Wie unser Staat die Schulen zerstört, oder: Schule, der tägliche Wahnsinn

Ist die Überschrift zu extrem? Zu populistisch?

Absicht bedeutet: Man weiß, wie es anders ginge, man tut es aber nicht.

Eigentlich weiß jeder, wo das Problem liegt: Lehrermangel, weil keine eingestellt werden und Geldmangel an Schulen, weil sie kein Geld bekommen, einfach ausgedrückt.

Zu letzterem: Warum bekommen Schulen kein Geld? Es ist eigentlich genug da!

Ein Beispiel aus Ludwigsburg. Die Schubartschule. Sie bräuchte dringend neue Toiletten. Die Kinder ekeln sich, viele gehen an der Schule nicht mehr aufs Klo.

Die Stadt Ludwigsburg: Wir haben kein Geld!

Heiner Geissler: Es gibt Geld wie Dreck, es haben nur die falschen Leute

Gleichzeitig wird viel Geld in Elektro-Bike-Stationen investiert, eines Herstellers, der nicht Stadt Ludwigsburg heißt. Geld, das man für die Toilettensanierung dringend bräuchte. Oder die Haltestellen der Busse bekommen Digitalanzeigen.

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Lustig: Ausleihen und schieben! Offizielles Foto auf der Seite RegioRad.
Life is a cabaret.

Was ist nun wichtiger: Digitale Abfahrtszeiten und Elektro-Bikes (sehr teuer zu mieten), oder neue Toiletten für unsere Kids? Was ist uns wichtiger, die Bequemlichkeit Erwachsener, oder das Bedürfnis von Kindern, aufs Klo zu müssen?

Egal, wie es kommt, die Kids sollen in den Container kacken – die Alten brauchen Elektro-Bikes.

Und so läuft es fast überall. Schaut man sich um, wofür das Geld ausgegeben wird, man hätte es auch anders ausgeben können.

Oder die Lehrerstellen: Diese werden absichtlich – zumindest in Baden-Württemberg – nur unter 1 Jahr befristet (10 Monate), damit die Lehrkräfte, die gerne ein unbefristetes Arbeitsverhältnis hätten, sich schon mal unter dem Jahr wo anders bewerben – und dann abspringen. So kann das Land sagen: Wir sind unschuldig, wir finden keine Lehrkräfte! Oder irgend einen anderen Müll erzählen. Wer, bitte schön, findet es attraktiv, eine Stelle zu bekommen, die nur auf 10 Monate befristet ist?? Nicht mal ein Jahr?? Nehme ich dann nicht lieber eine, bei der ich entweder die Chance habe, übernommen zu werden in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis, bzw. mit einer längeren Befristung (z.B. auf 3 Jahre oder Ähnliches)?

Das Beste aber: Diese befristeten Lehrkräfte müssen genauso viel arbeiten, wie die unbefristeten, nur ohne – effektiv gesehen – bezahlten Urlaub, da sie ja die Sommerferien nicht bezahlt bekommen.

Und die Gewerkschaften?

Äh, gibt es da welche? Theoretisch ja, aber warum streikt dann niemand? Weil … äh … Sind das nun Machenschaften oder Gewerkschaften? Machenschaften hätten zumindest etwas mit „machen“ zu tun, was ein „Gewerk“ ist, weiß ich nicht, es funktioniert aber anscheinend nicht. (So nebenbei: Bin natürlich als Linke Gewerkschaftsmitglied.)

Warum bewerben sich so wenige auf die Stellen als Lehrkraft?

Antwort: Man kann sich garnicht bewerben!

Ja, ich schreibs nochmals: Man kann sich nicht bewerben.

“Bewerbe dich nicht, wir finden DICH!”, sagt sich unser Regierungspräsidium.

Das Ganze läuft so ab:

Es gibt ein Onlineportal, da kann man sich eintragen. Dann werden die Unterlagen geprüft und vielleicht wird man dann nach einem halben Jahr freigeschaltet.

Bewerben auf offene Stellen kann man sich jedoch nur etwa 1 Woche oder 2 Wochen im Mai, verpasst man diese Frist, ist keine Bewerbung mehr möglich.

Gesucht werden fast ausschließlich Lehrkräfte im Schuldienst. Also solche, die schon Lehrer SIND! Das hat natürlich einen kleinen Nachteil: da, wo sie dann weggehen, fehlt es an Lehrkräften.

