefühl”, oder ein Gewissen, sich meldet, sollten wir hellhörig werden. Unser Denken ist leichter zu überrumpeln, als unser “organismisches Erleben”, wie es Rogers nennt. Wenn ich mich bei etwas unwohl fühle, sollte ich es nicht tun. Wenn sich etwas “falsch” anfühlt, ist es das auch und wir sollten ganz besonders “hellhörig” werden und genau überdenken, was gerade passiert.

Jetzt wäre der Zeitpunkt, “sapere aude!10” zu rufen und mich meines eigenen Verstandes zu bedienen – und meinem Gewissen erlauben, seinen Dienst machen zu lassen.

Wir müssen nicht dazugehören!

„Man weiß heute, dass man sich dem […] [Menschen] als einem einzigartigen Menschen und nicht als einem Mitglied einer Klasse nähern muss […]. Einen Menschen zu verstehen, heißt nicht, ihn zu klassifizieren oder einzuordnen. Und ihn zu verstehen, ist die Conditio sine qua non der Therapie.” (Maslow)

Und nicht zuletzt: Ein „Nein!” bedeutet “Nein!“

Gerade die Unterscheidung von anderen, das Widersprechen und eine-eigene-Meinung-haben, macht uns zu Individuen – und macht uns auch lebendig.

Die Individualität, das Einzigartig-Sein, ist das, was uns ausmacht. Je mehr wir unsere Identität gefunden haben, desto mehr wissen wir, wer wir sind. Wir werden uns unserer Einzigartigkeit bewusst. Einzigartig zu sein, ist etwas Wertvolles.

Es ist wichtig zu erkennen, dass das Einsortieren in Gruppen, anderen zu sagen, was sie sind oder wann sie sich angesprochen fühlen müssen und wann nicht, das Böse schlecht hin ist (auch wenn uns dieser Begriff misshagt), weil es uns davon abhalten möchte, unsere wahre Identität, unsere Einzigartigkeit, Individualität und Unverwechselbarkeit zu finden und uns frei zu entwickeln.

Eingeordnet zu werden, und damit die Einordnung an sich, ist der natürliche Feind von Freiheit und Emazipation.

Literaturangaben

Maslow, Abraham H. A Theory of Human Motivation. WWW.BNPUBLISHING.COM, 2012.

Maslow, Abraham H. Motivation und Persönlichkeit. Reinbek: Rowohlt, 2008.

———. Psychologie des Seins: ein Entwurf. Ungekürzte Ausg., 12.-13. Tsd. Fischer-Taschenbücher Geist und Psyche 42195. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verl, 1997.

Oerter, Rolf. „Entwicklung der Identität“. Herausgegeben von H. J. Möller, Harald Kächele, Serge K. D. Sulz, Thomas Bronisch, und Willi Butollo. Psychotherapie 11 Heft 2 (2006): 175–91.

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Titelbild: Pixabay und Wikipedia

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Fußnoten

1Abraham H Maslow, A Theory of Human Motivation (WWW.BNPUBLISHING.COM, 2012).

2Abraham H. Maslow, Psychologie des Seins: ein Entwurf, Ungekürzte Ausg., 12.-13. Tsd, Fischer-Taschenbücher Geist und Psyche 42195 (Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verl, 1997).

3Rolf Oerter, „Entwicklung der Identität“, hg. von H. J. Möller u. a., Psychotherapie 11 Heft 2 (2006): 175.

4Abraham H. Maslow und Paul Kruntorad, Psychologie des Seins: ein Entwurf, Ungekürzte Ausg., 12.-13. Tsd, Fischer-Taschenbücher Geist und Psyche 42195 (Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verl, 1997), 134–38.

5Abraham H. Maslow, Motivation und Persönlichkeit (Reinbek: Rowohlt, 2008), 19.

6Maslow, Psychologie des Seins, 134–38.

7Abraham H. Maslow und Paul Kruntorad, Psychologie des Seins: ein Entwurf, Ungekürzte Ausg., 12.-13. Tsd, Fischer-Taschenbücher Geist und Psyche 42195 (Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verl, 1997), 134–38.

8Damit ist wahrscheinlich Otto Fenichel: The Psychoanalytic Theory of Neurosis. gemeint, ein Buch das weit verbreitet war und einen großen Einfluss auf das Denken der damaligen zeit hatte.

9Maslow: “Die Tendenz, einzuordnen (anstatt eine konkrete, idiographische, auf den Patienten bezogene Erfahrungssprache zu benützen), tendiert fast mit Sicherheit dazu, stärker zu werden, auch bei den besten Therapeuten, wenn sie müde, krank, geistesabwesend, ängstlich, uninteressiert, ohne Achtung für ihre Patienten und in Eile sind. Unsere Betrachtungen mögen also auch als Hilfe für die ständige Selbstanalyse der Gegenübertragung des Psychoanalytikers dienen.”

10Wage es, weise zu sein!

Systemtheorie: Definitionen und Erklärungen

Bei den nicht von mir stammenden Definitionen/Erklärungen geben die Namen hinter den Definition/Erklärung den/die jeweiligen Autor(en) wieder. Eine ausführlichere Schilderung der Systemtheorie findet sich auch der Seite “Die Systemtheorie nach Humberto Maturana”.

Autopoiese

„griech.: autos = selbst; poiein = machen.“ (Maturana/Varela)1

„Die Autopoiese ist der Mechanismus, der Lebewesen zu autonomen Systemen macht. Sie kennzeichnet Lebewesen als autonom.“ (Maturana/Varela)2

„Autopoiese ist die Organisation, welche ein Lebewesen als Lebewesen definiert.“ (Maturana)3

„Ein autopoietisches System ist ein homöostatisches System, das als ein Netzwerk von Prozessen der Produktion (Transformation und Destruktion) von Bestandteilen organisiert (als Einheit definiert) ist, das die Bestandteile erzeugt, welche 1. aufgrund ihrer Interaktionen und Transformationen kontinuierlich eben dieses Netzwerk an Prozessen (Relationen), das sie erzeugte, neu generieren und verwirklichen, und die 2. dieses Netzwerk (das System) als eine konkrete Einheit in dem Raum, in dem diese Bestandteile existieren, konstituieren, indem sie den topologischen Bereich seiner Verwirklichung als Netzwerk bestimmen.“ (Maturana)4

„Die Tätigkeiten autopoietischer Systeme stehen im Dienst der Autopoiese, andernfalls zerfallen solche Systeme.“ (Maturana)5

Autopoietische Systeme:

Siehe: Autopoiese

Driften:

Driften bezeichnet das durch die Ontogenese (und strukturelle Koppelung) erzeugte “Treiben” der Lebewesen im Wasser des Lebens in eine durch die Erhaltung der Autopoiese „vorgeschriebene“ (nicht determinierte) Richtung.

(Zu Gendrift findet man hier ausführlichere Angaben)

Einheit:

„Eine Einheit (Entität, Wesen, Objekt) ist durch einen Akt der Unterscheidung definiert. Anders herum: immer dann, wenn wir in unseren Beschreibungen auf eine Einheit Bezug nehmen, implizieren wir eine Operation der Unterscheidung, die die Einheit definiert und möglich macht.“ (Maturana/Varela)6

Einheiten erster, zweiter und dritter Ordnung

siehe: Strukturelle Koppelung erster, zweiter und dritter Ordnung

Erkennen und (Er)Kenntnis:

„Jedes Tun ist Erkennen, und jedes Erkennen ist Tun.“ (Maturana/Varela), Oder etwas komplexer ausgedrückt: „Erkennen ist effektive Handlung, das heißt, operationale Effektivität im Existenzbereich des Lebewesens.“ (Maturana/Varela) Dies bedeutet u.a., „dass jeder Akt des Erkennens eine Welt hervorbringt.“ (Maturana/Varela)9

„Wir sprechen dann von (Er)Kenntnis, wenn wir ein effektives (oder angemessenes) Verhalten in einem bestimmten Kontext beobachten, das heißt in einem Bereich, den wir durch eine (explizite oder implizite) Frage umreißen, die wir als Beobachter formulieren.“ (Maturana/Varela)10

Großsysteme, soziale

siehe: soziale Großsysteme

Gruppe:

Die Gruppe ist eine Sonderform eines sozialen Systems. Wo sich mehrere (mindestens drei) Menschen mehr oder weniger stark dauerhaft strukturell koppeln, haben wir eine Gruppe vor uns. Eine Gruppe ist also ein soziales Kleinsystem.

Interaktion:

Ein wechselseitiger Austausch von Mitteilungen ( Kommunikationen) zwischen zwei oder mehreren Personen wird als Interaktion bezeichnet. 11

siehe auch: Kommunikation.

Kommunikation:

a) Allgemeine Bezeichnung eines Wissensgebietes.

b) Eine einzelne Kommunikation heißt Mitteilung (message), im Gegensatz zum englischen communication (Verständigung, Austausch von Informationen), das eher dem Begriff der Interaktion entspricht. 12

(Anmerkung: meine Definition weicht etwas von der Maturanas/Varelas ab. Vgl Maturana/Varela 1987, S. 210)

Konsensueller Bereich:

„Ich (nenne) … den Bereich ineinandergreifender Verhaltensweisen, der sich aus der ontogenetischen reziproken Koppelung der Strukturen strukturell plastischer Organismen ergibt, einen konsensuellen Bereich … .“ (Maturana)13

Ko-Ontogenese:

siehe: Ontogenese

Lernen:

Strukturelle Veränderungen eines autopoietischen Systems aufgrund von Perturbationen durch das Milieu, ohne Verlust der (autopoietischen) Organisation, um die Viabilität in dem Milieu aufrecht zu erhalten, wird als Lernen bezeichnet.

Ontogenetische Koppelung:

„Dass sich zwei (oder mehr) autopoietische Einheiten in ihrer Ontogenese gekoppelt haben, sagen wir, wenn ihre Interaktionen einen rekursiven oder sehr stabilen Charakter erlangt haben.“ (Maturana/Varela)14.

Organisation:

„Unter Organisation sind die Relationen zu verstehen, die zwischen den Bestandteilen von etwas gegeben sein müssen, damit es als Mitglied einer bestimmten Klasse erkannt wird.“ (Maturana/Varela)15

Ontogenese:

„Die Ontogenese ist die Geschichte des strukturellen Wandels einer Einheit ohne Verlust ihrer Organisation.“ (Maturana/Varela)16

Pädagogik:

Pädagogik ist die Wissenschaft, welche sich mit dem Zustandekommen von strukturellen Koppelungen zwischen Menschen und zwischen Mensch und Milieu, so wie den Möglichkeiten der Aufrechterhaltung dieser strukturellen Koppelungen beschäftigt. Ihr Ziel ist die Ermöglichung der vollen Persönlichkeitsentfaltung des einzelnen Menschen (die allseitige Entwicklung des Menschen), damit er wird, was er werden kann (= wozu ihn seine Struktur determiniert).

Ein sich selbst verwirklichender Mensch, “verwirklicht” seine Struktur-determiniertheit, er wird, zu was ihn seiner Struktur (er sich selbst) determiniert/bestimmt.

Paradigma:

„Eine Konstellation von Begriffen, Wahrnehmungen, Werten und Handlungen, welche von einer Gemeinschaft geteilt wird und zu einer gewissen Weltsicht führt, die die Grundlage für eine soziale Ordnung dieser Gemeinschaft bildet. Ein einzelner Mensch kann also kein Paradigma vertreten.“ (Capra)17

Phänomene, soziale

siehe: soziale Phänomene

Der Radikale Konstruktivismus

(ausführlicher: hier)

Kernthesen des Radikalen Konstruktivismus nach E. v. Glasersfeld.18

  • Menschliches Wissen ist eine menschlich Konstruktion.
  • Der Radikale Konstruktivismus verleugnet keineswegs eine äußere Realität. Er befasst sich jedoch nur mit dem kognitiven Aspekt und nicht mit dem, was „in der Tat“ oder „tatsächlich“ vorhanden ist.
  • Es ist nicht vernünftig, etwas die Existenz zu bescheinigen, was nicht (irgendwann einmal) wahrgenommen werden kann (könnte).
  • Es gibt keine objektive Realität, Wahrheit, welche durch Erkenntnis erkannt werden könnte. Wissen kann nur viabel sein – d.h. in die Erlebnis- und Erfahrungswelt des Wissenden passen – nicht jedoch wahr sein.
  • Kein Wissen kann Einzigartigkeit beanspruchen. So viabel eine Problemlösung auch sein mag, sie darf nie als die einzig mögliche betrachtet werden.
  • Eine Theorie sollte immer auf sich selbst angewendet werden, d.h.: auch der Radikale Konstruktivismus kann nur eine mögliche/viable Antwort auf das Problem des Erkennens sein.
  • „Was wir „Wissen“ nennen repräsentiert keineswegs eine Welt, die jenseits unseres Erfahrungskontaktes mit ihr existiert. … [„Wissen“ bezieht sich] auf die Art und Weise, wie wir unsere Erfahrungswelt organisieren.“
    (Glasersfeldt)19

Realitätstunnel:

„Eine durch Sprache, Gedanken, Gefühle und scheinbare Sinneseindrücke mittels eines Kodesystems oder einer Struktur von Metaphern entstandene Realität, welche durch Sprache, Kunst, Mathematik oder ein anderes Symbolsystem vermittelt wird.“ (Wilson)20

Der Begriff wurde von Timophy Leary “erfunden”.

Soziale Phänomene:

„Unter sozialen Phänomenen verstehen wir Phänomene, die mit dem Zustandekommen von Koppelungen dritter Ordnung21 einhergehen, und unter sozialen Systemen die Einheiten dritter Ordnung, die so entstehen……(Die) soziale Phänomenologie beruht darauf, dass die beteiligten Organismen im wesentlichen ihre individuellen Ontogenesen als Teil eines Netzwerkes von Ko-Ontogenesen verwirklichen, das sie bei der Bildung von Einheiten dritter Ordnung hervorbringen.“ (Maturana/Varela)22

Soziale Großsysteme

Unter sozialen Großsystemen verstehe ich unüberschaubare soziale Systeme, deren Grenzen meist nicht genau bestimmbar sind. Sie werden auch Kulturen oder Gesellschaften genannt. Ich selbst z.B. gehöre u.a. zu den sozialen Großsystemen: „die Schwaben“, „die Deutschen“; „die Europäer“; „die Menschheit“. Menschliche soziale (Groß-)Systeme sind durch eine menschliche Struktur und sprachliche Organisation (d.h. die Relationen werden durch Verhalten im sprachlichen Bereich bestimmt) charakterisierbar. Deshalb ist z.B. „Deutschland“ kein soziales (Groß-) System, da zu Deutschland auch Landfläche, Luftraum, Natur, etc. gehören.

Soziales Kleinsystem

ist ein soziales System, welchem man beitreten oder es verlassen kann, ohne es dabei zu bilden oder aufzulösen.

Soziales Minisystem

Ein soziales Minisystem besteht aus zwei Menschen. Es zerfällt, wenn einer der beiden das System verlässt.

