Verantwortung, die Freiheit und die Liebe

Freiheit bedeutet immer: Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen, die etwas verändern, etwas bedeuten.

Sartre und wir

Von Jean Paul Sartre stammt folgender Text:

Niemals sind wir freier gewesen als unter der deutschen Besatzung. Wir hatten alle unsere Rechte verloren und vor allem das Recht zu sprechen; man spottete uns jeden Tag ins Gesicht, und wir mussten schweigen; man deportierte uns in Massen als Arbeiter, als Juden, als politische Gefangene; überall an den Mauern, in den Zeitungen, auf der Leinwand begegneten wir dem abscheulichen und faden Gesicht, das unsere Unterdrücker uns von uns selbst geben wollten; aufgrund all dessen waren wir frei. Da das Nazigift sich bis in unser Denken einschlich, war jeder richtige Gedanke eine Eroberung; da eine allmächtige Polizei versuchte, uns zum Schweigen zu zwingen, wurde jedes Wort kostbar wie eine Grundsatzerklärung; Da wir verfolgt waren, hatte jede unserer Gesten das Gewicht eines Engagements.“1

Wahre Freiheit haben wir immer dann, wenn unsere Entscheidungen von Bedeutung sind. Je größer die Bedeutung, desto freier. Die absolute Freiheit ist das riskieren des eigenen Lebens oder das Entscheiden über Leben und Tod anderer. Das Riskieren von Leben ist nur frei, wenn das Ziel das Überleben ist, nicht der Tod.
Ich denke, es gibt nur Freiheit im Leben, nicht im Tod. Die Entscheidung zu leben oder zu sterben, ist keine Entscheidung. Ich kann keine Verantwortung für meinen Tod übernehmen, weil ich dann nicht mehr bin. Der selbst gewählte Tod ist ein Rückzug aus dem Leben, die Weigerung, Verantwortung zu übernehmen.
Freiheit muss immer mit der Übernahme von Verantwortung einhergehen, sonst ist meine Entscheidung nicht frei.
Ich kann mich entscheiden zur Resistance zu gehen oder mich gegen meine Arbeitslosigkeit auflehnen. In beiden Fällen ist es eine Entscheidung zu leben – auch wenn mein Leben dadurch gefährlicher wird.
Wobei eine Entscheidung erst zur Freiheit wird, wenn uns die Folgen unseres Handels mit aller Konsequenzen bewusst sind und wir feststellen, dass wir „zur Freiheit verdammt“ sind. Freiheit bedeutet dann auch immer: Verantwortung übernehmen.

„Wenn wir sagen, dass ein Arbeitsloser frei ist, so wollen wir damit nicht sagen, dass er tun und lassen kann, was er will, und sich augenblicklich in einen reichen und friedlichen Bürger verwandeln kann. Er ist frei, weil er immer wählen kann, ob er sein Los in Resignation hinnimmt oder sich dagegen auflehnt. Natür­lich wird es ihm nicht gelingen, aus dem Elend herauszukommen, aber mitten in diesem Elend, an dem er klebt, kann er wählen, in seinem Namen und im Namen aller anderen gegen alle Formen des Elends zu kämpfen; er kann wählen, der Mensch zu sein, der es ablehnt, dass das Elend das Los der Menschen sei.”2

Entscheidungen bedeuten ja nur etwas, wenn die Folgen nicht egal sind, je weniger belanglos sie sind. Gleichzeitig bedeute ich etwas. Ich bin nicht mehr belanglos, weil ich diese Entscheidung treffe. Mein Leben ist nicht mehr belanglos. Es hat dann einen Sinn, dass ich existiere.
Man könnte auch sagen: Warum existiere ich? Um Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Bin ich bereit, Verantwortung zu übernehmen, so bekommt mein Leben einen Sinn.
Ich trete aus der Masse heraus und bin. Ich verlasse den Schwarm und werde ein Individuum.
Wir können mitmarschieren im Heer der Zustimmer und Ja-Sager. Wir können uns der Masse anschließen und in der Masse verschwinden, bedeutungslos werden. Heute würde man sagen: Du bist nichts, das RKI ist alles. Doch kann man den Spruch für verschiedene Zeiten abwandeln.
Wer bestimmt über mein Leben? Lasse ich bestimmen, oder bestimme ich? Riskiere ich, mich an meinen Entscheidungen zu verbrennen, oder lasse ich andere entscheiden um immer sagen zu können, ich wäre unschuldig?
Hat Freiheit für mich einen Wert?