Man könnte auch Menschen nehmen, die kein Lehramt studiert haben und diese fortbilden.

Macht man aber nicht. Es gibt keine Fortbildungen für sogenannte „Quereinsteiger“.

Die Folge: Ein schlechter Ruf für Quereinsteiger und Menschen, die enttäuscht das Handtuch werfen – oder die geworfen werden, auch wenn sie den Job eigentlich sehr gut machen – zumindest besser, als der Kollege Unterrichtsausfall.

Nach dem Krieg nahm man häufig ehemalige Soldaten als Lehrkräfte. Die hatten das nicht studiert und gaben ihr Bestes. Meine Mutter oder mein Vater sind zu solchen in die Schule gegangen. Und? Sind es Deppen und Versager geworden? Nein? Vielleicht liegts ja nicht NUR am Lehrer, ob man was wird – und vielleicht können doch mehr Lehrkräfte etwas, die es nicht studiert haben, als man vermutet.

Je mehr ich in die Materie schaue, je mehr ich weiß, desto mehr sehe ich, was für ein Irrenhaus das ist.

Herr Müller und die 10 b Teil 1

Viele Schulen funktionieren nur, weil die Lehrkräfte unendlich viel arbeiten und ihr privates Geld investieren.

Ein aktuelles Erlebnis aus meinem Leben: ich sollte Englisch unterrichten. Gut, kann ich ja. Ich stimme zu. Dann kommt aber der Haken: Es gibt keinerlei Material, weil die Schule kein Geld hat – oder einfach keine Lust hat, Material zu kaufen. Kein Schulbuch, keine Arbeitshefte, nichts. Wenn ich etwas brauche, muss ich alles selbst herstellen. „Das ist bei uns nun mal so!“ bekomme ich zu hören.

Es stehen Computer in den Räumen. Ich drücke auf den Einschaltknopf – nichts geschieht. „Ach, unsere Computer tun nicht!“ Schön. Da hängt ein Beamer an der Wand, da steht ein PC mit Bildschirm, geht aber nicht.

Was bleibt: Kopien machen, Kopien machen.

Ok.

Nur muss man mindestens 1 Stunde vor Unterrichtsbeginn anfangen zu drucken, denn es gibt nur einen Drucker/Kopierer. Schafft man es nicht, seine Druckaufträge vor anderen aufzugeben, kann es sein, man hat zu Unterrichtsbeginn kein Material.

Letzt war ich ganz früh dran. 1:10 Stunden vor Unterrichtsbeginn. Ich war alleine. Hurra! Druckaufträge aufgegeben, es druckt, es hört auf zu drucken… Toner leer. Man hat vergessen Toner zu bestellen!

Was tut sind immerhin der Locher und der Hefter (Tacker, für die nicht so Gebildeten).

Also gut: Kein Schulbuch, keine Arbeitshefte, keine Kopien. Der Computer tut auch nicht (das WLAN-Netzwerk tut übrigens auch nicht) Das alte Thema haben wir durch… ich improvisiere eben. Kein Problem, habe ja nur 6 Stunden Unterricht und muss eine halbe Stunde vor Unterrichtsbeginn meinen kompletten Plan für diesen Tag umwerfen.

Kann jeder. 😉

That‘s life in school.

Nach der 6. Stunde: Ich komme lachend ins Lehrerzimmer: „Was für ein Chaos heute!“

Eine Lehrkraft sitzt schon da, lässt den Kopf hängen und sieht aus, als würde sie gleich aus dem Fenster springen.

„Sie lachen immer so viel!“ sagen viele Kids zu mir. „Ja, die einzige Möglichkeit mit dem täglichen Wahnsinn umzugehen ist ihn lustig zu finden.“ Geht auch, wenn es einem klar wird, dass es zugeht, wie bei Stan und Olli. Da finden wir den Gag mit dem Klavier auch lustig. Nur hier erlebe ich es am eigenen Leibe, schaue auf mich und frage mich: Bin ich Stan oder Olli? Und dann lache ich.

Life‘s a joke – und Schule ist ein wahr gewordener Slapstick.

Wers nicht aushält, wird krank, schwanger oder geht auf Fortbildung, wers lustig findet, wird gefeuert. Denn über sowas lacht man nicht.

Ok.

Dick & Doof Klaviertransport