Soziale Systeme:

Ein Soziales System sind mindestens zwei Menschen mit einer dauerhaften strukturellen Koppelung, also mit einer Ko-Ontogenese.

Sprache:

„Wir operieren in der Sprache, wenn ein Beobachter feststellen kann, daß die Objekte unserer sprachlichen Unterscheidungen Elemente unseres sprachlichen Bereichs sind. Sprache ist ein fortdauernder Prozess, der aus dem in-der-Sprache-Sein besteht und nicht in isolierten Verhaltenseinheiten.“ (Maturana/Varela)23

„Das Wort „Sprache“ bezeichnet primär die Fähigkeit zu sprechen, das gesprochene Wort bzw. die gesprochene Rede, und in verallgemeinerter Weise jedes konventionelle Symbolsystem, das zu Zwecken der Kommunikation verwendet wird.“ (Maturana)24

Sprachlicher Bereich:

Angeborenes Verhalten ist abhängig von den Strukturen, die im Verlauf der Entwicklung des Organismus unabhängig von seiner individuellen Ontogenese entstehen. Erworbenes kommunikatives Verhalten ist abhängig von der individuellen Ontogenese des Organismus und von seiner besonderen Geschichte von sozialen Interaktionen. … Solches erlerntes kommunikatives Verhalten nennen wir einen sprachlichen Bereich, da es die Grundlage der Sprache darstellt, mit dieser aber noch nicht identisch ist.“ (Maturana/Varela)25

Struktur:

„Unter der Struktur von etwas werden die Bestandteile und die Relationen verstanden, die in konkreter Weise eine bestimmte Einheit konstituieren und ihre Organisation verwirklichen.“ (Maturana/Varela)26

Strukturdeterminiertheit:

„Eine Interaktion kann eine Strukturveränderung nicht determinieren, da diese Veränderung von dem vorangegangenen Zustand der betroffenen Einheit determiniert ist und nicht durch die Struktur des perturbierenden Agens.“ (Maturana/Varela)27

„Zwei Systeme können vom Standardbeobachter … deshalb unterschieden werden, weil sie aufgrund von als identisch aufgefassten Einwirkungen unterschiedliche Zustände einnehmen und daher nicht-instruierbare Systeme sind. Die wissenschaftliche Methode gestattet uns lediglich die Bearbeitung von Systemen, deren Strukturveränderungen auf die Relationen und Interaktionen ihrer Bestandteile zurückgeführt werden können und die daher als strukturdeterminierte Systeme operieren. Strukturdeterminierte Systeme kennen keine instruktiven Interaktionen. Angesichts dieser Tatsache ist jede Beschreibung einer Interaktion als Instruktion (oder als Informationsübertragung) bestenfalls metaphorisch; sie gibt keinesfalls das tatsächliche Operieren der Systeme wieder, die Gegenstand wissenschaftlicher Beschreibung und Untersuchung sind. …

Aus epistemologischen Gründen sind wissenschaftliche Vorhersagen daher Berechnungen der Zustandsabfolgen von strukturdeterminierten Systemen.“ (Maturana)28

Strukturelle Koppelung:

„Da wir die autopoietische Einheit (z.B. den Menschen, Anm. d. Verf.) als mit einer besonderen Struktur ausgestettet beschreiben, erscheint es uns offenkundig, dass die Interaktionen zwischen Einheit und Milieu (z.B. die Umwelt, Mitmenschen, etc.; Anm.d.Verf.), solange sie rekursiv sind, für einander reziproke Perturbationen bilden. Bei diesen Interaktionen ist es so, dass die Struktur des Milieus in den autopoietischen Einheiten Strukturveränderungen nur auslöst, diese also weder determiniert noch instruiert (vorschreibt), was auch umgekehrt für das Milieu gilt. Das Ergebnis wird – solange sich Einheit und Milieu nicht aufgelöst haben – eine Geschichte wechselseitiger Strukturveränderungen sein, also das, was wir strukturelle Koppelung nennen.“ (Maturana/Varela)29

Strukturelle Koppelung erster, zweiter und dritter Ordnung:

„Im Kontext lebender Systeme unterscheidet Maturana zuweilen zwischen strukturellen Koppelungen erster, zweiter und dritter Ordnung. Die Einteilung bezieht sich auf die entsprechend klassifizierte Bildung lebender Einheiten. Einheiten 1. Ordnung (Zellen) entstehen durch eine entsprechende Verkoppelung (1. Ordnung) ihre Bestandteile im Prozess der Autopoiese. Metazeller (Pflanzen, Tiere) werden durch reziproke Koppelung (2. Ordnung) aus Einheiten 1. Ordnung gebildet. Soziale Phänomene gehen schließlich einher mit Koppelungen dritter Ordnung, die auf der Ko-Ontogenese der beteiligten Organismen (Einheiten 2. Ordnung) beruhen. Interaktionen zwischen menschlichen Individuen (Einheiten 2. Ordnung) sind damit als Koppelungen dritter Ordnung zu betrachten (soziale Systeme).“ (Böse/Schiepek, nach: Maturana)30

System

„Unter einem System wird eine Ganzheit [Einheit] verstanden, die aus einzelnen Elementen besteht, welche untereinander in einer wechselseitigen Beziehung stehen und sich gegenseitig beeinflussen.“ (Hobmair 2012, S. 397)

Systeme erster, zweiter und dritter Ordnung:

siehe: Strukturelle Koppelung erster, zweiter und dritter Ordnung

Systeme, soziale

siehe: soziale Systeme

Team:

Ein Team ist eine Sonderform eines Sozialen Systems. Es besteht aus mindestens zwei Menschen. Zwischen den Mitgliedern eines Teams ist die strukturelle Koppelung besonders stark. Seine Größe ist also durch die maximal mögliche Anzahl von starken strukturellen Koppelungen, welche ein Mensch „eingehen“ kann, beschränkt.

Verhalten, kommunikatives und angeborenes:

siehe: Sprachlicher Bereich

viabel/Viabilität:

viabel: gangbar, funktionierend, lebensfähig.31

„Viabilität“ ist die substantivierte Form von „viabel“.

Viabel ist eine „Eindeutschung“ des englischen Wortes viable, was etwa „lebensfähig“ bedeutet, von E. v. Glasersfeld. E. v. Glasersfeld übersetzt den Begriff „viabel“ teilweise mit „passend“. Dieser Begriff ist mir zu statisch, wohingegen „gangbar“ ein dynamischer Begriff ist, der sagt, dass man „auf dem Weg“ ist.

Fußnoten

1 Maturana/Varela 1987, S. 51

2 vgl. Maturana/Varela 1987, S. 55

3 Maturana 1987a, S. 290

4 Maturana 1985, S. 184/185

5 Maturana 1987b, S. 95

6 Maturana/Varela 1987, S. 46

7 Maturana/Varela 1987, S. 31

8 Maturana/Varela 1987, S. 35

9 Maturana/Varela 1987, S. 31

10 Maturana/Varela 1987, S. 189

11 Watzlawick u.a. 1990, S 50f

12 vgl. Watzlawick u.a. 1990, S 50 und Duden 1989, S. 367

13 Maturana 1985, S. 256

14 Maturana/Varela 1987, S. 85

15 Maturana/Varela 1987, S. 54

16 Maturana/Varela 1987, S. 84

17 Fritjof Capra (1988b) in einem Vortrag in der “Teleakademie” (1988 im Hospitalhof des ev. Bildungswerkes in Stuttgart gehalten). Eine Veröffentlichung (schriftlich oder visuell) ist mir nicht bekannt.

18 nach Glasersfeld 1992, S. 30/31. Vgl. auch: Glasersfeld 1987

19 Glasersfeld 1992, S. 30

20 vgl. Wilson 1992, S. 10/11

21 Strukturelle Koppelung erster bis dritter Ordnung: siehe Definition

22 Maturana/Varela 1987, S. 209

23 Maturana/Varela 1987, S.226

24 Maturana 1985, S. 258

25 Maturana/Varela 1987, S. 223. Hervorhebungen von mir, M.S.

26 Maturana/Varela 1987, S. 54

27 Maturana/Varela 1987, S. 111

28 Maturana 1985, S. 243, vgl. auch hierzu: Maturana/Varela 1987, S. 105 – 110.

29 Maturana/Varela 1987, S. 85

30 Böse/Schiepek 1989, S. 176

31(vgl. hierzu: Glasersfeld 1992, S. 30-33, Glasersfeld 1992b, S. 22-31, sowie Kösel 1993, S. 384.)

Literaturangaben

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Glasersfeld, Ernst von (1992b): Konstruktion der Wirklichkeit und des Begriffs der Objektivität. In: Gumin, Heinz/Meier, Heinrich (Hg.): Einführung in den Konstruktivismus. München, Zürich (Piper), S. 9 – 40.

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Laudse (Lao Zi) (1978): Daudedsching (Dao de jing). Leipzig (dtv)

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Luhmann, Niklas (2002): Das Erziehungssystem der Gesellschaft. 1.Aufl., Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2002, ISBN 3-518-29193-9

Maturana, Humberto (1985): Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit. Braunschweig, Wiesbaden (Vieweg), 2. durchges. Aufl.

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Die Systemtheorie nach Humberto Maturana

Systeme

“Systeme sind von der Umwelt abgrenzbare, strukturierte Ganzheiten, deren Elemente in Wechselwirkungen miteinander stehen.” (Lieb 2014)

“Systemtheorien untersuchen den Aufbau von Systemen, ihre Dynamik und ihr Verhalten im Zeitablauf, wobei zunehmend dem Konzept der Selbstorganisation eine zentrale Rolle zukommt.
Es werden verschiedene Systemebenen unterschieden, die ihrerseits in Wechselwirkung miteinander stehen (z.B. Zellsystem, psychisches System, Familiensystem, Rechtssystem). […] In der Psychologie spielt systemisches Denken vor allem auf den Gebieten der Familienpsychologie und -therapie (Familie, Psychotherapie, Systemische Therapie), der Arbeits- und Organisationspsychologie und der Ökologischen Psychologie (Umweltpsychologie) eine wichtige Rolle.
Auf gesellschaftlicher Ebene ist insbesondere die Systemtheorie von Niklas Luhmann von Bedeutung. Verwandte Denkrichtungen sind der Radikale Konstruktivismus, die Kybernetik und die Chaostheorie.” (Lieb 2014)

Kognitive Systeme

Nach Humberto Maturana1 sind kognitive Systeme (z.B. das menschliche Gehirn) energetisch offen, aber semantisch/informell geschlossen. D.h.: Sie nehmen keine Informationen aus der Umwelt/dem Milieu auf, oder können willentlich bestimmte (determinierbare) Informationen an das Milieu abgeben. Das Milieu wirkt lediglich durch Perturbationen (Störungen) auf das kognitive System ein, aus welchen sich dieses eine viable (lebbare) Umwelt errechnet2. Gleichfalls kann auch das kognitive System seine Umwelt lediglich „stören“, jedoch nicht absichtsvoll auf eine bestimmte Art und Weise beeinflussen.

Hierzu Gerhard Roth:

„Dabei ist es für das kognitive System nicht immer möglich, zwischen internen und externen Perturbationen/Erregungen des Nervensystems zu unterscheiden.
Das Gehirn ist […] ein […] selbstreferentielles System. Seine neuralen Zustände sind zirkulär angeordnet, sie interagieren in unendlich rekursiver Weise miteinander. Es kann über die Sinnesorgane von Ereignissen der Umwelt beeinflusst werden, aber die Art und Weise dieser Beeinflussung wird von ihm selbst (durch seine funktionale Organisation) festgelegt. Zugleich ist das Gehirn ein semantisch selbstreferentielles oder ein selbstexplikatives System: Es weist seinen eigenen Zuständen Bedeutung zu, die nur aus ihm selbst genommen sind. So kann es nur nach inneren Kriterien entscheiden, ob die Erregungszustände, die es in sich erfährt, Ereignisse der äußeren Welt, des Körpers oder des psychischen-geistigen Bereichs sind und welche speziellen Bedeutungen diese Ereignisse haben.“ (Roth)3

Die bloße Annahme der Existenz einer Außenwelt/eines Milieus, ist eine Konstruktion unseres Gehirns (siehe: Konstruktivismus). Dieses erhält lediglich durch die Vermittlung der Sinne Signale aus der Umwelt, kann jedoch diese Signale nicht von internen Signalen unterscheiden, da es ja nur intern Signale „empfangen“ kann (da es selbst ja keine direkte Verbindung mit der Außenwelt hat).

Hierzu noch einmal Gerhard Roth:

„Befremdlich muss die Aussage klingen, dass das Gehirn … keinen direkten Kontakt mit der Welt hat; … Ebenso schwierig ist es zu verstehen oder auch emotional zu verstehen, dass alles, was wir wahrnehmen und was wir sind, ein Konstrukt unseres Gehirns ist und dass es keinerlei gesicherte Beziehung zwischen diesen Konstrukten und den Dingen und Ereignissen der bewusstseinsunabhängigen Welt gibt.“ (Roth)4

Struktur und Organisation

Um den Begriff der strukturellen Koppelung zu verstehen, ist es wichtig die Bedeutung der Begriffe „Struktur“ und „Organisation“ zu kennen. Sie werden von Maturana/Varela folgendermaßen definiert:

Struktur:

Unter der Struktur von etwas werden die Bestandteile und die Relationen verstanden, die in konkreter Weise eine bestimmte Einheit konstituieren und ihre Organisation verwirklichen.“ (Maturana/Varela)5

Organisation:

Unter Organisation sind die Relationen zu verstehen, die zwischen den Bestandteilen von etwas gegeben sein müssen, damit es als Mitglied einer bestimmten Klasse erkannt wird.“ (Maturana/Varela)6

Um die Begriffe Struktur und Organisation näher zu verdeutlichen, hier nun ein Text aus dem “Dao de jing”:

dreißig speichen umringen die nabe
wo nichts ist
liegt der nutzen des rades“
(LaoZi)7

Mantel, Felge, Speichen und Nabe, sowie die Materialien, aus welchen sie jeweils hergestellt sind, bilden die Struktur des Rades. Erst ihre Organisation (Anordnung, Verhältnis und Beziehung der einzelnen Teile zueinander) “macht” aus ihnen ein Rad. Dabei gehört zur Organisation auch, dass an bestimmten Stellen nichts ist. Auch “Nicht-Seiendes” ist Teil einer Organisation.

“Strukturveränderung” ohne Änderung der Organisation würde im Beispiel bedeuten, z.B. die Speichen aus Aluminium herzustellen, oder aus den dreißig einzelnen Speichen zusammen mit der Felge – wie es heutzutage bei fast allen Autorädern der Fall ist – eine einzige große Felge zu machen. Die Struktur des Rades hätte sich dann verändert, nicht jedoch die Organisation, welche das Rad zum Rad macht8.

(Es ist natürlich möglich, zwischen der Organisation z.B. eines Fahrradrades und der Organisation eines Autorades zu unterscheiden.)

