Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat (neue Übersetzung mit Anmerkungen)

[Das Recht der Revolution]

Alle Menschen erkennen das Recht der Revolution an; das heißt, das Recht, der Regierung die Gefolgschaft zu verweigern und ihr Widerstand zu leisten, wenn ihre Tyrannei oder Ineffizienz groß und unerträglich ist. Aber fast alle sagen, dass dies jetzt nicht der Fall ist. Aber das war der Fall, denken sie, in der Revolution von ’75 [1775]. Wenn man mir sagen würde, dass dies [damals] eine schlechte Regierung war, weil sie bestimmte ausländische Waren, die in ihre Häfen gebracht wurden, besteuerte, ist es augenscheinlich so, dass ich mich nicht darüber aufregen sollte, denn ich kann auf diese [Waren] verzichten.17 Alle Maschinen haben Reibungskräfte; und möglicherweise sind diese hoch genug18, um dem Bösen entgegen zu wirken. Auf jeden Fall ist es ein großes Übel, und man muss sich darüber aufregen19. Aber wenn die Reibungskräfte ihre eigene Maschine bekommen und Unterdrückung und Raub organisiert werden, dann sage ich: Lasst uns nicht länger eine solche Maschine haben. Mit anderen Worten, wenn ein Sechstel der Bevölkerung einer Nation, die sich verpflichtet hat, Zufluchtsort der Freiheit zu sein, Sklaven sind und ein ganzes Land zu Unrecht von einer fremden Armee überrannt, erobert und dem Militärrecht unterworfen wird, ist es meines Erachtens nicht zu früh für ehrliche Menschen, sich aufzulehnen und zu revolutionieren. Was diese Pflicht umso dringender macht, ist die Tatsache, dass das Land, das so überrannt wird [(Mexiko)], nicht unser Land ist, sondern unsere Armee ist die, die angreift.

[…]

[Freiheit oder Freihandel]

Praktisch gesehen sind die Gegner einer Reform in Massachusetts nicht hunderttausend Politiker im Süden, sondern hunderttausend Kaufleute und Farmer hier, die sich mehr für Handel und Landwirtschaft interessieren als für Menschlichkeit und die nicht bereit sind, den Sklaven und Mexiko Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, koste es, was es wolle. Ich streite mich nicht mit fernen Gegnern, sondern mit jenen, die nahe der Heimat sind und die mit denen in der Ferne zusammenarbeiten und auf deren Geheiß hin handeln, und ohne welche die letzteren harmlos wären. Wir sind es gewohnt, zu sagen, dass die Masse der Menschen ahnungslos20 ist; aber die Verbesserung [dieses Zustandes] geht nur deshalb langsam voran, weil die wenigen nicht so wesentlich klüger oder besser sind als die vielen. Es ist nicht so wichtig, dass viele so gut sind wie du21, sondern dass es irgendwo das absolut Gute gibt; denn das wird in der Masse gären22. Es gibt Tausende, die ihres eigenen Erachtens nach gegen die Sklaverei und gegen den Krieg sind, die aber in Wirklichkeit nichts tun, um diesem ein Ende zu bereiten; die sich als Kinder von Washington und Franklin betrachten und sich aber mit den Händen in den Taschen hinsetzen und sagen, dass sie nicht wissen, was sie tun sollen, und [letztendlich] nichts tun; die sogar die Sache der Freiheit der Frage nach einem Freihandel unterstellen und nach dem Abendessen in aller Ruhe die aktuellen Preise und die neuesten Nachrichten aus Mexiko lesen und vielleicht über beidem einschlafen. Was ist der aktuelle Preis für einen aufrichtigen Menschen und Patrioten? Sie zögern, sie bedauern, und manchmal bitten sie; aber sie tun nichts ernsthaft, was eine Auswirkung hätte. Sie werden wohlwollend darauf warten, dass andere das Übel abwenden, damit sie hoffentlich keine Reue werden zeigen müssen. Meist opfern sie nur ihre billige Wählerstimme, und wünschen mit einer gelangweilten Miene der Gerechtigkeit23 viel Glück, während sie an ihnen vorbeigeht. Es gibt neunhundertneunundneunzig Beschützer der Tugend auf einen tugendhaften Menschen. Aber es ist einfacher, mit dem wirklichen Besitzer einer Sache umzugehen als mit dem zeitweiligen Beschützer der Sache.

