Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat

[Unmoral und Falschheit]

Es ist selbstverständlich nicht die Pflicht eines Menschen, sich ganz der Ausrottung irgendeines, selbst des ungeheuerlichsten Unrechts, zu widmen; Er mag vielleicht noch andere Anliegen haben, die ihn zu Recht beschäftigen; Aber es ist zumindest seine Pflicht, seine Hände vom Unrecht zu säubern35 und, falls er keine Gedanken mehr daran verschwenden möchte, das Unrecht nicht mehr aktiv36 zu unterstützen. Wenn ich mich meinen eigenen37 Beschäftigungen und Betrachtungen widme, muss ich zunächst zumindest dafür Sorge tragen, dass diese nicht anderen zur Last werden38. Ich muss anderen ihre Freiheit geben39, damit auch sie ihren eigenen Überlegungen nachgehen können. Aber sehen Sie, welche grobe Inkonsequenz hingenommen wird. Ich habe einige meiner Bürger sagen hören: “Ich möchte, dass sie mir befehlen, einen Aufstand der Sklaven niederzuschlagen oder nach Mexiko zu marschieren – dann werden sie sehen, wie ich mich weigere40”; und doch haben eben diese Männer, direkt durch ihre Loyalität und indirekt, zumindest durch ihr Geld, einen Ersatz geschaffen. Dem Soldaten, der sich weigert, in einem ungerechten Krieg zu dienen, wird von denen applaudiert, die sich nicht weigern, die ungerechte Regierung, die den Krieg führt, zu unterstützen; Ihm wird applaudiert von denen, deren eigene Handlung und Autorität er missachtet und in den Wind schlägt; Als ob der Staat in dem Maße reumütig wäre, dass er jemanden anheuert um ihn [als Strafe] auszupeitschen noch während er sündigt, aber nicht in dem Maße [auszupeitschen], dass er für einen Augenblick mit dem Sündigen aufhört. So sind wir alle unter den Namen “Ordnung” und “Zivilregierung” endlich dazu berufen, unsere eigene Gemeinheit zu ehren und zu unterstützen. Nach dem ersten Erröten über die Sünde kommt die Gleichgültigkeit; und aus der Unmoral wird sozusagen Amoral41 und das ist nicht ganz nutzlos für das Leben, wie wir es uns eingerichtet haben.

Der weitreichendste und am weitesten verbreitete Irrtum erfordert die selbstloseste Tugend, um ihn aufrechtzuerhalten. Den leichten Vorwurf, dem die Tugend des Patriotismus gemeinhin ausgesetzt ist, werden sich die vornehmen Herren am ehesten gefallen lassen. Diejenigen, die zwar den Charakter und die Maßnahmen einer Regierung missbilligen, ihr aber ihre Loyalität und Unterstützung beugen, sind zweifellos ihre gewissenhaftesten Unterstützer und damit häufig die schwerwiegendsten Hindernisse für Reformen. Einige fordern den Staat [Massachusetts] auf, die Union [USA] aufzulösen und sich über die Forderungen des Präsidenten hinwegzusetzen. Warum lösen sie nicht selbst die Union – die Union zwischen ihnen und dem Staat – auf und weigern sich, ihre Steuern in die Staatskasse einzuzahlen? Stehen sie gegenüber dem Staat nicht in der gleichen Beziehung wie der Staat gegenüber der Union? Und haben nicht die gleichen Gründe den Staat daran gehindert, sich der Union zu widersetzen, die sie daran gehindert haben, sich dem Staat zu widersetzen?

[Unterwürfigkeit]

Wie kann sich ein Mensch damit zufrieden geben, eine Meinung lediglich zu haben und das zu genießen? Hat er Freude daran, wenn er der Meinung ist, dass er geschädigt ist? Wenn Sie von Ihrem Nachbarn um einen einzigen Dollar betrogen werden, geben Sie sich dann damit zufrieden, zu wissen, dass Sie betrogen wurden, oder damit zu sagen, dass Sie betrogen wurden, oder damit ihn [, den Nachbarn,] sogar zu bitten, Ihnen den geschuldeten Betrag zu zahlen; Oder unternehmen Sie sofort wirksame Schritte, um den vollen Betrag zu erhalten, und sorgen dafür, dass Sie nie wieder betrogen werden? Das Handeln aus Prinzipien heraus, die Ansicht darüber, was richtig ist und die Durchführung des Richtigen42, verändert die Dinge und die Beziehungen, ist im Wesentlichen revolutionär und besteht nicht gänzlich aus dem, was war. Es spaltet nicht nur Staaten und Kirchen, es spaltet Familien; ja, es spaltet den Einzelnen, indem es das Teuflische in ihm vom Göttlichen trennt.

