Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat

[Sicherheit und Freiheit]

Wenn ich mich mit den freiesten meiner Nachbarn unterhalte, stelle ich fest, dass, [unabhängig davon,] was auch immer sie zu der Frage nach Umfang und dem Ausmaß ihrer Wertschätzung der öffentlichen Seeelenruhe65 sagen mögen, immer dabei heraus kommt66, dass sie den Schutz der bestehenden Regierung nicht entbehren können und dass sie die Folgen des Ungehorsams gegen die Regierung für ihr Eigentum und ihre Familien fürchten. Ich für meinen Teil möchte nicht glauben, dass ich mich jemals auf den Schutz des Staates verlassen würde. Wenn ich die Autorität des Staates leugne, sobald er seine Steuerrechnung vorlegt, wird er mir daraufhin mein gesamtes Eigentum wegnehmen und vergeuden und mich und meine Kinder ohne Ende schikanieren. Das ist hart. Das macht es für einen Menschen unmöglich, nach außen hin ehrenvoll67 und gleichzeitig bequem zu leben. Es wird sich [für anständig lebende Menschen] nicht lohnen, Eigentum anzusammeln; Es würde ihnen wieder weggenommen werden68. Man muss mieten oder irgendwo hocken und nur eine kleine Ernte einfahren und diese bald verzehren. Sie müssen in sich selbst leben und sich auf sich selbst verlassen, immer mit angezogenen Beinen69 und bereit sein für den Aufbruch und dürfen nicht zu viele geschäftliche Verbindungen70 haben. Ein Mann kann vielleicht in der Türkei reich werden, wenn er in jeder Hinsicht ein guter Untertan der türkischen Regierung ist. Konfuzius sagte: “Wenn ein Staat von den Prinzipien der Vernunft regiert wird, sind Armut und Elend Themen der Schande; wenn ein Staat nicht von den Prinzipien der Vernunft regiert wird, sind Reichtum und Ehre Themen der Schande.”71 Nein: Solange ich nicht will, dass der Schutz von Massachusetts auf mich bis in einem fernen Hafen im Süden ausgedehnt wird, wo meine Freiheit gefährdet ist, oder solange ich nur darauf bedacht bin, zu Hause durch friedliches Unternehmertum72 ein Eigenheim73 aufzubauen, kann ich es mir leisten, Massachusetts die Treue zu verweigern und sein Recht auf mein Eigentum und Leben. Es kostet mich in jeder Hinsicht weniger, die Strafe des Ungehorsams gegenüber dem Staat auf mich zu nehmen, als wenn ich gehorchen würde, in welchem Falle ich mich so fühlen würde, als wäre ich weniger wert74.

[Steuern und Unabhängigkeit]

Vor einigen Jahren kam mir der Staat im Namen der Kirche entgegen und befahl mir, eine bestimmte Summe für die Unterstützung eines Geistlichen zu zahlen, an dessen Predigt mein Vater teilnahm, aber nie ich selbst. “Zahlen Sie”, hieß es, “oder Sie werden ins Gefängnis gesperrt!” Ich lehnte es ab zu zahlen. Aber leider hielt es ein anderer Mann für angebracht, sie für mich zu bezahlen. Ich sah nicht ein, warum der Lehrer besteuert werden sollte, um den Pfarrer zu unterstützen, oder der Pfarrer den Lehrer75; denn ich war nicht Lehrer beim Staat, sondern ich unterstützte mich selbst durch freiwillige Beiträge76. Ich verstehe nicht, warum eine Schule nicht genauso eine Steuerrechnung stellen kann, die dann der Staat für sie eintreibt, wie er es für die Kirche tut.77 Auf Bitten der Stadträte ließ ich mich jedoch herab, folgende Erklärung schriftlich abzugeben: “Alle Menschen sollen wissen, dass ich, Henry Thoreau, nicht als Mitglied einer eingetragenen Gesellschaft betrachtet werden möchte, der ich nicht beigetreten bin.” Dies gab ich dem Stadtschreiber; und er hat es. Der Staat, der auf diese Weise erfahren hat, dass ich nicht als Mitglied dieser Kirche betrachtet werden möchte, hat seitdem nie wieder eine solche Forderung an mich gestellt; obwohl er damals sagte, dass er an seiner ursprünglichen Annahme festhalten müsse. Hätte ich gewusst, wie ich sie benennen sollte, hätte ich mich dann von allen Gesellschaften, denen ich nie beigetreten bin, detailliert abgemeldet; aber ich wusste nicht, wo ich eine so vollständige Liste finden konnte.