Rekursivität:

Als Rekursion (lateinisch recurrere ‚zurücklaufen‘) bezeichnet man den abstrakten Vorgang, dass Regeln auf ein Produkt, das sie hervorgebracht haben, von neuem angewandt werden. Hierdurch entstehen potenziell unendliche Schleifen. Regeln bzw. Regelsysteme heißen rekursiv, wenn sie die Eigenschaft haben, Rekursion im Prinzip zuzulassen.“ (Wikipedia)9

Autopoietische Gebilde erhalten sich durch ständige Herstellung ihrer Komponenten durch sich selbst.

Autopoiese

Autopoiese:

griech.: autos = selbst; poiein = machen.“ (Maturana/Varela)10

Die Autopoiese ist der Mechanismus, der Lebewesen zu autonomen Systemen macht. Sie kennzeichnet Lebewesen als autonom.“ (Maturana/Varela)11

Autopoiese ist die Organisation, welche ein Lebewesen als Lebewesen definiert.“ (Maturana)12

Ein autopoietisches System (z.B. der Mensch) ist ein sich selbstständig hervorbringendes und erzeugendes System, d.h. es erzeugt

durch sein Operieren fortwährend seine eigene Organisation … , und zwar als ein System der Produktion seiner eigenen Bestandteile … .”(Maturana)13

Dabei zeigt sich der Einfluss der Umwelt als auf das autopoietische System einwirkende Perturbationen (Störungen), welche das autopoietische System verändern, jedoch können diese Veränderungen vom Handelnden nicht determiniert (bestimmt) werden, auf Grund der Strukturdeterminiertheit des perturbierten Systems.

Die Autopoiese ist die Organisationsform der Lebewesen, oder anders gesagt: jedes Lebewesen ist ein autopoietisches System.

Autopoiese und operationale Geschlossenheit

Systeme „machen sich selbst” (griechisch: auto = selbst; poiein = erzeugen, erschaffen) und sie reagieren auch nur auf sich selbst. Systeme können auch nicht aufhören, sich zu erschaffen und auf sich selbst zu reagieren, solange sie leben. Für sie gibt es nur Weiterleben oder Sterben. Solange sie leben, reproduzieren sie sich nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten.

Eine Ableitung daraus auf dem Gebiet der psychischen Störungen: Wenn eine Person sich selbst als depressiv beschreibt, folgt aus dieser Theorie, dass „die Depression” von der Psyche dieser Person selbst erzeugt wird und nicht von außen in sie hineingetragen werden kann. Die Frage ist dann, wie und mit welchen Operationen die Psyche das in Interaktion mit ihrer Umwelt tut. Diese Operationen sind dann qualitativ von gleicher Art wie die Operationen der Psyche aller anderen Menschen.

Die Operationen eines Systems schließen immer nur an eigene Operationen und nicht an die anderer Systeme an. Die Umwelt ist das, was sich das System als Umwelt konstruiert. Insofern reagiert ein System nicht auf die Umwelt, sondern darauf, wie es sich diese Umwelt erzeugt. Welche Ereignisse oder welche „Botschaften” von außen (z. B. von einer anderen Person) für ein System relevant sind, bestimmt es selbst dadurch, ob und wie es auf diese Umwelt reagiert.” (Lieb 2014)

Dynamisches Gleichgewicht von Systemen

Betrachten wir das zeitliche Verhalten von Systemen. Wenn sich im Laufe der Zeit nichts ändert, so spricht man von einem statischen bzw. stabilen System. Das Gegenteil ist eine ständige Veränderung im Laufe der Zeit. Dann spricht man von Dynamik bzw. vom dynamischen System. Wichtig ist dabei, dass beides (Stabilität/Dynamik) notwendige Gegenpole in funktionierenden Systemen sind. Nur das eine oder das andere ist das Ende jeden Systems. In der Mischung von beidem kann sich erst ein System entwickeln. Ohne Stabilität hat ein System schließlich keinen Bestand. Aber eben auch der Wandel ist ein notwendiges Merkmal aller Systeme, denn dazu führen nämlich die Beziehungen untereinander. In den Griff bekommt man diesen Wandel z. B. durch Steuer- und Regelmechanismen.

Da ein selbstorganisierendes, operational geschlossenes System sich ständig selbst erzeugen und wieder ins Gleichgewicht bringen muss, spricht man von einem dynamischen, also sich ständig veränderndem, aber dennoch im Gleichgewicht seienden System.

Ein solches System befindet sich dann im dynamischen Gleichgewicht, wenn die Häufigkeit der Reaktionen in beiden Richtungen gleich groß ist. Hin- und Rückreaktion heben sich in ihrer Auswirkung gegenseitig auf, da die Prozesse rekursiv und zirkulär sind. Das System ist dynamisch, da die Hinreaktion und die Rückreaktion ständig ablaufen.

Operationale Geschlossenheit

Die “operationale Geschlossenheit” besagt nicht, dass die Systeme in Isolation voneinander existieren. Im Gegenteil: Sie benötigen ihre Umwelt “wie der Fisch das Wasser” benötigt, wie die Kognition (Bewusstsein oder Psyche) die soziale Kommunikation benötigt, wie die Kommunikation auf die Psyche bzw. das kognitive System angewiesen ist. Die operationale Geschlossenheit lässt informationelle Störungen (Perturbationen) oder “strukturelle Kopplungen” zu. Das meint, dass es in der aufeinander bezogenen Interaktion autonomer Systeme zu Mustern der Interaktion kommen kann. Man kennt sich, weiß, wie man miteinander umzugehen hat, verwendet bestimmte Unterscheidungen, gefällt sich in Ritualen. “Strukturell” bedeutet, dass die jeweils eigenen “Betriebssysteme” Formen entwickeln, die den Kontakt mit anderen Betriebssystemen erwartbar werden lassen.

“Beschreibt man die Gesellschaft als System, so folgt aus der allgemeinen Theorie autopoietischer Systeme, dass es sich um ein operativ geschlossenes System handeln muss. Auf der Ebene der eigenen Operationen gibt es keinen Durchgriff in die Umwelt, und ebenso wenig können Umweltsysteme an den autopoietischen Prozessen eines operativ geschlossenen Systems mitwirken. […] Operative Geschlossenheit hat zur Konsequenz, dass das System auf Selbstorganisation angewiesen ist. […] Die eigenen Strukturen können nur durch eigene Operationen aufgebaut und geändert werden – also zum Beispiel Sprache nur durch Kommunikation und nicht unmittelbar durch Feuer, Erdbeben, Weltraumstrahlungen oder Wahrnehmungsleistungen des Einzelbewusstseins.”14 (Luhmann)

Operative Schließung ist gleichbedeutend mit autopoietischer Reproduktion, Systeme, die sich auf diesem Evolutionsniveau etablieren, können sich nur aus eigenen Produkten reproduzieren. Sie können keine Elemente, keine unverarbeiteten Partikel aus der Umwelt importieren.“ (Luhmann)15

Die eigenen Strukturen können nur durch eigene Operationen aufgebaut und geändert werden: Z.B. Sprache nur durch Kommunikation (Sprache).

Strukturdeterminiertheit

HumbertoMaturana:

Wäre der von einem System aufgrund einer Interaktion eingenommene Zustand durch die Eigenschaften der Entität bedingt, mit der das System interagiert, dann wäre die Interaktion eine „instruktive“ Interaktion. … Alle instruierbaren Systeme würden … aufgrund gleicher Einwirkung denselben Zustand einnehmen und notwendigerweise für den Standardbeobachter ununterscheidbar sein.
Zwei Systeme können vom Standardbeobachter nämlich deshalb unterschieden werden, weil sie aufgrund von als identisch aufgefassten Einwirkungen unterschiedliche Zustände einnehmen und daher nicht-instruierbare Systeme sind.“ (Maturana)16

Nach Humberto Maturana sind Menschen (autopoietische Systeme) strukturdeterminiert, nicht umweltdeterminiert. In der strukturellen Koppelung/Interation mit der Umwelt wird ein autopoietisches System lediglich perturbiert und „verarbeitet“ diese Perturbation auf Grund und nach Art und Weise seiner eigenen Struktur. Deshalb konstruiert jeder Mensch seine eigene Wirklichkeit.

Strukturdeterminiertheit bedeutet nichts weiter, als dass etwas nicht einfach durch etwas anderes verändert werden kann, denn sonst existiert es nicht mehr. Nehmen wir einmal an, wir würden uns ständig verändern, je nachdem, was uns gerade beeinflusst, wären wir ein Spielball unserer Umwelt. Um wir selbst sein zu können, müssen wir uns gegen verschiedene Umwelteinflüsse behaupten und wir selbst bleiben.

Soziale Systeme

Strukturelle Koppelung

Der Begriff der strukturellen Koppelung wird von Humberto Maturana und Francisco Varela17 folgendermaßen definiert:

Strukturelle Koppelung :

„Da wir die autopoietische Einheit als mit einer besonderen Struktur ausgestattet beschreiben, erscheint es uns offenkundig, dass die Interaktionen zwischen Einheit und Milieu, solange sie rekursiv sind, für einander reziproke Perturbationen bilden. Bei diesen Interaktionen ist es so, dass die Struktur des Milieus in den autopoietischen Einheiten Strukturveränderungen nur auslöst, diese also weder determiniert noch instruiert (vorschreibt), was auch umgekehrt für das Milieu gilt. Das Ergebnis wird – solange sich Einheit und Milieu nicht aufgelöst haben – eine Geschichte wechselseitiger Strukturveränderungen sein, also das, was wir strukturelle Koppelung nennen.“ (Maturana/Varela) 18

Strukturelle Koppelung findet also immer statt, wenn z.B Mensch und Umwelt, oder zwei Menschen lange genug miteinander interagieren, um von einer „Geschichte wechselseitiger Strukturveränderungen“ sprechen zu können. Hierbei beeinflussen sie sich gegenseitig derart, dass sie gegenseitig Strukturveränderungen (durch Perturbationen) auslösen. Dabei können diese Strukturveränderungen weder vom beeinflussenden, noch vom beeinflussten System (Mensch, Umwelt) determiniert (bestimmt) werden19.

Bei diesem Theoriebaustein geht es um die Beschreibung von Interaktionen zwischen einem System und seiner Umwelt bzw. zwischen einem System und einem anderen: Z. B. zwischen Körper und Psyche, zwischen einer Einzelperson (Psyche + Körper) mit einem sozialen System oder auch zwischen einer Organisation und seiner Umwelt (z. B. Kunden).
Mit diesem Konzept wird theoretisch kombiniert, dass ein System gleichzeitig autonom und von seiner Umwelt/von anderen Systemen abhängig ist.
Was das einzelne System betrifft, gilt das Prinzip der ‘operationalen Geschlossenheit’. Diese besagt, dass jedes System aufgrund seiner Eigenstruktur selbst bestimmt, was es aus der Umwelt aufnimmt und wie es darauf reagiert. Auf dem Gebiet der Kommunikation: ‘Der Empfänger bestimmt die Botschaft.'” Strukturelle Koppelung bedeutet auch, “dass sich das … System auf Dauer auf… Ereignisse in seiner Umwelt… einstellt und seine eigene Struktur daran ausrichtet” (Hoegl 2012, S. 223).

Struktur und Organisation der Gruppe

Die Organisation der Gruppe ist das, was eine Gruppe zu einer Gruppe, zu einer Einheit und einem System 3. Ordnung macht. Die Organisation der Gruppe, das sind die “Relationen”, die zwischen den Gruppenmitgliedern gegeben sein müssen, um die Organisation “Gruppe” zu erzeugen. Diese “Relationen” werden durch rekursive Interaktionen gebildet und existieren innerhalb des sprachlichen Bereichs/der Sprache der Gruppe, also in den, bzw. durch die FInteraktionen20 zwischen den Mitgliedern der Gruppe.21

Stabile, andauernde Interaktionen werden auch „Strukturelle Koppelungen“ genannt.

“Strukturveränderung” der Gruppe bedeutet demnach z.B.:

Eintritt neuer oder Austritt alter Gruppenmitglieder, Änderungen in den Interaktionen zwischen den Mitgliedern (z.B. Änderungen der Sprache, Regeln oder der Häufigkeit der Interaktionen.). Aber auch Strukturänderungen der einzelnen Mitglieder (Menschen) bedeuten Strukturänderungen der Gruppe.

Soziale Systeme und Phänomene

… werden von Maturana/Varela folgendermaßen definiert:

Soziale Phänomene :

„Unter sozialen Phänomenen verstehen wir Phänomene, die mit dem Zustandekommen von Koppelungen dritter Ordnung einhergehen, und unter sozialen Systemen die Einheiten dritter Ordnung, die so entstehen. … (Die) soziale Phänomenologie beruht darauf, dass die beteiligten Organismen im wesentlichen ihre individuelle Ontogenesen als Teil eines Netzwerkes von Ko-Ontogenesen verwirklichen, das sie bei der Bildung von Einheiten dritter Ordnung hervorbringen.“ (Maturana/Varela)22

Da Soziale Systeme als Einheiten (Systeme) dritter Ordnung definiert sind, welche sich durch strukturelle Koppellungen dritter Ordnung bilden23, können wir bereits bei nur zwei beteiligten Menschen (Systemen) von einem Sozialen System sprechen.

Soziales System:

Ein Soziales System sind mindestens zwei Menschen mit einer dauerhaften strukturellen Koppelung, also mit einer Ko-Ontogenese.

Bereits zwei strukturell gekoppelte Menschen bilden ein soziales System
Abbildung 1: Bereits zwei strukturell gekoppelte Menschen bilden ein soziales System. (gezeichnet nach: Maturana/Varela)

Ein Soziales System lässt sich also bereits folgendermaßen, als strukturelle Koppellung von mindestens zwei autopoietischen Systemen/Menschen darstellen (wobei die Anzahl der beteiligten Systeme/Menschen soweit erweiterbar ist, wie es die oberen Definitionen zulassen.):

Die Gruppe – Begriffsbestimmung

Von Peter R. Hofstätter stammt folgende Definition:

Wo sich die Lebens- und Erlebens-Linien mehrerer Wesen miteinander mehr oder minder fest und dauerhaft verknoten, haben wir eine Gruppe vor uns.“ (Hofstätter)24

Versteht man unter „Lebens- und Erlebenslinien miteinander verknoten“ eine andere Beschreibung der strukturellen Koppelung, so erhält man eine systemische Definition für „Gruppe“:

Gruppe:

Die Gruppe ist ein soziales System. Wo sich mehrere Menschen (mindestens drei). mehr oder weniger stark und dauerhaft strukturell koppeln, haben wir eine Gruppe vor uns.

