Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat

[Bereits ein Mensch ist eine Mehrheit]

Ich zögere nicht zu sagen, dass diejenigen, die sich selbst Abolitionisten50 nennen, der Regierung von Massachusetts sofort ihre Unterstützung, sowohl persönlich als auch materiell, wirksam entziehen sollten und nicht warten sollten, bis sie die Mehrheit von einer Stimme haben, um das Recht zu haben, ihre Ziele durchzusetzen. Ich denke, es reicht, wenn sie Gott auf ihrer Seite haben, auf die anderen müssen sie nicht warten. Obendrein stellt jeder Mensch, der sich stärker als seine Nachbarn für das Richtige einsetzt51, bereits eine Mehrheit von einer Stimme dar.

Ich treffe mich mit dieser amerikanischen Regierung oder seiner Repräsentanten, der Regierung des Staates, direkt und von Angesicht zu Angesicht, einmal im Jahr – nicht mehr – in der Person ihres Steuereintreibers; dies ist die einzige Art und Weise, in der ein Mann, in meiner Position, ihr notwendigerweise begegnet; und sie [die Staatsregierung] sagt dann deutlich: Erkenne mich an; und die einfachste, wirksamste und, in der gegenwärtigen Lage, die notwendigste Art und Weise, mit ihr umzugehen und unsere geringe Zufriedenheit mit und geringe Liebe zu ihr auszudrücken, ist, sie dann von uns zu weisen [und nicht anzuerkennen]. Mein bürgerlicher Nachbar, der Steuereintreiber, ist genau der Mann, mit dem ich zu tun habe – schließlich streite ich mit Männern und nicht mit Pergament – und er hat sich freiwillig entschieden, ein Vertreter der Regierung zu sein. Wie soll er je wirklich wissen, dass er als Regierungsbeamter oder als Mann handelt oder einer ist, bis er gezwungen ist, sich zu überlegen, ob er mich, seinen Nachbarn, vor dem er Respekt hat, als Nachbarn und wohlgesonnenen Mann behandelt oder als Verrückten und Friedensstörer, und selbst sieht, ob er diese Behinderung durch seinen Nachbarn, ohne einen unhöflicheren und unüberlegten Gedanken oder eine seiner Handlung entsprechenden Rede, überwinden kann. Ich bin mir sicher, dass, wenn tausend, wenn hundert, wenn zehn Männer, die ich nennen könnte – wenn nur zehn ehrliche Männer -, wenn ein ehrlicher Mann in diesem Bundesstaat Massachusetts aufhören würde, Sklaven zu halten, sich tatsächlich aus dieser Co-Partnerschaft zurückziehen und sich dafür im Kreisgefängnis einsperren ließe, dann wäre das die Abschaffung der Sklaverei in Amerika. Denn es spielt keine Rolle, wie klein der Anfang zu sein scheint: wenn er einmal gemacht ist, ist er für die Ewigkeit gemacht. Aber wir reden lieber darüber: Wir sagen, das ist unsere Mission. Die Reform hält viele Dutzende von Zeitungen in ihren Diensten, aber nicht einen einzigen [wahren] Menschen [mit Rückgrat]. Wenn mein geschätzter Nachbar, der Botschafter des Staates52, der seine Tage im Ratssaal der Regelung der Menschenrechtsfrage widmen wird, anstatt mit dem Gefängnis in Carolina bedroht zu werden, einmal in Massachusetts einsitzen müsste, jenem Staat [Massachusetts], der so ängstlich bemüht ist, seiner Schwester [Carolina] die Sünde der Sklaverei anzuhängen53 – obwohl er derzeit nur einen Akt der Unwirtlichkeit als Grund für einen Streit mit ihr vorzubringen hat -, würde die Legislative dieses Thema im folgenden Winter nicht ganz ausklammern.

[Körper, Eigentum und Freiheit]