[Die Wahl]

Alle Wahlen sind eine Art Spiel, wie Dame oder Backgammon, mit einer leichten moralischen Einfärbung, ein Spiel mit richtig und falsch, mit moralischen Fragen; und das Wetten ist ihr natürlicher Begleiter. Die Persönlichkeit24 der Wähler wird [in diesem Spiel] nicht eingesetzt. Ich gebe meine Stimme ab, möglicherweise, wie ich es für richtig halte; aber es ist mir nicht wichtig, ob dieses, [was ich für richtig halte,] sich durchsetzt25. Ich bin bereit, es der Mehrheit zu überlassen. Die Verpflichtung26 [jedes Einzelnen] geht daher nie über die der Zweckmäßigkeit hinaus. Selbst wenn man für das stimmt, was man für richtig hält27, bedeutet das nicht, dass man etwas dafür tut. Es ist nur ein schwacher Ausdruck eines Wunsches gegenüber anderen, dass es geschehen möge. Ein kluger Mann wird die richtige Entscheidung28 nicht der Gnade des Zufalls überlassen, noch wird er wünschen, dass sie durch die Macht der Mehrheit durchgesetzt wird. Es liegt nur wenig Tugend in den Handlungen von Menschenmassen. Wenn die Mehrheit endlich für die Abschaffung der Sklaverei stimmen wird, dann deshalb, weil ihr die Sklaverei gleichgültig ist oder weil es nur noch wenig Sklaverei gibt, die durch ihre Stimme abgeschafft werden kann. Sie werden dann die einzigen Sklaven sein. Nur der kann mit seiner Stimme die Abschaffung der Sklaverei beschleunigen, wer durch seine Wahl29 seine eigene Freiheit zur Geltung bringt.

Ich höre von einer Versammlung, die in Baltimore oder anderswo abgehalten werden soll, die hauptsächlich aus Redakteuren und Männern besteht, die von Beruf Politiker sind, um einen Kandidaten für die Präsidentschaftswahl auszuwählen; Aber was bedeutet diese Entscheidung, zu der sie kommen werden, für jeden unabhängigen, intelligenten und achtbaren Menschen? Sollten wir nicht auch die Möglichkeit haben, an dieser Weisheit und Ehre teilzuhaben?30 Können wir nicht auf einige unabhängige Stimmen zählen?31 Gibt es denn nicht viele Menschen in diesem Land, die nicht an Versammlungen [dieser Art] teilnehmen?

Aber nein: Ich stelle fest, dass der so genannte ehrbare Mensch sofort seine Ansichten ändert und an seinem Land verzweifelt, wenn sein Land mehr Gründe hat, an ihm zu verzweifeln. Er akzeptiert sofort den einen ausgewählten Kandidaten als den einzig verfügbaren und beweist damit, dass er selbst für alle Zwecke eines Demagogen verfügbar ist.32 Seine Stimme ist nicht mehr wert als die eines prinzipienlosen Ausländers oder eines einheimischen Tagelöhners, der vielleicht gekauft wurde. Oh ein Mensch, der tatsächlich ein [wahrer] Mensch ist, hat ein Rückgrat, durch das man seine Hand nicht durchstecken kann, wie mein Nachbar sagt. Unsere Statistik hat einen Fehler: Die Bevölkerung wurde zu groß angegeben. Wie viele [wahre] Menschen kommen auf eintausend Quadratmeilen im Land? Kaum einer. Bietet Amerika nicht irgendeinen Anreiz für [wahre] Menschen33, sich hier niederzulassen? Der Amerikaner ist zu einem “sonderbaren Kauz”34 geschrumpft, den man an der Entwicklung seines Geselligkeitsorgans und einem offenkundigen Mangel an Intellekt und fröhlichem Selbstvertrauen erkennen kann; seine erste und wichtigste Sorge bei seiner Ankunft in der Welt [Amerika] ist es, dafür zu sorgen, dass die Armenhäuser in gutem Zustand sind; und, noch bevor er rechtmäßig volljährig ist, für einen Fonds zur Unterstützung der Witwen und Waisen, die es geben könnte, zu sammeln; kurz gesagt, er wagt es, nur mit der Hilfe der Versicherungsgesellschaft zu leben, die versprochen hat, ihn anständig zu beerdigen.