Der Sinn der Freiheit

In einem kleinen Selbsthilfebüchlein stand der Satz:

„Dem Leben ist es egal wie du dich tot stellst!“3

Ich kann mich tot stellen, mich mittreiben lassen, oder ich kann selbst entscheiden. Lebe ich, oder werde ich gelebt.

“Mit einem Wort, der Mensch muss sich sein Wesen schaffen; indem er sich in die Welt wirft, in ihr leidet, in ihr kämpft, definiert er sich allmählich.” (Sartre)4

Das Eingangszitat finde ich deshalb so schön, weil es zeigt, wie schwierig es oft ist, Entscheidungen zu fällen, vor allem, wenn man damit anderen widerspricht. Vielleicht ist es sogar außerhalb einer Diktatur sogar schwieriger, weil die Frage „Was bringt es, mich zu widersetzen?“ manchmal nicht so einfach zu beantworten ist. Widerstrebt etwas meinem Gewissen und ich muss es selbst begründen, warum, rast das oft gar nicht so einfach.
Kämpfen wir gegen „das Böse“, das allgemein anerkannte Böse, ist es evtl. nicht so schwierig zu entscheiden und Sartre hat evtl. doch unrecht. Je böser das Übel, desto leichter die Entscheidung.
Für mich ist die wichtigste Frage geworden: Warum lebe ich? Möchte ich, dass mein Leben, dass mein Leiden, einen Sinn hat?
Vor langer Zeit machte ich einmal eine Sterbemeditation bei Daniela Tausch (sie hat, glaube ich, wieder ihren Mädchennamen angenommen). Anscheinend ist es tatsächlich so, dass kurz vor unserem Tode uns vieles durch den Kopf geht und unser Leben tatsächlich an uns vorbeizieht. Gut zu sterben heißt auch mit dem Gefühl zu sterben: „Ich kann gehen, es ist ok.“
Ich möchte einmal mit dem Gedanken sterben, dass mein Leben nicht bedeutungslos war und ich das Richtige getan habe. Ich möchte einmal denken: Ich habe gelebt und es war wichtig, dass ich da war. Ich hinterlasse etwas in dieser Welt, das wichtig ist.

„Während man das Leben aufschiebt, eilt es davon“ (Seneca)5

Es ist wichtig, Entscheidungen heute zu treffen, das Leben heute in die Hand zu nehmen, nicht morgen. So lange leben wir nicht. Vielleicht lebe ich nicht mehr so lange, dies einmal tun zu können. Also tue ich es heute.
Lebe ich mein Leben heute, oder schwimme ich nur mit? Lebe ich mein Leben, oder das des Schwarms? Wenn ich morgen sterbe, sage ich dann: „Ich bin prima mitgeschwommen, niemand wird merken, dass ich fehle“ oder soll es jemandem auffallen?

Die Liebe und das Leben

Inzwischen bin ich der festen Überzeugung, dass wir nicht in erster Linie durch uns, sondern durch andere definiert werden. Allerdings sind es meine Handlungen, die diese “Definitionen” hervorrufen. Ich bleibe zwar “Herr” über mein Leben, aber ob es von Bedeutung ist, müssen andere bestimmen.
Wie schon zuvor erwähnt, bin ich nur von Bedeutung, wenn meine Entscheidungen von Bedeutung sind – und zwar von Bedeutung für meine Mitmenschen. Niemandem fällt meine Entscheidung auf, wenn sie nur mich betrifft. Sie führt auch nicht zu Folgen, für die ich eine Verantwortung übernehmen müsste, wenn sie keine Folgen für andere hat.
Oder anders gesagt: Jede Entscheidung, mit der ich mein Leben und vor allem das von anderen Menschen beeinflusse, ist eine bedeutungsvolle Entscheidung. Sie kann falsch oder richtig sein. Aber sie ändert etwas.
Liebe ist nicht unbedingt notwendig, doch je mehr Menschen mich lieben, desto mehr Menschen werden von meinen Entscheidungen betroffen, selbst dann, wenn sie nur bei mir etwas ändern. Wenn anderen nicht egal ist, wie es mir geht oder was ich tue, bin, so ist jede Veränderung bedeutsam.
Man könnte also sagen: Je mehr ich geliebt werde, desto mehr bedeutet mein Leben und mein Handeln etwas.
Liebe muss man sich erarbeiten. Ich kann nicht darauf warten, dass es jemanden vom Himmel regnet, der sagt: Du bist mir wichtig, ich liebe dich. Meist bekommen wir es auch gar nicht gesagt, wir spüren es eher oder wissen es. Wir leben in keiner Gesellschaft in der jemanden zu lieben ausgesprochen wird – wenn man keinen Sex haben will. Wir sind leider pervertiert in Sachen Liebe.
Und damit wären wir wieder bei den Worten Jesu aus dem ersten Text.
Was sollen wir tun, um von Gott geliebt zu werden? Anderen helfen, die unser Hilfe benötigen, nicht wegschauen, wenn jemand in Not ist.
Schauen wir nicht weg, so können wir eine bedeutungsvolle Entscheidung für einen Mitmenschen treffen, wir können ihm näher kommen und haben die Möglichkeit einen Menschen kennen und lieben zu lernen.
Verantwortung zu übernehmen ist somit immer ein Schritt in die Bedeutung, ein Schritt dahin, meinem Leben einen Sinn zu geben. Gleichzeit hat es ein Gewicht, das mich vielleicht manchmal drückt, aber Freiheit, die tatsächliche Entscheidung zu haben, ist zunächst der schwerere Weg, aber man erlangt geistige Freiheit. Man wird unabhängig von anderen, man hat ein eigenes Leben.
Ich lebe mich selbst, nicht die anderen.