[Die Hilflosigkeit des Staates]

Sechs Jahre lang habe ich keine Kopfsteuer bezahlt. Einmal wurde ich aus diesem Grund für eine Nacht in ein Gefängnis gesteckt; und als ich vor den zwei oder drei Fuß dicken Mauern aus massivem Stein, vor der Tür aus Holz und Eisen, die einen Fuß dick war, und vor dem Eisengitter, das das Licht belastete78, stand, konnte ich nicht anders, zu erkennen dass ich von der Dummheit dieser Institution geschlagen wurde, die mich behandelte, als wäre ich nur Fleisch und Blut und Knochen, die eingesperrt werden sollten. Ich wunderte mich, dass sie zu dem Schluss gekommen war, dass dies der beste Nutzen war, den sie von mir hatte, anstatt daran zu denken, sich meine Dienste in irgendeiner Weise nutzbar zu machen. Ich sah, dass, obwohl eine Steinmauer zwischen mir und meinen Mitbürgern war, diese [, meine Mitbürger,] eine noch schwierigere erklimmen oder durchbrechen mussten, um so frei sein zu können, wie ich. Ich fühlte mich nicht einen Moment lang eingeengt, und die Mauern schienen eine große Verschwendung von Stein und Mörtel zu sein. Ich fühlte mich, als hätte ich allein von allen meinen Mitbürgern meine Steuern bezahlt. Sie [, die Staatsdiener,] wussten förmlich nicht, wie sie mich behandeln sollten, sondern verhielten sich wie ungebildete Personen. In jeder Drohung und in jedem Kompliment lag ein grober Fehler, denn sie dachten, mein Hauptanliegen sei es, auf der anderen Seite dieser Steinmauer zu stehen. Ich konnte nicht umhin zu lächeln, als ich sah, wie arbeitsam sie die Tür während meiner Betrachtungen79 verschlossen, die ihnen ungehindert wieder hinaus folgten, und sie waren eigentlich das, was gefährlich war. Da sie [, die Staatsdiener,] mir nicht beikamen, hatten sie beschlossen, meinen Körper zu bestrafen; so wie Jungs, die, wenn sie nicht gegen jemanden ankommen mit dem sie Ärger haben, dessen Hund misshandeln. Ich sah, dass der Staat schwachsinnig war, dass er zaghaft war wie eine einsame Frau mit ihren Silberlöffeln und dass er seine Freunde nicht von seinen Feinden unterschied, und ich verlor meinen letzten Respekt vor ihm, und hatte Mitleid mit ihm.