Es gibt ungerechte Gesetze: sollen wir uns damit begnügen, ihnen zu gehorchen, oder sollen wir uns bemühen, sie zu ändern und ihnen so lange gehorchen, bis wir Erfolg haben, oder sollen wir sie sofort übertreten? Im Allgemeinen sind die Menschen unter einer solchen Regierung wie dieser der Meinung, dass sie warten sollten, bis sie die Mehrheit davon überzeugt haben, sie zu ändern. Sie sind der Meinung, dass, wenn sie sich widersetzen würden, das Heilmittel schlimmer wäre als das Übel. Aber es ist die Schuld der Regierung selbst, dass das Heilmittel schlimmer ist als das Übel. Das macht es schlimmer. Warum ist sie nicht eher in der Lage, Reformen vorwegzunehmen und sie vorzusehen? Warum schätzt sie ihre kluge Minderheit nicht? Warum weint sie und leistet Widerstand, bevor sie verletzt wird? Warum ermutigt sie ihre Bürger nicht, ihre Fehler [, die Fehler der Regierung,] zu beheben und ihr [, der Regierung, dadurch] mehr Gutes zu tun, als sie ihrer Bevölkerung tut?43 Warum kreuzigt sie immer wieder Christus und exkommuniziert Kopernikus und Luther und erklärt Washington und Franklin zu Rebellen?

[Das Übel und Widerstand]

Man könnte meinen, dass eine absichtliche und praktische Verleugnung ihrer Autorität der einzige Angriff44 wäre, der von der Regierung nie in Betracht gezogen wurde; warum hat sie sonst nicht ihre endgültige, angemessene und verhältnismäßige Strafe festgelegt? Wenn ein Mann, der kein Vermögen besitzt, sich nur einmal weigert, neun Schillinge für den Staat zu verdienen, wird er nach jedem Gesetz, das ich kenne, für eine unbestimmte Zeit ins Gefängnis gesteckt, und zwar nur nach dem Ermessen derer, die ihn dorthin gebracht haben; sollte er aber neunzig mal neun Schillinge vom Staat stehlen, darf er bald wieder auf freiem Fuß sein.

Wenn die Ungerechtigkeit Teil der notwendigen Reibung der Regierungsmaschinerie ist, lasst es gut sein, lasst es gut sein: vielleicht wird sie sich glatt abnutzen – mit Sicherheit wird sich die Maschine abnutzen. Wenn die Ungerechtigkeit eine Feder oder eine Rolle oder ein Seil oder eine Kurbel [als Teil der Maschine] ist, dann musst du dir überlegen, ob das Heilmittel nicht schlimmer ist, als das Übel sein wird45; Aber wenn sie so beschaffen ist, dass sie von dir verlangt, dass du die Ursache der Ungerechtigkeit gegenüber einem anderen wirst, dann sage ich, brich das Gesetz. Lass dein Leben das Sand im Getriebe46 sein, um die Maschine aufzuhalten. Was ich auf jeden Fall tun muss, ist darauf zu achten, dass ich mich nicht für das Unrecht zur Verfügung stelle, das ich verurteile47.