Unter einer Regierung, die zu unrecht inhaftiert, ist der angemessene Ort für einen gerechten Menschen das Gefängnis. Der richtigen Ort, der einzige Ort, den Massachusetts für seine freieren und weniger verzagten Geister vorgesehen hat, ist in seinen Gefängnissen, um sie durch ihre eigenen Handlungen aus dem Staat zu verbannen und auszusperren, da sie sich bereits durch ihre Prinzipien selbst diesem entzogen. Dort werdet ihr den geflüchteten Sklaven, den mexikanischen Gefangenen mit Freigang und den Indianer, der sich auf das Unrecht seiner Rasse berufen will, finden; auf diesem abgesonderten aber freieren und ehrenvolleren Boden, wo der Staat diejenigen, die nicht mit ihm, sondern gegen ihn sind, unterbringt – dem einzigen Haus in einem Sklavenstaat, in dem ein freier Mann mit Ehre leben kann. Wer meint, dass sein Einfluss dort verloren ginge und seine Stimme nicht mehr das Ohr des Staates bedrängen könne, dass er kein Feind mehr innerhalb dieser Mauern sein könnte, der weiß nicht, um wie viel stärker die Wahrheit als der Irrtum ist und um wie viel wortgewandter und wirksamer jemand54 gegen Ungerechtigkeit vorgehen kann, die er an sich selbst ein wenig erfahren hat. Gib deiner Stimme55 ihr ganzes Gewicht, nicht nur auf einen Streifen Papier56, sondern mit deinem ganzen Einfluss. Eine Minderheit ist machtlos, solange sie sich der Mehrheit anpasst; sie ist dann noch nicht einmal eine Minderheit; aber sie ist unaufhaltsam, wenn sie mit ihrem ganzen Gewicht Widerstand leistet57. Wenn die Wahl58 darin besteht, entweder alle gerechten Menschen ins Gefängnis zu stecken oder Krieg und Sklaverei aufzugeben, wird der Staat nicht zögern, sich zu entscheiden. Wenn tausend Menschen in diesem Jahr ihre Steuerrechnungen nicht bezahlen würden, wäre das keine gewalttätige und blutige Tat, was jedoch die Bezahlung der Steuern wäre, die den Staat in die Lage versetzt, Gewalt zu begehen und unschuldiges Blut zu vergießen. Dies ist in der Tat die Definition einer friedfertigen Revolution, wenn eine solche überhaupt möglich ist. Wenn der Steuereintreiber oder ein anderer Beamter mich dann fragen, was er ja tat [nachdem ich mich weigerte meine Steuern zu bezahlen], “Aber was soll ich jetzt tun?”, lautet meine Antwort: “Wenn Sie wirklich etwas tun wollen, treten Sie von Ihrem Amt zurück!” Wenn der Untertan die Treue verweigert und der Beamte sein Amt niedergelegt hat, dann ist die Revolution vollendet. Ist es nicht auch eine Art von Blutvergießen, wenn das Gewissen verwundet ist? Durch diese Wunde fließt die wahre Menschlichkeit und Unsterblichkeit eines Menschen aus, und er verblutet zu einem ewigen Tod. Ich sehe dieses Blut jetzt fließen.

Ich habe darüber nachgedacht, warum die Inhaftierung des Täters und nicht die Beschlagnahme seiner Güter in Betracht gezogen wird59 – obwohl beides dem gleichen Zweck dient – denn diejenigen, die am stärksten Wert darauf legen das Richtige zu tun60 und daher für einen korrupten Staat am gefährlichsten sind, haben im Allgemeinen nicht viel Zeit mit der Anhäufung von Eigentum verbracht. Solchen leistet der Staat vergleichsweise geringe Dienste, und eine geringe Steuer wird ihnen übermäßig groß erscheinen, besonders wenn sie gezwungen sind, sie durch besondere Arbeit mit ihren Händen zu verdienen. Wenn es jemanden gäbe, der gänzlich ohne den Einsatz von Geld lebte, würde der Staat selbst zögern, es von ihm zu verlangen. Aber der Reiche – um keinen schändlichen Vergleich anzustellen – wird immer an die Institution verkauft, die ihn reich macht. Streng gesprochen, je mehr Geld, desto weniger Tugend; denn das Geld steht zwischen dem Menschen und seinen Gegenständen, um sie für ihn zu erhalten; es war sicher keine große Tugend, es [, das Geld,] zu erhalten. Es wirft viele Fragen auf, deren Beantwortung ihm besteuert werden würde61; während die einzige neue Frage, die es [, das Geld,] aufwirft, die schwere, aber überflüssige ist, wie man es ausgibt. Damit wird ihm der moralische Boden unter den Füßen weggezogen. Die [verschiedenen] Möglichkeiten der Art zu leben werden in dem Maße vermindert, wie die so genannten “Mittel” erhöht werden. Das Beste, was ein Mann für seine Kultur tun kann, wenn er reich ist, ist sich zu bemühen, jene Pläne auszuführen, die er hatte, als er arm war62. Christus antwortete den Herodianern entsprechend ihrem Zustand. “Zeigt mir das Tributgeld”, sagte er – und man nahm einen Penny aus einer Tasche – “wenn ihr Geld benutzt, auf dem das Bild Caesars steht und das er einführte und wertvoll gemacht hat, das heißt, wenn ihr Männer des Staates seid und gerne die Vorteile der Regierung Caesars genießt, dann zahlt ihm etwas von seinem eigenen Geld zurück, wenn er es verlangt.“ Gebt also dem Caesar, was Caesar gehört, und Gott, was Gott gehört” – und er lies sie nicht wissender darüber zurück, wem nun was gehörte63; denn sie wollten es nicht wissen.64