So bedroht der Staat absichtlich niemals den Intellekt oder die Moral eines Menschen, sondern nur seinen Körper80. Er ist nicht mit überlegener Scharfsinnigkeit oder Ehrlichkeit bewaffnet, sondern mit überlegener Körperkraft. Ich wurde nicht geboren, um gezwungen zu werden. Ich werde nach meiner eigenen Art atmen. Lasst uns sehen, wer der Stärkere ist. Welche Macht hat eine Vielzahl? Nur die können mich zwingen, die einem höheren Gesetz gehorchen als ich. Sie zwingen mich, so zu werden wie sie selbst. Ich höre nicht von Menschen, die von einer Masse von Menschen gezwungen werden, so oder so zu leben. Was für ein Leben soll das sein? Wenn ich einer Regierung begegne, die zu mir sagt: “Dein Geld oder dein Leben”, warum sollte ich es dann so eilig haben, ihr mein Geld zu geben? Vielleicht ist sie in einer großen Notlage und weiß nicht, was sie tun soll: Daran kann ich nichts ändern. Sie muss sich selbst helfen; so wie ich es auch tue. Es ist nicht der Mühe wert, deshalb zu flennen. Ich bin nicht verantwortlich für das erfolgreiche Funktionieren der Maschinerie der Gesellschaft. Ich bin nicht der Sohn des Ingenieurs. Ich stelle fest, wenn eine Eichel und eine Kastanie nebeneinander fallen, die eine nicht träge bleibt, um der anderen Platz zu machen, sondern beide ihren eigenen Gesetzen gehorchen und so gut wie möglich sprießen und wachsen und gedeihen, bis die eine vielleicht die andere überschattet und zerstört. Wenn eine Pflanze nicht im Einklang mit der Natur leben kann, stirbt sie, und so auch der Mensch.

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Anmerkungen

65Original: “tranquility”

66Original: “the long and the short of the matter is,”

67Original: “honestly”: Ich benötigte einen Begriff, den man dem Recht entgegensetzen kann. “Anständig” hätte mir besser gefallen, aber Thoreau spricht ja auch von Menschen mit Rückgrat und das erinnert doch an aufrechten Gang und eher “ehrenvoll”

68Im Original heißt es lediglich: “that would be sure to go again.” Es ist nicht klar, worauf sich dieses “that” bezieht. Ich nehme einmal an, dass Thoreau die zwei “Sätze”, die hier durch einen Strichpunkt getrennt werden, wie eine Aufzählung versteht und sich beide Sätze deshalb auf den vorangegangen beziehen, also auf die Folgen des Wegnehmens des Eigentums.

69Im Original: “tucked up”. Thoreau zeichnet hier das Bild von einem Menschen, der mit angezogenen Beinen sitzt, weil er sie nie gemütlich ausstrecken und seine Ruhe finden kann. Immer muss er bereit sein aufzubrechen.

70Original: “affairs”, hier mit “geschäftliche Verbindungen” übersetzt. Thoreau selbst war ja der Sohn eines Fabrikbesitzers. Deshalb könnte es gut sein, dass “affairs” hier vor allem geschäftliche Verbindungen sind. Was auch gut zum folgenden Satz passt, da es hier um das Geldverdienen geht. Allgemein bedeutet “not have many affairs”, wie es im Original heißt, dass man unabhängig von anderen sein soll.

71Thoreau verfrachtet Konfuzius in die Türkei, oder die Türkei nach Ostasien (?), oder stehen die beiden Sätze “zufällig” hintereinander?
Bei Gutenberg findet sich folgende Übersetzung der Aussage des Konfuzius (Konfuzius, Gespräche, 8/13. Aus dem Chinesischen von Richard Wilhelm):
“Wenn in einem Lande Ordnung herrscht, so ist Armut und Niedrigkeit eine Schande; wenn in einem Lande Unordnung herrscht, dann ist Reichtum und Ansehen eine Schande.”
Thoreau zitiert hier einen Text, in welchem statt “Ordnung” im Englischen “principles of reason” verwendet wird, was man allgemein als “Prinzipien der Vernunft” übersetzt. Wörtlich bedeutet die englische Übersetzung aber auch, “nach begründbaren Prinzipien”.
Für Konfuzius herrschte “Unordnung” wenn die Prinzipien von Himmel und Erde (dazu gehört auch das dao/tao) verletzt werden. Eines der wichtigsten Prinzipien für einen Herrscher ist “Anstand”. Konfuzius sieht einen Herrscher immer dem Volk gegenüber verpflichtet und eine anständige Herrschaft unter Einhaltung des Anstandes (de/te) und der Sitten und Gebräuche (di/ti) ist eine gute Herrschaft. Deshalb bedeutet “Unordnung”, dass die Prinzipien von Himmel und Erde nicht eingehalten werden, während “principles of reason” eher den Unterschied zwischen Willkür und Begründbarkeit aufmachen. Beides macht Sinn, denn wer die Prinzipien von Himmel und Erde verletzt, handelt willkürlich.
Der Satz von Konfuzius bedeutet: Wenn in einem Staat alles in Ordnung ist und ein anständiger Herrscher auf dem Thron sitzt, dann empfindet er es als Schande, wenn seine Bevölkerung leidet, hungert, verarmt. Wenn jedoch der Herrscher kein guter Herrscher ist, dann begehrt das Volk auf und beschwert sich über die Ansammlung von Reichtum, während sie in Armut leben müssen. Und so wird einmal Armut zum zentralen Problem und das andere Mal Reichtum.

