Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat

[Die Nacht im Gefängnis]

Die Nacht im Gefängnis war neu und interessant genug. Die Gefangenen in ihren Hemdsärmeln genossen einen Plausch und die Abendluft in der Tür, als ich eintrat. Aber der Kerkermeister sagte: “Kommt, Jungs, es ist Zeit, abzuschließen”; und so zerstreuten sie sich, und ich hörte das Geräusch ihrer Schritte, die in die hohlen Wohnungen zurückkehrten. Mein Zimmergenosse wurde mir vom Gefängniswärter als “ein erstklassiger Bursche und kluger Mann” vorgestellt. Als die Tür verschlossen war, zeigte er mir, wo ich meinen Hut aufhängen sollte und wie er die Dinge dort erledigte. Die Zimmer wurden einmal im Monat gekalkt, und so war dies zumindest die weißeste, am einfachsten eingerichtete und wahrscheinlich schönste Wohnung der Stadt. Er wollte natürlich wissen, woher ich kam und was mich dorthin gebracht hatte; und als ich es ihm gesagt hatte, fragte ich ihn meinerseits, wie er dorthin gekommen war, wobei ich natürlich annahm, dass er ein ehrlicher Mann war; und wie die Welt sich dreht, glaube ich, dass er es war. “Warum”, sagte er, “beschuldigen sie mich, eine Scheune angezündet zu haben; aber ich habe es nie getan.” Soweit ich feststellen konnte, war er wahrscheinlich betrunken in einer Scheune zu Bett gegangen und hatte dort seine Pfeife geraucht; und so wurde eine Scheune niedergebrannt. Er hatte den Ruf, ein kluger Mann zu sein, wartet dort [in der Zelle] seit etwa drei Monaten auf seine Gerichtsverhandlung und wird wohl noch lange weiter warten müssen; aber er war ganz gut domestiziert und zufrieden, da er sein Brett [(sein Bett)] umsonst bekommen hatte, und dachte, dass er gut behandelt werden würde.

Er besetzte das eine Fenster und ich das andere; und ich sah, dass, wenn jemand lange dort [in der Zelle] bliebe, seine Hauptaufgabe darin bestehen würde, aus dem Fenster zu schauen. Ich hatte bald alle Traktate gelesen, die dort übrig geblieben waren, und untersuchte, wo ehemalige Gefangene ausgebrochen waren und wo ein Gitter abgesägt worden war, und hörte die Geschichten der verschiedenen Bewohner dieses Raumes; Ich stellte fest, dass es auch dort Geschichten und Klatsch gab, die nie außerhalb der Gefängnismauern zirkulierten. Wahrscheinlich ist dies das einzige Haus in der Stadt, in dem Verse komponiert werden, die anschließend die Runde machen81, aber nicht nach außen dringen. Mir wurde eine ziemlich lange Liste mit Versen gezeigt, die von jungen Männern komponiert worden waren, die bei einem Fluchtversuch entdeckt worden waren, und sie rächten sich, indem sie diese sangen82.

Ich quetschte meinen Mitgefangenen so weit aus, wie ich konnte, aus Angst, ich würde ihn nie wieder sehen; aber schließlich zeigte er mir, welches mein Bett war, und ließ mich die Lampe ausblasen.

Eine Nacht lang dort zu liegen, war wie eine Reise in ein fernes Land, wie ich es nie zu sehen erwartet hatte. Es schien mir, dass ich noch nie zuvor den Schlag der Stadtuhr gehört hatte, nicht die abendlichen Geräusche des Dorfes; denn wir schliefen mit offenen Fenstern, die sich im Inneren des Gitters befanden. Es war, als würde ich mein Heimatdorf im Lichte des Mittelalters sehen, und unser [Städchen] Concord wurde in einen Rheinstrom83 verwandelt, und vor mir gingen Visionen von Rittern und Burgen vorüber. Sie waren die Stimmen älterer Bürger, die ich in den Straßen hörte. Ich war unfreiwilliger Zuschauer und Zuhörer dessen, was in der Küche des angrenzenden Dorfgasthauses getan und gesagt wurde – für mich eine völlig neue und seltene Erfahrung. Es war ein näherer Blick auf meine Heimatstadt84. Ich war ziemlich mittendrin. Ich hatte ihre öffentlichen Einrichtungen noch nie zuvor gesehen. Dieses [Gefängnis] ist eine ihrer eigentümlichen Einrichtungen; denn es ist eine Kreisstadt85. Ich begann zu begreifen, welche Art von Bewohnern sie hatte86.

Am Morgen wurden unsere Frühstücke durch das Loch in der Tür in kleine längliche, quadratische Blechpfannen gesteckt, die passend geformt waren und einen halben Liter Kakaogetränk87 mit Schwarzbrot und einen Eisenlöffel enthielten. Als sie wieder nach den Gefäßen riefen, war ich noch grün genug, um das übrig gebliebene Brot zurückzugeben, aber mein Kamerad ergriff es und sagte, ich solle es für das Mittag- oder Abendessen aufbewahren. Bald darauf wurde er zur Arbeit im Heuhaufen auf einem benachbarten Feld entlassen, wohin er jeden Tag ging und erst mittags zurückkam; Also grüßte er mich und sagte, er bezweifle, dass er mich wiedersehen würde.

