Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat (neue Übersetzung mit Anmerkungen)

Von der Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat

Henry David Thoreau, 1849 (Übersetzung: Christina Schieferdecker, das englische Original finden Sie hier)

[Originaltitel: Widerstand gegen die Zivilregierung]

[Was sind Regierungen?]

Ich akzeptiere von ganzem Herzen das Motto: “Die beste Regierung ist die, die am wenigsten regiert”8; und ich würde mir wünschen, dass dieses Motto schneller und systematischer umgesetzt wird. Wenn es durchgeführt wird, läuft es schließlich darauf hinaus, wovon ich gleichfalls überzeugt bin: “Die Regierung ist die beste, die gar nicht regiert”; und wenn die Menschen darauf vorbereitet sind, wird das die Art von Regierung sein, die sie haben werden. Eine Regierung ist im besten Falle nur zweckmäßig; Aber gewöhnlich sind die meisten Regierungen – und alle Regierungen sind es manchmal – unzweckmäßig. Die Einwände, die gegen ein stehendes Heer vorgebracht worden sind – und sie sind zahlreich und gewichtig und verdienen es, sich durchzusetzen – können endlich auch gegen eine feste Regierung vorgebracht werden. Das stehende Heer ist nur ein Arm der festen Regierung. Die Regierung selbst, die nur die Art und Weise ist, die das Volk für die Ausführung seines Willens gewählt hat, kann ebenso missbraucht und pervertiert werden, bevor das Volk durch sie handeln kann. Der gegenwärtige Krieg gegen Mexiko zeigt es: Er ist das Werk von vergleichsweise wenigen Personen, die die ständige Regierung als ihr Werkzeug benutzen, denn das Volk hätte dieser Maßnahme von Anfang an nicht zugestimmt.

Diese amerikanische Regierung – was ist sie anderes als eine Tradition, wenn auch eine jüngere, die sich bemüht, sich der Nachwelt unbeeinträchtigt zu übermitteln, aber jeden Augenblick etwas von ihrer Rechtschaffenheit verliert? Sie hat nicht die Vitalität und Kraft eines einzigen lebenden Menschen; denn ein einziger Mensch kann sie nach seinem Willen beugen. Sie ist eine Art hölzernes Gewehr für das Volk selbst. Dafür ist sie aber nicht weniger notwendig; denn das Volk braucht irgendeine komplizierte Maschinerie und muss ihren Lärm hören, um die Regierungsidee, die es hat, zu befriedigen. Regierungen zeigen also, was man Menschen zu ihrem eigenen Vorteil erfolgreich aufbürden kann, ja sogar was sie sich selbst aufbürden können. Es funktioniert ausgezeichnet, das müssen wir alle zugestehen. Doch diese Regierung hat nie von sich aus irgendeinen Unternehmensgeist gezeigt, außer dem Eifer, diesem aus dem Weg zu gehen. Sie bewahrt die Freiheit des Landes nicht. Sie besiedelt den Westen nicht. Sie erzieht nicht. Der dem amerikanischen Volk innewohnende Charakter hat alles erreicht, was erreicht worden ist; und er hätte noch mehr erreicht, wenn die Regierung ihm nicht manchmal in die Quere gekommen wäre. Denn Regierungen sind ein Hilfsmittel, durch das Menschen gerne erreichen würden, von einander in Ruhe gelassen zu werden; und wie ich schon gesagt habe, ist sie [, die Regierung,] am nützlichsten, wenn die Regierten von ihr alleine gelassen werden. Handel und Gewerbe würden es niemals schaffen, wenn sie nicht aus Gummi wären, über Hindernisse zu springen, die ihnen der Gesetzgeber ständig in den Weg legt9; und wenn man diese Männer ganz nach den Auswirkungen ihrer Handlungen und nicht zum Teil nach ihren Absichten beurteilen würde, dann würden sie es verdienen, zu jenen bösartigen Personen gezählt und wie jene bestraft zu werden, die Hindernisse auf die Schienen der Eisenbahnen legen.