Drei miteinander strukturell gekoppelte Menschen bilden bereits eine Gruppe
Abbildung 2: Drei miteinander strukturell gekoppelte Menschen bilden bereits eine Gruppe. (gezeichnet und entworfen von mir, unter Zuhilfenahme von Symbolen von Maturana/Varela)

Als Schaubild lässt sich die Gruppe folgendermaßen (siehe Abbildung 2) darstellen, wobei die Anzahl der beteiligten Systeme/Menschen soweit erweiterbar ist, wie es die o.g. Definitionen zulässt:

Strukturelle Koppelung der Gruppenmitglieder bezieht sich in den oben genannten Definitionen jedoch nicht nur auf Lebens- und Erlebens-Linien, sondern auf den ganzen Menschen, mit all seinem Handeln, Denken, Fühlen, etc., sowie auf den „Körper“ des Menschen selbst. Der ganze Mensch ist Teil der Struktur der Gruppe. (Die Theorie der strukturellen Koppelung und die dieser zugrundeliegenden Systemtheorie sind also holistische/ganzheitliche Theorien.)

Die Gruppe als Einheit

Eine Gruppe muss, um als solche gelten zu können, auch als solche erkannt, d.h. von einer Nicht-Gruppe unterschieden werden können (Gruppenmitglieder und Nicht-Gruppen-Mitglieder müssen von einander unterschieden werden können). Die Gruppe muss also als Einheit erkannt werden können. Diese wird von Maturana/Varela folgendermaßen definiert:

Einheit:

„Eine Einheit (Entität, Wesen, Objekt) ist durch einen Akt der Unterscheidung definiert. Anders herum: immer dann, wenn wir in unseren Beschreibungen auf eine Einheit Bezug nehmen, implizieren wir eine Operation der Unterscheidung, die die Einheit definiert und möglich macht.“ (Maturana/Varela)25

Eine Gruppe (ein soziales System) ist als Einheit v.a. durch folgende Punkte erkennbar:

  • Emotionale Bindung an und emotionale Abhängigkeit von der Gruppe. Die Gruppe wird zu einer (weiteren) „Familie“, deren man sich zugehörig fühlt. Zusammenhalt, Freundschaft, Kameradschaftlichkeit gehören hierzu.
  • Gemeinsame Interessen.
  • Gemeinsames Ziel, gemeinsames zielgerichtetes Handeln.
  • Gemeinsame Sprache, d.h. die Gruppe lebt in der Gruppensprache26, welche so gestaltet sein muss, dass eine Verständigung möglich ist und neue Wörter und Begriffe sofort jedem bekannt werden (soweit sie für die Gruppe wichtig sind).
  • Gruppenspezifische Handlungsabläufe und Zeitstrukturierung, z.B.:
  • „Ritual“ des Zusammentreffens (Begrüßens) und des Auseinandergehens (Verabschiedung) strukturiert z.B. bestimmte Handlungen, Sätze (Sprache), Zeiteinteilung, usw..
  • „Ablaufsrituale“ (Strukturierung des Beisammenseins in der Zeit und im Tun)
  • Benimmregeln (z.B. mitmenschlicher Umgang, TZI-Regeln, etc.)
  • Autoritäteneinteilung (Wer ist für was zuständig? Wer kennt sich wo aus?)
  • Selbstverständnis als Gruppe (“Wir sind eine Gruppe, weil ….”, “Wir gehören zusammen, weil ….”).

Schwellensituationen in Systemen / Systemübergänge

Mit der Metapher der Schwelle werden im sozialen Leben Systemübergänge bezeichnet. Der bisherige „Way of live” kann nicht in alter Form fortgesetzt werden. Man kann das auch als Krisenzeit ansehen, die ein System zu Veränderungen herausfordert.(Lieb 2014)

Es gibt typische Varianten von systeminternen Schwellensituationen:
Bei einem Paar die Ankunft des ersten Kindes, bei Familien der Austritt des erwachsenen Kindes aus dem familiären Zusammenleben oder ein Mitglied hat sich verändert und steigt aus einer alten Rolle aus (z. B. aus der Krankenrolle oder aus der, bei Konflikten immer nachzugeben). In Organisationen wären Beispiele von Schwellensituationen die Fusion zweier Abteilungen, die Veränderung der Produktpalette, die Veränderung der Rechtsform eines Unternehmens oder das Ausscheiden tragender Figuren.

Varianten externer Veränderungen, auf die ein System reagieren muss, sind entweder erwartete („Normalkrisen”) oder unerwartete („Traumakrisen”). Schwellensituationen oder Phasenübergänge erfordern auf vielen Ebenen Anpassungsprozesse – im Denken, in Interaktionen, auf der Ebene der sozialen Regeln und oft auf der strukturellen Ebene.” (Lieb 2014)

Fußnoten

1 vgl. Maturana/Varela 1987, S. 133 – 151, sowie Maturana 1985, S. 32- 80 und S. 297 – 318. darauf aufbauend vgl. auch v.a. Roth 1987b, sowie Roth 1992

2 vgl. Foerster 1985

3 Roth 1987b, S. 241. Hervorhebungen im Original.

4 Roth 1992, S. 319

5 Maturana/Varela 1987, S. 54

6 Maturana/Varela 1987, S. 54

7 Laudse (Lao Zi) 1978, Kapitel 11

8 Ein weiteres, sehr anschauliches Beispiel über die Struktur und Organisation eines Spülkastens findet sich bei Maturana/Varela 1987, S. 54 und auf S. 49 über Struktur und Organisation eines Stuhles.

9 „Rekursion“ 2019

10 Maturana/Varela 1987, S. 51

11 Maturana/Varela 1987, S. 51

12 Maturana 1987a, S. 290

13 Maturana 1985, S. 185

14 Luhmann, Niklas (1997), S.92

15 Luhmann, Niklas (2002), S.22f

16 Maturana 1985, S. 243, vgl. auch hierzu: Maturana/Varela 1987, S. 105 – 110.

17 Maturana/Varela 1987

18 Maturana/Varela 1987, S. 85

19 vgl. Kapitel „Strukturdeterminiertheit “, Seite 29

20 vgl. hierzu die Definition der Strukturellen Koppelung.

21 vgl. dazu auch: Böse/Schiepek 1989, S. 176

22 Maturana/Varela 1987, S. 209, Hervorhebungen von mir, M. S..

23 so bei Maturana/Varela 1987, S. 196ff

24 Hofstätter 1972, S. 192

25 Maturana/Varela 1987, S. 46

Literaturangaben

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„Rekursion“. 2019. In Wikipedia. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Rekursion&oldid=184511491

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Noch mehr Begriffe und Erklärungen zur Systemtheorie:

Carl Rogers und der personenzentrierte Ansatz

Vorwort

Carl Rogers: “Was meine ich mit einem personenzentrierten Ansatz? Dies ist das zentrale Thema meines ganzen Berufslebens, ein Thema, das durch Erfahrung, Interaktion mit anderen und Forschungen einen allmählichen Klärungsprozess erfahren hat. Ich lächle, wenn ich an die verschiedenen Etiketten denke, mit denen ich dieses Thema im Laufe meines Berufsweges versehen habe: nichtdirektive Beratung, klientenzentrierte Therapie, Schülerzentrierter Unterricht, gruppenzentrierte Führung. Da die Anwendungsgebiete an Zahl und Vielfalt zugenommen haben, erscheint mir jetzt die Bezeichnung „personenzentrierter Ansatz“ am aussagekräftigsten.

Die zentrale Hypothese dieses Ansatzes lässt sich kurz zusammenfassen. … Das Individuum verfügt potentiell über unerhörte Möglichkeiten, um sich selbst zu begreifen und seine Selbstkonzepte, seine Grundeinstellungen und sein selbstgesteuertes Verhalten zu verändern; dieses Potential kann erschlossen werden, wenn es gelingt, ein klar definierbares Klima förderlicher psychologischer Einstellungen herzustellen.

(Rogers, Carl R. (1980): Der neue Mensch. Stuttgart (Klett-Cotta). S. 66 – 68 (Hervorhebungen von mir, C. S.)

Empathie

= Einfühlungsvermögen.

Eine helfende Person versteht einfühlend und nicht-wertend die innere Welt eines anderen und lässt ihn das erfahren

Das zeigt der Therapeut dadurch, dass er aktiv am Gespräch teilnimmt und die Gefühle, die er wahrnimmt, verbalisiert. Es ist aber auch eine Grundhaltung oder Fähigkeit. Man muss auch Gefühle wahrnehmen können, um sie verbalisieren zu können.

Carl Rogers: “das einfühlsame Verstehen. Das bedeutet, dass der Therapeut genau die Gefühle und persönlichen Bedeutungen spürt, die der Klient erlebt, und dass er dieses Verstehen dem Klienten mitteilt. Unter optimalen Umständen ist der Therapeut so sehr in der privaten Welt des anderen drinnen, dass er oder sie nicht nur die Bedeutungen klären kann, deren sich der Patient bewusst ist, sondern auch jene knapp unterhalb der Bewusstseinsschwelle. Diese Art des sensiblen, aktiven Zuhörens ist äußerst selten in unserem Leben. Wir glauben zuzuhören, aber es geschieht sehr selten mit wirklichem Verständnis und echter Einfühlung. Dennoch ist diese ganz besondere Art des Zuhörens eine der mächtigsten Kräfte der Veränderung, die ich kenne.“2

Akzeptanz:

Jeder Mensch ist so, wie er nun einmal ist. Und wird auch genau so angenommen, ohne Deutung, ohne jede Form der Bewertung. Da Rogers als Humanist ein eher positives Menschenbild hat, kann man das auch mit einer Wertschätzung verwechseln, ist es aber nicht. Es ist eher so, dass Menschen es verdient haben, so wie sie sind akzeptiert zu werden, weil sie Menschen sind und jeder Mensch einen Wert hat, also wertvoll ist.

Carl Rogers: Ich bin in vielerlei Hinsicht leichtgläubig und akzeptiere meinen Klienten als den, der er zu sein behauptet, ohne hintergründig zu argwöhnen, dass er vielleicht anders sein könnte. Ich akzeptiere das, was in meinem Klienten ist, nicht das, was in ihm sein sollte. Einer hat es einmal so ausgedrückt: „Hier bei Ihnen kann ich immer einfach ich selbst sein. Ich mache mir nie Gedanken darüber, ob ich mich richtig verhalte. Und wenn ich von hier fortgehe, fühle ich mich immer sehr viel kreativer – und dieses Gefühl dauert hinterher an.“1

Wertschätzung:

Sie ist keine Einteilung in gut und böse, oder schlecht und gut. Wertschätzung bedeutet: Du hast einen Wert! Ähnlich, wie: Dieser Goldbarren ist 1000€ wert. Du bist wertvoll bedeutet nicht, du bist gut. Es bedeutet: Du hast einen Wert für andere. Es bedeutet auch: Den Wert in einem Menschen zu sehen, also seine Fähigkeiten, seine für andere Menschen wichtigen Eigenschaften, etc. „Das Gute in jemandem sehen“ sagen wir zwar manchmal auch, aber das ist missverständlich, weil hier nicht das Gute als Gegenteil von Böse oder Schlechte gemeint ist, sondern das Gute als das, was etwas von Wert ist.

Carl Rogers: „Eine weitere Beobachtung, die ich kurz erwähnen möchte, ist etwas, worauf ich nicht stolz bin; es scheint aber eine Tatsache zu sein. Wenn man mich nicht schätzt und würdigt, fühle ich mich nicht nur sehr reduziert, sondern meine Gefühle beeinträchtigen tatsächlich auch mein Verhalten. Wenn man mich schätzt, blühe ich auf und entfalte mich zu einem interessanten Individuum. In einer feindseligen oder unempfänglichen Gruppe bin ich in keiner Hinsicht bemerkenswert. Die Leute fragen sich mit gutem Grund, woher hat er bloß sein Renommee? Ich wünschte, ich hätte die Kraft, in jeder der beiden Umgebungen ähnlich zu sein, aber faktisch bin ich in einer aufgeschlossenen und interessierten Gruppe ein ganz anderer Mensch als in einem feindlichen und abweisenden Milieu.

Jemanden zu schätzen oder zu lieben und geschätzt oder geliebt zu werden, wird somit als sehr wachstumsfördernd erlebt. Ein Mensch, der auf nicht besitzergreifende Weise geschätzt und geliebt wird, blüht auf und entwickelt sein eigenes einzigartiges Selbst. Und der Mensch, der nicht besitzergreifend liebt, wird selbst bereichert. Dies ist zumindest meine Erfahrung.“2

Kongruenz:

Kann man mit Ehrlichkeit übersetzen, z.B. im therapeutischen Gespräch. Prinzipiell bedeutet es, dass meine Handlungen und Äußerungen mit mir, bzw. meinem Denken und Fühlen kongruent = übereinstimmend sind.

Carl Rogers: “Echtheit, Unverfälschtheit oder Kongruenz […]. Je mehr der Therapeut in der Beziehung er selbst ist, das heißt, kein professionelles Gehabe und keine persönliche Fassade zur Schau trägt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Klient äußern und auf konstruktive Weise wachsen wird. Das bedeutet, dass der Therapeut offen die Gefühle und Einstellungen darbietet, die ihn im Augenblick bewegen. Der Begriff der Transparenz wird diesem Sachverhalt gerecht Der Therapeut macht sich gegenüber dem Klienten transparent; der Klient kann ohne weiteres sehen, was der Therapeut in der Beziehung ist; der Klient erlebt kein Zurückhalten seitens des Therapeuten. Was den Therapeuten betrifft, so ist das, was er oder sie erlebt, dem Bewusstsein zugänglich, kann in der Beziehung gelebt und, falls angebracht, kommuniziert werden. Es besteht also eine genaue Übereinstimmung oder Kongruenz zwischen dem körperlichen Empfinden, dem Gewahrsein und den Äußerungen gegenüber dem Klienten.2

Drei „Arten“ der Kongruenz

Nach Carl Rogers kann man drei „Arten“ der Kongruenz unterscheiden:

  • Kongruenz von Selbst und Erfahrung3 (von innerem Erleben und Bewusstsein) = „Kongruenz nach Innen I”, „Ehrlichkeit zu mir selbst“, sowie
  • Kongruenz von Ideal-Selbst und Erfahrung4 (von innerem Erleben und verinnerlichten Normen) = „Kongruenz nach Innen II”, sowie
  • Kongruenz von Selbst (Bewusstsein) und Kommunikation (Verhalten) = „Kongruenz nach Außen”, „Ehrlichkeit gegenüber dem Mitmenschen“.

Missverständnisse

Dieses Konzept könnte leicht missverstanden werden. Es besagt gewiss nicht, dass der Therapeut den Klienten mit all seinen Problemen oder Empfindungen belasten soll. Oder dass er mit jeder Regung, die ihm durch den Sinn geht, unbeherrscht herausplatzen soll. Aber er soll die Gefühle, die er erlebt, nicht vor sich selbst verleugnen und Gefühle, die in der Beziehung permanent wieder auftauchen, akzeptieren und auch äußern. Er soll der Versuchung widerstehen, sich hinter einer professionellen Maske zu verbergen.“ (Carl Rogers)1

Was, wenn ich nicht akzeptieren kann?