Anmerkungen

17Die hohe Besteuerung von Waren durch das Vereinigte Königreich – und dadurch durch ihrer Repräsentanten in den USA – löste 1773 die Boston Tea Party aus (Bostoner Bürger warfen den gelieferten Tee zurück ins Meer) und schließlich 1775 den Unabhängigkeitskrieg.

18Original: “and possibly this does enough good”

19Original: “At any rate, it is a great evil to make a stir about it.” Thoreau verwendet “to” häufig wie “um zu” das “to make” geschieht als Folge des “evil”. Nicht das “Aufregen” (to make a stir) ist das “Böse” (evil), sondern das Böse (evil) führt zur Aufregung (to make a stir). Diese Satzkonstruktion findet sich bei Thoreau häufiger.

20Original: “unprepared” = unvorbereitet, ahnungslos. In manchen Übersetzungen auch mit “unreif” oder “nicht bereit für Veränderungen” interpretiert. Ich bleibe näher am Original.

21Original: “It is not so important that many should be good as you” Es ist unklar, worauf sich dieses “you” bezieht. Ich denke, er verwendet es hier in einer eher allgemeinen Bedeutung, ähnlich wie “man”, und trifft hier eine allgemeine Aussage.

22Original: “will leaven the whole lump”. Manche verweisen hier auf 1.Korinther 5:6, wo es heißt: “Your glorying is not good. Know ye not that a little leaven leaveneth the whole lump?” Und in der deutschen Version: “Euer Ruhm ist nicht fein. Wisset ihr nicht, dass ein wenig Sauerteig den ganzen Teig versäuert?” Thoreau spielt mit Bibelzitaten, doch auf diese Art und Weise, dass man den Zusammenhang nicht kennen muss. Thoreau möchte ja nicht mit der Bibel argumentieren, sondern “alte Weisheiten” präsentieren.

23Original: “right”. Würde man hier “dem Richtigen” übersetzen, könnte es missverständlich sein

24Original: “character”

25Original: “but I am not vitally concerned that that right should prevail.” Eigentlich wörtlich: “Ich bin jedoch nicht besonders besorgt darüber (es ist mir nicht wichtig), dass das Richtige sich durchsetzt.” Hier ist “das Richtige” oder “the right” im Deutschen wieder etwas schwierig. Thoreau spricht ja davon, dass ich für etwas stimme, es mir jedoch egal ist, ob dieses sich durchsetzt, egal, ob es das Richtige ist oder nicht. Deshalb habe ich mich entschieden, den Satz sinngemäß wieder zu geben, und nicht exakt zu übersetzen und “right” weg zu lassen.

26“Verpflichtung” ist hier “obligation”, was auch Schuldigkeit, Bindung, Pflicht bedeutet. Die Mehrheit fühlt sich nur der Zweckmäßigkeit verpflichtet, nicht den Menschen.