72Original: “by peaceful enterprise”

73Original: “estate”

74Original: “I should feel as if I were worth less in that case.” Eigentlich sagt Thoreau, er “sollte” sich weniger Wert fühlen, quasi als Aufforderung an sich selbst. Doch wäre dies im Deutschen zweideutig, deshalb habe ich mich für “werde” entschieden.

75Hier weiche ich wieder von der offiziell üblichen Übersetzung ab. Im Original heißt es “and not the priest the schoolmaster”. Das wird in anderen Übersetzungen so gedeutet, dass der Priester den Lehrer unterstützen soll, doch das würde nicht zu Thoreaus Denken passen, zudem macht es keinen Sinn. warum sollte der Priester mit seinem privaten Geld den Lehrer unterstützen? Ich vermute, dass Thoreau sagen wollte, dass weder der Lehrer verpflichtet ist den Priester zu unterstützen, noch umgekehrt. Der wörtlichen Übersetzung fehlt somit das “auch”, bzw. “also” und dann würde es heißen , “and [also] not the priest the schoolmaster”.

76Original: “for I was not the State’s schoolmaster, but I supported myself by voluntary subscription.” Ich habe es wörtlich übersetzt, aber es könnte auch anders gemeint sein. “I supported myself by voluntary subscription.” könnte sich rein auf seine freiwillige Arbeit beziehen oder darauf, dass er die Schule eventuell zusätzlich finanziell unterstützte (und damit seinen eigenen Job). Es spielt jedoch für den Inhalt des vorliegenden Textes keine Rolle, weshalb ich es wortgetreu gelassen habe.

77Amerikanische Schulen bekommen kein Geld vom Staat und sind auf freiwillige Spenden oder Schulgelder angewiesen. Thoreau fragt deshalb, warum sie nicht auch Schulsteuern verlangen könnten, so wie die Kirchen Kirchensteuer verlangen.

78“strained the Light” kann man schlecht ins Deutsche übersetzen. “Strain” soll hier wahrscheinlich ausdrücken, dass es das Licht abhalten wollte, einzudringen, denn “strain” bedeutet auch “etwas zu zwingen, große Anstrengungen zu unternehmen”. Da Man Licht allerdings nicht zwingen kann, soll dies eventuell auch die Lächerlichkeit dieses Versuches ausdrücken.

79Original: “they locked the door on my meditations”

80Thoreau verwendet in diesem Satz zweimal “sense”: “Thus the state never intentionally confronts a man’s sense, intellectual or moral, but only his body, his senses.” Ich vermute, er unterschiedet zwischen den körperlichen Sinnen und den intellektuellen oder moralischen Sinnen. So dass es sinngemäß heißt, dass der Staat niemals den Intellekt oder Moral eines Menschen bedroht, sondern stets den Körper. Wobei ich “confronts” in dieser Zusammenhang als das Bedrohliche “sich Aufbauen vor jemandem” verstehe.