Eine Frage, die in diesem Zusammenhang häufig auftaucht, ist folgende: ‚Angenommen, ich empfinde als Therapeut gegenüber meinem Klienten starke Ablehnung?‘ … DITTES wies anhand der psychogalvanischen Hautreaktion … nach, dass die Anzahl abrupter galvanischer Hautreaktionen signifikant anstieg, sobald die Einstellung des Therapeuten auch nur geringfügige Schwankungen in Richtung auf eine weniger akzeptierende Haltung hin aufwies.

Wenn die therapeutische Beziehung als weniger akzeptierend erlebt wird, stellt sich der Organismus sogar auf der physiologischen Ebene auf eine Bedrohung ein. Dies weist darauf hin, dass in einer solchen Beziehung nicht nur eine akzeptierende Haltung, sondern auch die Kongruenz des Therapeuten wichtig ist. Da der Klient diese weniger akzeptierenden Gefühle spürt, sollten sie in der Beziehung offen zur Sprache kommen.

Wenn der Therapeut nicht dazu in der Lage ist, den Klienten zu akzeptieren, ist die therapeutische Behandlung bedroht. Die einzige Möglichkeit, dieses Problem zu bewältigen, besteht dann, dass er dem Klienten seine Reaktionen mitteilt. Indem er diese wertenden Gefühle (die der Klient vermutlich spürt) zugibt, können beide gemeinsam an dem Problem arbeiten und den therapeutischen Prozess unter Umständen wieder wirksam werden lassen und vielleicht sogar steigern.

Bei allzu häufig auftretenden urteilenden Reaktionen des Therapeuten kann die Wirksamkeit des therapeutischen Prozesses verlorengehen.“6

Aktives Zuhören:

Der Zuhörer ist aufmerksam und zeigt dies auch. Dies kann z.B. in einen gelegentlichen „aha“ „Hmm“ oder auch durch das häufige Verbalisieren des Gesagten geschehen. Ein Gesprächstherapeut gibt ständig Rückmeldung. Er wartet nicht, bis der Klient eine halbe Stunde geredet hat oder lehnt sich zurück und lässt jemanden einfach so lange reden, bis er fertig ist. Eine Gesprächstherapie ist eine echtes Gespräch mit konstanten Interaktionen (wodurch – systemisch gesprochen – eine strukturelle Koppelung entsteht und somit ein soziales System)

Paraphrasieren:

Der Therapeut (sorry, aber ich nehme immer die männliche Form) gibt wieder, was er verstanden hat. Er wiederholt nicht einfach die Worte des Klienten.

Selbstexploration

= Selbsterkundung. Durch das Wiedergeben dessen, was der Therapeut verstanden hat, bekommt der Klient mit, wie er selbst ist und kann sich dadurch selbst erkennen – also selbst explorieren. Manche nennen das, was der Therapeut macht auch „spiegeln“, da sich der Klient quasi selbst im Spiegel wiedersieht, sich näher betrachtet und erforscht. Der Therapeut kann das Gesagte nicht einfach widerspiegeln (was theoretisch auch ginge), da sich viele dann nicht verstanden fühlen und das Gefühl haben, dass der Therapeut nur papageienhaft wiederholt.

Aktualisierungstendenz

Die Aktualisierungstendenz ist eine TENDENZ, deshalb heißt die so, kein Streben. Es ist ein Prozess, der immer abläuft, nur manchmal nicht funktioniert. Er läuft automatisch ab, wir können ihn nicht steuern. Um etwas aktualisieren zu können, muss man wissen, wie, nur das wissen wir manchmal einfach nicht. Wenn wir keinen Zugang zu unserem Erleben finden, können wir es auch nicht mit unserem Selbstkonzept abgleichen.

Selbstverwirklichung

Die Selbstverwirklichung ist die Annahme, dass wir alle danach streben, unsere Fähigkeiten voll zu entfalten und uns weiter zu entwickeln. Damit dies möglich ist, müssen wir neue Erfahrungen und Erkenntnisse integrieren – und das geschieht eher im Aktualisierungsprozess. Er möchte Unstimmigkeiten beseitigen, weil wir uns nur dann richtig entfalten und selbstverwirklichen können.

Das organismische Erleben

Das organismische Erleben erfahren wir, wenn wir uns wegen etwas unwohl fühlen, das wir getan haben, vor etwas “Schiss” oder Bauchweh haben. Dieses Unwohlfühlen versucht man in der Therapie zu benennen um es dann verarbeiten zu können, oder, anders ausgedrückt, damit unsere Aktualisierungstendenz es mit unserem Selbstkonzept abstimmen kann.

Das organismische Bewerten

Das organismische Bewerten ist identisch mit dem Erleben. Fühlen wir uns bei einer Tat unwohl, so ist dies die „negative Bewertung“; Fühlen wir uns bei einer Handlung wohl (oder spüren wir nichts), so ist dieses Wohlfühlen/Nichts-Fühlen die positive Bewertung.

Der Therapeut macht keinerlei Vorschläge!

Der Therapeut gibt nur wieder, was er versteht, was der Klient äußert. Das ist sehr anstrengend, viel mehr als Ratschläge zu geben. Er ermutigt zu nichts und rät auch von nichts ab – es sei denn, sein Gewissen rät ihm dazu (Kongruenz). Es kann sein, dass er Vorschläge macht, doch sollten dies wirklich nur Möglichkeiten sein und keine Ratschläge. Nicht der Therapeut weiß alles besser, sondern der Klient!

Bei einer Systemischen Therapie würde das bedeuten: Er gibt nur das in das System zurück, was er daraus empfängt. Er akzeptiert die Selbstorganisation völlig und unterstützt sie sogar, indem er nichts Neues bringt, keine neuen Infos in das System trägt, sondern dieses auf sich selbst zurückwirft und auf die Selbstorganisation (= Selbstaktualisierung) vertraut, bzw. darauf vertraut, dass das System nach Stabilität strebt. Soziale Systeme haben keine Selbstverwirklichung, aber eine Selbstaktualisierung.

Zusammenhänge

Das Selbst und das Erleben

Zusammenhang Organismisches Erleben und Selbstkonzept

Akzeptanz, Empathie, Kongruenz & Aktualisierungstendenz

Erlebt ein Mensch Akzeptanz, Empathie und Kongruenz,
kann die Aktualisierungstendenz ohne Probleme
ablaufen, neue Erlebnisse, Erfahrungen werden
aufgenommen, verarbeitet und integriert.

Zusammenhang Empathie-Kongruenz-Akzeptanz

Fußnoten

1 Rogers, Carl R. (1983): Therapeut und Klient. Frankfurt/Main (Fischer)., S. 154 – 155

2 Rogers 1980, S. 32/33

3Rogers, Carl R. (1987): Eine Theorie der Psychotherapie, der Persönlichkeit und der zwischenmenschlichen Beziehungen. Köln (GwG), S. 32

4Ebd.

5Rogers, Carl R. (1983): Therapeut und Klient. Frankfurt/Main (Fischer). S. 30 – 32

6 Rogers 1983, S. 155 – 156

Literaturangaben

Buchquellen

Rogers, Carl R. (1980): Der neue Mensch. Stuttgart (Klett-Cotta)

Rogers, Carl R. (1983): Therapeut und Klient. Frankfurt/Main (Fischer)

Rogers, Carl R. (1987): Eine Theorie der Psychotherapie, der Persönlichkeit und der zwischenmenschlichen Beziehungen. Köln (GwG)

Abbildungen

Alle Abbildungen: © Christina Schieferdecker

Identität 1: Identitätsentwicklung nach Marcia

Zusammengestellt und überarbeitet von Christina Schieferdecker

Wer ist Marcia?

Bild-Quelle: Unbekannt

James E. Marcia war Professor an der Simon Fraser University in British Columbia, Kanada.

Inzwischen (2019) ist er 82 Jahre alt und es gibt keine Infos über sein Leben, nachdem er die Simon Fraser University (SFU) verließ.

Auf der Seite der SFU findet sich ein Artikel von 20021, in dem es heißt, dass James Marcia sich vom Unterrichten zurückziehe, nachdem er über 30 Jahre lang dort Professor war. Seine Tätigkeit wird dort wie folgt beschrieben:

Marcia gründete 1986 das erste Zentrum für klinische Psychologie der SFU und verwandelte ein schmutziges altes Rattenlabor in Beratungsräume, Beobachtungsräume und ein kleines Büro. Diese Klinik bot den Gemeinden rund um den Burnaby Mountain viele Jahre lang Beratungsdienste an und diente gleichzeitig als Forschungs- und Trainingsstätte für Doktoranden.“

Im August 2002, mit 65 Jahren, verließ James Marcia die Universität um sich anderen Dingen zu widmen:

Zu diesen “anderen Dingen” gehören sein ständig wachsender Garten auf der Saturna-Insel und seine Leidenschaft für Musik. Als versierter Posaunist, ein Instrument, das er seit der Grundschule spielt, wird er sich mehr Zeit für das Spiel mit dem Vancouver Philharmonic, dem West Coast Symphony, dem New Westminster Symphony und der Freelancertätigkeit nehmen.

Ich wollte ursprünglich Musiker werden‘, sagt er, ‚aber da ich mehr Gehirn als Talent hatte, war die Psychologie eine klügere Berufswahl. Jetzt habe ich die Chance zu sehen, wie weit ich wirklich hätte gehen können.‘“

Identität (Definition)

Identität bezeichnet die einzigartige Kombination von persönlichen, unverwechselbaren Daten eines Individuums wie Name, Alter, Geschlecht und Beruf, durch welche das Individuum gekennzeichnet ist und von anderen Personen unterschieden werden kann.

Im engeren psychologischen Sinn, ist Identität die einzigartige Persönlichkeitsstruktur, verbunden mit dem Bild, das andere von dieser Persönlichkeitsstruktur haben und das Verständnis für die eigene Identität, die Selbsterkenntnis und der Sinn für das, was man ist bzw. sein will.

Identitätsbildung beschreibt also, dass sich ein Mensch seines Charakters bzw. seiner Position in der Welt bewusst wird (Schüler einer bestimmten Schule, Mitglied einer religiösen oder sozialen Gruppe, Bürger eines bestimmten Landes).2

Marcia versteht „unter Identität eine innere, selbstkonstruierte, dynamische Organisation von Trieben, Fähigkeiten, Überzeugungen und individueller Geschichte“3

Identitätsfindung und Jugend

Marcias Theorie gilt vor allem für Jugendliche und junge Studenten. Warum dem so ist, wird nicht erklärt.

Jedoch liefert Abraham Maslow in seinem Buch “Motivation und Persönlichkeit” eine Erklärung. Bei ihm hängt die Identitätsfindung zusammen mit der Entwicklung zu einer selbstverwirklichenden Person. Diese ist ein Mensch, der seine Identität gefunden hat, oder nach Marcia: Ein Mensch, mit einer erarbeiteten Identität.

Gerade aber dieses “Erarbeiten” benötigt Zeit. Bis man quasi angekommen ist und eine stabile eigene Identität entwickelt hat, muss viel geschehen.

Abraham Maslow schreibt im Vorwort zu “Motivation und Persönlichkeit”:1

“In Kapitel 11 über die Selbstverwirklichung habe ich eine Quelle der Verwirrung beseitigt, indem ich den Begriff sehr endgültig auf ältere Menschen beschränkt habe. Gemessen mit den Kriterien, die ich verwendet habe, kommt Selbstverwirklichung bei jüngeren Menschen nicht vor. Zumindest in unserer Kultur haben junge Leute

  • noch keine Identität oder Autonomie erreicht,
  • noch haben sie genügend Zeit gehabt, eine dauernde, loyale, nachromantische Beziehung zu erfahren,
  • noch haben sie im allgemeinen ihre Berufung gefunden, den Altar, auf dem sie sich opfern.
  • Sie haben ihr eigenes Wertsystem noch nicht erarbeitet;
  • noch haben sie genügend Erfahrung gehabt (Verantwortung für andere, Tragödie, Versagen, Leistung, Erfolg), um perfektionistische Illusionen abzulegen und realistisch zu werden;
  • noch haben sie im allgemeinen ihren Frieden mit dem Tod geschlossen;
  • sie haben auch nicht gelernt, wie man Geduld aufbringen kann;
  • noch haben sie genug über das Böse in sich und in anderen gelernt, um Mitleid zu haben;
  • noch haben sie Zeit gehabt, postambivalent hinsichtlich der Eltern und der Älteren, der Macht und Autorität zu werden;
  • noch sind sie im allgemeinen kenntnisreich und gebildet genug geworden, als dass sich ihnen die Möglichkeit, weise zu werden, öffnet;
  • noch haben sie im allgemeinen genügend Courage erworben, um unpopulär zu sein, sich nicht dafür zu schämen, geradeheraus tugendhaft zu sein und so weiter.
    Jedenfalls ist es eine bessere psychologische Strategie, den Begriff des reifen, voll menschlichen, selbstverwirklichenden Menschen, in dem die menschlichen Potentialitäten realisiert und aktualisiert wurden, von dem Begriff der Gesundheit auf jeder Altersstufe zu trennen. Dies kann man, wie ich gefunden habe, in “gutes Wachstum zur Selbstverwirklichung” übersetzen, ein ziemlich sinnvoller und erforschbarer Begriff. Ich habe den Eindruck, dass gesunde junge Männer und Frauen dazu neigen,
  • sich noch immer im Wachsen zu befinden,
  • liebenswert zu sein,
  • frei von Bosheit,
  • insgeheim freundlich und altruistisch (doch nur sehr verschämt),
  • im privaten voller Zuneigung zu jenen unter den Älteren, die es verdienen.

Junge Leute sind ihrer selbst nicht sicher, noch nicht ausgeformt, verlegen wegen ihrer unterlegenen Postition ihresgleichen gegenüber (ihre privaten Meinungen sind “gerader”, metamotivierter, das heißt, tugendhafter als im Durchschnitt). Sie sind insgesamt besorgt über die Grausamkeit, Gemeinheit und den Mobgeist, den man so häufig bei jungen Leuten findet, und so weiter.

Natürlich weiß ich nicht, ob sich dieses Syndrom unvermeidlich in jene Selbstverwirklichung auswächst, die ich für ältere Menschen beschrieben habe. Nur Untersuchungen, die sich über entsprechend lange Zeitspannen erstrecken, können dies klarstellen.”

Identitätsbildung nach Marcia4

Entwicklung benötigt Krisen

Nach Neuenschwander kommt die Identitätsformung durch kritische Lebensereignisse in Gang. Als nächster Schritt folgt der Anstieg des Selbstwertes, da neue Werte motivieren. Schließlich fuhrt die wachsende Kontrollüberzeugung zur integrierten Identität und zur Überzeugung, dass die eigenen Ziele verwirklicht werden können. Es gibt jedoch keine allgemein­gültige Abfolge der Identitätsphasen.

Rollendiffusion

Der Begriff „Rollendiffusion” wurde vor allem durch Erikson geprägt, allerdings wird auch häufig der Begriff Identitätsdiffusion verwendet.