Aber, um praktisch und als Bürger zu sprechen, im Gegensatz zu denen, die sich gegen jede Regierung aussprechen10, fordere ich, nicht sofort keine Regierung, sondern sofort eine bessere Regierung. Lassen Sie jeden Menschen sagen, welche Art von Regierung seinen Respekt verdienen würde, und das wird ein Schritt dahin sein, diese [Regierungsform] zu erlangen.

[Mehrheiten und Untertanen]

Der praktische Grund dafür, dass, wenn die Macht einmal in den Händen des Volkes ist, eine Mehrheit regieren darf, und zwar für einen langen Zeitraum, ist nicht, weil sie am ehesten im Recht ist, noch weil dies der Minderheit am gerechtesten erscheint, sondern weil sie physisch die Stärkste ist. Aber eine Regierung, in der die Mehrheit in allen Fällen regiert, kann sich nicht auf Gerechtigkeit gründen, auch nicht, wenn die Menschen dafür Verständnis haben11. Kann es nicht eine Regierung geben, in der nicht die Mehrheit faktisch über Recht und Unrecht entscheidet, sondern das Gewissen? In der die Mehrheit nur über die Fragen entscheidet, auf die die Regeln der Zweckdienlichkeit anwendbar sind? Muss der Bürger jemals für einen Augenblick oder auch nur in geringstem Maße sein Gewissen dem Gesetzgeber überlassen? Warum hat dann jeder Mensch ein Gewissen? Ich denke, dass wir in erster Linie Menschen sein sollten und erst an zweiter Stelle Untertanen. Es ist nicht erstrebenswert, den Respekt vor dem Gesetz zu kultivieren, als viel mehr davor, das richtige zu tun12. Die einzige Verpflichtung, von der ich das Recht habe, sie als gegeben anzunehmen, ist die, jederzeit das zu tun, was ich für richtig halte. Es wurde schon oft gesagt, dass ein Unternehmen kein Gewissen hat; aber ein Unternehmen von gewissenhaften Männern ein Unternehmen mit einem Gewissen ist. Das Gesetz hat die Menschen nie gerechter gemacht; und durch ihren Respekt vor dem Gesetz werden selbst die freundlich Gesinnten täglich zu Vertretern der Ungerechtigkeit gemacht. Ein häufiges und natürliches Ergebnis eines unangemessenen Respekts vor dem Gesetz ist, dass Sie eine Reihe von Soldaten, Obersten, Hauptleuten, Gefreiten, Pulveraffen und viele andere sehen können, die in bewundernswerter Ordnung gegen ihren Willen, ja gegen ihren gesunden Menschenverstand und ihr Gewissen, über Stock und Stein zu den Kriegen marschieren, was den Marsch in der Tat sehr steil macht und Herzklopfen erzeugt. Sie haben keinen Zweifel daran, dass es sich um eine verdammenswerte Angelegenheit handelt, mit der sie sich beschäftigen; denn sie sind alle friedlich gesinnt. Nun, was sind sie? Sind sie überhaupt Menschen? Oder kleine bewegliche Festungen und Waffenlager, im Dienste eines skrupellosen Machthabers? Besuchen Sie die Marinewerft, und sehen Sie sich einen Soldaten an, einen Mann, wie ihn eine amerikanische Regierung machen kann, wie sie ihn mit ihren schwarzen Künsten machen kann – ein bloßer Schatten und eine Erinnerung an die Menschlichkeit, ein Mann, der lebendig und stehend aufgebahrt ist und bereits, wie man sagen kann, unter Waffen begraben ist, mit Grabbeigaben, und es könnte sein:

“Nicht eine Trommel war zu hören, nicht eine Trauernote,
Als wir mit seiner Leiche zum Festungswall eilten;
Kein einziger Soldat gab seinen Abschiedsschuss ab
Über dem Grab, in dem unser Held begraben wurde”.13

