Warum wir welche Musik mögen – neueste Erkenntnisse des Max-Planck-Institutes

“Es ist faszinierend, dass bei Menschen Freude an einem Musikstück entsteht, nur durch die Art und Weise, wie die Akkorde in der Musik über die Zeitdauer hinweg angeordnet werden”, sagt Vincent Cheung vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. “Songs, die wir als angenehm empfinden, sind wahrscheinlich diejenigen, die eine gute Balance erreichen zwischen unserem Wissen, was als nächstes passieren wird, und der Überraschung mit etwas, das wir nicht erwartet haben.“, erklärt der Neurowissenschaftler.

Soweit ein Zitat aus der Presseveröffentlichung des Max-Planck-Intitutes.

Wir mögen also eine Musik, wenn sie für uns nicht völlig vorhersehbare Klangfolgen enthält und solche, die uns zunächst als wirr erscheint, aber dann doch wieder vorhersehbare Klangfolgen aufweist. Dies bedeutet: Wir mögen es überrascht zu werden, aber nicht zu viel.

13 – eine magische Zahl?

Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Menschen über 30 kaum noch neue Musik für sich entdecken. Forscher führten das bisher auf die Pubertät zurück.

“Betrachten wir zum Beispiel das Lied ‘Creep’ von Radiohead. Dies ist das 164. beliebteste Lied unter Männern, die jetzt 38 Jahre alt sind. Aber es ist nicht in den Top 300 der Kohorte, die 10 Jahre früher oder 10 Jahre später geboren wurde. Beachten Sie, dass die Männer, die ‚Creep ‘jetzt am liebsten mögen, ungefähr 14 Jahre alt waren, als der Song 1993 herauskam. Tatsächlich ist dies ein konsistentes Muster.“

So Stephens-Davidowitz, der diese Studie durchführte. Er schlussfolgerte daraus, dass unsere Hörgewohnheiten, oder das, was wir als gut empfinden, in der Pubertät festgelegt wird, so um das Alter von 14 Jahren.

Es wäre interessant einmal zu erforschen, ob in diesem Zeitraum bestimmte Hirnstrukturen maßgeblich entwickelt werden.

Andererseits bedeutet das Ergebnis der Max-Planck-Studie aber auch: Wenn ich z.B. 50 Jahre alt bin und sehr viel Musik höre, dann kenne ich viel und werde wenig überrascht. Es ist als schwieriger, mich für neue Musil zu begeistern, es sei denn, neuere Musik würde Akkordfolgen bringen, die ich so noch nicht kannte, aber auch nicht völlig verwirrend für mich sind und allzu diffus klingen.

Wenn man alles schon kennt, langweilt „Neues“, wenn es nicht wirklich neu, also grundsätzlich abweichend in den Akkordfolgen, von früheren Musikstücken ist.

So empfinde ich es auch. Auch ich stelle fest, dass sich mein „Musikgeschmack“ (ich mag dieses Wort nicht) seit dem ich 13 bin nicht mehr wesentlich veränderte, also nicht mehr von der prinzipiellen Richtung abwich. Es kamen neue „Stile“ und „Musizierweisen“ (sagt man das so?) dazu, neue Klangfolgen, aber die „alten“ bleiben dominant.

Ich denke, wenn mich einmal z.B. ein Led Zeppelin – Album umgehauen hat, dann haut mich ein Album einer Band der heutigen Zeit natürlich nur noch um, wenn es diesem gleich klommt oder es übertrifft. Wenn man also schon viele große Platten hörte, viele große Musikstücke, dann steigt sozusagen die Messlatte für alles, was danach kommt, weil es immer mit diesem Alten verglichen wird und sich daran messen lassen muss.

Habe ich diese Erfahrungen nicht, so ist meine Begeisterungsmesslatte noch niedriger, weil mich noch mehr Stücke überraschen können und ich nicht das Gefühl habe: „Das klingt wie…“ oder „Das kenne ich doch schon von…“.

„Creep“ von Radiohead ist ein großartiger Song, den ich sehr sehr mag, aber dennoch, wenn man mich nach den besten Songs aller Zeiten fragen würde, würde ich wahrscheinlich gar nicht an ihn denken, sondern wäre sofort bei „alten Klassikern“.

Der Halo-Effekt

Ein weiterer Effekt, der es uns erschweren könnte, neue Musik als großartig zu finden, könnte eine Art Halo-Effekt sein: Wenn für uns ein Song derart als großartig herausstrahlt, überstrahlt er andere, die dann das Problem haben, noch gehört zu werden. Sein „Halo“ ist quasi so „laut“, dass man die anderen nicht mehr hört.

Ein spezieller „Halo“ ist der Primacy-Effekt, der aussagt, dass spätere Eindrücke immer am ersten Eindruck gemessen werden, bzw. von diesem Überstrahlt werden. Wenn ich z.B. zuerst etwas Positives über jemanden sage, dann etwas negatives, dann denke ich über den Menschen auch eher positiv und nehme die negativen Seiten als nicht so bedeutend wahr. Andersherum: Bekomme ich zuerst nur negative Schilderungen und dann positive über einen Menschen, denke ich eher negativ über diesen und behandle die positiven Seiten eher als Ausnahme.