Im Prozess der Selbstfindung beziehungsweise der Identitätsfindung stellen sich Jugendliche die Frage, wer sie sind, wer sie sein möchten, wie sie von Mitmenschen gesehen werden.

Die Gesellschaft hat Erwartungen, dadurch wird der Jugendliche oftmals automatisch in eine Rolle gedrängt, in der er sich nach außen hin anpasst und das wahre Selbst verbirgt. Dabei kann es zu Konflikten kommen, wenn es dem Jugendlichen nicht gelingt, die eigene Rolle in der Gesellschaft zu finden.

Zudem kommen in der Pubertät viele Veränderungen (Körper, Sexualität, Beruf) auf den/die Jugendliche/n zu.

Scheitert der/die Jugendliche an der Aufgabe, diese Elemente erfolgreich miteinander zu vereinbaren und ist der/die Jugendliche im Bezug auf seine/ihre Identität bzw. Rolle unsicher, droht eine Identitätsdiffusion, der/die Jugendliche fühlt sich unvollkommen, ist unentschlossen und verwirrt.

Untersuchungsbeispiele zur Identität als Struktur ergaben, dass in den jüngeren Jahren die diffuse Identität überwiegt und der prozentuale Anteil der erarbeiteten Identität mit den Jahren ansteigt. Jedoch muss man dabei beachten, dass Jugendliche häufig nicht über identitätsbezogene Aktivitäten nachdenken.

Erst dann, wenn der/die Jugendliche seine/ihre Rollenidentität gefunden hat und eine Art Selbstdefinition mit Entwicklung einer Persönlichkeit stattgefunden hat, wird von einer Lösung der Krise gesprochen.

Identitätsbildung und Identitätskonstruktion5

Von der Identitätsbildung abzugrenzen ist nach Marcia die Identitätskonstruktion, die auf Grund individueller Entscheidungen zu Stande kommt, indem jemand sich damit auseinandersetzt, wer er sein will, welcher Gruppe er sich anschließen möchte, welchen Glauben er annehmen und welchen Beruf er ergreifen möchte.

Die meisten Menschen haben zunächst nur eine Identität, die sich aufgrund von Äußerlichkeiten zusammensetzt (=Identitätsbildung).

Die Erfahrung, eine Identität zu haben, ist, dass jemand einen Mittelpunkt, ein Zentrum in sich selbst hat, auf das Erfahrungen und Handlungen bezogen werden.

Individuen, die ihre Identität selbst konstruiert haben, haben einen Sinn dafür, dass sie an diesem Prozess teilgenommen haben. Sie wissen nicht nur, wer sie sind, sondern sie wissen auch, wie sie es geworden sind. Dabei haben sie nützliche Fähigkeiten entwickelt. Diejenigen, die einen übernommenen Mittelpunkt haben, erleben ihre Zukunft dagegen eher als Erfüllung von vorhandenen Erwartungen.

Die vier Formen des Identitätsstatus6

Marcia entwickelte ein Verfahren zur Erfassung des aktuellen Identitätsstatus, indem er Fragen an Probanden bezüglich des Ausmaßes an Verpflichtung (Beruf, Politik, Religion, etc.) stellte.

Laut seinen Erkenntnissen lässt sich der tatsächlich vorliegende Identitätsstatus einer Person durch Kombination der beiden Dimensionen…

  • Commitment (Selbstverpflichtung bzw. Anerkennung best. Werte, eingehen von Bindungen)
  • und Exploration (Suche nach Möglichkeiten und Alternativen)

bestimmen.

Aus den Ergebnissen entwickelte er die vier Formen des Identitätsstatus:

  1. Diffuse Identität:
    Menschen, die keine Bindungen eingegangen sind,
  2. die kritische Identität bzw. das sog. Moratorium:
    Menschen, die sich in der Suchphase befinden
  3. Übernommene Identität
    Menschen, die die Kindheitsbindungen beibehalten haben und eigene Entwicklung “ausschließen”,
  4. Erarbeitete Identität
    Menschen, die bereits Bindungen eingegangen sind.

Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zwischen den Gruppen ist der Grad der aktiven Identitätssuche und -findung. Die Struktur der Identität steht in Beziehung dazu, wie Erfahrungen behandelt werden und wie wichtig sie sind

Dabei werden die übernommene und die diffuse Identität von den meisten Forschern als eher ungünstiger bzw. niedriger, die kritische und die erarbeitete Identität eher als günstiger bzw. reifer Identitätszustand beschrieben.

Drei Dimensionen der Auseinandersetzung7

Nach Marcia gibt es drei Dimensionen der Auseinandersetzung, welche die Lebensbereiche, mit denen die Jugendlichen sich aus­einandersetzen müssen, kennzeichnen.

  1. Krise (Ausmaß an Unsicherheit)
  2. Verpflichtung (Umfang des Engagements, der Bindung in einem Lebensbereich)
  3. Exploration (Ausmaß an Erkundung zur Orientierung und Entscheidungsfindung)

Die vier Formen der Identität treten erst in der späten Adoleszenz auf. Studien ergaben unterschiedliche Verläufe der Identitäts­findung.

Nach Waterman gibt es drei Arten von Verläufen bezüglich der Identitätsfindung:

  • Bei progressiven Verläufen wird die erarbeitete Identität über das Moratorium erreicht.
  • Regressive Verläufe enden in der diffusen Identität und
  • stagnierende Verläufe verweilen entweder bei übernommener Identität oder diffuser Identität.
Quelle Tabelle: Stangl8, überarbeitet C.S.
Quelle Tabelle: Stangl8

Die Diffuse Identität

Pädagogische Folgerungen

  • Helfen, Bindungen aufzubauen, die Stabilität ermöglichen
  • Man sollte ihnen Verpflichtungen übergeben und ihnen helfen diese einzuhalten.
  • Klare Ratschläge
  • Jegliche Form zynischen, sarkastischen Verhaltens meiden

Moratorium

Pädagogische Folgerungen

  • Verantwortung und Zeit geben eine Rolle auszuleben
  • Vertrauen schenken
  • Helfen, Entscheidungen zu treffen (alle Möglichkeiten durchspielen)
  • Zeit für sie haben und mit ihnen reden

Übernommene Identität = Identitätsabschottung

Pädagogische Folgerungen:

  • durch kritische Argumentation verunsichern (Gegenargumente)
  • heile Welt in Frage stellen
  • helfen, sich vom Elternhaus abzulösen
  • Präsupposition*) (Zu-Mutung)

Erarbeitete Identität

Pädagogische Folgerungen:

  • Verantwortung geben nach Maßgabe ihrer Kompetenzen
  • Raum geben, Möglichkeit andere Rollen zu erproben
  • Auf Entscheidungen stützen zum Aufbau der Identität

Allgemeine Folgerungen für pädagogisches Vorgehen

Kritik9

Die Idee, die einzelnen Stati als Stadien einer festen Entwicklungsabfolge zu begreifen (Entwicklungsphasen, -stufen), erwies sich jedoch als unangemessen, da die Beziehungen der einzelnen Stati untereinander noch immer weitgehend unklar sind.

Fast alle Untersuchungen basieren auf Stichproben aus College-Studenten, da sie eine leicht zu erreichende Gruppe darstellen und Interviews über komplexere Inhalte leichter mit Personen eines höheren Bildungsniveaus durchgeführt werden können.

Quellen- und Literaturangaben

Bilder

Tafel- und Metaplanbilder: Klasse 12, iB-Waiblingen

Rest: pixabay,

alle überarbeitet von Christina Schieferdecker

Textquellen:

Darmstädter, Tim, und Günter Mey. „Identität im Selbstwiderspruch oder ‚DieSchizophrenie des Lebens‘: theoretische undempirische Einwände gegen ‚postmoderne‘Konzeptualisierungsversuche von Identität“. Zugegriffen 16. März 2019. https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/449/ssoar-psychges-1998-4-darmstadter_et_al-identitat_im_selbstwiderspruch_oder_die.pdf?sequence=1.

Institut für Psychologie, Hrsg. „Mein Selbst und ich – darf ich vorstellen?“: Identitätsentwicklung im Jugendalter. Wissenschaft im Studium, Bd. 2. Hildesheim: Universitätsbibliothek Hildesheim, 2011.

„SFU News Online – Marcia returns to first love – May 16, 2002“. Zugegriffen 24. März 2019. http://www.sfu.ca/archive-sfunews/sfu_news/sfunews05160203.shtml.

https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/Identitaet.shtmlStangl, Werner. „Identitätsfindung im Jugendalter“. [werner.stangl]s arbeitsblätter, 2019. https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/Identitaet.shtml (2019-03-24).

Fußnoten

1Abraham H. Maslow, Motivation und Persönlichkeit (Reinbek: Rowohlt, 2008), 19.

1„SFU News Online – Marcia returns to first love – May 16, 2002“, zugegriffen 24. März 2019, http://www.sfu.ca/archive-sfunews/sfu_news/sfunews05160203.shtml.

2Werner Stangl, „Identitätsfindung im Jugendalter“, [werner.stangl]s arbeitsblätter, 2019, https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/Identitaet.shtml (2019-03-24).

3Tim Darmstädter und Günter Mey, „Identität im Selbstwiderspruch oder ‚DieSchizophrenie des Lebens‘: theoretische undempirische Einwände gegen ‚postmoderne‘Konzeptualisierungsversuche von Identität“, zugegriffen 16. März 2019, https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/449/ssoar-psychges-1998-4-darmstadter_et_al-identitat_im_selbstwiderspruch_oder_die.pdf?sequence=1.

4Text aus: Stangl, „Identitätsfindung im Jugendalter“. Gekürzt von C.S.

5Dieses Kapitel ist aus: Stangl. Gekürzt von C.S.

6Institut für Psychologie, Hrsg., „Mein Selbst und ich – darf ich vorstellen?“: Identitätsentwicklung im Jugendalter, Wissenschaft im Studium, Bd. 2 (Hildesheim: Universitätsbibliothek Hildesheim, 2011).

7Text entstammt: Stangl, „Identitätsfindung im Jugendalter“.

8Stangl.

9Stangl.

Der Radikale Konstruktivismus

Warum „radikal“?

Der Begriff „Radikaler Konstruktivismus“ stammt von Ernst von Glasersfeld. Dieser nennt den vom ihm vertretenen Konstruktivismus „radikal“, …

  1. um ihn von anderen Konstruktivismen, wie dem russischen Konstruktivismus in der Kunst („Plastik“ und „Malerei“) und Literatur oder dem (deutschen) Erlanger Konstruktivismus zu unterscheiden;
  2. weil er wirklich radikal ist und alle Wahrnehmung meinerseits als meine Konstruktion bezeichnet.

Die Wirklichkeitskonstruktion des Konstruktivismus

Der Konstruktivismus behauptet in seiner Kernaussage, wie er u.a. von P. Watzlawick, E.v. Glasersfeld, H.v. Foerster vertreten wird, dass die Wirklichkeit, die wir zu entdecken und zu erforschen glauben, unsere eigene Konstruktion ist, ohne dass wir uns des Aktes der Erfindung bewusst sind.

E.v. Glasersfeld entwickelt in seinem Aufsatz “Einführung in den Konstruktivismus” eine These, die unsere bisherigen Denkgewohnheiten radikal in Frage stellt, nämlich

“… dass wir von der Wirklichkeit immer und bestenfalls nur wissen, was sie nicht ist.”1

Der Konstruktivismus steht mit seinen Einsichten im radikalen Gegensatz zum bisherigen traditionellen Denken, wonach etwas als wahr ist, “wenn es mit einer als absolut unabhängig konzipierten, objektiven Wirklichkeit übereinstimmt.”2

Das erkenntnistheoretische Problem besteht jedoch darin, wie wir wissen können, ob das Bild, das unsere Sinne uns von der Wirklichkeit vermitteln, der objektiven Wirklichkeit entspricht.

V. Glasersfeld bringt das anschauliche Beispiel eines Apfels, den wir glatt, duftend, süß … etc. wahrnehmen. Doch wie können wir wissen, ob der Apfel diese Eigenschaften wirklich besitzt? Diese Frage sei unbeantwortbar, so meint v. Glasersfeld, da wir unsere Wahrnehmungen von dem Apfel lediglich mit anderen Wahrnehmungen, aber niemals mit dem Apfel selbst vergleichen können, so wie er wäre, bevor wir ihn wahrnehmen. Die Vorstellung einer objektiven Realitätserkenntnis ist damit in Frage gestellt.

Doch wie kommt es dazu, dass wir in einer stabilen und verlässlichen Welt leben, an der wir uns ausrichten und orientieren, die unser Wissen und Handeln bestätigt, obwohl wir irgendwelche wahrgenommenen Eigenschaften der objektiven Welt nicht mit Sicherheit vorschreiben können?

Die Antwort des Konstruktivismus macht die Frage sinnlos.

“Wenn …. die Welt, die wir erleben und erkennen, notwendigerweise von uns selbst konstruiert wird, dann ist es kaum erstaunlich, dass sie uns relativ stabil erscheint.”3

Die Welt, die wir konstruieren, ist eine Welt des Erlebens, die aus Erlebtem besteht und keinen Anspruch auf Wahrheit im Sinne einer Übereinstimmung mit der Wirklichkeit an sich erhebt.

“Die Erkenntnislehre wird so zu einer Untersuchung der Art und Weise, wie der Intellekt operiert, um aus dem Fluss des Erlebens eine einigermaßen dauerhafte, regelmäßige Welt zu konstruieren.”4

V. Glasersfeld führt weiter aus, dass jegliches Bewusstsein, nur auf Grund eines Vergleichs, durch ein in Beziehung setzen von Erlebtem, Wiederholung, Konstanz und Regelmäßigkeit erkennen, mit anderen Worten, eine verlässliche und stabile Wirklichkeit erleben kann, wobei schon vor dem eigentlichen Vergleich entschieden werden muss,

  • was als existierende Einheit und
  • was als Beziehung zwischen Gegenständen betrachtet wird.

 Auf diese Weise schafft sich der Mensch “Struktur im Fluss des Erlebens”5.

“Diese Struktur ist, was der bewusste kognitive Organismus als Wirklichkeit erlebt – und weil sie (bisher) fast ausschließlich unwillkürlich geschaffen wurde und wird, erscheint sie als Gegebenheit einer unabhängigen selbständig existierenden Welt”6

“Die wirkliche Welt erschließt sich uns nur da, wo unsere Konstruktionen scheitern.”7

Dieses Modell der Erkenntnis in kognitiven Lebewesen, die sich auf Grund ihres eigenen Erlebens eine mehr oder weniger verlässliche Welt bauen, hat ethische Konsequenzen.

Konstruktivistisches Denken führt dazu,

  • uns Menschen selbst für unser Denken und Tun verantwortlich zu machen,
  • für die Wirklichkeit,

die wir selbst schaffen und die wir in eigener Verantwortung und in Zusammenhang verändern können.

Dies gibt uns einen Schlüssel in die Hand, uns selbst nicht mehr als hilflose Opfer von schicksalshaften Ereignissen zu sehen, sondern als handelnde, kreative und lebendige Menschen zu erleben.