Was die Wege angeht, die der Staat zur Behebung des Übels beschreiten möchte, so weiß ich nichts von solchen Wegen. Sie dauern zu lange und das Leben eines Menschen wird in dieser Zeit vergehen. Ich muss mich um andere Angelegenheiten kümmern. Ich bin in diese Welt gekommen, nicht in erster Linie, um sie zu einem guten Ort zum Leben zu machen, sondern um in ihr zu leben, sei es gut oder schlecht. Ein Mensch kann nicht alles tun, sondern nur etwas; und weil er nicht alles tun kann, ist es nicht notwendig, dass er etwas Falsches macht. Es ist nicht meine Sache, den Gouverneur oder die Legislative um etwas zu ersuchen, ebenso wenig wie es ihre Sache ist, mich um etwas zu ersuchen; und wenn sie meine Petition nicht hören sollten, was soll ich dann tun? Für diesen Fall hat der Staat keine Möglichkeit vorgesehen: Seine Verfassung selbst ist das Übel. Das mag hart und stur und unversöhnlich erscheinen; aber es bedeutet nur die Geisteshaltung mit äußerster Freundlichkeit und Rücksicht zu behandeln, die es wert ist oder es verdient hat48. So ist jede Veränderung, die den Körper erschüttert, zum Besseren, wie Geburt und Tod.49

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Anmerkungen

35Original: “to wash his hands of it”

36Original: “practically”

37Origiginal: “to other” Eigentlich spricht Thoreau hier von “anderen”, aber das macht wenig Sinn, da sich “andere” auf etwas beziehen muss und das ist hier nicht gegeben. Ich vermute, dass er “andere” im Sinne von “nicht denen, denen ihr euch widmet” meint und deshalb habe ich mich für diese Übersetzung entschieden.

38Original: “that I do not pursue them sitting upon another man’s shoulders.”

39Eigentlich “I must get off him first”. Wörtlich übersetzt heißt es etwa “Ich muss erst von ihm heruntergehen”. Zuvor (Fußnote 38) verwendet Thoreau das Bild, dass ich jemandem auf der Schulter sitze, und ihm dadurch zur Last falle und behindere. Wenn ich ihm aber zur Last falle, kann er nicht seinen Betrachtungen (contemplations) nachgehen.

40Im Original: “see if I would go”. Nimmt man diesen Satz, zusammen mit dem nachfolgen, dann erkennt man, dass dies eine Weigerung beinhalten soll, die genannten Befehle auszuführen. Ähnlich, wie wenn wir sagen würden: “Ja, befiel das nur, du wirst schon sehen ob wir gehorchen!” und meint damit: Wir werden garantiert nicht gehorchen! Ich sehe diese Aussage als eine Ironie, doch kommt diese bei einer wortgetreuen Übersetzung nicht rüber, weshalb ich mich für diesen Weg entschieden habe.

41Unmoral = nicht moralisch, Amoral = (weit) weg von jeder Moral. Übertragen bedeutet das: Zuerst verneint man die Moral, dann vergisst man sie völlig.

42Im Original: “the perception and the performance of right”. Hier könnte “right” auch “Recht” bedeuten, doch ist Thoreau ja nicht der Ansicht, dass wer das “Recht” auf seiner Seite hat, auch immer im Recht ist, bzw. das Richtige tut. Im Deutschen ist es etwas schwierig die Aufzählung als solche wiederzugeben (wörtlich wäre es “die Annahme und Durchführung des Richtigen”), weshalb ich “the perception … of right” mit “die Ansicht darüber, was richtig ist” übersetzt habe.

43Im Original: “Why does it not encourage its citizens to put out its faults, and do better than it would have them?”

44Original: “Offense”

45Thoreau meint damit, dass wenn man ein Teil der Maschine (= Regierung) “ausschaltet”, weil es von Übel ist, läuft die ganze Maschine nicht mehr und deshalb muss man abwägen ob sich eine Aktion in dieser Richtung lohnt, oder ob dann der Schaden größer ist, als das Gute, das man dadurch erreichen möchte.

46Original: “counter-friction”, also eher: Gegenreibung

47Original: “not lend myself to the wrong which I condemn.”

48Das Original: “that can appreciate or deserves it”. Im Original heißt es eigentlich, man solle die Verfassung anerkennen, welche “es wertschätzen oder anerkennen kann”. Allerdings hat dieses “es” (it) hier keinen direkten Bezug. Thoreau meint, man solle nur die Verfassung, die das eigene moralische Verhalten anerkennen kann, nur diese soll man hochschätzen.

49Der Satz ist etwas seltsam, aber so ist er tatsächlich im Original. Natürlich verbessert sich nichts in meinem Leben, wenn ich tot bin. “So is all change for the better, like birth and death, which convulse the body.” Vielleicht spricht Thoreau hier den Kreislauf des Lebens an?