[Erkenntnisse nach dem Gefängnis]

Als ich aus dem Gefängnis kam – jemand mischte sich ein und bezahlte diese Steuer -, bemerkte ich keine großen Veränderungen im Gemeinwesen (wie jemand beobachtet, der als Jugendlicher ging und als grauhaariger Mann wieder auftaucht)88; und doch hatte sich in meinen Augen eine Veränderung in der Landschaft vollzogen – in der Stadt, im Staat und auf dem Land, die größer war als alles, was die bloße Zeit bewirken konnte. Ich sah noch deutlicher den Staat, in dem ich lebte. Ich sah, in welchem Maße man den Menschen, unter denen ich lebte, als gute Nachbarn und Freunde vertrauen konnte; dass ihre Freundschaft nur für das Sommerwetter galt; dass sie nicht viel dafür übrig hatten, das Richtige zu tun; dass sie durch ihre Vorurteile und ihren Aberglauben eine andere Rasse waren als ich, wie die Chinesen und Malaien; dass sie bei dem, was sie für die Menschheit opferten, kein Risiko eingingen, nicht einmal für ihr Eigentum; dass sie schließlich nicht so großmütig89 waren, sie behandelten den Dieb so, wie er sie behandelt hatte, und hofften, durch gewisse Rituale und ein paar Gebete und indem sie von Zeit zu Zeit auf einem bestimmten geraden, wenn auch nutzlosen Weg gingen, ihre Seelen zu retten. Das mag ein hartes Urteil über meine Nachbarn sein; denn ich glaube, viele von ihnen sind sich nicht bewusst, dass sie eine solche Einrichtung, wie das Gefängnis, in ihrem Dorf haben.

Früher war es in unserem Dorf üblich, dass, wenn ein armer Schuldner aus dem Gefängnis kam, seine Bekannten ihn begrüßten, indem sie ihm durch die Finger schauten, die gekreuzt wurden, um das Gefängnisfenster darzustellen [und damit fragten]: “Wie geht es dir?” Meine Nachbarn grüßten mich nicht auf diese Weise, sondern sahen zuerst mich und dann einander an, als wäre ich von einer langen Reise zurückgekehrt. Ich wurde ins Gefängnis gesteckt, als ich auf dem Weg zum Schuster war, um einen Schuh zu holen, der geflickt wurde. Als ich am nächsten Morgen entlassen wurde, erledigte ich meine Besorgungen und schloss mich, nachdem ich meinen geflickten Schuh angezogen hatte, einer Gruppe von Heidelbeer-Pflückern an, die ungeduldig darauf war, sich meiner Führung zu unterwerfen; und nach einer halben Stunde – denn das Pferdegeschirr war rasch angelegt – befand ich mich mitten in einem Heidelbeerfeld auf einem unserer höchsten Hügeln, zwei Meilen entfernt, und dann war der Staat nirgends mehr zu sehen.

Dies ist die ganze Geschichte von “Meine Gefängnisse”.90

Weiterlesen…

Anmerkungen

81Im Original heißt es “printed in a circular form, but not published” Da “printed” eine ähnliche Bedeutung wie “published” hat, nehme ich an, dass es eine Art Wortspiel ist. Die Gefangenen schreiben Verse, die dann auf Zettel geschrieben im Gefängnis zirkulieren, aber nie an die Öffentlichkeit geraten.

82In der Ausgabe bei Gutenberg heißt es: “I was shown quite a long list of young men” und in einer anderen Ausgabe (Thoreau Reader): “I was shown quite a long list of verses which were composed by some young men”. Ich habe mich an die zweite Version gehalten. Warum dies jedoch ein “rächen” ist, ist mir schleierhaft, doch hat dies eventuell etwas damit zu tun, welche Folgen ein Fluchtversuch hatte.

83Thoreau spricht hier tatsächlich vom Rhein.

84Meist nennt Thoreau das Städtchen Concord ein Dorf “village”, hier zum ersten mal eine Stadt, “town”.

85Im Original: “shire town”. Concord war die Hauptstadt eines “Counties”, was man allgemein mit unseren Landkreisen vergleicht.

86Im Original: “I began to comprehend what its inhabitants were about.”

87Im Original: “a pint of chocolate, with brown bread, and an iron spoon.” Da er einen Löffel bekam, nehme ich an, er bekam einen Kakao zum Trinken, in den man das Brot einweichen konnte – und um das eingeweichte Brot zu essen, benötigte man einen Löffel.

88Die Klammern wurden von mir zum besseren Verständnis gesetzt.

89Im original: “noble”, was auch edel, vornehm, großzügig bedeutet. Ich habe mich für “großmütig” entschieden, weil sie eher “Auge um Auge” handelten, zumindest bei Dieben.

90Dies ist ein Hinweis auf “Le Mie Prigioni” (“Meine Gefängnisse”) von Silvio Pellico, ein Bericht über seine etwa 10 Jahre im Gefängnis (13.10.1820 – August 1830) als politischer Gefangener des österreichischen Staates. Silvio Pellico war ein Schriftsteller, und setzte sich für eine Einheit Italiens ein, was damals – da Norditalien österreichisch war – als Hochverrat galt.
In Seinem Vorwort schreibt er unter anderem:
“Ich wollte die freigiebigen Herzen dazu auffordern, sich vor feindseligen Gefühlen zu hüten, sondern vielmehr alle Menschen zu lieben und einen unversöhnlichen Hass für nichts als Falschheit, Kleinmütigkeit, Verrat und alle moralische Erniedrigung zu hegen.”