Fußnoten

1Jean-Paul Sartre, Paris unter der Besatzung: Artikel, Reportagen, Aufsätze 1944 – 1945, übers. von Hanns Grössel, Traugott König, und Vincent von Wroblewsky, Dt. Erstausgabe, 19.-20. Tsd, Gesammelte Werke in Einzelausgaben Politische Schriften, Jean-Paul Sartre. In Zusammenarbeit mit dem Autor und Arlette Elkaïm-Sartre begr. von Traugott König, hrsg. von Vincent von Wroblewsky; [5] Bd. 1 (Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1997), 37.

2Jean-Paul Sartre, Der Existentialismus ist ein Humanismus: und andere philosophische Essays 1943 – 1948, übers. von Werner Bökenkamp, Traugott König, und Vincent von Wroblewsky, 6. Aufl, Gesammelte Werke in Einzelausgaben Philosophische Schriften, Jean-Paul Sartre. In Zusammenarbeit mit dem Autor und Arlette Elkaïm-Sartre begr. von Traugott König, hrsg. von Vincent von Wroblewsky; [4] Bd. 4 (Reinbek bei Hamburg: Rowohlt-Taschenbuch-Verl, 2012), 118.

3Franz Simon, Angst, Wut & Schmerz: eine Expedition zu den verflixten Gründen, 6. Aufl (Fellbach: Körner, 1994).

4Sartre, Der Existentialismus ist ein Humanismus, 116.

5Das Zitat stammt aus dem ersten Brief an Lucilius (Epistulae morales), Satz 2. Man findet es u.a. in: Lucius Annaeus Seneca, Vom glückseligen Leben und andere Schriften, hg. von Peter Jaerisch, Nachdr. (Stuttgart: Reclam, 2015), 134.

Literaturangaben

Seneca, Lucius Annaeus. Vom glückseligen Leben und andere Schriften. Edited by Peter Jaerisch. Nachdr. Stuttgart: Reclam, 2015.
Simon, Franz. Angst, Wut & Schmerz: eine Expedition zu den verflixten Gründen. 6. Aufl. Fellbach: Körner, 1994.
Sartre, Jean-Paul. Der Existentialismus ist ein Humanismus: und andere philosophische Essays 1943 - 1948. Translated by Werner Bökenkamp, Traugott König, and Vincent von Wroblewsky. 6. Aufl. Gesammelte Werke in Einzelausgaben Philosophische Schriften, Jean-Paul Sartre. In Zusammenarbeit mit dem Autor und Arlette Elkaïm-Sartre begr. von Traugott König, hrsg. von Vincent von Wroblewsky; [4] Bd. 4. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt-Taschenbuch-Verl, 2012.
Sartre, Jean-Paul. Paris unter der Besatzung: Artikel, Reportagen, Aufsätze 1944 - 1945. Translated by Hanns Grössel, Traugott König, and Vincent von Wroblewsky. Dt. Erstausgabe, 19.-20. Tsd. Gesammelte Werke in Einzelausgaben Politische Schriften, Jean-Paul Sartre. In Zusammenarbeit mit dem Autor und Arlette Elkaïm-Sartre begr. von Traugott König, hrsg. von Vincent von Wroblewsky; [5] Bd. 1. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1997.

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