27Ich bin hier auch wieder etwas abgewichen, um die Aussage sprachlich an die vorherige (siehe Fußnote 25) anzupassen. Im Original heißt es: “Even voting for the right”

28Original: “The right”, übersetzt: “die richtige Entscheidung”, denn nur “das Richtige” klingt im Deutschen seltsam und ist etwas uneindeutig.

29Hier steht zweimal “vote” im Original. Ein “vote” ist auch eine Entscheidung, ein Treffen einer Wahl. Ich vermute, dass hier Thoreau absichtlich “vote” doppeldeutig verwendet, was man in einer Übersetzung nicht wiedergeben kann, ohne die Verbindung zu dem zuvor Gesagten (in Thoreaus Text) zu verlieren. Doch mit “Stimme” und “Wahl” denke ich, den Inhalt gut getroffen zu haben, da beide Teil der “Wählerstimme” sind.

30Dieser Satz ist zweideutig. Entweder fragt Thoreau (beide Male sehr frei dem Sinne nach wiedergegeben): “Sollen nicht auch wir an dieser Entscheidung beteiligt werden?” oder er fragt: “Sollen wir uns nicht freuen, dass andere kluge Entscheidungen für uns treffen?”

31Auch hier, wie in der Fußnote zuvor erwähnt: Behauptet er hier, dass die Versammlung diese “unabhängigen Stimmen” sind, oder fordert er zusätzlich unabhängige Stimmen?

32Von “Ich höre von einer Versammlung” bis hier, war es sehr schwierig den Text korrekt zu übersetzen. Viele Sätze Thoreaus, die eigentlich seine Wut oder Verachtung ausdrücken, sind sehr neutral formuliert. Eine genaue Übersetzung könnte deshalb verwirren. Ich habe versucht nahe am Original zu bleiben, habe mir jedoch gewisse Freiheiten erlaubt.
Im Text (ab “ich höre..”) geht es darum, dass jemand eine Versammlung einberufen hat, ohne die Bevölkerung zu fragen, ob des denn für sie in Ordnung wäre, wenn diese Männer entscheiden, wer der Präsidentschaftskandidat wird. Doch wendet Thoreau ein, dass es dem “ehrbaren” Menschen sowieso egal ist, weil er seine Prinzipien eh über den Haufen werfen wird und den Kandidaten unterstützen wird, den diese Versammlung ernennt. Denn der Mensch läuft immer in der Herde mit und deshalb auch jedem Demagogen hinterher, wenn er den Anschein erweckt, die Mehrheit wäre für ihn.

33Ich vermute, hier spielt Thoreau auf die vorhergehende Aussage an. Die Statistik ist falsch, laut Thoreau, weil zwar viele als “Menschen” bezeichnet werden, aber in Wirklichkeit gar keine “wahren Menschen” mit Rückgrat sind. Die meisten sind nur “Maschinen”, die tun, was man von ihnen verlangt (wie es Thoreau häufiger schreibt). Allerdings verwendet Thoreau beide Male nur “men”, weshalb das Wort “wahre” (bis hier 3x) von mir hinzugefügt wurde, um den Sinn zu verdeutlichen

34Im Original: “Odd Fellow” (= übersetzt “sonderbarer Kauz”). Es könnte sein, dass Thoreau hier “The Independent Order of Odd Fellows” anspricht. Dies ist ein Orden, der einst in England gegründet wurde, dann sich von New York aus weiter verbreitete. Zu Thoreaus Zeiten gab es ihn in New York, Baltimore, Pensylvania, Maryland und Massachusetts. Laut der deutschen Wikipedia sind “die ethischen Gebote des Ordens […] ‘die Kranken zu besuchen, den Bedrängten zu helfen, die Toten zu bestatten und die Waisen zu erziehen.'”
Hier habe ich mich entschieden, Odd Fellow zu übersetzen, weil der Text sich dann flüssiger lesen lässt und die enthaltene Anspielung eigentlich nicht für das Verständnis des Textes wichtig ist.