Zur Konstruktion von Wirklichkeit und Sprache

Jeder Mensch konstruiert seine eigene Wirklichkeit, jedoch nur im Rahmen einer im gesellschaftlichen Diskurs (im Austausch mit anderen) hergestellten möglichen Wirklichkeit.

Eine dieser Wirklichkeiten ist das Reich der Sprache. Ich kann nur im Reich der Sprache denken und mich anderen Menschen mitteilen. Wenn ich denke, so bin ich im „Diskurs“ mit mir selbst.

Meine Wirklichkeitskonstruktion enthält Elemente, welche sprachlich nicht ausdrückbar sind. Z.B.: Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich an meinem Schreibtisch und schaue ab und zu von der Arbeit auf, in Richtung Fenster. Die Sonne scheint herein und erzeugt am „weißen“ Vorhang mannigfaltige Farbnuancen der Farbe „weiß“, für welche ich keine Wörter oder passende Umschreibungen kenne, so dass ich Ihnen meine Wahrnehmung/Erfahrung nicht beschreiben kann, jedoch kann ich davon erzählen oder darüber nachdenken.

Kernthesen des Radikalen Konstruktivismus

(nach E. v. Glasersfeld. 1992, S.30/318)

  • Menschliches Wissen ist eine menschliche Konstruktion. Es gibt keine Wahrnehmung (Beobachtung), die nicht abhängig von einem Wahrnehmenden (Beobachter) ist. Es gibt also nur Fakten (= „Gemachtes“).
  • Der Radikale Konstruktivismus leugnet keineswegs eine äußere Realität. Er befaßt sich jedoch nur mit dem kognitiven Aspekt und nicht mit dem, was „in der Tat“ oder „tatsächlich“ vorhanden ist.
  • Es ist nicht vernünftig, etwas die Existenz zu bescheinigen, was nicht (irgendwann einmal) wahrgenommen werden kann (könnte). Damit schließt sich der Radikale Konstruktivismus George Berkeleys Aussage: „esse est percipi“ [„Sein ist wahrgenommen werden!“9] an.
  • Es gibt keine objektive Realität, oder Wahrheit, welche als solche erkannt werden könnte. Wissen kann nur viabel sein – d.h. in die Erlebnis- und Erfahrungswelt des Wissenden passen und darin „funktionieren“- nicht jedoch wahr sein.
    „Was wir „Wissen“ nennen repräsentiert keineswegs eine Welt, die jenseits unseres Erfahrungskontaktes mit ihr existiert. … [„Wissen“ bezieht sich] auf die Art und Weise, wie wir unsere Erfahrungswelt organisieren.“(Glasersfeld10)
  • Kein Wissen kann Einzigartigkeit beanspruchen.
    „So viabel eine Problemlösung auch sein mag, sie darf nie als die einzig mögliche betrachtet werden.“ (Glasersfeld11)
  • Eine Theorie sollte immer auf sich selbst angewendet werden, d.h.: auch der Radikale Konstruktivismus kann nur eine mögliche/viable Antwort auf das Problem des Erkennens sein.

Wichtige Ahnen des Radikalen Konstruktivismus sind nach Ernst von Glasersfeld: Giambattista Vico, George Berkeley, Jean Piaget, Immanuel Kant.

viabel/Viabilität:

viabel: gangbar, funktionierend, lebensfähig.

„Viabilität“ ist die substantivierte Form von „viabel“.

Viabel ist eine „Eindeutschung“ des englischen Wortes viable, was etwa „lebensfähig“ bedeutet, von E. v. Glasersfeld. E. v. Glasersfeld, übersetzt den Begriff „viabel“ teilweise mit „passend“. Dieser Begriff ist mir zu statisch, wohingegen „gangbar“ ein dynamischer Begriff ist, der sagt, dass man „auf dem Weg“ ist.

Anmerkungen

1Ernst v. Glasersfeld, „Einführung in den Konstruktivismus“, in Die erfundene Wirklichkeit, hg. von Paul Watzlawick, 4. Aufl. (München: Piper, 1986), 14.

2v. Glasersfeld, 18.

3v. Glasersfeld, 28.

4v. Glasersfeld, 30.

5v. Glasersfeld, 31 ff.

6v. Glasersfeld, 36.

7v. Glasersfeld, 37.

8Ernst v. Glasersfeld, „Aspekte des Konstruktivismus: Vico. Berkeley, Piaget.“, in Konstruktivismus: Geschichte und Anwendung, hg. von Gebhard Rusch und Siegfried Schmiedt (Frankfurt/M: Suhrkamp, 1992), 20–32.

9Siehe auch: „Das Sein der Dinge besteht in ihrer Wahrnehmbarkeit.“ „Esse est percipi“, zugegriffen 8. September 2019, https://www.spektrum.de/lexikon/philosophie/esse-est-percipi/631.

10v. Glasersfeld, „Aspekte des Konstruktivismus: Vico. Berkeley, Piaget.“, 30.

11v. Glasersfeld, 31.

Quellenangaben

Literatur

„Esse est percipi“. Zugegriffen 8. September 2019. https://www.spektrum.de/lexikon/philosophie/esse-est-percipi/631.

Glaserfeld, Ernst v. „Einführung in den Konstruktivismus“. In Die erfundene Wirklichkeit, herausgegeben von Paul Watzlawick, 4. Aufl., 13–37. München: Piper, 1986.

Glasersfeld, Ernst v. „Aspekte des Konstruktivismus: Vico. Berkeley, Piaget.“ In Konstruktivismus: Geschichte und Anwendung, herausgegeben von Gebhard Rusch und Siegfried Schmiedt, 20–32. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1992.

Bilder

© Christina Schieferdecker, unter Verwendung eines Apfelbildes von pixabay

Stress im 21. Jahrhundert

O tempora, o mores!

Als ich jugendlich war, hatten wir von Montag bis Samstag Schule, dabei nur ein- oder zweimal Mittagsschule. Das Internet war noch nicht erfunden und Computer gab es nur in Scienc-Fiction-Filmen. Wir hatten das Glück vier Fernsehprogramme hereinzubekommen, doch auch die vier hatten einen Sendeschluss und das Programm fing erst Nachmittags an.

Wollte man Musik hören, so gab es dafür Kassettenrekorder, Radios und Plattenspieler. Zappen war nahezu unmöglich – außer beim Radioprogramm.

Es war insgesamt einfacher zur Ruhe zu kommen und sich zu entspannen. Die Sonntage waren sogar oft sehr langweilig, weil „man Sonntags bei der Familie ist“. Spiele für eine Person waren extrem selten, also las man sonntags ein Buch, machte einen Spaziergang, Spiele, traf Verwandte, etc.

Das Telefon hatte eine Wählscheibe in meiner Kindheit. Es war kabelgebunden und ohne Anrufbeantworter.

In meiner Kindheit hatte ich viel Zeit zu lesen oder mit meinen Freunden und Freundinnen zu spielen. An große Stressbelastung durch Überforderung dachte niemand und diejenigen, die ihre Kinder unter Druck setzten um gute Noten zu bekommen, wurden eher als Rabeneltern skeptisch beäugt.

Es hat sich viel verändert.


Wir können das Rad nicht mehr zurückdrehen und wollen es auch nicht, doch gerade beim Thema Stress tut es gut, sich manchmal daran zu erinnern, wie es war oder sein könnte, um sich evtl. kleine Entspannungsoasen zu schaffen.

Obige Grafik von Manfred Spitzer1 macht die drastischen Entwicklungen in der Technik und die Folgen für uns etwas deutlicher, wobei es mir nicht um die Intelligenzentwicklung geht, sondern um die Stressbelastung.

Abschalt-Stress

Computer, Smartphones, Video-Spiele etc. sind nicht von Natur aus böse und machen per se auch nicht dumm. Aber: Während wir uns mit ihnen beschäftigen, beschäftigen wir uns nicht mit etwas anderem, das uns mehr Entspannung verschaffen würde. Die „neuen Medien“ können wahre Suchtmittel werden – und sorgen für ein schlechtes Gewissen2 und damit für Stress:

Doch warum schlagen sie uns so in ihren Bann? Warum beschäftigen wir uns so häufig und ausgiebig mit Computern, Smartphones und Co.?

Ich vermute, es ist die Aufregung, die Spannung, die sie erzeugen können. Egal, ob wir auf unser Smartphone starren, Videospiele spielen oder YouTube-Videos anschauen: Es ist immer etwas los, es passiert etwas. Auch beim Hören von MP3s wechselt häufig die Stimmung, weil wir nicht ein Album anhören, sondern eine Playlist, nicht selten mit verschiedenen Interpreten und Stimmungslagen.

Es fehlen die Pausen

Das Leben, die Musik, die Filme und Videos wechseln schneller, sind abwechslungsreicher und damit spannender als noch zu meiner Jugend.

Dieses ständige Wechseln von Musikstücken, Videos und schnelle Schnitte in aufregenden Filmen und Serien, lassen unsere Anspannung steigen. Unsere Grundanspannung hat sich dadurch erhöht.

Musste ich früher häufig auf einen Anruf warten, oder auf den Beginn einer Sendung, so kann ich heute jemanden in der Regel sofort kontaktieren oder etwas anschauen auf einem Streamingdienst (oder etwas, das ich aufgenommen habe), ohne warten zu müssen bis es beginnt.

Diese Warte- und Ruhezeiten sind verschwunden. Alles wurde schneller und mehr. Die Ruhe dazwischen oder auch dabei, ist verschwunden.

Wollte ich in den 70ern oder 80ern Musik hören von Kassette oder LP, so tat ich das meist etwa 20 min. am Stück, bis die eine Seite der Platte oder der Kassette fertig war. Ich konnte mich zurücklehnen und mich auf die Musik einstellen. Heute wechseln sich verschiedene MP3s ab, die Stimmung ändert sich ständig.

Wir nehmen es schon gar nicht mehr wahr, aber dies alles erzeugt Stress. Es gibt kaum echte Ruhephasen des Nichts-Tuns, Wartens, geduldig Ausharrens oder längeren Zuhörens.

Früher war man häufig gezwungen, etwas nicht zu tun, heute muss man sich selbst zwingen, etwas nicht zu machen, um etwas Ruhe und Entspannung zu finden.

Stress macht krank

Unsere ganze Welt ist schneller und aufregender geworden. Burnout ist ein wichtiges Problem geworden, die Ausfalltage von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern auf Grund psychischer Belastungen nahmen seit 2005 (bis 2016) um 80% zu (siehe Grafik).

Manche Untersuchungen sprechen von deutlich höheren Zahlen:

„Von 1997 bis 2012 nahmen die Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen um 165 Prozent (…) zu. Die Zahl von Arbeitsunfähigkeiten, also die AU-Fälle, nahm in etwa der gleichen Größenordnung zu, nämlich um 142 Prozent (…). Die Betroffenenquote, also der Anteil der Beschäftigten, die wegen einer psychischen Diagnose krankgeschrieben waren, wächst im betrachteten Zeitraum um 131 Prozent (…).“ (DAK-Gesundheitsreport 20133).

Als Belastungen nennt der Stressreport 20124:

„Den Stand der psychischen Arbeitsanforderungen könnte man verkürzt mit den Schlagworten „viel gleichzeitig, schnell und auf Termin, immer wieder neu, aber auch oft das Gleiche“ zusammenfassen: Denn es sind vor allem Kriterien, wie das ‚verschiedenartige Arbeiten gleichzeitig betreuen’ (58 Prozent) sowie der ‚starke Termin- und Leistungsdruck’ (52 Prozent), aber auch Arbeitsunterbrechungen (44 Prozent) sowie ‚sehr schnell arbeiten müssen’ (39 Prozent)“

Ich schätze, dass sich auch Schülerinnen und Schüler, die in obigem Report leider nicht untersucht wurden, hier durchaus wiederfinden können.

Was sich gleichfalls auf die Schule auswirkt, ist die mangelnde Chance auf einen guten Arbeitsplatz. Dadurch steigt der Leistungs- und Notendruck. So schreiben auch die Autoren des Stressreports 20125:

„Es ist davon auszugehen, dass berufliche Unsicherheit zu einem erheblichen Maße zur Gesamtheit der psychischen Belastung beiträgt […]. Bereits 2008 – also noch vor Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise – berichteten 34 Prozent der Beschäftigten von starken bis sehr starken belastenden Ängsten um die berufliche Zukunft“

Und diese Situation hat sich von Jahr zu Jahr verschärft. Natürlich haben Eltern Angst um die Zukunft ihrer Kinder – und diese um ihre eigene. Es reicht nicht mehr, einen Abschluss zu haben, nicht einmal einen guten, man muss einen sehr guten Schul- oder Universitätsabschluss haben, am besten kombiniert mit guten Beziehungen, um einen vernünftig bezahlten Job zu bekommen.

Ausbildungsstellen für Hauptschulabsolventen sind seltener geworden. Auch Realschüler bekommen mit einem Zeugnisdurchschnitt schlechter als 3,0 kaum noch eine Chance auf einen Berufseinstieg.

Die Situation ist nicht einfach, sie stresst und ängstigt. Beides sind schlechte Ratgeber und führen letzten Endes dazu, dass wir Fehler machen, größere Probleme in der Schule bekommen und häufiger krank werden.

Der Präventionsradar des Instituts für Therapie- und Gesundheitsforschung von 20176 untersuchte auch den Zusammenhang zwischen Schulstress und Krankheit und berichtet:

„Bei den weiblichen Befragten, die oft oder sehr oft Stress erleben, lagen die Quoten für Kopfschmerzen bei 41 Prozent, für Bauchschmerzen bei 25 Prozent, Rückenschmerzen 31 Prozent, Schlafprobleme 36 Prozent und Schwindel 28 Prozent. Unter den männlichen Befragten mit oft oder sehr oft Stress lagen die Angaben bei 27 Prozent für Kopf-, 15 Prozent für Bauch- und 28 Prozent für Rückenschmerzen. Schlafprobleme und Schwindel berichteten in dieser Gruppe 26 Prozent bzw. 14 Prozent“7

Deutlicher wird das in den Grafiken des Präventionsradars8:

Problem Serotonin?

Interessant ist, dass junge Frauen ein deutlich größeres Problem mit Stressbelastungen aufweisen, als junge Männer. Dies könnte daran liegen, dass „weibliche“ Gehirne weniger Serotonin-Rezeptoren aufweisen, als „männliche“9. Da Serotonin ein „Glückshormon“ ist, kann evtl. nicht so leicht durch seine Ausschüttung gegengesteuert werden.

„Zu den bekanntesten Wirkungen des Serotonins auf das Zentralnervensystem zählen seine Auswirkungen auf die Stimmungslage. Es gibt uns das Gefühl der Gelassenheit, inneren Ruhe und Zufriedenheit. Dabei dämpft es eine ganze Reihe unterschiedlicher Gefühlszustände, insbesondere Angstgefühle, Aggressivität, Kummer und das Hungergefühl“ (Wikipedia10)

Da vor allem junge Frauen weniger von den stressmildernden Wirkungen des Serotonins betroffen sind, sollten sie ganz besonders lernen, richtig mit Stressbelastungen umzugehen – und ausreichend zu schlafen. So benötigen Frauen im Schnitt etwa 20 min. mehr Schlafenszeit, als Männer.