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Anmerkungen

50Eine Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei

51Original: “any man more right than his neighbors”. In vielen Übersetzungen steht “Der mehr Recht hat, als sein Nachbar”. Doch ich denke, das möchte Thoreau hier nicht ausdrücken. Hier ist es schwierig “right” mit “Recht” zu übersetzen, weil das Recht ja die aktuelle Rechtslage ist. Es geht hier aber darum, sie zu ändern – und zwar dahingehend, die Sklaverei in jeder Form abzuschaffen. Da es hier darum geht, durch eine Stimme Mehrheit das Recht (right) zu haben, das Recht (right) zu ändern, und zwar dadurch, das Richtige (right) zu tun, habe ich mich für diese Übersetzung entschieden.
Thoreau meint hier wahrscheinlich folgendes: Er erwähnt immer wieder, dass die Mehrheit eigentlich nur folgsame Maschinen sind, die quasi keine echte Meinung haben, für die sie sich einsetzen. Setzt sich also nur ein einziger Mensch für das Richtige ein, ist er sofort die “eine Stimme Mehrheit”, weil sich die schweigende Mehrheit ja nicht an Entscheidungen beteiligt, sich für nichts einsetzt.

52Hier ist laut panarchy.org Samuel Hoar gemeint, ein Kongressabgeordneter aus Concord. Er wurde vom Staat Massachusetts nach Charleston in South Carolina geschickt. Da sein Segelboot “schwarze” Seeleute hatte, wurde er bei der Einfahrt in den Hafen mit Gefängnis bedroht.

53Original: “that State which is so anxious to foist the sin of slavery upon her sister” Das klingt seltsam, doch bedeutet “to foist”: andrehen, unterschieben, aufdrängen.

54Eigentlich “he”= er, doch die vielen “er” verwirren, deshalb habe ich mich zu dieser Änderung entschieden.

55Hier: “vote”, also Wählerstimme, bzw. Entscheidung

56Hier ist wahrscheinlich der Wahlzettel gemeint.

57Original: “but it is irresistible when it clogs by its whole weight.”

58Original: “alternative”

59Im Original heißt es “I have contemplated the imprisonment of the offender, rather than the seizure of his goods”. Wörtlich heißt das etwa: “Ich habe über die Inhaftierung des Täters nachgedacht und nicht über die Beschlagnahme seiner Güter”, doch fängt man den Satz so an, ergibt der Rest keinen Sinn mehr, deshalb die etwas freiere Interpretation des Satzanfangs.

60Original: “who assert the purest right” = wörtlich: “Die sich auf das reinste Recht berufen”. Diese Übersetzung ist ungünstig, weil das Rechtssystem sie ja ins Gefängnis gebracht hat. Sich darauf zu berufen ist also keine Gefahr für den Staat. Auch das Wort “pure” macht meines Erachtens im Zusammenhang mit “Recht” keinen Sinn, es sei denn man nimmt es bildlich, als Gegensatz zum “schmutzigen Recht”. Deshalb habe ich mich für eine Abwandlung des Satzes entschieden, um so das Ideal, das hinter dem “pure right” steht, besser zu betonen.

61Original: “It puts to rest many questions which he would otherwise be taxed to answer;”

62Ich nehme an, Thoreau meint hier mit “for his culture” so etwas, wie “für sein Seelenheil”. Er sollte die Pläne verwirklichen, die er als armer Mensch hatte, um sich vom Geld nicht korrumpieren zu lassen.

63Original: “leaving them no wiser than before as to which was which”

64Eine sehr freie Interpretation von Matthäus 22, 20-22: “Und er sprach zu ihnen: Wes ist das Bild und die Überschrift? Sie sprachen zu ihm: Des Kaisers. Da sprach er zu ihnen: So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! Da sie das hörten, verwunderten sie sich und ließen ihn und gingen davon.”