Wenn ich einen Song zuerst höre und diesen schon als großartig eingestuft habe, werden alle folgenden an ihm gemessen und automatisch ihm untergeordnet.

Aber das ist nur ein Gedankenspiel von mir, keine Forschung.

„Taste freeze“

Eine andere Untersuchung spricht vom sogenannten „taste freeze“, also vom Einfrieren des Musikgeschmacks mit etwa 33 Jahren. Auch dies könnte man durch meine Versuche Zusammenhänge herzustellen erklären.

Interessant ist auch diese Grafik aus einer anderen Studie:

Der Autor schreibt dazu:

„Zu den Top-Künstlern des durchschnittlichen 64-jährigen Zuhörers zählen eine Mischung aus derzeit beliebten Künstlern sowie eine Reihe von Künstlern aus früheren Jahren. Während zu den Top-Künstlern für den durchschnittlichen 13-Jährigen nur die aktuellsten Künstler zählen. Dennoch gibt es sieben Künstler (fett gedruckt), die sich in den Top 20 überlappen – eine Überlappungsrate von etwa 35%. Diese Überlappung von 35% gilt für alle Bereiche der Top-Künstler beider Gruppen. Egal, ob wir uns die Top 100 oder die Top 1000 Künstler ansehen – es gibt eine Überschneidung von 35% zwischen dem Hören von 13- und 64-Jährigen.“

Es macht Sinn, dass jemand mit 64 Jahren ältere Musik mag, die „er“ mit „seiner“ Kindheit verbindet, oder alten Erinnerungen und die „er“ schon lange mag aus unterschiedlichen Gründen. Ein „13-jähriger“ hat noch nicht so viel Musik gehört (im Schnitt) und wird natürlich seine Lieblingsmusik aus dem Spektrum, das „er“ kennt, wählen.

Aber die Grafik zeigt klar, dass es mit 64 nicht vorbei ist mit dem Mögen neuer Musik. Wir werden immer auch neue Musik mögen und ihr prozentualer Anteil wird natürlich immer unter dem der älteren Musik lieben, die wir mögen, einfach weil es so viel mehr ist, durch viele Jahre des Musikhörens. Dieser Stopp mit 33 ist also Blödsinn, man kann ich auf andere Art und weise deutlich besser und logisch erklären.

Wir bleiben nicht stehen, musikalisch. Wir streben ständig voran auf der Suche nach neuen Ufern und neuen Erfahrungen, nur sind neue Ufer und neue Erfahrungen in der neuen Musik für ältere Menschen einfach schwerer zu finden. Und vielleicht spielt auch das Gehirn, also die Biologie, eine Rolle, doch gute Erklärungen hierzu fehlen noch.

Empathie

Es gibt, so nebenbei und zum Schluss, Untersuchungen darüber, warum wir welche Musik mögen. Es scheint so zu sein, dass sie etwas mit unserem Intellekt und unserer Einfühlsamkeit zu tun hat. Ich schätze einmal, dass intelligentere Menschen etwas schwerer zu überraschen sind und deshalb evtl. eher Musik bevorzugen, die etwas ungewöhnlichere Akkordfolgen hat – wobei hier auch die Erfahrung und die Häufigkeit des Musikhören mit reinspielen.

Untersuchungen zeigen auch, dass empathischere Menschen auch eher emotionalere Musik bevorzugen, und eher weniger Empathische Menschen, eher kühlere Musik.

Leider finde ich gerade diese Untersuchungen nicht, sorry.

Interessant ist auch, dass für empathische Menschen Musikhören wie das Treffen von Freunden sein kann, was diese Studie zeigt:

„Die Gehirnaktivität hoch empathischer Menschen sieht aus, als würden sie sich mit einem Freund treffen, wenn sie ein Musikstück hören, das sie kennen. […] Die Forscher, die hinter der Wissenschaft stehen, sagen, dass es tatsächlich ein “Stellvertreter für eine menschliche Begegnung” sein könnte. Mit anderen Worten, empathische Menschen müssen nicht nach draußen treten oder jemanden finden, um Gefühle der Einsamkeit zu verbannen. Sie müssen nur ihre Songliste durchblättern und eine auswählen, die gute Erinnerungen weckt.“

Da Erinnerungen etwas mit Vergangenem zu tun hat, ist es natürlich notwendig Musik aus einer Zeit (oder Situation) zu mögen, die etwas mit diesen Erinnerungen zu tun hat, was gleichfalls den hohen Anteil an älterer Musik, den ältere Leute haben, erklären könnte. Unser Musikgeschmack ist nicht nur ein „Geschmack“, er setzt sich auch aus Erinnerungen zusammen und ist deshalb ein fester Bestandteil von dem, was wir bisher erlebten.

Kultur

Eine andere Studie zeigt, dass unsere kulturellen Hörgewohnheiten gleichfalls eine Rolle spielen, aber das dürfte euch auch schon aufgefallen sein, dass Menschen aus anderen Kulturen manchmal für uns sehr seltsame Musik hören. Wen also die „neue Musik“ langweilt, sollte offen für neue Kulturen sein und sich über Einwanderer und Flüchtlinge freuen: Sie bringen neue Musik mit, neue Erfahrungen und somit Freude und Wohlbefinden, denn das löst Musik, die wir mögen, bei uns aus.