Stress ist zu einem Dauerzustand für viele Menschen geworden, leider auch für Schülerinnen und Schüler. Stress verschlechtert nicht nur unsere schulischen Leistungen, er sorgt auch für mehr Krankheiten, Ausfallzeiten und ein kürzeres Leben. Es ist nie zu früh damit zu beginnen dem Stress den Kampf anzusagen – oder besser: Im durchdacht und mit Entspannung gegenüber zu treten.

Freizeitstress

Wie zu allem, gibt es auch hier eine aktuelle Untersuchung, den „Freizeit-Monitor 2018“11.

Folgende Grafik findet sich darin:

Und auch diese, leider nicht nach Altersgruppen aufgeteilt:

Ich erzählte ja im vorangegangen Text von meiner Jugend. Diese gehört etwa in 1975/1986. Zeitungen/Zeitschriften tauchen 2018 in obiger Grafik „Zeitvergleich“ nicht mehr auf, „mit Freunden etwas machen“, schaffte es auch nicht mehr in diese Top 10 (die 10 fehlt, da steht „Ausschlafen“).

Freizeit-Zwang

Was man in den Tabellen nicht sieht: Die zwanghafte Freizeitverwertung hat zugenommen:

„Im Durchschnitt üben wir pro Woche 23 verschiedene Freizeitaktivitäten aus. Das sind doppelt so viele wie noch vor 20 Jahren. Verdichtung gibt es also nicht nur bei der Arbeit, sondern auch in der Freizeit. Es sind vor allem zeitaufwändige, aktive Hobbys, denen wir laut dem Freizeit-Monitor immer seltener nachgehen. Stattdessen beobachtet Mitherausgeber Ulrich Reinhardt […]:

‚Ich glaube es ist die Angst. Einerseits die Angst, natürlich vor Langeweile. Man schaut nicht mehr aus dem Fenster, was schwierig ist, weil das auch ein Quell für Kreativität und ähnliches ist. Gleichzeitig packen wir unsere Freizeit auch deshalb mit so vielen unterschiedlichen Dingen voll,‘ sagt Ulrich Reinhardt, ‚weil wir Sorge haben, etwas zu verpassen.‘“12

Doch was verpassen wir? Ich glaube wir verpassen vor lauter Freizeitstress das Leben. Unser Leben scheint sich nur noch um das Paar „funktionieren – nicht funktionieren“ zu drehen. Wir müssen so häufig funktionieren, dass wir uns nur noch wünschen, passiv sein zu können, nicht mehr funktionieren zu müssen. Doch scheint diese Passivität zum einen ein schlechtes Gewissen zu erzeugen, zum anderen die Angst, etwas du verpassen. So nimmt der Stress gerade dadurch zu.

Das Verrückte daran ist jedoch, wenn Menschen danach gefragt werden, was sie in ihrer Freizeit gerne tun würden, antworten sie: Freunde treffen, Sport treiben, ausschlafen.

Freizeit-Optimierung

Einen interessanten Gedanken habe ich auf RP Online gefunden:

„viele Menschen empfinden auch den inneren Druck, ihre Freizeit optimal „zu nutzen“. […] Vielen ist es peinlich geworden, auf die Frage, was man am Wochenende gemacht habe, einfach „nichts“ zu antworten. Wer etwas auf sich hält, hat Dinge vor und stöhnt über das volle Programm. Überlastung gehört zum guten Ton unter modernen Bildungsbürgern.“

Das kann ich nachvollziehen. Seltsamerweise hat auch in meinem Freundeskreis fast niemand mehr Zeit sich einfach einmal so zu treffen. Man stöhnt über Stress oder die Politik oder über etwas anderes, ist aber nicht bereit, etwas gegen den Stress zu tun. „Dazu habe ich keine Zeit!“ Das Verrückte ist, dass sie ja eigentlich die Zeit hätten, sie müssten nur eine Aktivität, die sie stresst, streichen. Doch vielleicht kommt dann ja wieder die Angst, etwas zu verpassen.

„Sind Kinder mit einem vollen Terminkalender also typische Burnout-Kandidaten? Ein klassisches Burnout wird bei Kindern nicht diagnostiziert, sondern Panikattacken, Angstzustände oder zu viel Stress. Aber die Symptome sind ähnlich wie bei den Erwachsenen, die an Burnout erkrankt sind: Schwindelgefühle, Kopfweh, Bauchschmerzen, morgendliches Erbrechen – und der Doktor findet keine organischen Anzeichen“13

Doch das Problem ist alt und bekannt:

„Eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Deutschen Angestellten Krankenkasse vom Sommer 2008 ergab, dass viele Kinder deutliche Stress-Symptome zeigen. Demnach beobachteten fast 60 Prozent der Eltern bei ihren Kindern mangelnde Konzentration, Nervosität oder Überdrehtheit. 43 Prozent der Eltern gaben an, dass ihr Kind häufig traurig ist und sich zurückzieht, bei 42 Prozent reagieren die Kinder aggressiv und gereizt. Jedes zweite Kind leidet regelmäßig unter Bauch- und Kopfschmerzen. Lern- und Leistungsstörungen treten bei jedem dritten Schulkind auf und 20 Prozent haben einen schlechten Schlaf.“14

Lähmung statt Entspannung

Wenn das Problem schon so lange bekannt ist, warum tun wir nichts dagegen? Ist es vielleicht, weil alle Altersschichten scheinbar betroffen sind und aber niemand etwas ändern möchte, weil dies „zu stressig“ ist und wir für Veränderungen „keine Zeit“ haben? Ist es bequemer sich vor das Fernsehen zu setzen und die Probleme einfach zu vergessen?

Was auffällt ist, dass die Aktivitäten, bei denen man passiv bleiben kann, zugenommen haben. Freizeitgestaltung ist in erster Linie „sich berieseln lassen“, statt aktiv etwas zu unternehmen, wie ein Buch zu lesen, spazieren zu gehen, sich mit Freunden treffen, etc. Aber gerade dies sind die Unternehmungen, die entspannen.

Aktivitäten, die für mehr Anspannung sorgen, sind Fernsehen, Internet nutzen, Unterwegs telefonieren, mit Mobiltelefon spielen und Social-Media nutzen. Sollte „seinen Gedanken nachgehen“ eine andere Umschreibung für „Gedankenkreisen“ sein, dann ist dies sehr bedenklich. Ich erwähne das, weil über dieses Problem sehr viele Schülerinnen berichten.

Echte Entspannungstätigkeiten gibt es nicht mehr, oder sie treten in den Hintergrund – gerade bei Jugendlichen.

Was von vielen nicht verstanden wird, ist, dass Entspannung eine aktive Tätigkeit ist. Gebe ich mich hin, werde ich passiv, dann lasse ich etwas mit mir machen. Ich bestimme nicht wirklich selbst, was mit mir passiert, was aber den meisten nicht bewusst ist. Vielleicht ist der Wunsch danach so groß, weil es auch ein „sich fallen lassen“ für viele bedeutet. „Ich muss nichts denken, ich muss nichts tun“ – und man glaubt, dies vor dem Fernseher zu finden. Aber unser Gehirn ist sehr aktiv, beim Fernsehschauen. Es arbeitet auf Hochtouren. Unsere Muskeln spannen sich an, wenn etwas spannend ist, der Kortisol- und Adrenalinpegel steigt. Wie schon oben erwähnt, bekommen wir zudem ein schlechtes Gewissen.

Fernsehen und Stress

Ein Ausschnitt aus einem Interview15 mit Prof. Dr. Gerald Hüther16:

„Schnelle Bilderfolgen und ständige Szenenwechsel führen dazu, dass die Nervenzellnetze in den höheren Verarbeitungszentren auch rasen und entsprechend nur lose mit einander verknüpft werden können. Ständige Aufregung und das Erzeugen von Angst und Stress versetzen das Gehirn in einen Zustand von Dauererregung. Unter solchen Bedingungen können nur schwer neue und vor allem komplizierte Verbindungen im Hirn entstehen. Die Botschaften und Inhalte, die das Fernsehen transportiert, hinterlassen entsprechende Spuren im Gehirn und prägen so unser Denken und Handeln.“

Und nochmals Manfred Spitzer in einem Interview17. Man kann ihn und seine Forschung nicht oft genug erwähnen:

„Untersuchungen zeigen, dass der Fernsehkonsum in der Kindheit und Jugend mit dem akademischen Erfolg in deutlichem Zusammenhang steht. Die beste Studie dafür ergab: In der Gruppe derjenigen, die mit fünf Jahren weniger als eine Stunde fernsahen, gab es über 50 Prozent Hochschulabsolventen und etwa zehn Prozent Schulabgänger. In der Gruppe mit mehr als drei Stunden Fernsehkonsum pro Tag gab es nur noch zehn Prozent Hochschulabsolventen und über 20 Prozent Schulabbrecher. Der Fernsehkonsum beeinträchtigt die geistige Entwicklung der Kinder.“

Fassen wir einmal zusammen: Fernsehen macht dumm, dick und lässt unser Stresslevel ansteigen. Gleichzeitig bekommen wir ein schlechtes Gewissen, wenn wir uns zu viel damit beschäftigen (siehe Kapitel davor).

Außerdem haben wir Angst etwas zu verpassen, machen deshalb überall mit, glauben überall dabei sein zu müssen. Zusätzlich trauen wir uns nicht nichts zu tun, weil eine Art Wettbewerb herrscht, wer den größten Stress hat und am meisten tut, weil man dann ein fleißiger Mensch ist. Man stirbt zwar früher an einem Herzinfarkt, hat etliche gesundheitliche Probleme wegen des Stresses, ist aber stolz darauf, was man innerhalb eines Tages alles unternommen hat.

Houston, wir haben definitiv ein Problem!

Abschließender Hinweis: Entspannungsübungen

Ich habe zwei Texte geschrieben, die einige Entspannungtrainings beinhalten:

Dort findet ihr Hinweise und Möglichkeiten Stress zu reduzieren.

Nachweise

Abbildungsverzeichnis

Titelbild: © pixabay

Literaturverzeichnis

aktiv-gegen-mediensucht.de. „Fernsehen verändert zwangsläufig unser Gehirn“. Aktiv-gegen-mediensucht. Zugegriffen 1. November 2018. http://www.aktiv-gegen-mediensucht.de/artikel/1/46/fernsehen-verndert-zwangslufig-unser-gehirn/

„Bornich.de: Kinder zwischen Schul- und Freizeitstress“. Zugegriffen 1. November 2018. https://www.bornich.de/familienzentrum/initiative/erziehungstippsvonvivafamilia/kinderzwischenschul-undfreiz/

Digitale Demenz — Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer an der DHBW Stuttgart. Mp4. Leipzig, 2017. https://www.youtube.com/watch?v=ThYy4Z_nhwo

„Entspannen vor dem Fernseher bietet keine Erholung“. praxisvita.de. Zugegriffen 28. Oktober 2018. https://www.praxisvita.de/die-buerde-der-erholung-wieso-sie-besser-nicht-vor-dem-fernseher-entspannen-7005.html

„Fernsehen bremst das Gehirn“. https://www.merkur.de, 13. Januar 2006. https://www.merkur.de/multimedia/fernsehen-bremst-gehirn-172864.html

„Freizeitstress ist der neue Standard“. Deutschlandfunk Nova. Zugegriffen 1. November 2018. https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/freizeitstress-ist-der-neue-standard-studie-zu-freier-zeit.

Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung. „Präventionsradar. Erhebung Schuljahr 16/17. Kinder- und Jugendgesundheit in Schulen“, 2017. https://www.dak.de/dak/download/praeventionsradar-1936276.pdf

Lohmann-Haislah, Andrea. Stressreport Deutschland 2012: psychische Anforderungen, Ressourcen und Befinden. Stressreport Deutschland 2012. Dortmund: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, 2012.

Prof. Stark Institut. „Zahlen und Fakten“. Prof Stark Institut (blog). Zugegriffen 27. Oktober 2018. https://prof-stark-institut.de/belastungssymptome/zahlen-und-fakten/

Reinecke, Leonard, Tilo Hartmann, und Allison Eden. „The Guilty Couch Potato: The Role of Ego Depletion in Reducing Recovery Through Media Use“. Journal of Communication 64, Nr. 4 (1. August 2014): 569–89. http://sci-hub.tw/10.1111/jcom.12107.

„Serotonin“. Wikipedia, 23. September 2018. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Serotonin&oldid=181167107

„Sex Differences In The Brain’s Serotonin System“. ScienceDaily. Zugegriffen 8. November 2015. http://www.sciencedaily.com/releases/2008/02/080213111043.htm

Stiftung fuer Zukunftsfragen. „Freizeit-Monitor-2018“, 2018. http://www.freizeitmonitor.de/fileadmin/user_upload/freizeitmonitor/2018/Stiftung-fuer-Zukunftsfragen_Freizeit-Monitor-2018.pdf

„Überforderte Kinder, Freizeitstress, Schule, voller Terminkalender, Anforderungen, Burnout-Kandidaten, Mag. phil. Eva Pokorny“. Zugegriffen 1. November 2018. https://www.alk-info.com/kinder-und-jugendliche/86-ueberforderte-kinder-freizeitstress-schule-voller-terminkalender-anforderungen-burnout-kandidaten-mag-phil-eva-pokorny



Fußnoten

1Digitale Demenz — Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer an der DHBW Stuttgart.

2Reinecke, Hartmann, und Eden, „The Guilty Couch Potato“; „Entspannen vor dem Fernseher bietet keine Erholung“.

3DAK-Gesundheitsreport 2013, zitiert nach Prof. Stark Institut, „Zahlen und Fakten“.

4Lohmann-Haislah, Stressreport Deutschland 2012, 34.

5Lohmann-Haislah, 61.

6Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung, „Präventionsradar. Erhebung Schuljahr 16/17. Kinder- und Jugendgesundheit in Schulen“.

7Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung, 17.

8Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung, 17.

9„Sex Differences In The Brain’s Serotonin System“.

10„Serotonin“.

11Stiftung fuer Zukunftsfragen, „Freizeit-Monitor-2018“.

12„Freizeitstress ist der neue Standard“.

13„Überforderte Kinder, Freizeitstress, Schule, voller Terminkalender, Anforderungen, Burnout-Kandidaten, Mag. phil. Eva Pokorny“.

14„Bornich.de: Kinder zwischen Schul- und Freizeitstress“.

15aktiv-gegen-mediensucht.de, „Fernsehen verändert zwangsläufig unser Gehirn“.

16Prof. Dr. Gerald Hüther, Leiter der Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Univ. Göttingen und Mannheim/Heidelberg, Psychiatrische Klinik 37075 Göttingen

17„Fernsehen bremst das Gehirn“.