Die Masse der Menschen dient also dem Staat, nicht in erster Linie als Menschen, sondern als Maschinen, mit ihren Körpern. Sie sind das stehende Heer und die Miliz, die Kerkermeister, die Polizisten, die Helfershelfer des Gesetzes usw. In den meisten Fällen zeigen sie kein freies Vorgehen, weder bei der Bildung eines Urteils noch im moralischen Empfinden; sie stellen sich auf eine Stufe mit Holz und Erde und Steinen; wahrscheinlich14 lassen sich auch hölzerne Menschen herstellen, die diesem Zweck genauso gut dienen. Solche verdienen nicht mehr Respekt als Menschen aus Stroh oder einem Klumpen Erde. Sie haben nur den gleichen Wert wie Pferde und Hunde. Doch solche sind sogar allgemein geschätzte gute Bürger. Andere – wie die meisten Gesetzgeber, Politiker, Anwälte, Minister und Amtsinhaber – dienen dem Staat hauptsächlich mit ihrem Kopf; und da sie selten moralische Unterscheidungen treffen, dienen sie dem Teufel, ohne es zu wollen, genauso gut wie Gott. Nur sehr wenige – als Helden, Patrioten, Märtyrer, Reformer im weitesten Sinne und [einige] Menschen – dienen dem Staat auch mit ihrem Gewissen und widersetzen sich ihm daher notwendigerweise zum größten Teil; und sie werden von ihm gewöhnlich als Feinde behandelt. Ein weiser Mensch wird nur als Mensch nützlich sein und sich nicht dafür hergeben “Lehm” zu sein und “ein Loch zu stopfen, um den Wind fernzuhalten”, sondern er wird zumindest diese Aufgabe seinem Staub überlassen15:

“Ich bin zu hochgeboren, um besitzend zu sein,
Eine Sekunde an der Macht zu sein,
Oder nützlicher Diener und Instrument
Von irgendeinem souveränen Staat dieser Welt”16.

Wer sich ganz seinen Mitmenschen hingibt, erscheint ihnen nutzlos und selbstsüchtig; wer sich ihnen aber teilweise hingibt, wird als Wohltäter und Philanthrop bezeichnet.

Wie also soll man sich als Mensch heute gegenüber der amerikanischen Regierung verhalten? Ich antworte, dass man nicht ohne Schande mit ihr in Verbindung gebracht werden kann. Ich kann nicht einen Augenblick lang diese politische Organisation als meine Regierung anerkennen, die auch die Regierung der Sklaven ist.

Anmerkungen

8Laut Washington Post (2017) stammt das Motto, auf das sich Thoreau hier bezieht aus der “United States Magazine and Democratic Review”, welche 1837 gegründet wurde. “In ihrer ersten Ausgabe, auf den Seiten 6-7, hat die Review diese Passage eingefügt.”

9Thoreau benutzt hier das Bild eines Gummiballs, bzw. Flummis

10Im Original: “unlike those who call themselves no-government men”

11Im Original: “undertand it”

12Original: “It is not desirable to cultivate a respect for the law, so much as for the right.”

13Original:
“Not a drum was heard, not a funeral note,
As his corse to the rampart we hurried;
Not a soldier discharged his farewell shot
O’er the grave where our hero was buried.”
(“The Burial Of Sir John Moore at Caruna” von Charles Wolfe)

14Original: “perhaps”. “Vielleicht” sagen wir auch im Deutschen, aber es erschien mir in diesem Zusammenhang etwas missverständlich und “wahrscheinlich” drückt es unmissverständlicher und deutlicher aus, was Thoreau sagen möchte.

15Thoreau zitiert hier Shakespeare (Hamlet, Act 5.1.209-214):
“[…] Alexander died, Alexander was buried,
Alexander returneth into dust; the dust is earth; of
earth we make loam; and why of that loam, whereto he
was converted, might they not stop a beer-barrel?
Imperious Caesar, dead and turn’d to clay,
Might stop a hole to keep the wind away”
Selbst Julius Cäsar war am Ende nur ein Stück Lehm, mit dem man ein Loch stopfen konnte.

16Original:
“I am too high born to be propertied,
To be a second at control,
Or useful serving-man and instrument
To any sovereign state throughout the world.”
(Shakespeare, King John, 5. Akt, 2. Szene)